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Interview mit US-Soldat
24.12.2004








Am 17. Dezember veröffentlichte Democracy Now! ein Interview mit dem ehemaligen US-Soldaten Aiden Delgado, der vom April 2003 an ein Jahr im Irak stationiert war.

Delgado hatte sich am 11. September 2001 - allerdings vor den Anschlägen am gleichen Tag - freiwillig für den Dienst in der Reserve der US-Armee gemeldet. Nur kurze Zeit, nachdem er im April 2003 in den Irak verlegt wurde, gab er seine Waffe ab und stellte einen Antrag auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer. Dieser Antrag führte dazu, daß er ab diesem Zeitpunkt als größtenteils als Fahrzeugmechaniker arbeitete. Später war er aber in der Verwaltung tätig, wo er Kenntnis von Folterungen und Ermordungen gefangener Iraker erlangte.

Nachdem er anfänglich in Nasiriyah stationiert war, wurde er später nach Abu Ghurayb verlegt. Seine Aussage hinsichtlich der Tatsache, daß ihm nach seinem Antrag auf Kriegsdienstverweigerung seine schußsichere Weste mit der Behauptung, daß er diese "nicht mehr brauchte, da er kein Kämpfer war und es nicht ausreichend gab" entzogen wurde führt zu einer weiteren Erkenntnis der wahren Sicherheitslage im Irak. So sagte er, daß die Behauptung, er würde sie nicht brauchen, zutraf, solange er in Nasiriyah stationiert war, aber nicht, als er nach Abu Ghurayb verlegt wurde, da das Gefängnis jede Nacht von "30 bis 40 Mörsergranaten" getroffen wurde.

Da sein Vater Diplomat war verbrachte Delgado seine Kindheit in zahlreichen Ländern, unter anderem auch acht Jahre in Ägypten, so daß er auch Arabisch spricht. Daher konnte er sich auch als einer der wenigen US-Soldaten direkt mit Irakern unterhalten.

So stellte er selbst die Verschlechterung der Beziehungen der Besatzer zur Bevölkerung fest: "Iraker, die merkten, daß ich etwas Arabisch sprach, öffneten sich mir und stellten mir Fragen wann wir gehen oder was wir dort machten. Wieviele wir waren. Dinge, die ich nicht beantworten konnte. Anfangs waren sie sehr freundlich. Es war fast wie Blumen auf den Straßen, wirklich. Gott segne Sie. Wir lieben Sie. Wir lieben George Bush. Danke. Nieder mit Saddam. Das waren die ersten Monate des Krieges. Als die Besetzung weiterging verschlechterte sich ihre Stimmung eindeutig. Nach sechs Monaten war die vorherrschende Antwort, die ich erhielt, Danke, Gott segne Sie, aber wann gehen Sie nach Hause. Darauf konnte ich nur sagen, hoffentlich bald. Ich möchte auch zurück nach Amerika. Dann gegen Ende in Abu Ghurayb, wo ich gelegentlich Elektriker oder im Gefängnis arbeitende Iraker traf, sagten sie, Sie müssen nach Hause gehen."

In Abu Ghurayb wurde er, möglicherweise als Strafe für seine pazifistische Haltung, in die Verwaltung versetzt.

"Dort erhielt ich einen guten Einblick in die Art wie das Gefängnis geführt wurde und ich erfuhr vieles von dem, was dort passierte. Ich arbeitete in der Kommandatur mit einem Haufen Offizieren und mit praktisch dem ganzen entscheidenden Papierkram. Dort fand ich einige wirklich beunruhigende Dinge heraus, wie beispielsweise, daß die Mehrheit der Gefangenen in Abu Ghurayb nicht einmal Rebellen waren. Sie waren nicht einmal wegen Verbrechen gegen die Koalition dort. Sie waren wegen einfacher Verbrechen dort: Diebstahl, Trunkenheit in der Öffentlichkeit. Und sie waren dort in diesem schrecklichen, äußerst gefährlichen Gefängnis. Zu dem Zeitpunkt bekam ich das Gefühl oh mein Gott, ich kann nicht glauben, daß ich überhaupt daran beteiligt bin. Dann gab es eine Reihe von Demonstrationen von Gefangenen gegen die Bedingungen, gegen die Kälte, gegen den Nahrungsmangel und die Art der Nahrung. [Hiermit bezieht er sich zweifellos auf die Proteste von Gefangenen, weil ihnen verfaultes Essen vorgesetzt wurde.] Und die Reaktion des Militärs auf diese Demonstrationen war für mein Gefühl sehr rücksichtslos. Ich werde es nicht illegal nennen. Ich besitze nicht den Hintergrund, um rechtliche Vorwürfe zu machen, aber ich nenne es unmoralisch, die Menge an Gewalt, mit der reagiert wurde. Und ich glaube, ich habe einige Bilder von Gefangenen, die von Wächtern bis an die Schwelle zwischen Leben und Tod geprügelt worden sind, getauscht. Und fünf Gefangene von denen ich weiß wurden bei einer Demonstration erschossen weil sie Steine warfen", berichtete Delgado.

Seiner Aussage nach waren die Umstände, in denen die Gefangenen dort gehalten wurden, unerträglich. Darüberhinaus waren die Soldaten aber offenbar geradezu stolz auf ihre Vergehen gegen die Gefangenen, was zweifellos auch schon durch die an die Öffentlichkeit gelangten Photos gefolterter Gefangener belegt wurde.

"Mein vorherrschender Eindruck der Gefangenen [war], daß sie gerade noch mit den niedrigsten Grundsätzen der Menschlichkeit behandelt wurden. Sie waren in einem mit Stacheldraht eingezäunten Bereich, sie schliefen auf Holzplatten im Schlamm. Lange Zeit hatten sie keine Kleidung für kaltes Wetter und es war in Baghdad äußerst kalt. Und dann war da das Element der ständigen Brutalität und Mißachtung von den Soldaten", sagte er.

Nachdem die Folterungen von Gefangenen bekanntgeworden waren, befürchteten die Soldaten, sie würden nun ernste Probleme bekommen. Stattdessen kamen die kommandierenden Offiziere und sagten: "Ihr wißt, es sind einige Dinge im Umlauf, aber wir sind hier alle eine Familie, wir waschen selbst unsere schmutzige Wäsche. Das muß nicht bei CNN laufen. Niemand muß das herausfinden."

Zum Tod der fünf Gefangenen kam es Delgado zufolge, als eine der Demonstrationen gewalttätiger als vorangegangene wurde. Die Gefangenen hatten begonnen, mit Zeltstangen, Steinen und Abfall zu werfen. Einer der Soldaten wurde von einem Stein getroffen.

"Er war nicht ernsthaft verletzt, aber er war verärgert. Und daher hatten sie als Reaktion um die Erlaubnis ersucht, tödliche Gewalt anwenden zu dürfen. Es war in der späteren sehr oberflächlichen Untersuchung des Militärs nicht klar, ob sie tatsächlich den Befehl erhielten tödliche Gewalt anzuwenden. Jedenfalls eröffneten sie das Feuer mit einem schweren Maschinengewehr und sie töteten fünf Gefangene - mehrere von ihnen brauchten mehrere Tage um zu sterben. Das habe ich direkt von der Quelle erfahren, als sie [die anderen Soldaten] zurückkamen und mir sagten: 'Oh, hier ist ein Photo von den Typen, die ich getötet habe. Ich habe drei getötet, ich habe zwei getötet. Mein Typ brauchte drei Tage um zu sterben, ich habe ihm mit einem Maschinengewehr in die Leistengegend geschossen.' Und die Kommandatur hat diese Photographien sogar in unserem Hauptquartier aufgehängt und sie haben sie sehr makaber herumgehen lassen. Es war sehr stark eine Sache der Trophäenjagd", erinnerte sich Delgado.

Er läßt keinen Zweifel daran, daß es sich bei den Folterungen und Morden eben nicht wie von offizieller Seite immer wieder behauptet um Ausnahmen handelt.

"Der Punkt, den ich klarstellen möchte, ist, daß das, was in Abu Ghurayb passiert ist und auf CNN gezeigt wurde, in keiner Weise ungewöhnlich war. Als ich im Süden in Nasiriyah war, war es Routine für Mitglieder unserer Einheit, Kinder anzugreifen, Flaschen auf den Köpfen von Leuten zu zerschlagen, an denen sie vorbeikamen. Darüber wurde nicht geredet. So üblich war das. Und so brachten sie all diese Brutalität nach Abu Ghurayb. Ich kann Ihnen sagen, daß meine Einheit kein schlechtes Beispiel für all die Soldaten in Abu Ghurayb abgeben würde. Und da war einfach diese Aura der Brutalität und die Aura der Rücksichtslosigkeit", sagte er.

Offenbar wurde all dies von den Offizieren mindestens geduldet.

"Bestenfalls ignorierten die Kommandeure vollständig alles, von dem sie wußten. Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, daß es Billigung gab, aber ich würde sagen, daß es stillschweigende Billigung durch die nicht vorhandene Verurteilung gab", sagte er.





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