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Die gewollte Eskalation?
23.08.2004








Die Führung einer Polizeieinheit, die ohne Rücksicht auf unbeteiligte Personen mit massiver Gewalt gegen einen Verdächtigen vorgeht, obwohl dieser sich verhandlungsbereit gezeigt hat und weder eine unmittelbare Gefahr darstellt noch die Möglichkeit zur Flucht hat, würde umgehend ihres Postens enthoben.

Dies gilt aber offensichtlich nicht für den selbsternannten Weltpolizisten USA.

Ein Vergleich des irakischen Geistlichen Muqtada al-Sadr, Gründer und Anführer der al-Mahdi-Armee mit Mahatma Ghandi würde sicherlich weitaus mehr als nur hinken. Seit Monaten liefert sich seine al-Mahdi-Armee - wenn auch mit Unterbrechungen - Kämpfe mit den Besatzungstruppen.

Neben seinem großen Namen, sein Vater war ein höchstangesehener shiitischer Geistlicher, der sich Saddam Hussein nicht beugen wollte und schließlich - vermutlich von Agenten Husseins - ermordet wurde, ist es aber auch gerade dieser offene Widerstand gegen eine mittlerweile eineinhalb Jahre andauernde Besatzung, die als "Befreiung" beworben worden war.

Seit Wochen finden die Kämpfe zwischen seinen Anhängern und US-Soldaten nun auf heiligem Boden und in unmittelbarer Nähe zum größten shiitischen Heiligtum im Irak, der Imam-Ali-Moschee, in der Stadt Najaf statt.

Die Moschee steht auf der Grabstelle Ali bin Abu Talibs, des vierten Kalifs und ersten der zwölf Imame und Schwiegersohn des Propheten Mohammeds. Ali war im Jahr 661 mit einem vergifteten Dolch in der neben Najaf gelegenen Stadt Kufa ermordet worden.

Der angrenzende Friedhof Wadi el Salem ("Tal des Friedens"), auf dem sich die Kämpfe ereignen, stellt für Shiiten in aller Welt die heiligste aller Ruhestätten dar, da sie hier Imam Ali im Tod nahe sein können. Dies sichert ihnen ihrem Glauben nach einen Platz im Paradies. Über zwei Millionen Menschen sind auf dem zehn Quadratkilometer großen Friedhof beerdigt.

Sowohl im April als auch dieses Mal wurden die Kämpfe durch Provokationen der Besatzer ausgelöst.

Ende März hatte die US-Verwaltung des Iraks die al-Sadrs Organisation gehörende Zeitung al-Hawza geschlossen. Wenige Tage später wurde ein hochrangiger Mitarbeiter al-Sadrs verhaftet. Bei einer anschließenden Demonstration vor der spanischen Garnison, in der er vermutet wurde, kam es zu ersten Schüssen und Toten. Hieraus entwickelte sich innerhalb kürzester Zeit der erste bewaffnete Widerstand der al-Mahdi-Armee.

Anfang August fuhren mehrere Militärfahrzeuge in den Bezirk der Stadt Najaf, in dem al-Sadrs Haus steht. Zwischen ihnen und Mitgliedern der al-Mahdi-Armee, die das Haus schützten, kam es daraufhin zu schweren Kämpfen.

Wie schon im April wies das US-Militär auch hier jede Schuld von sich und sagte, die Fahrzeuge seien grundlos von Seiten der Kämpfer angegriffen worden.

Während es in den letzten Tagen immer wieder deutliche Signale von Seiten al-Sadrs gab, daß er bereit ist, die Schlüssel der Moschee an Großayatollah Ali Husseini al-Sistani zu übergeben, gehen die Kämpfe weiter.

Zwar werden hierfür noch einige Bedingungen gestellt und die von verschiedenen Sprechern gemachten Aussagen sind teilweise widersprüchlich, grundlegend scheinen aber die Forderungen zu sein, daß die al-Mahdi-Armee ihre Waffen behält und daß vor der Schlüsselübergabe eine "Abnahme" stattfindet, um so sicherzustellen, daß nicht später Vorwürfe laut werden, es seien Schätze der Moschee gestohlen worden.

Am Montag nun berichtete AFP, daß die Moschee zum ersten Mal bei den Kämpfen ernsthaft beschädigt worden ist - zu abgeplatzten Fliesen und leichten Schäden an den Minaretten war es schon zuvor gekommen.

Die äußere Mauer des Schreins wurde in der Nacht vom Sonntag zum Montag von einer von einem Apache-Kampfhubschrauber abgefeuerten Rakete getroffen. Ein AFP-Korrespondent, der sich innerhalb des Schreins aufhält, berichtete, daß hierdurch ein Loch mit einem Durchmesser von einem Meter und 30 Zentimeter Tiefe verursacht worden ist. Zwischen Mauertrümmern waren demnach auch Teile der Rakete vor der Mauer zu sehen.

"Es war zwischen 23:00 und 23:30. Zwei Raketen wurden von einem amerikanischen Apache abgefeuert. Eine traf die Westmauer des Schreins und die andere ein nahestehendes Hotel", sagte Scheich Ali Hussein Ali, ein Mitarbeiter al-Sadrs.

Das US-Militär bestritt zwar, daß der Schrein getroffen worden sei, die von dem AFP-Korrespondenten gefundenen Raketenüberreste beweisen allerdings das Gegenteil.

Letztlich stellt sich die Frage, warum das US-Militär, statt Verhandlungen über eine friedliche Lösung eine wirkliche Chance zu geben, riskiert, die Shiiten des Iraks und der restlichen Welt gegen sich aufzubringen. Sollte die Imam-Ali-Moschee durch einen US-Angriff schwer beschädigt oder von US-Soldaten betreten werden, so würde dies mit sehr großer Wahrscheinlichkeit die Wut der Gläubigen soweit entzünden, daß der irakische Widerstand eine neue Dimension erreichen würde.

Möglicherweise würde dies außerdem dazu führen, daß sich der benachbarte Iran nicht weiterhin - mehr oder minder - neutral verhalten würde. Erst kürzlich sagte der iranische Verteidigungsminister gegenüber Al-Jazeera, daß "einige Kommandeure des iranischen Militärs" davon "überzeugt" seien, daß Präventivschläge kein amerikanisches Monopol seien - auch wenn es dabei vorrangig um den Schutz des iranischen Atomreaktos Busher ging.

Bereits vor einer Woche hat Ayatollah Ali Khamenei, der oberste Geistliche und damit auch politische Führer des Irans, in einer Fernsehansprache gesagt: "Die Vereinigten Staaten schlachten die Menschen einer der heiligsten islamischen Städte ab und die muslimische Welt und die irakische Nation werden nicht tatenlos dabei zusehen."

Gerade die amerikanische Erfahrung Viet Nam, wo es über Jahre mit brutalster Gewalt und unzähligen Opfern nicht gelungen ist, das Land gegen den Willen des Volkes erfolgreich zu besetzen, sollte dem US-Militär und der Regierung noch soweit in Erinnerung sein, daß sie diesen Fehler nicht wiederholen.

Und doch geschieht es - und das zu einem Zeitpunkt, da die Präsidentschaftswahlen in den USA immer näher rücken.

Ein Terroranschlag in den USA oder auch die Verteidigung der heiligen islamischen Stätten im Irak durch das iranische Militär - also ein Angriff Irans auf US-Soldaten - wäre sicherlich geeignet, George W. Bushs Möglichkeit der Wiederwahl - oder auch der "Verschiebung" der Wahl entscheidend zu verbessern.

Es kann also kaum ausgeschlossen werden, daß die USA gerade eine solche Reaktion provozieren wollen.





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