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Ein Mann und sein Volk
08.11.2004


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs






Wo immer er auch nach seinem Tod begraben werden mag, es wird der Tag kommen, an dem seine sterblichen Überreste durch eine freie palästinensische Regierung zu den muslimischen heiligen Stätten in Jerusalem überführt werden.

Yasser Arafat ist einer aus der Generation der großen Führer, die nach dem 2. Weltkrieg auftraten.

Das Format eines Führers wird nicht einfach nur von dem bestimmt, was er erreicht hat, sondern auch von der Größe der Hindernisse, die er überwinden mußte. In dieser Hinsicht hat Arafat weltweit keinen Konkurrenten: kein Führer unserer Generation mußte solch grausame Prüfungen bestehen und mit so viel Unglück fertigwerden wie er.

Als er Ende der 50er Jahre auf der weltpolitischen Bühne auftauchte, war sein Volk nahe daran, in Vergessenheit zu versinken. Der Name Palästina war von der Landkarte gelöscht worden. Israel, Jordanien und Ägypten hatten das Land unter sich aufgeteilt. Die Welt hatte sich entschieden, daß es kein palästinensisches nationales Gebilde gab, daß das palästinensische Volk wie die indianischen Nationenen in den USA zu existieren aufgehört hatte - falls es überhaupt jemals existiert hatte.

Innerhalb der arabischen Welt wurde die "palästinensische Sache" noch erwähnt, aber sie diente nur als Ball, der zwischen arabischen Regierungen hin und her getreten wurde. Jede versuchte, sie für ihre eigenen egoistischen Zwecke zu benutzen, gleichzeitig aber jede unabhängige palästinensische Initiative brutal zu unterdrücken. Fast alle Palästinenser lebten in Diktaturen, die meisten unter erniedrigenden Umständen.

Als Yasser Arafat, damals ein junger Ingenieur in Kuwait, die "palästinensische Befreiungsbewegung" gründete (deren Initialen rückwärts gelesen Fatah ergeben) meinte er vor allem die Befreiung von den verschiedenen arabischen Führern, um das palästinensische Volk für sich selbst sprechen und handeln zu lassen. Das war die erste Revolution des Mannes, der während seines Lebens wenigstens drei große Revolutionen in die Wege leitete.
Es war eine gefährliche Revolution. Fatah hatte keine unabhängige Basis. Sie mußte in den arabischen Ländern arbeiten, wo sie oft gnadenlos verfolgt wurde. Eines Tages wurde zum Beispiel die ganze Führung der Bewegung, einschließlich Arafats, vom damaligen syrischen Diktator, weil sie seinen Befehlen nicht gehorchte, ins Gefängnis geworfen. Nur Umm Nidal, die Frau von Abu Nidal, blieb frei und übernahm daher den Befehl über die Kämpfer.

Jene Jahre prägten Arafats charakteristischen Stil. Er mußte zwischen den arabischen Führern manövrieren, spielte sie gegeneinander aus, benutzte Tricks, Halbwahrheiten und Ausflüchte, wich Fallen aus und umging Hindernisse. Er wurde ein Weltmeister der Manipulation. Auf diese Weise rettete er in der Zeit ihrer Schwäche die Befreiungsbewegung vor vielen Gefahren, bis sie zu einer starken Kraft werden konnte.

Gamal Abd-al-Nasser, der ägyptische Herrscher, der in jener Zeit der Held der ganzen arabischen Welt war, war vor der aufkommenden unabhängigen palästinensischen Bewegung beunruhigt. Um sie beizeiten abzuwürgen, schuf er die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) und setzte einen palästinensischen politischen Söldner an ihre Spitze, Ahmed Shukeiri. Aber nach der schändlichen Schlappe der arabischen Armeen 1967 und dem elektrisierenden Sieg der Fatahkämpfer gegen die israelische Armee in der Schlacht von Karameh (März 1968), übernahm die Fatah die PLO, und Arafat wurde der unbestrittene Anführer des ganzen palästinensischen Kampfes.

Mitte der 60er-Jahre begann Yasser Arafat mit seiner zweiten Revolution: dem bewaffneten Kampf gegen Israel. Die Anmaßung war fast absurd: eine handvoll schlecht bewaffneter und nicht sonderlich wirksamer Guerillas gegen die mächtige israelische Armee. Und nicht in einem Land mit undurchdringlichem Dschungel oder schwer begehbaren Gebirgsketten, sondern in einem kleinen, flachen, dichtbevölkerten Landstrich. Aber dieser Kampf brachte die palästinensische Sache auf die Tagesordnung der Welt. Es muß offen eingestanden werden: ohne die mörderischen Angriffe hätte die Welt dem palästinensischen Ruf nach Freiheit keine Aufmerksamkeit geschenkt.

Als Folge davon wurde die PLO als die "einzige Vertretung des palästinensischen Volkes" anerkannt, und vor dreißig Jahren wurde Yasser Arafat eingeladen, seine historische Rede vor der UN-Generalversammlung zu halten: "In der einen Hand halte ich eine Waffe, in der anderen einen Olivenzweig..."

Für Arafat war der bewaffnete Kampf nur ein Mittel - nicht mehr. Keine Ideologie, nicht eine Sache per se. Für ihn war klar, daß dieses Instrument das palästinensische Volk stärken und so die Anerkennung der Welt gewinnen, daß es aber nie Israel besiegen würde.

Der Yom Kippur-Krieg im Oktober 1973 veranlaßte in seiner Zielsetzung eine neue Kehrtwende. Er sah, wie die Armeen Ägyptens und Syriens nach einem glänzenden, anfänglichen Sieg, der durch ein Überraschungsmoment errungen worden war, gestoppt und am Ende von der israelischen Armee besiegt wurden. Das überzeugte ihn schließlich, Israel sei nicht durch Waffengewalt zu überwältigen.

Deshalb fing Arafat unmittelbar nach diesem Krieg seine dritte Revolution an: er entschied, die PLO müsse mit Israel ein Abkommen erreichen und sich mit einem palästinensischen Staat in der West Bank und dem Gaza-Streifen zufriedengeben.

Nun war er mit einer historischen Herausforderung konfrontiert. Er mußte das palästinensische Volk davon überzeugen, seinen historischen Standpunkt aufzugeben, nämlich der Leugnung der Rechtmäßigkeit des Staates Israel und sich nur mit den restlichen 22% des Palästinagebietes von vor 1948 zufriedenzugeben. Ohne dies ausdrücklich festzustellen, war es klar, dies habe auch den Verzicht einer unbegrenzten Rückkehr von Flüchtlingen auf das Gebiet Israels zur Folge.

Daran begann er auf seine ihm eigene Weise zu arbeiten: mit Hartnäckigkeit, Ausdauer und Tricks - zwei Schritte vorwärts, einen zurück. Wie ungeheuerlich diese Revolution war, kann an einem Buch gesehen werden, das die PLO 1970 in Beirut veröffentlichte, das in scharfer Weise die Zwei-Staaten-Lösung ( die der "Avnery-Plan" genannt wurde, weil ich damals sein ausgesprochenster Befürworter war) angriff.

Historische Gerechtigkeit verlangt es, klarzustellen, daß es Arafat war, der das Oslo-Abkommen als Vision zu einer Zeit vor Augen hatte, als Yitzhak Rabin und Shimon Peres noch hoffnungslos an der "jordanischen Option" festhielten, der Überzeugung, daß man das palästinensische Volk ignorieren und die West Bank an Jordanien zurückgeben könnte. Von den drei Nobelpreisträgern hat Arafat den Friedensnobelpreis am meisten verdient.

Seit 1974 war ich Augenzeuge der enormen Bemühungen, die Arafat investierte, um sein Volk dahin zu bringen, seine neuen Wege mitzugehen. Nach und nach wurden sie vom palästinensischen Nationalrat, dem Parlament im Exil, akzeptiert, zunächst durch eine Resolution, die besagt, eine palästinensische Behörde "in jedem von Israel befreiten Teil Palästinas" aufzubauen und 1988, einen palästinensischen Staat neben Israel zu errichten.

Arafats ( und unsere) Tragödie bestand darin, daß, sobald er sich einer friedlichen Lösung näherte, die israelische Regierung sich davon zurückzog. Seine Mindestforderungen waren klar und blieben seit 1974 unverändert: ein palästinensischer Staat auf der West Bank und im Gaza-Streifen, palästinensische Hoheit über Ost-Jerusalem (einschließlich des Tempelberges - aber ohne die Klagemauer und das jüdische Viertel), die Wiederherstellung der Grenzen von 1967 mit der Möglichkeit von begrenztem, aber gleichwertigem Landaustausch; Evakuierung aller israelischen Siedlungen auf palästinensischem Gebiet und die Lösung des Flüchtlingsproblems in Abstimmung mit Israel. Für Palästinenser ist dies das äußerste Minimum, mehr können sie nicht aufgeben.

Vielleicht war Yitzhak Rabin am Ende seines Lebens dieser Lösung sehr nahe gekommen, als er im Fernsehen erklärte, "Arafat ist mein Partner". Alle seine Nachfolger wiesen dies zurück. Sie waren nicht bereit, die Siedlungen aufzugeben, im Gegenteil, sie erweiterten sie unaufhörlich. Sie widersetzten sich jeder Bemühung, eine endgültige Grenze festzusetzen, da ihre Art des Zionismus eine unaufhörliche Ausdehnung fordert. Deshalb sahen sie in Arafat einen gefährlichen Feind und versuchten, ihn mit allen Mitteln, einschließlich einer beispiellosen Kampagne der Dämonisierung, zu vernichten. So Golda Meir ("So etwas wie ein palästinensisches Volk gibt es nicht"). So Menachem Begin ("Zweibeiniges Tier... derMann mit Haaren im Gesicht ... der palästinensische Hitler"). So Binyamin Nethanyahu, so Ehud Barak ("Ich habe ihm die Maske vom Gesicht gezogen"), so Ariel Sharon, der versuchte, ihn in Beirut zu töten und es seitdem immer wieder versucht hat.

Kein Befreiungskämpfer hat während des letzten halben Jahrhunderts so ungeheure Hindernisse überwinden müssen wie Arafat. Er war nicht mit einer verhaßten Kolonialmacht konfrontiert oder einer verachteten rassistischen Minderheit, sondern mit einem Staat, der nach dem Holocaust entstand und von der Sympathie und den Schuldgefühlen der Welt unterstützt wurde. In jeder militärischen, wirtschaftlichen und technologischen Hinsicht ist die israelische Gesellschaft der palästinensischen weit überlegen. Als er dazu aufgerufen wurde, eine palästinensische Behörde aufzubauen, konnte er nicht wie Nelson Mandela oder Fidel Castro einen vorhandenen Staatsapparat übernehmen, sondern nur unzusammenhängende, verarmte Teile des Landes, dessen Infrastruktur durch jahrzehntelange Besatzung zerstört worden war. Er übernahm nicht eine Bevölkerung, die auf ihrem Land lebte, sondern ein Volk, das zur Hälfte aus in viele Länder zerstreuten Flüchtlingen besteht und zur anderen Hälfte entlang politischen, wirtschaftlichen und religiösen Linien zerrissen ist. All dies, während der Befreiungskampf weitergeht.

Es ist Yasser Arafats historisches Verdienst, alle Teile zusammengehalten und unter diesen Bedingungen nach und nach zu ihrem Ziel geführt zu haben.

Große Menschen haben auch große Fehler. Einer von Arafats ist seine Neigung, alle Entscheidungen allein zu treffen, besonders nachdem alle seine engsten Mitstreiter getötet worden waren. Wie einer seiner schärfsten Kritiker sagte : "Es ist nicht sein Fehler. Wir sind es, die dafür verantwortlich zu machen sind. Seit Jahrzehnten ist es unsere Gewohnheit, vor allen schweren Entscheidungen, die Mut und Kühnheit erforderten, davonzulaufen. Wir sagten immer: 'Laßt Arafat entscheiden!'"

Und er entschied. Wie ein richtiger Führer ging er voran und zog sein Volk mit. So stand er den arabischen Führern gegenüber, so begann er den bewaffneten Kampf, so streckte er gegenüber Israel die Hand aus. Wegen seines Mutes hat er das Vertrauen, die Bewunderung und die Liebe seines Volkes verdient - trotz aller Kritik.

Wenn Arafat stirbt, wird Israel einen großen Feind verlieren, der ein großer Partner und Verbündeter hätte werden können.

Mit den Jahren wird seine Gestalt im historischen Gedächtnis immer mehr wachsen.

Was mich betrifft: ich achte ihn als palästinensischen Patrioten, ich bewunderte ihn für seinen Mut, ich verstehe die Bedingungen, unter denen er arbeiten mußte, ich sah in ihm den Partner, mit dem man eine neue Zukunft für unsere beiden Völker hätte bauen können. Ich war sein Freund.

So wie Hamlet über seinen Vater sagte: "Er war ein Mann, nehmt alles nur in allem; ich werde nimmer seinesgleichen sehn."





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