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"Wer leitet Sadr City? Nur die Mahdi-Armee"
16.07.2004








Die anscheinende derzeitige Ruhe um den irakischen Geistlichen Muqtada al-Sadr, dessen al-Mahdi-Armee sich wochenlang schwere Kämpfe mit den US-Besatzern geliefert hatte, spiegelt offenbar nicht die wirklichen Machtverhältnisse wieder.

Bereits am Dienstag berichtete der amerikanische KnightRidder, daß der Baghdader Stadtteil Sadr City - nach der US-Invasion benannt nach dem Vater Muqtada al-Sadrs, einem auf Befehl Saddam Husseins ermordeten hochangesehenen Geistlichen - vollständig unter der Kontrolle der al-Mahdi-Armee steht.

Weder die US-Armee noch die irakische Polizei konnten den ärmsten und zugleich größten Stadtteil Baghdads mit seinen über drei Millionen Einwohnern bisher unter ihre Kontrolle bringen.

Wenn es zu einem Verbrechen kommt, wenden sich die Menschen in Sadr City zumeist nicht an die Polizei, sondern an das Büro al-Sadrs. Dies wird offenbar auch von der Polizei akzeptiert, die allein schon von der Personalstärke her hoffnungslos unterlegen ist. "Wenn hier etwas nicht stimmt, richten sie es", sagte Jasem Jaber, ein in Sadr City stationierter irakischer Polizist.

Amerikanische Stellen haben hervorgehoben, daß die bewaffneten Männer von den Straßen verschwunden sind, dies ist aber nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich sind die Mitglieder der al-Mahdi-Armee weiterhin auf den Straßen - allerdings unbewaffnet. Die meisten der befragten Anwohner sagten, die Mitglieder der al-Mahdi-Armee bräuchten keine Waffen mehr zu tragen, weil sie jetzt an der Macht sind.

Der Verkehr wird auf den Kreuzungen des Stadtteils praktisch ausschließlich von al-Sadrs Männern geregelt. Nachts patrouillieren sie auf den Straßen und tragen Ausweiskarten mit einem Bild Muqtada al-Sadrs. Sie haben Razzien gegen Banden von Entführern und Drogenhändlern durchgeführt und inhaftieren Verdächtige entweder selbst oder übergeben sie der Polizei.

Dies wird von dem irakischen Polizeioberst Marof al-Lami, dem Polizeichef von Sadr City, bestätigt. Die al-Mahdi-Armee habe kürzlich die Anführer zweier Entführungsringe und ein Mitglied einer Bande von Autoräubern eingeliefert, sagte er.

Ein Brigadekommandeur der al-Mahdi-Armee, der sich Abu Ali nannte, sagte, daß die Organisation weitreichende Unterstützung in dem Stadtteil habe. "Man braucht keine Schlachtpläne", sagte er. "Gehen Sie einfach aus meinem Haus hinaus und rufen Sie ‚Sie haben Scheich Abu Ali verhaftet' und Sie werden [von Unterstützern der al-Mahdi-Armee umringt werden."

Auch die irakische "Übergangsregierung" ist sich der Stellung al-Sadrs offenbar durchaus bewußt. Obwohl Iyad Allawi, der "Premierminister", die Auflösung der irakischen Milizen gefordert hat und angekündigt "hart" gegen jene vorzugehen, die sich weigern, ist bisher in keiner Weise gegen die al-Mahdi-Armee vorgegangen worden. Auch der Haftbefehl, in dem al-Sadr Beteiligung an einem Mord vorgeworfen wird, ist bisher nicht versucht worden zu vollstrecken.

"Sadr City ist ein Sonderfall", sagte der Sprecher des irakischen Innenministeriums Sabah Khadum. "Die al-Mahdi-Armee hilft den Menschen und wir können nichts dagegen sagen, bis wir selbst in der Lage sind, Sadr City zu kontrollieren."

Al-Lami sagte, er sei nicht glücklich über die al-Mahdi-Armee, angesichts der derzeitigen Personalstärke der Polizei könne er aber wenig dagegen unternehmen. Während ihm täglich ungefähr 300 Polizisten für Patrouillen, Verkehrsregelung und Verwaltung zur Verfügung stehen - von denen für 100 keine Waffen verfügbar sind - besteht die al-Mahdi-Armee in Sadr City aus vier Divisionen, die sich aus jeweils 10 Brigaden mit je 250 Männern zusammensetzen, also insgesamt 10.000 Mitgliedern.

Diese Machtverteilung ist auch von den Anwohnern registriert worden. "Die irakische Polizei ist hier, um der al-Mahdi-Armee zu helfen", sagte Abbas Mohammed, ein Händler.

Auch das US-Militär ist offenbar nicht in der Lage, an diesem Zustand etwas zu ändern. "Ich habe ein Bataillon in Sadr City und es gibt drei Millionen Menschen in Sadr City. Ich kann nicht mit einem Bataillon gegen drei Millionen Menschen kämpfen", sagte er.

Ihm ist also offenbar klar, daß ein Vorgehen gegen die al-Mahdi-Armee zu einer ähnlichen Reaktion der Bevölkerung führen würde, wie dies in der Stadt Fallujah passiert ist, als die US-Armee versuchte, in sie einzudringen.

Angesichts einer Gesamtbevölkerung des Iraks von 25 Millionen Menschen wird klar, daß Muqtada al-Sadr gerade auch in zukünftigen Wahlen - sofern diese nicht manipuliert werden - zumindest eine starke Fraktion bilden wird.





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