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"Wie viele Leute fahren für eine Hochzeitsfeier mitten in die Wüste?"
21.05.2004








Die Reaktion der USA auf die Ermordung von bis zu 45 Hochzeitsgästen durch US-Soldaten im Irak zeigt deutlich die zunehmende Erklärungsnot der US-Führung.

Haleema Shihab ist eine der wenigen Überlebenden des Angriffs.

"Die Bombardierung begann um 03:00 Uhr", sagte sie am Donnerstag in ihrem Bett in der Notaufnahme des Krankenhauses von Ramadi. "Wir kamen aus dem Haus und die amerikanischen Soldaten begannen, auf uns zu schießen. Sie schossen niedrig auf den Boden und nahmen und einen nach dem anderen ins Visier."

Sie lief mit ihrem jüngsten Kind in den Armen weg und ihre beiden Jungen Ali und Hamza liefen dicht hinter ihr. Wenig später explodierte in unmittelbarer Nähe eine Granate, die sie zu Boden stieß und ihre Beine brach. Kurz danach wurde sie von einem weiteren Geschoß am rechten Arm verletzt. Zu dem Zeitpunkt waren ihre beiden Söhne bereits tot. Sie sah, daß eine Granate einem ihrer Söhne den Kopf abgerissen hatte. "Ich verließ sie, weil sie tot waren", sagte sie.

"Ich fiel in den Dreck und ein amerikanischer Soldat kam und trat mich. Ich tat so, als sei ich tot, damit er mich nicht umbrachte."

Bereits um 21:00 Uhr hatten die Gäste der Hochzeitsfeier in dem Ort Mogr el-Deeb, nahe der Grenze zu Syrien, Flugzeuge über sich gehört. Gegen 23:00 Uhr wurde die Feier beendet - die nach Augenzeugenberichten ohne das traditionelle Abfeuern von Waffen stattgefunden hatte - und in einigen Kilometern Entfernung waren näherkommende Militärfahrzeuge zu sehen, die ihre Scheinwerfer ausschalteten. Wie Frau Shihab berichtete, begann das Massaker schließlich um 03:00 Uhr.

Hierbei wurden einer AP-Meldung vom Freitag zufolge bis zu 45 Menschen - größtenteils Frauen und Kinder, die in zwei zerstörten Häusern - die vom US-Militär als "geheimer Unterschlupf" ausländischer Kämpfer bezeichnet wurden - geschlafen hatten, getötet.

Das US-Militär versucht hier nicht einmal mehr, einen "Irrtum" durch einen "vermeintlichen Angriff" oder eine andere "Fehleinschätzung" zu entschuldigen, wie dies in der Vergangenheit geschehen ist, sondern verlegt sich auf eine Leugnung der Tatsachen.

"Da war eine Anzahl von Frauen, eine Handvoll Frauen. Ich glaube die Zahl war vier bis sechs, die in das Gefecht hineingeraten sind. Sie sind möglicherweise durch einige der Schüsse von dem Flugzeug getötet worden", sagte Brigadegeneral Mark Kimmit gegenüber Journalisten.

Ein AP-Reporter war allerdings in der Lage, mindestens 10 der Leichen als Kinder zu identifizieren.

Nach Angaben von Hamdi Noor al-Alusi, dem Leiter des nächstgelegenen Krankenhauses, waren 11 der Toten Frauen und 14 Kinder. Auch die für das Fest engagierte Band, darunter der im Westirak berühmte Sänger Hussein al-Ali, befinden sich unter den Opfern.

Tatsächlich handelte es sich um eine Hochzeitsfeier des Bou Fahad-Stammes, einem teilweise nomadisch lebendem Stamm, dessen Mitglieder im Frühjahr von der Gegend um die Stadt Ramadi aus nach Westen, in die Grenzregion zu Syrien, ziehen.

"Wie viele Leute gehen in die Mitte der Wüste, um eine Hochzeit 130 Kilometer von der nächstgelegenen Zivilisation abzuhalten? Da waren mehr als zwei Dutzend Männer im militärfähigen Alter. Lassen sie uns nicht naiv sein", sagte Generalmajor James Mattis.

Mattis gibt hier zwar indirekt selbst zu, daß es sich mindestens bei der Hälfte der opfer um Zivilisten - Frauen, Kinder und Alte - gehandelt hat, vermeidet es aber, sich die Frage zu stellen, wie viele "ausländische Kämpfer" sich wohl mit Frau und Kinder auf den Weg in den "heiligen Krieg" machen.

Auf Filmaufnahmen eines arabischen Sender angesprochen, die die Beerdigung eines kleinen Jungen zeigten, sagte Mattis: "Ich habe die Bilder nicht gesehen, aber schlimme Dinge passieren im Krieg. Ich muß mich nicht für die Handlungsweise meiner Männer entschuldigen."

Im Gegensatz zu vorangegangen Fällen, bei denen eine große Zahl von Zivilisten durch einen US-Angriff getötet wurden, wurde die Feier nicht nur anonym aus der Luft bombardiert, sondern es wurden auch Bodentruppen eingesetzt, wie auch das US-Militär zugibt.

Die USA leugnen aber, daß es sich hierbei um Zivilisten gehandelt habe. "Wir wurden beschossen und wir erwiderten das Feuer", so Kimmit. Als Beleg für die US-Theorie der "ausländischen Kämpfer" berichtete Kimmit von dem "Fund" von mehreren Schrotflinten, Kalashnikovs und Maschinengewehren, irakischem und syrischen Bargeld, ausländischen Ausweisen und eines vermutlichen Satellitentelephons. Inwiefern der Fund irakischen Bargelds im Irak als Beweis für eine wie auch immer geartete illegale Tätigkeit gelten kann, erschließt sich sicherlich nur Brigadegeneral Kimmit. Der Fund der Waffen kann im Irak kaum als außergewöhnlich bezeichnet werden, insbesondere angesichts der nomadischen Lebensweise der Opfer. Die ausländischen Ausweise als auch das syrische Bargeld schließlich sind leicht zu erklären, zieht man in Betracht, daß der Stamm angeblich öfters Waren über die Grenze schmuggelt.

Der Versuch der USA, die Existenz von Augenzeugenberichten und Filmaufnahmen einer Nachrichtenagentur zu ignorieren und so die eigene Schuld zu leugnen könnte möglicherweise eine neue Stufe des Umgangs des US-Militärs mit den Medien darstellen. Statt wie bisher zumindest noch Entschuldigungen für eigene Fehler und Verbrechen zu suchen, werden hier nicht mehr zu leugnende Fakten eben doch bestritten.

Ein solches, die Realität völlig ignorierendes Verhalten dürfte freundlich formuliert als "kindlich" bezeichnet werden, objektiv betrachtet kommt es einem krankhaften Zustand allerdings vermutlich noch wesentlich näher.





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