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Der Chef ist verrückt geworden
15.12.2004


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs






Wenn die Obstverkäufer auf dem Markt von Tel Aviv schreien: "Der Chef ist verrückt geworden!" dann bedeutet dies, daß sie ihre Waren zu lächerlich niedrigen Preisen verkaufen.

In den Hauptstädten der Welt wird jetzt ein ähnlicher Ruf laut: "Der Chef ist verrückt geworden!" - aber es geht nicht um den Preis von Tomaten. Er weist auf die neue Situation nach der Wiederwahl von George Bush für weitere vier Jahre hin.

An vielen Orten wird Bush als ein verrückter Cowboy angesehen, der in die Stadt reitet und dort um sich schießt. Er hat Afghanistan angegriffen. Er hat den Irak angegriffen. Seine neo-konservativen Betreuer wollen als nächstes Syrien und den Iran angreifen. Sie wollen überall unterwürfige Regierungen einrichten ("um die Demokratie im Nahen Osten zu fördern"), auf Dauer amerikanische Garnisonen in der Region stationieren und den Weltmarkt des Erdöls beherrschen und - nicht zuletzt - Ariel Sharon bei der Durchführung seiner Pläne unterstützen.

Jetzt in seiner zweiten Amtsperiode kann Bush ziemlich alles tun, was ihm gefällt.

Die Führer im Nahen Osten haben mit erstaunlicher Geschwindigkeit diese Schlußfolgerung gezogen. Jeder eilte zu seiner nächsten politischen Höhle in Deckung, bis die Gefahr vorüber ist.

- Der syrische Herrscher Bashar Assad begann beim Klang von 100 Engelsfanfaren eine Friedensoffensive.
- Der ägyptische Herrscher Husni Mubarak hat plötzlich erkannt, daß Sharon sein seit langem verloren geglaubter Bruder ist, ein Mann des Friedens von der Wiege an. Er stellt sich jetzt selbst als Bushs Vizekönig im Nahen Osten dar.
- Der jordanische Herrscher König Abdullah II gibt ähnliche Töne von sich (nachdem er die Gelegenheit wahrnahm, die Flügel seines jüngeren Bruders zu stutzen).
- Die Herrscher des Irans, die zähen Ayatollahs, führten einen eiligen Rückzug aus und stimmten zu, ihr Atomprogramm aufzugeben.
- Und die Palästinenser vereinigen sich hinter Abu Mazen, der von Präsident Bush bevorzugt wird.

Der Optimismus feierte einen großen Tag. Die Winde der Hoffnung wehen durch die Region. Diplomaten aus aller Welt stellen sich plötzlich ein, in der Hoffnung, sie könnten sich zu erwartende Erfolge zunutze machen, wie Bienen, die sich auf Blüten stürzen. Internationale Kommentatoren, Propheten, die eine unheimliche Gabe haben, die Vergangenheit vorauszusehen, reden über den Frühling im Mittleren Osten.

(Dies ist übrigens eine falsche geographische Auffassung. Der Frühling ist in Europa ein Symbol für Hoffnung, wo die Natur nach Kälte und einem harten Winter aufwacht. In unserer Region ist der Herbst das Symbol der Hoffnung, wenn die Natur nach dem heißen und trockenen Sommer wieder erwacht.)

Haben all diese Hoffnungen irgendeine Substanz?

Man kann zum Beispiel die syrische Hoffnung näher betrachten. Assad junior schlägt Verhandlungen ohne Vorbedingungen vor. Ein verführerisches Angebot. Wird Sharon es annehmen?

Einmal wandte ich mich in einer politischen Debatte in der Knesset an die Ministerpräsidentin Golda Meir: "Mir scheint, daß Sie sich vor einer schicksalhaften Entscheidung befinden, ob man die West Bank König Hussein nicht zurückgeben oder den Palästinensern nicht zurückgeben sollte." Sharon ist heute mit einem ähnlichen Dilemma konfrontiert: Was soll zuerst getan werden: den Golan nicht an die Syrer oder die West Bank nicht an die Palästinenser zurückzugeben?

Wie sein Vorgänger Ehud Barak, denkt Sharon nicht im Traum daran, den Golan zurückzugeben. Selbst wenn er dazu bereitgewesen wäre (und er ist es nicht), würde er es nicht wagen, eine Evakuierung von Dutzenden von Siedlungen vorzuschlagen.

In seiner Autobiographie erinnert sich der frühere Präsident Bill Clinton, was beim letzten Mal geschah, als der syrisch-israelische Frieden auf der Tagesordnung stand. Ehud Barak, der damalige Premierminister, forderte Clinton auf, eine syrisch-israelische Konferenz einzuberufen. Clinton, der eifrig darum bemüht war, internationale Erfolge zu sammeln, stimmte dem bereitwillig zu. Er war angenehm überrascht, als Assad senior alle früheren Forderungen aufgab, (zum Beispiel. "seine Füße im See Genezareth baumeln zu lassen") und allen israelischen Forderungen zustimmte. Dann, im allerletzten Augenblick, als alles zum Unterzeichnen fertig war, sagte Barak zu Clinton, er habe sich nun entschieden, die ganze Sache abzublasen.

Jetzt gibt es keinen Clinton, und Sharon braucht sich nicht zu verstellen. Voller Verachtung bemerkte er, Assads Rede über Frieden sei nur unter dem Druck der USA zustande gekommen. (Na und? Ist das nicht die perfekte Gelegenheit den Frieden zu erreichen?)

Sharon wies das syrische Angebot kurzerhand zurück. Assad bot Frieden ohne Vorbedingungen an? Gut, aber wir stellen selbst einige: zunächst muß er alle Führer der palästinensischen Organisationen aus Damaskus werfen und die Hizb Allah (Hizbollah) im Libanon entwaffnen. Das heißt, Assad müsste jede einzelne der wenigen ihm noch verbliebenen Karten vor Beginn der Verhandlungen aus der Hand geben. Man muß schon ziemlich naiv sein, um zu glauben, Sharon werde dann auch nur eine einzige Siedlung aufgeben. Um so mehr, seitdem Bush eine klare Anweisung gegeben hat: rede nicht mit den Syrern, mach es mir nicht zu schwierig, sie anzugreifen, wenn ich mich dafür entschieden habe.

Deshalb konzentrieren sich alle Hoffnungen jetzt auf die palästinensische Front. Falls im nächsten Monat Abu Mazen als Präsident der Palästinenser gewählt wird, werden dann die wirklichen Verhandlungen beginnen?

Es sieht nicht so aus. Sharon war tatsächlich damit einverstanden, am Wahltag die Armee aus den (palästinensischen) Städten zurückzuziehen - aber nicht vorher. In der Zwischenzeit geht Sharons Offensive unbarmherzig weiter: in dieser Woche wurde noch ein "gezielter Mord" versucht (erfolglos), praktisch täglich werden Palästinenser (einschließlich Kinder) getötet, die systematische Demütigung an den Kontrollpunkten geht weiter, der Bau der schändlichen Mauer wird fortgesetzt, Siedler reißen ungehindert palästinensische Olivenhaine aus. Einer der Präsidentschaftskandidaten, der linke Mustafa Barghouti (ein entfernter Verwandter von Marwan) wurde an einem Checkpoint von Soldaten aufgehalten und schwer geschlagen.

Es geht aber letztlich nicht darum, ob es eine vorübergehende Lockerung von Einschränkungen geben wird, als freundliche Geste gegenüber Abu Mazen ( und was noch wichtiger wäre gegenüber Bush ), sondern ob Sharon bereit ist, über das Errichten eines wirklichen palästinensischen Staates mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt und über eine Rückkehr in etwa zur Grenze von vor 1967 aufrichtig zu verhandeln. Dafür gibt es keinerlei Anzeichen.

Es stimmt, Shimon Peres erklärt, er sei im Begriff, sich der Regierung anzuschließen, um den "Abzug" aus dem Gaza-Streifen zu erleichtern und um unmittelbar danach, eine Lösung für die West Bank voranzubringen. Aber das sind alles leere Worte, um seine Gegner in der eigenen Partei zum Schweigen zu bringen. Schließlich hat er, als er in der vorherigen Regierung von Sharon als Minister diente, praktisch nichts für den Frieden getan. Wenn er jetzt zur Regierung zurückkriecht und jeder weiß, daß er dort bleiben will, egal was passiert, wird er noch weniger erreichen.

In der neuen Regierung kann Sharon tun, was er will. Wenn er es wünscht, kann er den "Abzugsplan" in die Tat umsetzen, wenn er will, kann er den größten Teil der West Bank annektieren.

Der Chef ist verrückt geworden? Das Letzte, was er tun würde, wäre Druck auf Sharon auszuüben.





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