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Die Tempelbergbomber
22.09.2004


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs






Der Geheimdienst wird von einer schrecklichen Angst heimgesucht: daß noch einmal ein israelischer Premierminister ermordet wird. Auf dem extrem rechten Flügel, der seine Bewunderung für Yigal Amir und seine Tat nicht verbirgt, gibt es welche, die von einer ähnlichen Tat träumen. Wenn es Amir gelungen war, den Oslo-Prozeß zu ermorden, warum sollte es nicht einem anderen Amir gelingen, den Abzugsprozeß der Siedlungen aus dem Gazastreifen zu ermorden?

Aber der Geheimdienst befürchtet auch noch schlimmeres: daß eine jüdische Terrorgruppe die Moscheen auf dem Tempelberg in die Luft sprengt.

Vor Jahren bereitete eine jüdische Untergrundorganisation genau dies vor. Sie wurde entdeckt, bevor sie ihre Pläne ausführen konnte. Nun sind ähnliche Pläne in Vorbereitung.

Der Geheimdienst nimmt an, daß diese Aktion dahin zielt, Ariel Sharons Abzugsplan ein Ende zu setzen. Die Al-Aqsa-Moschee und/oder den Felsendom in die Luft zu sprengen, würde die ganze arabische und muslimische Welt entzünden. Dies würde schwerwiegende Umwälzungen verursachen, arabische Regierungen stürzen, vielleicht eine fundamentalistische Revolution in der ganzen Region ins Rollen bringen. Wer würde in solch einer Situation noch an die Evakuierung von Siedlungen denken?

All dies stimmt, aber es rührt nicht an die Wurzeln der Verschwörung. Bombenanschläge auf die Moscheen des Haram al-Sharif ist ein Unterfangen, das über aktuelle Themen weit hinausgeht - es ist ein revolutionärer Akt, der die jüdische Religion selbst verändern würde. Vom Standpunkt der möglichen Bombenleger ist dies die Hauptsache.

In Israel wird die jüdische Geschichte in drei "Häuser" eingeteilt, womit drei Tempel gemeint sind:
Der Erste Tempel wurde vermutlich von König Salomo im 10. Jahrhundert vor Christus gebaut und vom babylonischen König Nebukadnezar im Jahre 568 vor Christus zerstört. Das Volk aus Judäa wurde nach Babylon verschleppt, und mehr als 50 Jahre vergingen, bevor es ihm erlaubt wurde, nach Jerusalem zurückzukehren und den Tempel wieder aufzubauen. Der Bau des Zweiten Tempels wurde 516 vor Christus beendet. Er wurde von König Herodes um das Jahr 20 vor Christus renoviert und erweitert und vom römischen Feldherrn Titus im Jahre 70 nach Christus zerstört.
Der Dritte Tempel existiert nicht; aber die neue jüdische Gesellschaft, die sich seit 1882 in Palästina aufbaute, nennt sich selbst oft "das Dritte Haus" (Als Moshe Dayan zu Beginn des Yom Kippur-Krieges hysterisch wurde, begann er über die "Zerstörung des Dritten Hauses" zu jammern). Aber dies ist nur eine symbolische Bezeichnung - keiner der Gründerväter der zionistischen Bewegung oder der Gründer des Staates Israel träumten davon, einen neuen Tempel zu bauen.

Der Grund dafür liegt 1.934 Jahre zurück. Als die Römer Jerusalem belagerten, konnte Yokhanan Ben Zakkai, ein führender Rabbiner, in einem Sarg hinaus geschmuggelt werden, bevor die Stadt fiel und zerstört wurde. Er ging auf den römischen Kommandeur zu und es gelang ihm, die Genehmigung zu erhalten, ein jüdisches Religionszentrum in Yavneh - zwischen Jaffa und Asdod - aufzubauen.
Das war der Beginn einer Revolution innerhalb der jüdischen Religion.

"Das Erste Haus" war ein ziemlich unbedeutendes Gebäude. Entgegen der Bibel gibt es keinen historischen Beleg darüber, daß das Reich Davids und Salomos jemals existierten. Jerusalem war ein kleines Dorf, Judäa war bedeutungslos. Die jüdische Religion, wie wir sie kennen, entstand im babylonischen Exil - und seitdem leben zwei Drittel der Juden (wie sie seitdem genannt worden sind) außerhalb von Palästina.

Das "Zweite Haus" war anfangs auch eine ziemlich bescheidene Angelegenheit, wie von einem zeitgenössischen Propheten bestätigt wird, aber im Laufe der Zeit breitete es sich aus. König Herodes, ein großer Bauherr, versuchte, die Herzen seiner Gegner zu gewinnen, indem er den Tempel in einen großartigen Bau verwandelte.
Schon vorher hatte sich um den Tempel eine priesterliche Aristokratie gebildet, die ihre Position in der jüdischen Gesellschaft von Judäa ausbaute. Politisch kam dies in der Partei der Sadduzäer zum Ausdruck. Gegen sie wurde die Partei der Pharisäer gebildet. Sie erlaubten eine breitere Auslegung der heiligen Schriften, und sie glaubten an eine Welt jenseits des Todes. In jener Zeit blühte die jüdische religiöse Kreativität und die Bibel wurde geschrieben. Da das priesterliche Establishment an der Macht war, spielt der Tempel in der Bibel eine zentrale Rolle. Das rituelle Tieropfer begleitete andere Praktiken, die mit dem Tempel, dem symbolischen Wohnort des Allmächtigen, verbunden waren.
Jesus, ein jüdischer Revolutionär, rebellierte gegen die Kommerzialisierung des Tempels wie es auch viele Pharisäer taten. Die hasmonäische Dynastie, die sich auf die priesterliche Aristokratie gründete, betrachtete die Pharisäer als ihre Feinde und richtete viele von ihnen hin.

All dies änderte sich, als der Tempel zerstört wurde. Nicht nur der Bau verschwand, sondern auch der Opferkult. Die jerusalemitische Aristokratie wurde ausgelöscht, die Priester verloren alles. Die jüdische Religion änderte ihren Kurs.

Seitdem waren die Rabbiner, die Nachfolger der Pharisäer, in der jüdischen Gemeinschaft und Religion vorherrschend. Lange vor der Zerstörung des Zweiten Tempels lebte der größte Teil der Juden außerhalb Palästinas. Nach der Zerstörung (und dem aussichtslosen Bar-Kochba-Aufstand von 135 nach Christus) schwand die jüdische Gemeinschaft in Palästina. Jerusalem wurde ein Traum, und alle bedeutenden Ereignisse in der Entwicklung der jüdischen Religion geschahen weit davon entfernt.

Nach der Zerstörung des Tempels wurde die jüdische Religion eine Sache von Gesetzen und Geboten und war mit keinem besonderen Land verbunden. Das Land Israel und Jerusalem wurden mehr zu Symbolen als zu einer gebietsmäßigen Wirklichkeit. Die jüdische Religion forderte ihre Anhänger nicht einmal auf, eine Pilgerreise nach Jerusalem zu machen, wie es der Islam von seinen Gläubigen fordert, wenigstens einmal im Leben nach Mekka zu pilgern.

Bis zum Aufkommen des modernen Zionismus versuchten die Juden nicht ein einziges Mal, en masse nach Palästina zurückzukehren - das war ihnen sogar ausdrücklich durch ihre Religion verboten. Als 1492 eine halbe Million Juden aus dem katholischen Spanien vertrieben wurden, zerstreuten sie sich im ganzen muslimischen ottomanischen Reich. Nur wenige gingen nach Palästina, auch eine ottomanische Provinz. Napoleons Aufruf, die Juden sollten in Palästina einen jüdischen Staat gründen, fiel auf taube Ohren. Die ersten Befürworter der modernen zionistischen Idee - lange vor Theodor Herzl - waren Engländer und Amerikaner, die von christlichen Impulsen angetrieben waren.
Während der letzten Jahrhunderte wurde das europäisch-amerikanische Judentum immer mehr zu einer von einer universalen moralischen Botschaft durchdrungenen Religion. Die jüdischen Denker glaubten, daß es die "Aufgabe" der Juden sei, den Völkern der Welt eine universale Ethik zu bringen und sahen dies als das wirkliche Wesen des Judentums an.

Der Zionismus kam als Teil der nationalistischen Revolution Europas ins Leben - und als Reaktion auf ihren allgemein antisemitischen Charakter. Er brachte die Theorie auf, daß die Juden eine Nation wie andere europäische Nationen seien und daß diese Nation ihren eigenen Staat in dem jetzt Palästina genannten Land errichten sollten. Nicht zufällig erhob sich gegen Herzls Lehre eine heftige, laut vernehmbare Opposition von fast allen großen Rabbinern seiner Zeit, von den Hassidim und ihren Gegnern, den Mitnagdim, den Orthodoxen und den Reformisten.

Aber als die zionistische Gemeinschaft in Palästina einen Staat gründete, ist dort mit dem Judentum etwas geschehen. Die Verbindung mit dem Land, dem Boden, veränderte das Wesen der Religion, so wie sich auch alle anderen Bereiche des nationalen Lebens veränderten. Es ist keine Übertreibung, zu behaupten, daß die jüdische Religion in Israel eine Mutation durchmachte, die in den letzten Jahren immer extremer geworden ist.
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Eine Religion mit einer universalen Botschaft wurde zu einem Stammeskult. Eine Religion der Ethik wurde zu einer Religion von heiligen Orten. Yeshayahu Leibowitz, ein Jude der alten Sorte, definierte die Religion der Siedler als eine heidnische, götzendienerische Sekte.

Der neue Tempelkult ist der Höhepunkt dieses Prozesses. Die praktischen Vorbereitungen für die Zerstörung der Moscheen und den Wiederaufbau des Tempels - zusammen mit Tieropfern und anderen Tempelkulten - bedeuten einen Bruch mit den letzten 2.000 Jahren der jüdischen Religion. Es ist eine religiöse Revolution von historischen Ausmaßen.

Wenn diese Tendenz im Staat Israel vorherrschend wird, so wird dies meiner Ansicht nach nicht zum Bau des Dritten Tempels führen, sondern zur Zerstörung des "Dritten Hauses". Der Zweite Tempel fand zusammen mit dem jüdischen Volk in diesem Land ein gewaltsames Ende, weil eine kleine Minderheit fanatischer Zeloten, die den heutigen extremen Siedlern sehr ähnlich waren, an die Macht der jüdischen Gemeinschaft kamen und diese in einen wahnsinnigen, hoffnungslosen Krieg hineinzog. Genau das kann heute wieder geschehen.

Am Vorabend von Yom Kippur [dem Versöhnungsfest] ist dies etwas, worüber man nachdenken sollte.





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