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Nachrichten, die man nicht überall findet.




Glaubt kein Wort
10.10.2004


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs






Als Ariel Sharon seinen Plan für einen "einseitigen Abzug" aus dem Gazastreifen verkündete, berichteten die Medien, die Peace Now-Bewegung bereite sich auf eine große öffentliche Kampagne vor, die den Plan unterstütze. Das Büro des Ministerpräsidenten bat sie darum, davon Abstand zu nehmen, da es fürchtete, solch eine Kampagne würde bei der extremen Rechten Widerstand hervorrufen.

Peace Now war nicht die einzige "linke" Gruppe, die von dem Plan eingenommen war.

Die Führer der Arbeiterpartei erklärten, dies sei tatsächlich ihr eigener Plan und daß es deshalb ihre Pflicht sei, sich der Regierung anzuschließen und Sharon zu helfen, diesen Plan zu erfüllen.

Ich war einer der wenigen, die sofort ihre Stimme gegen den Plan erhoben. Ich argumentierte, dies sei in Wirklichkeit ein Plan des rechten Flügels, um den größten Teil der West Bank zu annektieren, um den Friedensprozeß zu begraben und die Öffentlichkeit in Israel und im Ausland zu täuschen.

Ich war mir sicher, weil ich Sharon kenne. Ich beobachtete den Mann seit 50 Jahren und habe drei biographische Aufsätze über ihn geschrieben. Ich weiß, was er denkt, und ich weiß, wie er handelt.

Nun hat Dov Weisglass alles von mir gesagte und noch mehr bestätigt. In einem Interview mit Haaretz erklärte er, das einzige Ziel des Planes sei, den Friedensprozeß "einzufrieren". Der wirkliche Zweck des "Abzugs" sei, die Verhandlungen mit den Palästinensern für viele Jahre zu blockieren und jede Diskussion über die West Bank zu verhindern - und gleichzeitig die israelischen Siedlungen in einer Weise auszudehnen, daß es für einen zukünftigen palästinensischen Staat keine Möglichkeit mehr gäbe.

Dov Weisglass ist nicht nur irgendwer. Er erinnert mich an die "graue Eminenz" (den "grauen Kardinal"), an den Minister des Kardinals Richelieu, den Premierminister Frankreichs vor 400 Jahren. Es wurde damals gemunkelt, eigentlich wäre er es, der die Fäden hinter der politischen Bühne zöge.

Weisglass ist seit Jahrzehnten der juristische Berater und nahe persönliche Freund Sharons. Er ist Sharons Sonderbotschafter für heikle Missionen, der Mann, der Condoleezza Rice um den kleinen Finger wickeln kann. In Sharons Menagerie ist er der Fuchs.

Seine offene Erklärung ist das letzte Wort. Es beschämt nicht nur die einfältigen Seelen von Peace Now und die weniger einfältigen Seelen von Shimon Peres & Co der Arbeiterpartei, sondern auch George W. Bush und die anderen Politiker weltweit, die monatelang dieses Täuschungsmanöver für einen ernsthaften Friedensplan gehalten haben. (Der arme Colin Powell nannte ihn "historisch".)

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Weisglass' Enthüllung wetteiferte in den Medien mit dem "Tragbahren-Fall" - eine Geschichte, die auch Sharons Methoden aufdeckt. Sie hätte lustig sein können, hätte sie nicht gedroht, derart tragische Folgen zu haben.

Sharon möchte die UNWRA zerstören, die Hilfsorganisation der Vereinten Nationen für palästinensischen Flüchtlinge, die das Elend von 4 Millionen Menschen mildert. Es ist eine große Organisation mit etwa 25.000 Angestellten, einschließlich Lehrern, Sozialarbeitern und Ärzten, fast alle von ihnen natürlich Palästinenser. Sie versorgt die Flüchtlinge mit Lebensmitteln, Bildung, Gesundheitsdiensten und in Notlagen einem Dach über dem Kopf. Ohne sie wären die Flüchtlinge längst in einen Abgrund von Hunger und Verzweiflung geraten. Im Augenblick, während unsere Armee ganze Stadtteile im Gazastreifen samt ihrer Infrastruktur zerstört, versorgt die UNWRA auch die notleidenden Palästinenser, die keine Flüchtlinge sind, mit Lebensmitteln, Zelten und Medikamenten.

Allein die Existenz dieser Organisation stört Sharon und seine Generäle, die den Widerstand der Palästinenser zu brechen wünschen, indem sie ihnen das Leben zur Hölle machen. Nachdem sie systematisch versuchten, die palästinensische Nationalbehörde zu zerschlagen, versuchen sie nun die UNWRA zu vernichten. Wie in den Medien berichtet wurde, befahl Sharon seinen Generälen, der Propaganda-Abteilung des Außenministeriums geheime Armeephotos zukommen zu lassen, um damit zu beweisen, das die UNWRA mit den "Terrororganisationen" zusammenarbeite.

Am nächsten Tag zeigten alle Fernsehkanäle Luftaufnahmen, die zeigten, wie eine Qassam-Rakete in einen UNRWA-Krankenwagen geladen wird. Das war der Anfang einer wilden Kampagne gegen die Organisation. Israelische Diplomaten in New York verlangten, daß der dänische UNRWA-Direktor Peter Hansen gefeuert werde.

Zwei Tage später platzte die ganze Sache. Die UNRWA behauptete, der Mann auf dem Photo trage keine Rakete, sondern eine Tragbahre. Zunächst leugneten die Generäle dies, dann stotterten sie, schließlich gaben sie halbherzig zu, vielleicht sei ein bedauerlicher Fehler unterlaufen: die professionellen Analysten des Nachrichtendienstes der Armee, rangniedrige Feldwebel und Leutnants, könnten die Bilder falsch interpretiert haben.

Diese Antwort muß untersucht werden: haben die Analysten gelogen, oder haben sie geglaubt, was sie sagten? Jede Möglichkeit ist schlimmer als die andere.

Wenn die Experten logen, dann taten sie nichts Ungewöhnliches. Man kann sagen, sie taten das, was Geheimdienstmitarbeiter weltweit tun: sie versorgten ihre Vorgesetzten mit den Informationen, die sie hören wollten. Bush will den Irak angreifen? Die CIA liefert Informationen über Saddams Massenvernichtungswaffen. Sharon will die UNRWA zerstören? Der Nachrichtendienst liefert Photos von Peter Hansens Raketenwerfern.

Als mich vor 50 Jahren ausländische Korrespondenten über die Glaubwürdigkeit der offiziellen Erklärungen der israelischen Armee befragten, pflegte ich zu sagen, unsere Armee lüge nicht. Man sollte ihren Verlautbarungen glauben, wenn nicht gute Gründe für das Gegenteil vorlagen. Diese Zeiten sind längst vorbei. Wenn mir heutzutage dieselbe Frage gestellt wird, rate ich, nicht ein einziges Wort von Armeemeldungen zu glauben, wenn nicht gute Gründe für das Gegenteil vorliegen.

Deshalb ist es keine Überraschung, daß der militärische Geheimdienst lügt. In zahllosen Auftritten vor dem Kabinett und dem Außen- und Sicherheitskomittee der Knesset haben die Chefs des Nachrichtendienstes Lügen und falsche Einschätzungen verbreitet. Das ist nichts Neues.

Es gibt allerdings auch die Möglichkeit, daß die Analysten davon überzeugt waren, sie würden zutreffende Informationen liefern. Und das wäre sogar noch erschreckender.

Man muß kein Experte sein, um festzustellen, daß der Mann auf dem besagten Photo keinen Raketenwerfer trägt. Keiner trägt einen schweren Gegenstand mit einer Hand wie die Person auf dem Photo. Offensichtlich trägt er einen leichten Gegenstand. Ein zweiter Blick zeigt, daß es zweifellos tatsächlich eine Tragbahre ist. Es sieht wie eine Tragbahre aus, und der Mann trägt es wie eine Tragbahre. ("Wenn es läuft wie eine Ente und quakt wie eine Ente...")

Wenn die Experten einen Fehler machten, warum ist das so schrecklich? Es ist deshalb schrecklich, weil die Luftwaffe oft von den selben Photo-Analysten identifizierte "Raketenwerfereinheiten", bombardiert hat; denn innerhalb von Sekunden werden solche Erkenntnisse weitergeleitet und innerhalb von Sekunden führt dies zum Tod. Danach verkündet der Armeesprecher mit großer Befriedigung, daß wieder eine todbringende Einheit "vernichtet" worden sei. Wie viele Menschen, einschließlich Kindern, sind auf Grund dieser "sicheren Identifizierungen" getötet worden?

Was noch schlimmer ist, genau dieser "Fehler" fordert Soldaten praktisch dazu auf, auf Krankenwagen zu schießen, die Verwundete transportieren.

Peter Hansen traf ich nur einmal bei einer UN-Konferenz über die Flüchtlinge. Er beeindruckte mich als eine bescheidene und prinzipientreue Person. Ich hoffe, er bleibt auf seinem Posten.

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Ein Todesfall durch "sichere Identifizierung" in dieser Woche hätte die Welt aufschrecken sollen.

Iman Alhamas, ein 13-jähriges Mädchen aus Rafah, war wie jeden Tag auf ihrem üblichen Schulweg. Plötzlich wurde sie von tödlichen Schüssen eingehüllt. Die Ärzte holten 20 Kugeln aus ihrem Körper. Da nicht jede Kugel ihr Ziel trifft und einige einfach durchgehen, kann angenommen werden, daß wenigstens 100 Kugeln von verschiedenen Armeestellungen auf sie abgefeuert worden waren - einhundert Kugeln für ein kleines Mädchen. In ihrer Schultasche wurden nur Schulbücher gefunden.

Der Armeesprecher veröffentlichte das verlogene Routinestatement: das Mädchen hätte eine "verbotene Zone" betreten, die Soldaten hielten sie für eine "Terroristin", die Tasche hätte ausgesehen, als enthalte sie Sprengstoff und so weiter und so weiter.

Und was war in Wirklichkeit geschehen?

Die einfachste Erklärung ist, daß die Soldaten schossen, als wären sie wie auf einem Schießstand aus Rache für die beiden Kinder, die in der israelischen Stadt Sderot durch eine Qassam-Rakete getötet worden waren. Aber das ist nicht sonderlich glaubwürdig.

Eine andere, nicht weniger alarmierende Erklärung ist, daß die Soldaten sich in einem ständigen Zustand von Panik befinden. Ich habe in meinem Leben selbst Soldaten in Panik gesehen, die auf alles schossen, was sich bewegte. Vielleicht war es dies, was hier passierte: das Mädchen warf seine Schultasche weg und begann wegzurennen, als ein Warnschuß abgefeuert wurde und die Soldaten, statt auf die Schultasche zu schießen, schossen auf sie.

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Die skeptische Haltung der israelischen Öffentlichkeit gegenüber Ankündigungen des Sicherheitsapparates verursachte in dieser Woche eine andere Tragödie.

Am Vorabend zum jüdischen Neujahrsfest riet der Sicherheitsdienst der Öffentlichkeit wegen ernster Sicherheitswarnungen, nicht in den Sinai zu fahren. Die Menschen stimmten mit den Füßen ab - sie glaubten den Warnungen nicht. Trotz wiederholter Warnungen verbrachten Zehntausende die jüdischen Feiertage im Sinai. Sie waren davon überzeugt, die Warnung habe politische Gründe, und daß, sollte die Drohung ernst gewesen sein, die Behörden die Grenze geschlossen hätten.

Dieses Mal jedoch waren die Warnungen gerechtfertigt. Viele Dutzende wurden bei Massenattentaten getötet und verwundet.

Keine palästinensische Organisation hätte daran gedacht, die ägyptische Regierung zu provozieren. Deshalb sieht es so aus, daß etwas neues passiert ist.

Wir haben viele Male davor gewarnt, die junge arabische und muslimische Generation der Welt werde nicht auf immer zusehen, während jeden Tag das Fernsehen zeigt, wie das arabische Volk gedemütigt wird. Die Apathie der arabischen und muslimischen Regierungen gegenüber dem Geschehen in den besetzten palästinensischen Gebieten sieht in ihren Augen wie erniedrigende Feigheit oder wie Hochverrat aus.

Die Mißhandlung des palästinensischen Volkes durch Sharon und seine Vorgänger hat eine explosive Situation geschaffen. Die Invasion des Irak durch Bush hat den Funken geliefert. Eine arabisch-muslimische Widerstandsbewegung entwickelt sich, ein Widerstand, der keinen Unterschied zwischen dem Irak und Palästina, zwischen Israel, den USA und den arabischen Regierungen sieht.

Das ist anscheinend die Botschaft von Taba.





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