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Nachrichten, die man nicht überall findet.




Danke, Dubby!
21.10.2004


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs






Wirklich wichtig ist nicht, was er sagte, oder warum er es sagte, sondern welche Weltanschauung daraus spricht.

Mittlerweile hat jeder einmal versucht, das Interview von Dov ("Dubby") Weisglass, Ariel Sharons intimstem Vertrauten, zu analysieren. Aber da gibt es äußerst wenig zu analysieren. Seine Erklärung ist glasklar: der "Abzugsplan" ist dazu bestimmt, den Friedensprozeß für die nächsten Jahrzehnte "einzufrieren", alle Friedenspläne "in Formaldehyd" zu legen, um der Möglichkeit eines palästinensischen Staates ein für alle Mal ein Ende zu setzen.

Ein Dutzend kleiner Siedlungen werden aufgelöst, um praktisch alle 250 000 West Bank-Siedler dort zu halten, wo sie sind. Israel wird den Gazastreifen "aufgeben", der 1,3 Prozent des Palästinas von 1948 beträgt, um schließlich die West Bank, die 16 mal größer ist, auf Dauer in Besitz zu nehmen. Der Gaza-Streifen wird zu Lande, zu Wasser und von der Luft aus von der Welt abgeschnitten - genau wie die sieben oder acht ähnlichen palästinensischen Enklaven, die in der West Bank gerade entstehen.

Warum hat "Dubby" diesen Plan preisgegeben? Diese Enthüllung war wie ein Spucken ins Gesicht der Arbeiterpartei, genau in dem Augenblick, wo Sharon sie am meisten benötigte!

Die Antwort ist einfach: Sharon will die Rechte überzeugen und hat für die Linke nur Verachtung übrig. Von 40 Mitgliedern seiner Likudfraktion in der Knesset stimmten 13 in dieser Woche nicht für ihn, obwohl es bei dieser Abstimmung nur um eine Resolution ging, die eine unbedeutende Rede von ihm "zur Kenntnis nahm". Sharon will dem extrem rechten Flügel seiner eigenen Partei erklären, daß der "Abzug" eher ein Kriegsplan als ein Friedensplan ist, eher ein Plan, um Gebiete zu annektieren, als ein Plan, um Gebiete "aufzugeben", eher ein Plan für eine schnelle Expansion der West Bank-Siedlungen, als ein Plan, die Siedlungen im Gazastreifen aufzulösen.

Sharon kann dies nicht offen aussprechen, ohne George W. Bush lächerlich zu machen. Deshalb sandte er seinen vertrauten Leutnant, dies an seiner Stelle zu sagen. Die Siedler wissen natürlich, daß "Dubby" die Stimme seines Herrn ist.

Sharon kann es sich leisten, die "Linke" mit Verachtung zu behandeln. Man sehe sich nur die Farce um Shimon Perez an: er analysierte Weisglass' Erklärung in einer überzeugenden Knessetrede und verurteilte Sharon scharf. Unmittelbar danach versammelte er die Knessetfraktion der Arbeiterpartei und forderte sie auf, nicht gegen Sharon zu stimmen. Die Mitglieder aber waren von seiner Rede so überzeugt, daß sie ihn mit 10 zu 9 Stimmen überstimmten. "Ich war zu erfolgreich", beklagte sich Perez.

Danach verkündeten die beiden "Links"-Parteien, Arbeiter und Yakhad (früher Meretz), daß sie für den Abzugsplan stimmen würden, wenn Sharon ihn der Knesset unterbreitet. Keine Enthüllungen würden sie dazu bringen, davon Abstand zu nehmen. Sharon wußte, daß er sich auf ihre Schwäche verlassen kann - und wie Recht er hat.

Nur Weisglass selbst mag vielleicht einen Preis zahlen. Es ist schwer zu glauben, daß die wunderbare Freundschaft zwischen Dubby und Condy, zwischen Weis und Rice, halten wird, nachdem er sie quasi in der Öffentlichkeit ausgezogen hat.

Aber das ist nicht wirklich wichtig. Schließlich hat Weisglass jenen, die Sharons Absichten kennen, nichts Neues mitgeteilt. Und wer sich selbst etwas vormachen will, wird dies auch weiterhin tun.

Was wirklich von Bedeutung ist, ist die Weltanschauung Sharons, wie sie aus dem langen Interview von Weisglass auftaucht. Wenn er die Art und Weise von Sharons Denken aufdeckt, wirft das Licht auf die grundlegenden Überzeugungen und Vorstellungen seines Herrn.

Sharons Welt ist eindimensional, ebenso begrenzt wie die flache Welt vor Galileo.

Eine Welt, in der brutale Macht - und nur brutale Macht - herrscht.

Dies ist eine Welt, die keine Vergangenheit und keine Zukunft hat, keine Lektionen aus der Geschichte und keine Voraussicht kommender Dinge. Was jetzt existiert, wird immer existieren.

Dies ist eine Welt ohne moralische Kräfte, wo die Meinungen der Menschheit nichts zählen.

Die Welt von Stalin, der einmal geringschätzig fragte: "Wieviele Divisionen hat der Papst?"

Das einzige, was zählt, ist das Interesse Israels und des jüdischen Volkes (nach Ansicht Sharons).

Ihr Interesse ist es, (mindestens) alle Gebiete zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan in Besitz zu nehmen.

Die Palästinenser sind machtlos. Darum stellen sie nichts anderes als ein Objekt dar, das man, so viel man will, herumschubsen kann.

Europa ist wie ein erbärmlicher Haufen. Zum Teufel mit Europa.

Es gibt nur eine wirkliche Macht in der Welt: die Vereinigten Staaten. Sie sind das "Welt-Management".

Alle Macht der USA ist im Weißen Haus konzentriert. Der Präsident und eine handvoll anderer Leute sind die Manager.

So ist es jetzt - und so wird es in Zukunft bleiben.

Darum gibt es nur eines für uns: die Macht der israelischen Armee und die Allianz mit dem Weißen Haus aufrechtzuerhalten. Alles andere ist Unsinn, Phantasien von Eierköpfen.

Die israelische Armee und das Weiße Haus - das ist die Siegeskombination. Mit ihr werden wir das ganze Land in Besitz nehmen. Ein Friedensprozeß ist unnötig, tatsächlich ist Frieden unnötig! Die Palästinenser sind ein zu vernachlässigender Faktor. Laßt sie für die nächste Zeit in ihren Ghettos vegetieren! Zu gegebener Zeit werden sie aus dem Land verschwinden.

Das ist - frei übersetzt - die Welt Sharons laut Weisglass.

Oberflächlich betrachtet, ein realistisches Bild. Sharons Gedanken sind primitiv, und vielleicht glaubt man deswegen, er sehe die Dinge so, wie sie wirklich sind.

Wirklich? Ist das in Wahrheit das wirkliche Bild? Die Geschichte zeigt, daß brutale Militärmacht ein stumpfes Instrument ist, das niemals komplexe Probleme löst. Ein Führer, der sein ganzes Vertrauen auf sie setzt, wird entdecken, daß sie wie ein gebrochenes Schilfrohr ist, das die Hand verletzt, die nach ihm greift.

Was Thomas Jefferson in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung über "eine vernünftige Achtung vor der Meinung der Menschheit" schrieb, waren nicht nur leere Worte. Es war eine realistische Beurteilung: die öffentliche Meinung der Welt beeinflußt in tausend Weisen das Verhalten der Nationen und Regierungen. Das kann weitreichende Auswirkungen haben. Nach einem britischen Dichter ist "die Feder mächtiger als das Schwert". Und der Papst hat tatsächlich Divisionen, auch wenn sie nicht auf dem Paradeplatz marschieren.

Militärische Macht ist nur eine der in der Welt aktiven Kräfte. Die wirtschaftlichen Kräfte haben keinen geringeren Einfluß, tatsächlich könnte ihr Einfluß auf lange Sicht viel größer sein. Moralische Kräfte sind unsichtbar, aber ihre Auswirkungen sind immens. Einer der größten militärischen Führer der Geschichte, Napoleon, war sich dessen wohl bewußt.

Die menschliche Sehnsucht nach Freiheit ist unbesiegbar und darum auch der Freiheitskampf unterdrückter Nationen. Dies zu ignorieren, ist kein Realismus - es ist Blindheit.

Sogar George W. Bush, eine Person, die nicht weniger primitiv und brutal als Sharon ist, lernt gerade, daß dem "Weltmanagement" enge Grenzen gesetzt sind, da er langsam im irakischen Morast versinkt. Der Glaube, Israels Probleme könnten einzig durch eine Allianz mit dem "Weltmanager" gelöst werden, ist illusorisch.

Auch wenn ein Land eine eindrucksvolle militärische Überlegenheit gewonnen hat, ist die Welt nicht eindimensional. Sie ist ein sehr komplizierter Ort, unzählige Kräfte sind am Werk, nichts bleibt an seinem Platz. "Alles ist im Fluß", wie der alte griechische Philosoph sagte.

Man ist versucht, Hamlet frei zu zitieren: "Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als du, Arik, dir in deiner Philosophie träumen läßt."

Die Weltsicht Sharons, die zunächst so realistisch erscheint, ist das völlige Gegenteil von Realismus. Es ist eine Sicht der Dinge, die uns in die Katastrophe führen wird.

Und an Dubby, der sie, egal aus welchen Gründen, aufgedeckt hat, vielen Dank.





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