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Was kostet ein Leben?
20.01.2004


Jocelyn Hurndall

http://www.guardian.co.uk/comment/story/0,3604,1119995,00.html







In den nachdenklichen Stunden der Nacht machen mich die unterschiedlichen Werte, die die Menschheit dem Leben beimißt, betroffen, genau, wie es meinem Sohn Tom ging.

Anfang des Monats las ich mit gemischten Gefühlen die Nachricht, daß eine örtliche palästinensische Miliz einen Wachtturm der israelischen Streitkräfte in der Stadt Rafah im Gaza-Streifen gesprengt hatte. Es war dieser Wachtturm, der für unzähliges Leid in vielen unschuldigen Familien in Rafah verantwortlich war, von dem aus Tom im vergangenen April in den Kopf geschossen worden war. Zu der Zeit versuchte er, palästinensische Kinder in Sicherheit zu bringen. Jetzt liegt er klinisch tot in einem Krankenhaus in London ohne daß es eine Hoffnung auf Genesung gäbe.

Diese Woche erfuhren wir, daß der Soldat, der wegen der Schüsse verhaftet wurde, beschuldigt wird, Cannabis mit seinem Bataillon geraucht zu haben. Als sich das letzte Jahr seinem Ende neigte, informierte mich ein Anruf des britischen Außenministeriums, daß dieser Soldat im Verhör zugegeben hatte, auf meinen Sohn geschossen zu haben, wissend, daß es sich um einen unbewaffneten Zivilisten handelte. Er behauptete, der Schuß sollte als "Abschreckung" dienen. Vor was? Davor, Kinder zu retten? Ist er derartig konditioniert worden, daß ein Akt der Menschlichkeit ihn nur zu einer so gewalttätigen Reaktion bringen konnte?

Ich fühlte damals keine Erleichterung aber zum ersten Mal erlaubte ich mir, wachsende Wut zu empfinden. Die Unfähigkeit der israelischen Armee zwischen Freund und Feind, zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden und sich selbst so zu sehen, wie andere sie sehen, ist für alle offensichtlich.

Ich habe die in Toms Tagebüchern aus dem Nahen Osten aufgezeichneten Beobachtungen gelesen. Sie zeigen einen jungen Mann, entschlossen, vorurteilsfrei zu sein, zu verstehen und vor allem, etwas zu verändern. Er war gekommen, um die gewöhnlich illegale, unmenschliche Vergeltung, die von der israelischen Armee von genau diesem Wachtturm aus der örtlichen Gemeinschaft abgefordert wurde, zu verstehen, wie wir es jetzt tun, ohne wirklich zu merken, wie nah ihn das dem Tod brachte.

Es scheint, daß ein Leben in den besetzten Gebieten billig ist. Der unterschiedliche Wert des Lebens hängt davon ab, ob das Opfer Israeli, Ausländer oder Palästinenser ist. Ein Beispiel hierfür war kürzlich die Erschießung eines israelischen Friedensaktivisten, der, kurz nachdem er seinen dreijährigen Dienst bei der Militärpolizei beendet hatte, gegen den illegalen "Sicherheitszaun" demonstrierte. Zwei Tage später wurde bekanntgegeben, daß es eine Untersuchung des Vorfalls durch die Militärpolizei geben würde. In der Knesset wurden Fragen gestellt. Dies steht in krassem Gegensatz zu der sechs Monate dauernden Kampagne, die nötig war, um eine Untersuchung der Schüsse auf Tom auszulösen.

Seit Beginn der Intifada gab es Tausende von Tötungen in Palästina und nur eine Handvoll wurden untersucht. Nun hat eine dreiwöchige Besetzung von Nablus (der größten Stadt in Palästina) zum Tod von weiteren 19 Menschen und der Zerstörung von Dutzenden von Häusern geführt, wodurch eine große Zahl von Menschen obdachlos wurden, alles unter dem Vorwand, einen Terrorismus-Verdächtigen zu suchen.

Wann werden die Verantwortlichen akzeptieren, daß es illegal ist, kollektiv und obsessiv eine ganze Gemeinschaft zu bestrafen? Hat die rücksichtslose Sharon-Regierung Verbindungen zwischen dem Grauen des Holocausts und den derzeitigen brutalen Einfällen in palästinensisches Gebiet gezogen? Unzählige einsichtige Israelis, Palästinenser und Menschen überall auf der Welt haben es getan. Ist es überraschend, daß Israel in einer kürzlichen Umfrage der Europäischen Gemeinschaft zur größten Bedrohung für den Weltfrieden gewählt wurde?

Es verletzt mich, die ohrenbetäubende Stille unserer eigenen Regierung zu hören. Wie kann es keine Erklärung der Verurteilung oder des Beileids für die unschuldigen Opfer von Israels sinnloser Gewalt durch unseren eigenen Premierminister, Tony Blair, geben? Die Stille wurde nur durchbrochen, als zu Weihnachten der Präsident der Vereinigten Staaten die Handlungen der Selbstmordbomber, die für den Tod von vier israelischen Soldaten an einer Bushaltestelle am Rande von Tel Aviv verantwortlich waren, "scharf verurteilte." Unterstreicht diese Doppelmoral nicht den Mangel an Beachtung, die sowohl die britische als auch die US-Regierung palästinensischem Leben schenken?

Und so habe ich einige Fragen an Tony Blair. Betrachtet er die Kinder Palästinas als Kinder eines unbedeutenderen Gottes? Akzeptiert er, daß derartige Untätigkeit gleichbedeutend mit einer Mittäterschaft an dem Vorgang ist, jede Friedensinitiative im Nahen Osten zu zerstören? Herr Blair, Sie wissen jetzt, daß ein israelischer Soldat gestanden hat, auf einen unbewaffneten britischen Bürger geschossen zu haben, der versuchte, Kinder in Sicherheit zu bringen. Wann werden Sie bereit sein, diese Handlungen öffentlich zu verurteilen?


Jocelyn Hurndall ist Mitglied des Komitees der Tom Hurndall-Stiftung, die sich für Gerechtigkeit für die palästinensischen Menschen einsetzt.




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