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Israelische Jagdsaison
17.08.2004


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs






Zu Levi Eshkol, einem unserer verstorbenen Ministerpräsidenten, eilte einmal einer seiner Assistenten und rief: "Levi, eine Katastrophe! Eine Dürre ist ausgebrochen!"

"Wo?" fragte der Ministerpräsident beunruhigt, "In Texas?"

" Nein, in Israel!" antwortete der Mann.

"Dann brauchen wir uns ja keine Sorgen machen," sagte Eshkol abweisend.

Von Anfang an haben sich Ereignisse in den USA stark auf den Staat Israel ausgewirkt. "Wenn Amerika niest - dann erkältet sich Israel" heißt die lokale Version eines weltweit bekannten Sprichwortes.

Dies trifft besonders vor Wahlen in den USA zu. Sie können für Israel so wichtig wie die eigenen Wahlen sein, da der Bewohner des Weißen Hauses das Schicksal Israels auf verschiedene Weise entscheidend beeinflussen kann. Sie haben aber eine zusätzliche Bedeutung: die Monate vor den US-Wahlen sind in Israel eine Art Jagdsaison. [Man kann tun und lassen, was man will. Übers.]

Man nimmt an, daß kein Kandidat für das Weiße Haus es wagen würde, die amerikanisch-jüdischen Wähler in Wahlzeiten zu provozieren. Sie sind eine außerordentlich gut organisierte und politisch hoch motivierte Gruppe, die bereit ist, eine Menge Geld zu spenden - was ihnen große politische Macht verleiht, die weit über ihre Zahl hinausgeht.

In Wirklichkeit leben jetzt mehr Muslime als Juden in den USA. Aber sie sind nicht organisiert, wenig motiviert, und ihre Bereitschaft, große Summen an Geld auszugeben, ist nahezu Null. Ihr Engagement zum Beispiel für die palästinensische Sache kann nicht mit der großen Loyalität der Juden gegenüber Israel verglichen werden. Dazu kommt, daß Israel jetzt auch von mehreren dutzend Millionen evangelisch-christlicher Fundamentalisten unterstützt wird.

Die israelischen Regierungen legen ihre umstrittensten Maßnahmen natürlich so, daß sie zeitlich mit den US-Wahlen zusammentreffen. Je stärker die Wahl umkämpft ist, um so attraktiver werden die Wahlen für israelische Planer und Abenteurer.

Der Staat Israel erklärte im Mai 1948 einseitig seine Unabhängigkeit, als Harry Trumans Wiederwahlkampagne in einer kritischen Verfassung war. David Ben Gurion entschied gegen den Rat einiger seiner klügsten Kollegen, die ihn warnten, daß sich die USA mit aller Macht gegen die Entscheidung stellen würde. Er aber setzte auf die Unfähigkeit des amerikanischen Systems, genau dies während einer Wahlkampagne zu tun.

In jener Zeit war Trumans Wahlkampagne in größten Geldnöten. Einige jüdische Millionäre halfen ihm aus. Aus Dankbarkeit und gegen den ausdrücklichen Rat seines Außenministers (George Marschall) und besonders seines Verteidigungsministers (James Forrestal) gab er dem neuen Staat sofort die de facto Anerkennung. (Stalin übertrumpfte ihn und erkannte Israel de jure an.)

Seitdem ist dies ein Muster, das sich immer wieder wiederholt. Die israelische Regierung gab 1967 den Befehl zum Angriff (und begann so den 6-Tage-Krieg) nachdem sie ein OK vom Präsidenten Lyndon Johnson erhalten hatte, der zu diesem Zeitpunkt hoffte, in 1968 wiedergewählt zu werden. Das kritische erste Jahr nach dem Krieg, als die USA versäumte, Israel zu zwingen, sich aus den eroberten Gebiete zurückzuziehen, war natürlich ein Wahljahr. Die meisten unserer gegenwärtigen Probleme hängen damit zusammen.

Nur einmal ging die Rechnung nicht auf. In 1956 konspirierte Ben Gurion mit Frankreich und Großbritannien gegen Ägyptens Gamal Abd-el-Nasser. Nachdem die Sinai-Halbinsel erobert worden war, rief Ben Gurion das "3. israelische Königreich" aus. Er war sicher, daß die Amerikaner so sehr mit ihrer Wahl beschäftigt seien, daß sie sich hier nicht einmischen würden. Er hatte Unrecht.

Präsident Dwight D. Eisenhower, der vor einer Wiederwahl stand, war sich seines überwältigenden Wahlsieges sicher. Er brauchte die jüdischen Stimmen nicht. Außerdem war er ein Mann mit Grundsätzen. Also setzte er Ben Gurion eine Art Ultimatum: den Sinai zu räumen - "sonst passiert etwas!" Vier Tage, nachdem Ben Gurion sein "Königreich" ausgerufen hatte, kündigte er seinen Rückzug an. Dies war aber eine Ausnahme.

Ariel Sharon, der sich für einen persönlichen Jünger Ben Gurions hält (wie auch Shimon Peres), gründet seine jetzige Politik auf dieselbe Überlegung. Präsident George Bush kämpft ums politische Überleben. Er wird es nicht wagen, zu diesem Zeitpunkt einen Streit mit Israel zu provozieren. So wird Sharon von jetzt ab bis November tun können, was ihm gefällt.

Präsident Bushs berühmte Road Map ist tot. (Ich höre ihn geradezu fragen: "Road Map? Was für eine Road Map? Die einzige Karte, die ich brauche, ist der Straßenplan zum Weißen Haus!") Seine Forderung, alle Bautätigkeiten in den Siedlungen einzufrieren, "selbst für das natürliche Wachstum" ist zu einem Witz geworden. Sharon hat sich gerade selbst darüber hinweggesetzt, als er ankündigte, daß 600 neue Häuser in der Siedlung Maaleh Adumim (östlich von Jerusalem) gebaut werden sollen.

Angesandte des amerikanischen Sicherheitsrates und des Außenministeriums (übrigens zionistische Juden) baten Sharon praktisch auf Knien, Dutzende der nach 2001 entstandenen neuen Siedlungen (sogenannte "Außenposten") zu demontieren. Sharon hat Bush dies viele Male versprochen - als Gegenleistung für die Abkehr von langjährigen Standpunkten der US-Politik. Sharon muß es schwerfallen, die Angesandten nicht auszulachen.

Und doch hat er ein vitales Interesse an Bushs Wiederwahl. Er fürchtet sich vor John Kerry, auch wenn er genau dasselbe zum israelisch-palästinensischen Problem sagt wie Bush und Kerrys Großvater "Cohen" hieß. Erfahrung hat gezeigt, daß es keine notwendige Verbindung gibt zwischen dem, was Politiker vor der Wahl sagen und was sie danach tun. Das ist die Kehrseite der Wahl-Medaille.

Sharon mag also verleitet werden, etwas zu tun - irgend etwas - das Bush zu behaupten erlaubt, er habe einen "historischen Durchbruch" im Mittleren Osten erreicht. Vielleicht - wer weiß? - werden eine Woche vor den Wahlen drei Wohnmobile (eines Außenpostens) von irgendeinem gottverlassenen Hügel in Samaria abgeholt. Wow!





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