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Nachrichten, die man nicht überall findet.




Zerfetzen und verbrennen
19.11.2004


Dahr Jamail






Sie liegt benommen in dem überfüllten Krankenhauszimmer, verscheucht matt mit ihrem verletzten Arm die Fliegen. Ihre Schienbeine, durch Kugeln von US-Soldaten zertrümmert als sie durch die Vordertür ihres Hauses schossen, stecken beide in Gipsverbänden. Kleine Plastikdrainagebeutel gefüllt mit einer roten Flüssigkeit liegen auf ihrem Unterbauch, wo sie von den Splittern einer weiteren Kugeln getroffen wurde.

Fatima Harouz, 12 Jahre alt, lebt in Latifiya, einer Stadt im Süden Baghdads. Erst vor drei Tagen wurde ihr Haus von Soldaten angegriffen. Ihre Mutter, die bei uns steht, sagt: "Sie griffen unser Haus an und es gab nicht mal irgendwelche Widerstandskämpfer in unserer Gegend." Ihr Bruder wurde erschossen und seine Frau wurde verwundet als ihr Haus von Soldaten durchwühlt wurde. "Bevor sie gingen töteten sie alle unsere Hühner", fügte Fatimas Mutter hinzu, in ihren Augen eine Mischung aus Angst, Schock und Wut.


Fatima Harouz


Ein bei uns stehender Arzt sieht mich an und fragt mich ernst nachdem er der Erzählung von Fatimas Mutter zugehört hat: "Das ist die Freiheit... in ihrem Disney-Land gibt es dort Kinder wie dieses?"

Eine andere junge Frau, Rana Obeidy, ging vor zwei Nächten mit ihrem Bruder nach Hause. Sie nimmt an, daß die Soldaten auf sie und ihren Bruder schossen, weil er eine Flasche Mineralwasser mit sich trug. Dies geschah in Baghdad. Sie hat eine Wunde an der Brust, von sie von einer Kugel gestreift wurde, anders als ihr kleiner Bruder, der tot ist.


Rana Obeidy


In einem Bett in der Nähe von Rana liegt Hanna, 14 Jahre alt. Sie hat an ihrem rechten Bein eine klaffende Wunde von der Kugel eines US-Soldaten. Ihre Familie war diesen Morgen in einem Taxi, das in der Nähe einer US-Patrouille kam, als ein Soldat das Feuer auf das Auto eröffnete.

Das Hemd ihres Vaters ist mit Bluttropfen aus seinem Kopf übersät, der bei dem darauffolgenden Zusammenstoß des Taxis verletzt wurde.


Hannas Vater


In einem anderen Zimmer liegt ein kleiner Junge aus Fallujah auf seinem Bauch. Splitter einer von einem US-Soldaten in ihr Haus geworfene Handgranate drangen von hinten in seinen Körper bis in die Nähe seiner Niere ein.

Bei einer Operation wurde der Splitter erfolgreich entfernt. Seine Vater wurde durch das, wie seine Mutter es nennt, "willkürliche Schießen der Amerikaner" getötet. Der Junge, Amin, liegt in seinem Bett und schwankt zwischen Weinen vor Schmerzen und dem Spielen mit seinem Spielzeugauto.


Amin


Es ist ein Fall nach dem anderen mit Menschen aus Baghdad, Fallujah, Latifiya, Balad, Ramadi, Samarra, Baquba... überall im Irak, die verletzt wurden durch die unterdrückerischen Vorgehensweisen der amerikanischen Soldaten, die in einem ungewinnbaren Guerillakrieg, ausgelöst durch eine aus Lügen basierende illegale Invasion, kämpfen. Ihre barbarischen Taten der Vergeltung sind zur täglichen Wirklichkeit der Iraker geworden, die weiterhin den Großteil der Frustration und Wut der Soldaten abbekommen.

Draußen vor dem Krankenhaus halten drei Humvees an und Soldaten teilen dem Krankenhauspersonal mit, daß einige der außerhalb Fallujahs Verwundeten hierher gebracht werden. Einer der Angestellten beginnt den sprechenden Soldaten anzuschreien, während ein Soldat, der ein Maschinengewehr auf einem Humvee bemannt und dessen Gesicht vollständig von einer olivgrünen Sturmmütze und einer Schutzbrille verdeckt ist, zusieht.

"Wir brauchen Euch hier nicht! Verpißt Euch! Bringt Saddam zurück! Selbst er war besser als Ihr Tiere! Wir wollen nicht durch Eure Hände sterben, also verschwindet von hier! Wir können uns um unsere Leute kümmern!"

Der Übersetzer der Soldaten übersetzt dies nicht. Stattdessen sieht er ihn mit einem versteinerten Gesicht an.

Die Hinterbliebenen der durch das US-Militär im Irak getöteten und verwundeten, aber auch jene, die sie pflegen, bleiben mit Gefühlen des bitteren Schmerzes, Trauer, Wut und Rachedurst zurück.

Diesen Nachmittag sind die Geschichten, die die abgemagerten Überlebenden an einem kleinen, aber belebten Versorgungszentrum, das in Baghdad eingerichtet wurde, um Hilfsleistungen an Flüchtlinge aus Fallujah zu verteilen, fast unvorstellbar.

"Sie warfen alle Journalisten aus Fallujah heraus, damit sie machen konnten, was sie wollten", sagt Kassem Mohammed Ahmed, der erst vor drei Tagen aus Fallujah geflohen ist. "Das erste was sie taten war die Krankenhäuser zu bombardieren, weil die Verwundeten dorthin gehen müssen. Jetzt sehen wir die verwundeten Menschen in den Straßen und die Soldaten überrollen sie mit ihren Panzern. Das ist so viele Male passiert. Was Ihr im Fernsehen seht ist nichts - das ist nur eine Kamera. Was Ihr nicht sehen könnt, ist so viel."

Während Kassem von den Fernsehbildern spricht gibt es auch Berichte von Soldaten, die nicht zwischen Zivilisten und Widerstandskämpfern unterscheiden.

Ein anderer Mann, Abdul Razaq Ismail, kam letzte Woche aus Fallujah.

Während er Vorräte an andere Flüchtlinge verteilt sagt er: "Es liegen tote Körper herum und niemand kann sie beerdigen. Die Amerikaner werfen einige der Körper in der Nähe von Fallujah in den Euphrat. Sie ziehen die Körper mit Panzern und laden sie im Fußballstadion ab."

In der Nähe weint ein Mann während er zuhört und nickt. Er kann nicht aufhören zu weinen, aber nach einer Weile sagt er, daß er mit uns reden möchte.

"Sie haben meine Wohngegend bombardiert und wir haben Wagenheber benutzt um die Betonblöcke anzuheben um tote Kinder darunter hervorzuholen."

Ein anderer Flüchtling, Abu Sabah, ein älterer Mann mit einem zerrissenen Hemd und einer staubigen Hose erzählt, wie er mit seiner Familie geflohen ist, während Soldaten über ihre Köpfe hinweg feuerten, aber seinen Cousin töteten.

"Sie benutzten diese eigenartigen Bomben, die Rauch wie eine Pilzwolke erzeugen", sagt er, nachdem er erst gestern angekommen ist. "Dann fielen kleine Teile aus der Luft mit langen Rauchfahnen hinter ihnen. Diese explodierten am Boden zu großen Feuern, die über eine halbe Stunde brannten. Sie benutzten sie in der Nähe der Bahnschienen. Man konnte hören, wie sie von einem großen Flugzeug abgeworfen wurden und die Bomben hatten die Größe eines Panzers. Wenn irgendjemand diese Feuer berührte brannte sein Körper für Stunden."

Der Vergleich des Iraks mit Vietnam wird hier täglich angebrachter.





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