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Der Spiegel und die Rechercheprobleme
25.05.2004








Am Dienstag veröffentlichte der Spiegel einen Artikel, der mit den "Verschwörungstheorien" zum Tod von Nicholas "Nick" Berg hart ins Gericht ging.

Der nicht genannte Autor des Artikels bezog sich dabei nach eigener Aussage auf einen am Montag von dem arabischen Sender Al-Jazeera auf seiner Website veröffentlichten Artikel, der mehrere Merkwürdigkeiten aufgrund von Leserzuschriften vorstellte. Mit diesen Merkwürdigkeiten wiederum befaßte sich der Spiegel-Artikel. Ein derartiger Artikel war am Vortag allerdings nicht bei Al-Jazeera erschienen, sondern bereits am 14. Mai, wenn auch inhaltlich anders als beim Spiegel dargestellt.

Einige Stunden später veröffentlichte der Spiegel eine geänderte Version des Artikels. Darin wird zugegeben, daß es ein Fehler war, den Sender Al-Jazeera mit seiner englischsprachigen Website english.aljazeera.net als Quelle des Artikel anzugeben. Stattdessen stamme der Artikel von der Website al-jazeera.com, die auch nichts mit Al-Jazeera zu tun habe. Außerdem entschuldigte sich der Spiegel "bei den Kollegen in Katar".

Tatsächlich hat die Website al-jazeera.com sehr wohl etwas mit Al-Jazeera zu tun, da sie ebenso wie auch aljazeera.net auf den Sender registriert ist.

In Wahrheit ist der vom Spiegel genannte Artikel auf der Website aljazeera.com erschienen.

Die Argumente des Spiegel-Artikels sind durch diese "Wendung" ebenfalls etwas durcheinander geraten - die Tatsache, daß der Sender Al-Jazeera nicht gerichtlich auf seinem Markenrecht pocht und stattdessen eine Vielzahl sehr ähnlich klingender Websites im Internet existieren, ist offenbar ziemlich verwirrend. So wird die in dem alzeera.com Artikel beschriebene Tatsache, daß "Aljazeera innerhalb von 90 Minuten, nachdem die Sache bekannt wurde", auf die Website, auf der das Video angeblich veröffentlicht worden war "und kein derartiges Video finden konnte" von dem Spiegel-Artikel nun den "Londoner Internet-Journalisten" zugeschrieben. Diese "tarnen hier ihre eigene Rechercheschwäche als Verschwörung dunkler Mächte", so der Spiegel. Dieser Vorwurf war in der ersten Version des Artikels noch an die Redaktion des Senders gerichtet, was in dem Fall auch der richtige Empfänger war, wie ein nochmaliger Blick in den Artikel vom 14. Mai belegt.

Ganz sicher sollte mit dieser Feststellung des Senders nicht unterstellt werden "das Video habe gar nicht existiert", sondern vielmehr berechtigte Zweifel an der Darstellung, daß es zuerst auf einer angeblich Al-Qaida nahestehenden Website erschienen ist, anmelden.

Der Hinweis, daß Berg weder im zu erwarteten Maße blutete noch sich - wie bei einem derartigen Todeskampf zu erwarten - versuchte zu wehren sondern seinen Tod mit geradezu stoischer Ruhe hinnahm, wird vom Spiegel damit abgetan, daß diese Beschreibung "unappetitlich" sei, was offenbar zur Widerlegung dieses Argument ausreichen soll.

Dies läßt völlig außer acht, daß selbst Gerichtsmediziner sich mittlerweile dahingehend geäußert haben, daß Berg zum Zeitpunkt der Enthauptung vermutlich schon tot war. "Ich hätte gedacht, daß die Leute in der Umgebung innerhalb von Sekunden mit Blut bedeckt gewesen wären... wenn es echt wäre", sagte Dr. John Simpson, Direktor für chirurgische Angelegenheiten am Royal Australasian College of Surgeons in Neuseeland.

Während vom Spiegel zwar darauf eingegangen wird, daß der angebliche Täter al-Zarqawi möglicherweise schon seit längerer Zeit tot ist, stellt sich der Autor allerdings nicht die offensichtliche Frage, warum eine Person, die angeblich offen zugibt, einen Mord begangen zu haben sein Gesicht in der Videoaufzeichnung unkenntlich machen sollte.

Für seine Analyse hat sich der Spiegel in jedem Fall einen Artikel gesucht, der aufgrund der Hinweise auf den anscheinend auch im Gefängnis Abu Ghurayb vorhandenen Stuhl und die Farbe der Wand zu den schwächeren zu diesem Thema gehört. Selbst die britische Times müßte nach Lesart des Spiegels nun ebenso wie die zuvor zitierte AsiaTimes und der Tagesspiegel zu den "Verschwörungstheoretikern" gerechnet werden, da sie in einem neutral verfaßten Artikel am 23. Mai ebenfalls auf mehrere Unstimmigkeiten des Videos und Bergs Vorgeschichte einging.

Der polemische Vorwurf am Ende des Artikels, das Opfer "interessiert sie [die Verschwörungstheoretiker] überhaupt nicht" könnte möglicherweise schon als üble Nachrede bezeichnet werden. Andererseits ist der Behauptung, daß die vermeintliche Tatsache, "daß ein 26-jähriger Mann vor laufender Kamera bestialisch ermordet wurde, spielt für die Verschwörungstheoretiker nur eine untergeordnete Rolle" nicht vollends zu widersprechen, da schließlich genau diese "Tatsache" zumindest anzuzweifeln ist.

Möglicherweise hat die von dem Spiegel-Autor den "Verschwörungstheoretikern" zugeschriebene Devise "Wir glauben nur, was wir glauben wollen" mindestens ebenso viel Geltung für den Autor selbst.





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