www.Freace.de
Impressum


Nachrichten, die man nicht überall findet.




Ein Kranz für Blair
30.12.2004


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs






"Der merkwürdige Vorfall ist das Bellen des Hundes", bemerkte Sherlock Holmes.
"Aber der Hund bellte doch gar nicht!" erwiderte Dr. Watson.
"Das ist der merkwürdige Vorfall. Ganz einfach, lieber Watson!"

Der merkwürdige Vorfall dieser Woche betrifft den Kranz von Tony Blair. Den Kranz, den er nicht am Grabe Yasser Arafats niederlegte.

Blair ging ans Grab. Aber er vermied, was sonst normal und üblich ist: einen Kranz niederzulegen. Auch verneigte er sich nicht. Er neigte nur wenige Zentimeter sein Haupt und beeilte sich dann wegzukommen.

Im Geiste kann ich mir die aufgeregten Beratungen vor dem Ereignis vorstellen. Blairs Ratgeber diskutierten mit ihm darüber: Einen Kranz niederlegen? Nein, nein, das würde Präsident Buch wütend machen. Sich verbeugen? Das würde Ariel Sharon nicht mögen. Den Kopf neigen? Nun gut. Das wird die .... Palästinenser befriedigen.

Aber wie weit? Zehn Zentimeter? Das ist zu viel. Zwei? Das ist nicht genug. Also fünf? Das sollte genügen.

Ich sah wie Blair vor einem Spiegel übte. Und tatsächlich: er tat es genau wie geplant. Auf den Millimeter.

Ich stand 24 Stunden vor ihm genau an dieser Stelle, am 40. Trauertag, einem Tag von besonderer Bedeutung in muslimischer Tradition. Die Führer der palästinensischen Behörde und ausländische Vertreter, einschließlich derjenigen des ägyptischen Präsidenten und des Königs von Jordanien, versammelten sich im Saal der Mukata'ah, zehntausende drängten sich auf dem Hof. Eine Gruppe von Gush Shalom-Aktivisten, die einzig anwesende israelische Delegation, saß auf reservierten Plätzen. Nach den Reden entrichteten wir unsere Ehrerbietung am Grab, über dem sich viele Kränze häuften. Die Palästinenser gingen daran vorbei, standen einige Minuten still davor und beteten. Viele Augen waren feucht. Dies ist nun das zentrale Heiligtum des palästinensischen Volkes, gleich nach der Al-Aqsa-Moschee und dem Felsendom.

"Jeder Palästinenser liebt Arafat," sagte ein dort stehender junger Mann zu mir, "und jeder liebt ihn auf seine eigene Weise."

Blair muß gedacht haben, er tue den Palästinensern einen großen Gefallen, wenn er überhaupt zum Grabe gehe. Aber sein Verhalten, das einer Person, die eine unangenehme Pflicht erfüllt, war ein schrecklicher Fehler. In der arabischen Kultur sind Gesten wichtiger als Worte. Keinen Kranz am Grab niederzulegen, war eine Beleidigung des Vaters der palästinensischen Nation. Verglichen mit Arafat, was ist Blair sonst als ein politischer Zwerg?

Warum kam er überhaupt?

Es gibt jetzt viel Gerede von einem "Fenster der Gelegenheit" - einer günstigen Gelegenheit - im israelisch-palästinensischen Konflikt. Die politischen Berühmtheiten der Welt - von Blair bis zu Italiens ex-faschistischem Außenminister - stürzen herab wie Raubvögel auf ihre Beute, um ein Stück des Ruhms des Friedensmachers zu erhaschen. Dies sieht eher abstoßend und auch ziemlich lächerlich aus, weil es weder ein "Fenster" noch eine "günstige Gelegenheit" gibt, nicht solange Sharon an der Macht ist.

Blair hatte für den Besuch seine eigenen Gründe. Er zog England in den Irakkrieg, obwohl ein großer Teil seiner Landsleute gegen den Krieg war. Wie von vielen klar vorhergesehen, wurde der Krieg zu einer Katastrophe, die von Stunde zu Stunde schlimmer wird. Warum also nicht auf das palästinensische Pferd springen, um die Aufmerksamkeit vom irakischen Debakel abzulenken? Und um zu beweisen, daß er nicht Bushs Pudel ist, möchte er zeigen, daß er eine unabhängige Initiative entwickeln und - zur Abwechslung - Bush mit sich ziehen kann.

So wurde die Idee geboren: eine große internationale Friedenskonferenz wird in London einberufen - und zwischen Israel und Palästina wird Frieden entstehen. Ein schwindelerregender Erfolg. Britannien kehrt zu seinem früheren Ruhm zurück. Der Friedensnobelpreis für Blair ist gesichert.

Aber als er zu Sharon hinübereilte, erwartete ihn dort eine kalte Dusche. Sharon ist selbstsicher, er weiß, daß er näher an Bush dran ist, als Blair es je sein wird. Als Blair ihm die Friedenskonferenz vorschlug, sagte ihm Sharon in vielen Worten: "Schieb es Dir Du-weißt-wohin."

Blair sprang so schnell vom Pferd herunter, wie er es bestiegen hatte. Frieden ist nicht mehr angesagt. Darf nicht erwähnt werden. Es wird nur eine Konferenz geben - ohne Frieden. Israel wird nicht einmal teilnehmen.

Wofür ist sie dann gut? Um die Palästinenser lehren, wie sie sein müssen, um den Frieden zu verdienen. Wie man Terrorismus bekämpft, wie man eine Demokratie anfängt, wie man Reformen durchführt. Britannien, das gerade von Sex- und Bestechungsskandalen heimgesucht wird, wird die Palästinenser gutes Benehmen lehren.

Blair startete mit einem israelisch-syrischen Frieden einen weiteren Versuchsballon, aber er gab auch ihn schnell wieder auf. Bush will keinen israelisch-syrischen Frieden - und Sharon mag diese Idee noch weniger. Bush möchte die Möglichkeit offen halten, Syrien anzugreifen, sobald das irakische Chaos sich beruhigt (er hegt noch immer diese Hoffnung). Sharon seinerseits hat überhaupt kein Interesse an Frieden, der die Auflösung der Siedlungen und die Rückgabe des Golan nach sich ziehen würde. Gott behüte!

Also bleibt nur die palästinensische Sache. Neben dem wuchtigen Sharon stehend und voller Bewunderung strahlend, erklärte Blair, daß es keinen Friedensprozeß geben könne, so lange die Palästinenser dem Terror kein Ende gesetzt hätten. Das heißt in freier Übersetzung: solange es bewaffneten Widerstand gegen die Besatzung gibt, kann es auch keine Gespräche über das Ende der Besatzung geben. Da es keiner palästinensischen Führung möglich wäre, den "Terrorismus zu liquidieren", ohne Aussicht auf ein Ende der Besatzung und auf Frieden, bedeutet dies ganz einfach: kein Friedensprozeß.

Bis vor 44 Tagen gab es eine passende Ausrede: Yasser Arafat ist das Hindernis zum Frieden. Nun, da es keinen Arafat mehr gibt, griff Sharon einen früheren Vorwand auf: als erstes müssen die Palästinenser den Terrorismus liquidieren. Das heißt, "wenn das Lamm beim Wolf liegen wird". Blair akzeptierte dies begeistert.

Mit dieser Fracht kam er in Ramallah an, um Abu Mazen die Londoner Nicht-Friedens-Konferenz als ein Mittel zur Erziehung des palästinensischen Volkes anzubieten. Blair glaubt anscheinend, daß die Palästinenser in ihrer verzweifelten Lage sich an einen Straw [Strohhalm] klammern würden.

Die Wut, die Blair unter den Palästinensern erregte, wurde am nächsten Tag von Premierminister Abu Ala ausgedrückt, de die Initiative scharf angriff. Aber die palästinensische Führung kann es sich nicht leisten, die Einladung zu der Konferenz auszuschlagen, besonders wenn sie von Bush unterstützt wird. So wird es also eine weitere unfruchtbare Konferenz, Nummer 101, geben. (Aber wer zählt sie noch?).

Ich hoffe, Abu Mazen wird keinen Kranz in London niederlegen. Mag er zu Churchills Grab reisen und sein Haupt - genau fünf Zentimeter - verneigen.





Zurück zur Startseite





Impressum

contact: EMail