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Kämpfe und Kirchen
10.08.2004


Riverbend

http://riverbendblog.blogspot.com/






Über 300 Tote in nur wenigen Tagen in Najaf und Sadr-City. Natürlich werden sie alle "Rebellen" genannt. Die Frau im Fernsehen, eingehüllt in die Abaya [moslemisches Kleid], die ausgestreckt mitten auf der Straße liegt, muß auch eine von ihnen gewesen sein. Mehrere Explosionen erschütterten heute Baghdad - einige Regierungsangestellten erhielten die Anweisung, morgen nicht zur Arbeit zu gehen.

Ist das also Teil der Wiederaufbau-Bemühungen, die den Shiiten im Süden des Landes versprochen wurden? Najaf wird als die heiligste Stadt im Irak betrachtet. Sie wird von Shiiten aus der ganzen Welt besucht, und trotzdem hat sie in den vergangenen zwei Tagen einen Bomben- und Granatenhagel durch niemand anders als die "Retter" der unterdrückten Shiiten - den Amerikanern - erfahren. Ist dies also auch das "sunnitische Dreieck"? Es ist ein Déjà-Vu - Leichen in den Straßen, Menschen, die um die Toten trauern und Sterben und Gebäude in Flammen. Die Bilder blitzen im Fernsehen auf und es wieder Fallujah. Wer wird in 20 Jahren für die heute gegrabenen Massengräber beschuldigt werden?

Wir warten wieder einmal auf Worte der Verurteilung. Ich persönlich hatte nie Vertrauen in die von Amerika ausgewählte Marionettenregierung, die derzeit vorgibt, an der Macht zu sein - aber aus irgendeinem Grund glaube ich, daß jeden Tag - jederzeit - eine der Marionetten, beispielsweise Allawi, im Fernsehen auftreten und all das Töten verurteilen wird. Einer von ihnen wird vor eine Kamera treten und seinen Rücktritt erklären oder zumindest seine tiefste Abscheu über das Bomben, das Brennen und Töten hunderter Iraker und ein Ende dessen fordern... es ist eine törichte Hoffnung, ich weiß.

Also wo ist die Übergangsverfassung wenn man sie braucht? Die Unverletzbarkeit der Wohnung wird weiterhin verletzt... Menschen werden weiterhin gesetzwidrig verhaftet... Städte werden bombardiert. Andererseits gibt es nichts in der Verfassung, daß den Amerikanern tatsächlich daß Bomben und das Brennen verbieten würde.

Sistani ist praktischerweise nach London geflogen. Seine "Krankheit" hätte zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können, wenn Powell und die anderen ihn persönlich ausgesucht hätten. Während alle darauf gewartet haben, daß er die Bombardierungen und das Töten von Shiiten in Najaf und anderswo verurteilt, hat er sich einen Virus oder irgendetwas eingefangen und mußte für Untersuchungen nach London gebracht werden. Auf die Art kann er sein Stillschweigen über die Situation bewahren. Shiiten sind überall von diesem Schweigen enttäuscht. Sie warten auf eine Fatwa [islamisches Rechtsgutachten] oder eine Verurteilung - so etwas wird es nicht geben, solange er von britischen Krankenschwestern umhegt wird.

Einer der Nachrichtensender zeigte, wir er aus einem Privatflugzeug humpelte, umringt von seinem üblichen Schwarm von Groupies und Helfern. Ich nicht wirklich sehen, aber ich hätte schwören können, daß Bahr Ul Iloom bei ihm war. E. sagte, daß einer der Groupies Chalabi war, aber es war schwierig, das zu beurteilen, da der Kameramann offenbar ziemlich weit entfernt stand.

Der Gedanke, daß Sistani ernsthaft krank ist, macht alle etwas unruhig. Sollte er sich entscheiden, uns jetzt zu verlassen, würde dies vermutlich einen Machtkampf zwischen den shiitischen Geistlichen im Süden bedeuten.

Letzte Woche wurden Kirchen mit Bomben angegriffen - jeder hat davon gehört. Wir waren alle darüber entsetzt. Seit Jahrzehnten - nein, Jahrhunderten - haben Kirchen und Moscheen im Irak Seite an Seite gestanden. Wir Feiern Weihnachten und Ostern mit unseren christlichen Freunden und sie feiern unsere Eids [Feste] mit uns. Wir haben uns gegenseitig niemals in Kategorien von "Christen" und "Moslems" eingestuft... Es war nie wichtig. Wir waren Nachbarn und Freunde und wir haben gegenseitig unsere religiösen Gebräuche und Feiertage respektiert. Wir haben viele unterschiedliche Ansichten - manche von ihnen grundlegend - aber es war nie wichtig.

Es macht mich krank zu glauben, daß sich Christen nicht mehr sicher fühlen. Ich weiß, daß wir uns jetzt alle unsicher fühlen, aber es gab immer das Gefühl der Sicherheit zwischen unterschiedlichen Religionen. Viele Iraker waren in Kirchen, um Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen beizuwohnen. Christen haben seit dem Ende des Krieges gelitten. Einige von ihnen sind im Süden und sogar in einigen Gegenden in Baghdad und im Norden aus ihren Häusern vertrieben worden. Andere werden gezwungen, sich auf eine gewisse Art zu kleiden oder nicht zur Kirche zu gehen und so weiter. So viele von ihnen denken darüber nach, ins Ausland zu gehen und das ist ein so großer Verlust. Wir haben berühmte christliche Chirurgen, Professoren, Künstler und Musiker. Es ist schon immer ein besonderes irakisches Merkmal in der Region gewesen - wir sind berühmt für die Tatsache, daß wir so gut miteinander auskommen.

Ich bin davon überzeugt, daß die Leute, die diese Bomben gezündet haben, Menschen sind, die versuchen, den Islam in einem möglichst schlechten Bild erscheinen zu lassen. Es hat nichts mit dem Islam zu tun - ebensowenig, wie dieser Krieg und die Besatzung etwas mit dem Christentum und Jesus zu tun haben - gleichgültig, wie sehr Bush versucht, dies vorzugeben. Das ist ein Teil des Problems - viele Menschen empfinden diesen Krieg und die momentane Situation als eine Art Kreuzzug. "Islam" ist der neue Kommunismus. Es ist der neue Kalte Krieg, um die Amerikaner so zu ängstigen, daß sie sich bis an die Zähne bewaffnen und andere Nationen in "Selbstverteidigung" angreifen. Der beste Weg ist, "Terrorwarnungen" herauszugeben und die Menschen durch Angst zur Diskriminierung von Arabern im allgemeinen und insbesondere Moslems zu treiben... genauso, wie dieser Krieg dabei hilft, Wut und Haß gegenüber Abendländern im allgemeinen und insbesondere Amerikanern zu erzeugen. Eine Person, die ihre Eltern, ihr Kind oder ihr Haus durch diesen Krieg und die Besatzung verloren hat, wird dies sehr persönlich nehmen und vermutlich Rache wollen - dabei ist es gleichgültig, ob sie Moslem oder Christ ist.

Ich liebe es, an Kirchen vorbeizukommen. Es gibt mir ein kurzes Gefühl, daß alles in der Welt in Ordnung sein muß, wenn ich sie dort schön und strahlend unter der Sonne Baghdads stehen sehe, nicht weit entfernt von der örtlichen Moschee. Ihre elegante Einfachheit ist ein starker Kontrast zur aufwendigen Bauweise unserer Moscheen.

Es gibt eine schöne Kirche in unserer Gegend. Sie ist hoch, solide und grau. Sie ist sehr funktionell und einfach - ein rechteckiges Gebäude mit einem spitzen Dach, oben darauf ein einfaches Kreuz oder "Saleeb", einfache Holztüren und ein kleiner Garten - sie sieht genau so aus, wie die Bilder, die ein 7-jähriger Neffe oder eine 7-jährige Tochter sie von der örtlichen Kirche malen würde. Die Einfachheit ist ein wundervoller Kontrast zu den bunten Fenstern. Die Fenster haben mindestens 30 verschiedene Farben. Jedes Mal, wenn wir daran vorbeikommen starre ich sie an und denke an die unzähligen Formen und Farben, die sie auf die Menschen im Innern werfen. Jetzt tut es weh, daran vorbeizukommen, weil ich weiß, daß so viele der Menschen, die sie besucht haben, gegangen sind - sie sind nach Syrien, Jordanien, Kanada... gegangen, mit gebrochenen Herzen und Bitterkeit.





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