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Ein Brief aus Guantánamo
07.10.2004








Bereits am vergangenen Freitag veröffentlichte die britische BBC einen Brief des in dem US-Gefangenenlager Guantánamo Bay auf Kuba inhaftierten Briten Moazzam Begg an seine Anwälte.

Der Brief des 36-Jährigen ist auf den 12. Juli 2004 datiert und gelangte aus unbekannten Gründen unzensiert in die Hand seiner Anwälte.



RE: Ergänzende Darlegung (der Erklärung vom 5. Juli 2004)

Ich, Moazzam Begg, Bürger des Vereinigten Königreichs von Großbritannien, dem die Nummer 00558 (Camp Echo) zugeteilt wurde, hatte das Gefühl, daß es notwendig ist, die oben genannte Erklärung zu erweitern und zu verdeutlichen und meine Beschwerden und Beweggründe zu betonen.

Nach zweieinhalb Jahren in der Gefangenschaft des US-Militärs ohne Anklage und darüberhinaus ohne Gerichtsbarkeit warte ich immer noch darauf, daß mir grundlegende Rechte gewährt werden, die normalerweise im Rahmen der Verfassung der USA und des internationalen Rechts gewährt werden.

Ich fordere daher, bedingungslos und unwiderruflich, daß ich umgehend freigelassen und zu meiner Familie in Großbritannien zurückgebracht werde, zusammen mit all meinem Besitz: einschließlich aller Gegenstände und Gelder, die von US- und pakistanischen "Agenten" aus meiner Unterkunft in Pakistan am 31. Januar 2002 konfisziert worden sind.

Für den wahrscheinlichen Fall, daß diese Forderungen direkt abgelehnt oder unnötig herausgezögert werden, fordere ich die folgenden Rechte im Rahmen der US-Gesetze:

1. Eine gründliche und bestimmte Erklärung aller verfassungsmäßigen Rechte innerhalb der US-Gesetzgebung, insbesondere hinsichtlich ausländischer Staatsbürger.

2. Daß jegliche und alle Anklagen/Anschuldigungen eindeutig und schriftlich vorgebracht werden.

3. Unbeschränkter Zugang zu internationalen Telephongesprächen, um mit meiner Familie und meinen Anwälten kommunizieren zu können.

4. Unbeschränkter Zugang zu durch mich ausgewählten und ernannten Rechtsvertretern.

5. Ein vollständige Auflistung aller beschlagnahmter Besitztümer (wie oben erwähnt).

6. Regelmäßigen und rechtzeitigen Zugang zu brieflicher Kommunikation mit meiner Familie und ein Ende der Schwärzens und des Zurückhaltens von Briefen von Zuhause.

Zusätzlich zu den im Vorangegangenen dargelegten Rechten erkläre ich, daß ich logische und vernünftige Antworten für die folgenden Verletzungen und Mißhandlungen erwarte und plane, Gerechtigkeit und Verantwortbarkeit zu erlangen:

I) Den genauen Grund für meine Entführung und falsche Inhaftierung am 31. Januar 2002 unter Federführung von US-Geheimdiensten und Strafverfolgungsbehörden.

II) Nachfolgend, welche Rechtshoheit sie dafür hatten, mich gewaltsam nach Afghanistan zu bringen.

III) Mit welcher Rechtsgrundlage Besitz und Geld konfisziert wurde, was meine Frau und meine kleinen Kinder mittellos zurückließ.

IV) Warum ich in ein ausgewiesenes Kriegsgebiet und mein Leben in Gefahr gebracht wurde.

V) Warum ich körperlich mißhandelt wurde und erniedrigend gewaltsam entkleidet und dann vor mehreren Kameras, gehalten von US-Mitarbeitern, entlanggeführt wurde.

VI) Den Grund dafür, daß ich ein Jahr lang im Gefangenenlager in Bagram festgehalten wurde und mir infolgedessen in dieser Zeit natürliches Licht und frische Nahrung verweigert wurde.

VII) Der genaue Zweck dafür, daß ich seit dem 8. Februar 2003 in Einzelhaft untergebracht bin!

VIII) Warum mir alle Neuigkeiten meine eigene Situation betreffend vorenthalten worden sind.

IX) Die Rechtfertigung dafür, daß mir der größte Teil der Briefe meiner Familie vorenthalten wird und für die inkongruenten Schwärzungen der kleinen Mengen, die durchgekommen sind - selbst von Achtjährigen!

X) Warum Telephongespräche und Rechtsberatung fortgesetzt verweigert wurden obwohl es zahlreiche Versicherungen des Gegenteils gab.

XI) Warum ich bisher trotz umfangreicher Bitten in all dieser Zeit noch keinen Geistlichen treffen konnte.

XII) Was war die Rechtsgrundlage und der Zweck, mir durch FBI- und CITF-Agenten Anfang Februar 2003 meine Unterschrift unter eine Erklärung mithilfe von Drohungen von langer Gefangenschaft, Schnellverfahren und Hinrichtung abzuringen - alles ohne Rechtsbeistand.

Ich erkläre hiermit eindeutig und für das Protokoll, daß jegliche mir von US-Agenten vorgelegten Dokumente unter Zwang unterzeichnet worden sind und daher ihre rechtliche Beweiskraft bestritten wird.

Während mehrerer Befragungen, insbesondere - aber nicht ausschließlich - in Afghanistan wurde ich Drohungen von Folter, tatsächlicher Folter und Todesdrohungen - und auch anderen zwangsweisen Befragungstechniken - unterworfen. Weder war jemals ein Rechtsberater anwesend noch wurde einer verfügbar gemacht.

Die genannten Befragungen erfolgten in einer Umgebung der geschaffenen Angst, die vom Widerhall von schrecklichen Schreien von Mitgefangenen, die ähnlichen Methoden unterzogen wurden, angefüllt war. In dieser Atmosphäre einer starken Antipathie gegenüber den Gefangenen erfolgte die vereinte Anwendung von rassistisch und auf religiösen Vorurteilen beruhenden Verhöhnung. Dies gipfelte meiner Ansicht nach im Tod zweier Mitgefangener durch die Hände von Mitgliedern des US-Militärs, was ich selbst teilweise mitangesehen habe.

Trotz all der erwähnten bösartigen und ungewöhnlichen Behandlung habe ich ein freundliches Verhalten gegenüber meinen Wärtern und eine kooperative Einstellung behalten. Mein Führungszeugnis ist makellos, steht aber in starkem Widerspruch zu dem, was ich erfahren habe.

Ich bin ein gesetzestreuer Bürger des Vereinigten Königreichs und beschwöre heftig meine Unschuld vor Gott und dem Gesetz jeglichen Verbrechens - obwohl noch nicht einmal eines vorgeworfen wurde. Ich habe weder jemals Osama bin Laden getroffen, noch war ich ein Mitglied von Al-Qaida oder einer anderen entsprechenden paramilitärischen Organisation, Partei oder Gruppe. Ebensowenig war ich an feindlichen Handlungen gegen die USA beteiligt oder habe solchen Gruppen dabei geholfen - obwohl sich die Gelegenheit dazu häufig geboten hat, wie auch das Motiv.

Unabhängig vom Ausgang meines Appells an den Verstand und der Proteste in den vergangenen Jahren wiederhole ich meine Absicht, Gerechtigkeit auf jedem mir zugänglichen weg zu suchen. Mit dieser Absicht habe ich Kopien dieser Erklärung zur Information und Benutzung der Behörden und Gerichte angefertigt.

Ich habe den Unteroffizier des Lagers gebeten, das Dokument genau durchzusehen, die Grundzüge im Lagerlogbuch festzuhalten und es an den vorgesehenen Empfänger weiterzuleiten.

Moazzam Begg (00558)

12. Juli 2004





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