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Bringt mir den Kopf von Silvino Herrera
18.07.2004


Daniel Patrick Welch

http://danielpwelch.com/0407bmhh.htm






Sie enthaupten - wir tun es mit intelligenten Bomben. Natürlich gibt es eine ekelerregende Wahrheit in diesem kürzlich geprägten Ausspruch: der Horror des Staatsterrorismus ist, daß die überwältigende Maschinerie des Todes in den Händen von übermächtigen Regierungen bei weitem die einzelnen Verbrechen von Verrückten, kleinen Gruppen oder nichtstaatlichen Körperschaften überwiegen. Während die mit ihren Enthauptungen und Ermordungen von Unschuldigen heidnischen Gangster und Mörder tatsächlich Barbaren sein mögen, ist es fast unmöglich, mit ihren Anfängermethoden die Abschlachtung von einer halben Million Kindern zu erreichen, wie es die britisch-amerikanischen Sanktionen im Irak taten.

Das ist die gleiche Argumentation, die die Lüge in dem gereinigten Konzept des Krieges und der Zerstörung, das den selbstzufriedenen "Westen" so selbstgefällig und selbstsicher über seine eigene moralische Überlegenheit macht. Es gibt einen zugrundeliegenden und häufig offenen Rassismus, der es sogenannten "modernen" Kriegsmachern und ihren Wählern erlaubt, die großen Unverhältnismäßigkeiten in den Opferzahlen zu tolerieren, die die modernen Konflikten ausmachen. In praktisch allen Fällen wird die brutale Unterdrückung der Bewegungen, die nach größeren menschlichen Freiheiten, Rechten der Arbeiter oder einem lebenswerten Leben streben, ignoriert, während die "Greueltaten" jener, die versuchen, Widerstand zu leisten, als rückwärtig gewandt und Beweis für die kulturelle und moralische Unterlegenheit angesehen werden.

Allerdings ist es nicht nur ein Problem, daß die Unverhältnismäßigkeit des Terrors das Argument der moralischen Überlegenheit torpediert. Es ist wahr, daß das 20. Jahrhundert ein besonders schreckliches und bisher ungekanntes für die meisten ungeübten Beobachter war: an seinem Anfang waren 90 Prozent der Kriegstoten Kämpfer und 10 Prozent waren Zivilisten. An seinem Ende war das Verhältnis umgekehrt, was es zu dem tödlichsten und vermutlich am wenigsten "fortschrittlichsten" Jahrhundert in der Geschichte der Menschheit macht. Auch wahr ist, daß die Kriegsmaschinerie mit ihren amoralischen Maßstäben in "Kilototen", ihrer Chemie von Napalm, geschaffen, um an menschlicher Haut zu haften und zu brennen, ihrem Phosphor und Gas, ihren Streubomben - um nicht die fast irreale Bösartigkeit der Neutronenbombe zu erwähnen, die Menschen töten soll, während sie Gebäude unbeschädigt lassen - zeigt, daß die wirkliche Brutalität von verbrennendem Fleisch und explodierenden Körperteilen in keiner Weise weniger barbarisch ist als die anderen Methoden. Die Vereinigten Staaten bekommen keine Danksagungen vom Rest der "zivilisierten" Welt für die Einführung der schmerzlosen Technologie der Giftspritze bei einem Verfahren, das von den meisten Regierungen als barbarischer Anachronismus angesehen wird.

Wenn wir all die Schichten brennenden Fleisches entfernen, all die sorgfältig geschaffenen Illusionen menschlichen Fortschritts und der Errungenschaften der Wissenschaft und Technologie müssen wir uns einer noch düstereren Wirklichkeit stellen. Es sind nicht nur wir, die wir zynisch daneben stehen und die Hände ringen während sie sich mit Macheten zu Tode hacken, wie damals, als fast eine Million Tutsis in Ruanda starben. Es gibt einfach kein "wir gegen sie". Die Seite, die behauptet, den Fortschritt zu vertreten, den "Gang der Geschichte" und die Erfüllung des menschlichen Bedürfnisses nach Freiheit und Selbstbestimmung hat mehr und schlimmeres getan und dabei Low-Tech und brutale Methoden eingesetzt wie jede andere Seite der technologischen und kulturellen Spaltung. Es gibt ein berühmtes Photo, nicht von Nick Berg, nicht von Johannes dem Täufer, sondern von Silvino, einem Leutnant in der Widerstandsarmee von Augusto Sandino. Tatsächlich ist es ein Photo von Herrn Herreras Kopf, wie er triumphierend von einem US-Marine in die Luft gehalten wird, einem erobernden Held der Wenigen und der Stolzen. Es stellt sich heraus, daß auch wir enthaupten.

Als ich in Nicaragua war hörte ich Zeugenaussagen von den Opfern von Somozas Nationalgarde, Frauen, denen die Brüste abgeschnitten worden waren, am Leben gelassen und verstümmelt mit der Absicht, ihre Familien zu terrorisieren. Widerstandskämpfer und ihre Unterstützer und Gewerkschafter umgebracht mit ihren abgeschnittenen Genitalien in ihre Münder gestopft. Opfer, die mit vorgehaltener Waffe gezwungen wurden, einen Knopf an einem Band zu verschlucken, während lachende Gardisten versuchten, ihn hochzuziehen. Wie all die Handlanger in Lateinamerika, diese Mörder, Nonnen-Vergewaltiger, "Deplaner" (die einfach Terroropfer aus einem fliegenden Flugzeug in ihren unbekannten Tod stießen), Clown-Mörder und weiterer Abschaum von der CIA, dem Pentagon und der gefürchteten "School of the Americas" Ausbildung und Unterstützung erhielten. Wie Franklin D. Roosevelt, Held der Linken des US-Mainstreams, einmal prahlte: "Somoza mag ein Hurensohn sein, aber er ist unser Hurensohn." Es stellt sich heraus, daß wir auch all den anderen Kram machen.

Ebenso war ich mir fast sicher, daß es sich bei der Aufnahme von triumphierenden Soldaten, die auf einem Haufen Knochen von besiegten Toten standen, hauptsächlich um eine Karikatur handelte. Wieder falsch - die einzige wirkliche solche Aufnahme zeigte US-Soldaten in den Philippinen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als über eine halbe Million Filipinos bei dem erfolgreichen Versuch abgeschlachtet wurde, die Inseln dem amerikanischen Imperium zu sichern. Die Szene wird unendlich in der US-Geschichte wiederholt, in mörderischer Randale auf unserem Kontinent von Meer zu Meer, durch Zentralamerika, die Karibik und den Pazifik. Trotz George Bushs Verwegenheit und Isolation gibt es absolut nicht neues über den Irak. Eroberung, Befriedung, Besatzung und die Übergabe der "Unabhängigkeit" an eine Marionettenregierung ist die Vorgehensweise nach Drehbuch. Die einzige Phase, die noch erledigt werden muß, sind die paar Jahrzehnte, in denen die Welt den Ursprung der Diktatur vergessen soll, nach denen die US-Streitkräfte zurückkehren, um die Rebellion oder Widerstandsbewegungen zu unterdrücken und eine Demokratie zu installieren als hätte der Kreislauf keinen Anfang.

In diesem Zusammenhang ist es fast unerträglich, die flache, geist-tötende "Debatte" zwischen Demokraten und Republikanern über die "Handhabung des Iraks" zu hören, um gar nicht die Infrastruktur des organisierten Diebstahls, der Billionen von US-Dollar von Süd nach Nord, von Arbeitern zum Kapital, von arm zu reich, von braun zu weiß verschiebt. Meiner Meinung nach gibt es drei Krisen - wenn man teilweise Zusammenführungen und Überlappungen zuläßt - die alle anderen in ihrer Dringlichkeit überragen. Sie können zusammengefaßt werden als Imperium (hierzu gehören der Irak, Israel-Palästina, Venezuela, Kolumbien und der Rest), WalMart und die Vernichtung der Arbeit mit der begleitenden Vergewaltigung der Staatskasse und des Gesundheitssystems und der Gefängnisstaat, wobei die Inhaftierung die Stimmenunterdrückung begünstigt, der Klan und die Sklaverei der neuen rassistischen Ideologie.

Dies sind natürlich große Probleme. Sie sind allerdings explodierende Probleme und solche, die die Existenz der Menschheit bedrohen (kombiniert mit dem habgierigen Konsumverhalten, das das ganze zusammenhält). Genau die Art allumfassender Themen, von denen man dummerweiser glauben könnte, daß sie bei einer landesweite Wahl diskutiert würden. Diese lange Geschichte, getränkt mit Blut und Tod zum Vorteil des Profits und der Oligarchie ist vollständig unbeeindruckt von den Winkelzügen der Parteien, die an ihren Ecken knabbern und nicht bedroht durch den billigen Abklatsch von "Ideologie" und "Werten", der von dem politischen und wirtschaftlichen System, das durch ihn herangezogen und geschaffen wurde. Selbsttäuschende, "fühl-Dich-gut"-Allgemeinplätze über die "Großartigkeit Amerikas" und eine wissentliche Unterdrückung und Fehldeutung unserer Geschichte wird das ganze besiegeln und wir werden kopfüber in die drohende Umweltkatastrophe stürzen, die darauf wartet, uns alle zu verschlingen.

Ich erinnere mich, wie ich als junger Schüler das 200-jährige Jubiläum Amerikas feierte und in einer Choraufführung mit dem Titel "Our Country 'tis of thee" ["Unser Land baut auf Dich"] auftrat. Ein Liedtext ist mir immer noch in Erinnerung und in meinem Kehlkopf, wie er von einem Chor von bewußseinskontrollierten, ignoranten, kreischenden Sechstklässlern gesunden wurde:

Es gibt einen friedlichen Himmel in meinem Garten
Weit entfernt von Angst und Zweifel
Aber die ganze weite Welt ist meine Heimat
Und ich muß meinem Nachbarn helfen

Es gibt einen friedlichen Himmel in meinem Garten
Weit entfernt von einem entlegenen Land
Aber die ganze weite Welt ist meine Heimat
Wenn die Freiheit Unterstützung braucht

Heute darüber nachzudenken führt immer noch zu einer Gänsehaut und zu Selbstverachtung, selbst, da ich damals erst 11 Jahre alt war. So ähnlich wie ein post-traumatischer Fehltritt eines früheren Sektenmitglieds. Ein Mangel an Selbstzweifeln kombiniert mit Ignoranz der eigenen Geschichte ist möglicherweise die gefährlichste Kombination, die der Menschheit bekannt ist. Folter in Abu Ghurayb ist nicht die Spitze des Eisbergs, es ist einfach das neuste Glied in der Kette. Sich dieser Entwicklung entgegenzustellen, mit der Ernüchterung, Angst und den Zweifeln, die durch Vernunft und Ehrlichkeit bedingt werden, ist die ernüchternde Aufgabe jener, die sich dem derzeitigen Gemetzel entgegenstellen. Es ist der erste Schritt auf einem langen, langen Weg zu geistiger Gesundheit und es ist kein bequemer. Wie Rosa Luxemburg einmal sagte: "Es wird immer die revolutionärste Handlung sein, die Wahrheit auszusprechen."





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