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Zu dieser Zeit im letzten Jahr
29.11.2004


Dahr Jamail






Ich brauche einen Haarschnitt, also frage ich Abu Talat, ob er glaubt, daß es sicher wäre, hier einen zu bekommen, die Zeit auf der Straße zu riskieren, die notwendig ist, um einen zu bekommen.

"Grinsend sagt er: "Ja, Dahr, es wäre vielleicht möglich, aber wir müssen sicherstellen, daß wir dem Friseur vertrauen, damit Dein Haar und nicht Dein Kopf abgeschnitten wird!"

Seine Witze machen ihm viel Spaß... aber ich habe selbst angefangen, sie zu mögen, auf eine kranke Art.

Er hat zwei Autos - und wir benutzen das ältere für unsere Arbeit. Es ist schrecklich verbeult und schmutzig, gibt aber eine gute Tarnung. Das ist das Auto, für das ihm jemand kürzlich 3.000 US-Dollar geboten hat, weil sie sagten, es würde eine gute Bombe ergeben.

Und so wird es jetzt nur noch "das Bombenauto" genannt. Abu Talet sagt mir: "Komm jetzt, wir nehmen das Bombenauto und fahren zu dem Interview, das ich vereinbart habe."

Zu dieser Zeit im letzten Jahr kam ich das erste Mal im Irak an. Ich hätte nie gedacht, daß ich jemals auf diese Zeit als verhältnismäßig ruhig im Vergleich zum Irak ein Jahr später zurückblicken würde. Wo eine Autobombe am Tag die Norm ist, täglich schwere Kämpfe in mindestens fünf Städten stattfinden, die Gefahr einer Entführung sehr real und die Infrastruktur jetzt schlechter als vor einem Jahr ist.

Journalisten konnten sich Autos teilen, um an Meldungen zu arbeiten, Taxis nehmen, in unbewachten Hotels wohnen, sich keine Sorgen machen, entführt zu werden und Autobomben waren selten. Reisen nach Ramadi oder Fallujah oder den Süden waren gefährlich, aber machbar. Jetzt sind mir sogar die Randbezirke Baghdads zu gefährlich.

Heute, während wir die berüchtigte Haifa-Straße, wo es so viele Kämpfe gibt, entlangfahren, schüttelt ein tiefes "Rumms" unser Auto. Wieder eine entfernte Autobombe. Wir steckten im Verkehr als Sirenen in ganz Baghdad losgingen. Zwei Pickups voller Mitglieder der Irakischen Nationalgarde, die Hälfte von ihnen mit Gesichtsmasken aus Angst vor Repressalien versuchte, durch den Stau zu kommen.

Sie schießen mit ihren Waffen impotent in die Luft als könnten Autos, die Stoßstange an Stoßstange stehen, ihnen einen Weg freimachen. Sie weichen auf den Bürgersteig aus, schießen aus Frustration noch mehr und schlingern vorwärts.

Krankenwagen heulen, irakische Polizei rast auf der falschen Straßenseite entlang, jeder hupt irgendwen an. Das ist Baghdad heute.

Im 11. Stock des Gesundheitsministerium führt Dr. Medhi die Leitstelle. Er sitzt vor einer Kunststofftafel, auf der die großen Krankenhäuser und Gouvernements des Iraks aufgeführt sind. Während des Interviews klingelt ständig sein Telephon und er entschuldigt sich, um aufzustehen und die von unterschiedlichen Krankenhäusern hereinkommenden Opferzahlen zu ändern. Die Zahl in der Provinz al-Anbar steigt von 3 auf 4 Tote und 6 Verletzte. Bei einem weiteren Anruf aus dem Gouvernement Diyala erhöht sich die Zahl der Toten von 3 auf 4 und die Zahl der Verletzten von 4 auf 6.

Wir beenden das Interview während er einen weiteren Anruf entgegennimmt, sagt, daß dies ein typischer Tag sei und aufsteht, um die Tabelle seiner getöteten und verletzten Landsleute zu verbessern.

Zurück auf der Straße heulen die Sirenen weiterhin während wir durch den Verkehr kriechen. Bei einem Flüchtlingslager für Menschen aus Fallujah erfahren wir, daß es geschlossen ist - weil ein Mann namens Kais al-Nazzal, dem ein Wohnhaus in Baghdad gehört, die Verantwortung für die 100 Flüchtlingsfamilien des Lagers Amiriyah übernommen hat und ihnen Unterkunft, Verpflegung und Kleidung gegeben hat. Eine gute Tat inmitten der Tragödie des besetzten Iraks.

Der größte Teil der Hilfe für die Flüchtlinge kommt von Irakern statt Nichtregierungsorganisationen und ganz sicher nicht dem Gesundheitsministerium. Dort hat Shehab Ahmed Jassim, der dort die Verwaltung der Flüchtlingskrise leitet, gesagt, sie hätten alles von den Flüchtlingen benötigte zur Verfügung gestellt. Daß sie 20 Krankenwagen zum städtischen Krankenhaus von Fallujah geschickt haben.

Was er versäumte zu sagen war, daß der größte Teil der Einwohner Fallujahs aufgrund der anhaltenden Kämpfe nicht in der Lage war, das Krankenhaus zu erreichen und daß die meisten zu große Angst vor einer Verhaftung durch Soldaten oder Mitglieder der Irakischen Nationalgarde hatten, um medizinische Hilfe zu suchen. Die Krankenwagen kehrten nach Baghdad zurück.

"Während der Kämpfe in Najaf waren die Dinge nicht so", sagte ein Arzt, mit dem ich später sprach, "Es gab Abordnungen, bewegliche Handlungsräume und viel Hilfe für sie, die erlaubt war, aber für Fallujah haben sie so gut wie nichts getan. Warum?"

Jeder Arzt, mit dem ich über die Lage in Fallujah gesprochen habe, teilt ähnliche Empfindungen. Es gibt zahlreiche Theorien über die Gründe.

Wir fahren weiter durch den verkehr und kommen an einem weiteren Flüchtlingslager an. Der Scheich der das Lager leitet, Abu Ahmed, berichtet uns, daß heute gegen Mittag mehrere Humvees mit Soldaten und sechs Lastwagen mit Mitgliedern der Irakischen Nationalgarde das Lager gestürmt haben.

Sie fragten Abu Ahmed, ob es dort irgendwelche verletzten Kämpfer gäbe und er antwortete ihnen nein. Sie betraten unverzüglich die nahegelegene Moschee mit Waffen und Stiefeln und gingen dann von Zelt zu Zelt... ohne etwas zu finden.

"Ist eine 70 Jahre alte Frau Osama bin Laden", fragte der Scheich, "Sind die Kinder ihre Terroristen? Sie haben unser Lager terrorisiert, unsere Traditionen verletzt und alle Familien verängstigt, für was? Wir sind Flüchtlinge ohne Zuhause."

Er fügte hinzu: "Jetzt wird ein 6-Jähriger mit Haß auf die Amerikaner aufwachsen. Jetzt sagt eine 70 Jahre alte Frau ‚Verflucht seien die Amerikaner!'"

Andere Flüchtlinge wie Aziz Abdulla, 27 Jahre alt, erzählen mehr Geschichten von dem, was sie in Fallujah gesehen haben. "Ich habe gesehen, wie so viele Zivilisten getötet wurden und ich habe mehrere Panzer gesehen, wie sie über Verwundete in den Straßen gefahren sind."

Abu Mohammed, 40 Jahre alt, berichtete uns, daß er gesehen hat, daß das Militär Streubomben eingesetzt hat. Ein 12-jähriger Junge sagte mir: "Die Amerikaner haben unsere Stadt zerschmettert, tausende von Menschen getötet, unsere Moscheen und Krankenhäuser zerstört. Jetzt kommen sie in unser Lager. Warum?"

"Die Panzer rollten in den Straßen über Verwundete", sagte der 45-jährige Abu Aziz neben seinem Zelt, "Sie schossen auf so viele Verwundete, die in Moscheen Schutz suchten. Selbst die Gräber wurden bombardiert."

Zu dieser Zeit im letzten Jahr gab es keine Flüchtlingslager. Zu dieser Zeit im letzten Jahr aß ich mehrere Male Kebabs in dem berühmten Restaurant in Fallujah. Es wurde bombardiert bevor die Belagerung der Stadt überhaupt begann.

Später am Abend sprach ich mit einem weiteren Arzt, während Mörser in der Nähe in einer US-Basis explodierten. "Ich war so voller Hoffnung als die Amerikaner herkamen", sagte er, während er Tee trank. "Aber jetzt bin ich von der Wirklichkeit schockiert. Ich weiß, daß die Amerikaner aus eigenem Interesse hierher kamen, wegen Öl und ihrer sogenannten nationalen Sicherheit."

Er machte eine Pause, hörte zu, wie eine weitere Mörsergranate explodierte und sagte: "Viele von uns akzeptierten, warum sie in den Irak kamen, aber es hat für uns keine Verbesserung durch ihre Besatzung gegeben, selbst als wir versuchten, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Tatsächlich ist alles schlimmer geworden. Deshalb bekämpfen sie jetzt so viele Menschen."

Zu dieser Zeit im letzten Jahr schien der Gedanke an 100.000 tote Iraker und über 1.200 tote US-Soldaten nur schwer vorstellbar.





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