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Die Stille von Zerstörung und Tod
03.12.2004


Dahr Jamail






Es ist ein später Start in den Tag heute Morgen... während ich auf Abu Talat warte, der mich anruft, um mir zu sagen, daß er im Verkehr feststeckt und sich wieder einmal verspäten wird, wird mein Hotel von großen Explosionen erschüttert. Kurz danach explodieren Mörsergranaten in der "Green Zone", während die lauten Alarmsirenen dort beginnen, durch Baghdad zu heulen.

Feuer aus automatischen Waffen knallt durch die Straße.

Die gute Nachricht ist, daß der "Übergangspremierminister" Iyad Allawi eine Verkürzung der Ausgangssperre, die über den größten Teil des Iraks verhängt wurde, erklärt hat. Statt also bis 22:30 Uhr von den Straßen verschwunden zu sein können wir jetzt bis 23:00 Uhr draußen bleiben, bevor wir sofort erschossen werden.

Am vergangenen Sonntag wurde es um 16:30 Uhr einem kleinen Konvoi des Irakischen Roten Halbmonds gestattet in Fallujah hineinzufahren. Ich habe heute ein Mitglied des Konvois interviewt. Unter der Bedingung, anonym zu bleiben (also werde ich sie Suthir nennen), war das erste, das sie mir sagte: "Ich brauche ein weiteres Herz und Augen um es zu ertragen, weil meine eigenen nicht ausreichen, um zu ertragen was ich gesehen habe. Nichts rechtfertigt, was mit dieser Stadt getan wurde. Ich habe nicht ein Haus oder Moschee gesehen, die nicht zerstört waren."

Suthir hielt oft inne um sich zu sammeln, aber dann, wie üblich bei jenen, die Greueltaten selbst gesehen haben, wenn sie begann zu reden, holte sie kaum Luft.

"Es gab Familien mit nichts. Ich traf eine Familie mit drei Töchtern und zwei Söhnen. Einer ihrer Söhne, Mustafa, der 16 Jahre alt war, war von amerikanischen Scharfschützen getötet worden. Dann wurde ihr Haus niedergebrannt. Sie hatten nichts zu essen. Nur Reis und kaltes Wasser - schmutziges Wasser... sie gaben den Reis in das schmutzige Wasser, ließen ihn ein oder zwei Stunden darin, dann aßen sie den Reis. Fatma, die 17-jährige Tochter, sagte, sie betete zu Gott, ihre Seele zu holen, da sie das Grauen nicht mehr ertragen konnte."

Der 12-jährige Junge der Familie sagte Suthir, daß er Arzt oder Journalist hatte werden wollen. Sie hielt inne und fügte dann hinzu: "Er sagte, daß er jetzt keine Träume mehr hat. Er konnte nicht einmal mehr schlafen."

"Ich bin sicher, daß die Amerikaner dort schlimme Dinge begangen haben, aber wer kann das entdecken und sagen", sagte sie. "Sie haben es uns nicht erlaubt, in den Stadtteil Jolan oder die anderen Gegenden, wo es schwere Kämpfe gab, zu gehen und ich bin sicher, daß dort schreckliche Dinge passiert sind."

Sie berichtete mir, daß das Militär Zivilfahrzeuge nahm und sie in Gruppen geparkt benutzte, um Straßen zu blockieren.

Suthir beschrieb eine Szene vollständiger Zerstörung. Sie sagte, nicht eine Moschee, ein Haus oder eine Schule war unbeschädigt und sagte, daß die Lage für die wenigen in der Stadt verbliebenen Familien so verzweifelt war, daß Menschen wortwörtlich zu Tode hungerten, überlebend wie die zuvor erwähnte Familie.

Statt ganze Leichen zu beerdigen, beerdigen die Anwohner von Fallujah Beine und Arme und manchmal nur Skelette, wenn Hunde den Rest des Körpers gefressen hatten.

Sie sagte, daß sogar die Schulen in Fallujah bombardiert worden sind. Suthir berichtete auch, daß der älteste Lehrer der Stadt, ein 90-jähriger Mann, während des Gebets in einer Moschee von einem US-Scharfschützen in den Kopf geschossen worden war.

Das US-Militär hat keinen Zeitpunkt genannt, wann es den hunderttausenden von Flüchtlingen aus Fallujah erlaubt werden würde, in ihre Stadt zurückzukehren, aber geschätzt, daß es zwei Monate dauern würde.

Der "Bildungsminister" hat heute angekündigt, daß die Schulen in Fallujah in der nächsten Woche wieder geöffnet würden.

"Es gab dort keinen Wiederaufbau", fügte Suthir hinzu, "Ich sah nur mehr Bomben fallen und schwarzen Rauch. Es gibt dort nicht ein unbeschädigtes Haus oder Schule. Ich ging in einen Teil der Stadt, von dem jemand gesagt hatte, er wäre nicht bombardiert worden, aber er war vollständig zerstört."

"Die Amerikaner haben uns nicht an Orte gelassen, von denen alle sagten, daß dort Napalm eingesetzt worden war", sagte sie. "Jolan und diese Orte, wo die schwersten Kämpfe waren, niemand darf dort hingehen."

Sie sagte, es gab viele Militärkontrollpunkte, aber die meisten Soldaten, die sie sah, taten nicht viel.

Es war still, aber das war nicht die Stille des Friedens", sagte sie mir. "Es war die Stille von Zerstörung und Tod."

Während Hubschrauber über uns hinwegrumpelten, fügte sie mit Frustration und Wut hinzu: "Das Militär tut nichts, um den Menschen zu helfen. Nur der Irakische Rote Halbmond versucht zu helfen - aber niemand kann den traumatisierten Menschen helfen, selbst der IRH nicht."

Später am Nachmittag, wieder zurück in meinem Zimmer, kommt eine irakische Freundin vorbei. Wir sprechen bis zum Sonnenuntergang über die Arbeit als sie aufstand und gehen will, weil sie nicht gern in der Dunkelheit draußen ist.

Während sie ihre Jacke anzieht sagt sie zu mir: "Weißt Du, es wird hier immer schlimmer. Jeder Tag ist schlimmer als der vorangegangene Tag. Heute wird besser sein als Morgen. Jetzt ist besser als in einer Stunde. Das ist jetzt unser Leben im Irak."





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