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Betroffenheitsklappen
07.01.2005








Pferden legt man Scheuklappen an, damit sie sich nicht vor von ihnen gezogenen Kutschen oder anderen Dingen erschrecken. Offenbar ist es nun gelungen, ein vergleichbares Gerät auch für Menschen zu entwickeln, die nur bei bestimmten Ereignissen Betroffenheit entwickeln wollen.

Einer der Nutzer dieser Betroffenheitsklappen ist zweifellos der UN-Generalsekretär Kofi Annan. So sagte er am Freitag, als er das von dem Tsunami betroffene Gebiet in der indonesischen Provinz Aceh besuchte: "Ich muß zugeben, daß ich noch niemals eine solche vollständige Zerstörung, Meile für Meile, gesehen habe. Man fragt sich, wo die Menschen sind."

Nun mag es zweifellos richtig sein, daß er noch nie mit eigenen Augen die Auswirkungen einer solchen Katastrophe gesehen hat, an Möglichkeiten hierzu mangelte es ihm aber sicherlich nicht.

So hätte er auch im Jahr 1976, als er schon 14 Jahre für die Vereinten Nationen tätig war, die chinesische Stadt Tangshan besuchen können, die durch ein Erdbeben am 28. Juli des Jahres praktisch vollständig zerstört wurde. Schätzungsweise 655.000 Menschen wurden dabei getötet.

Auch ein Besuch der iranischen Stadt Bam nach dem Erdbeben vom 26. Dezember 2003, bei dem mindestens 30.000 Menschen starben, hätte ihm sicherlich bereits einen Eindruck ähnlicher Verwüstungen vermittelt.

Noch zerstörerischer waren die Atombomben, die von den USA auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden. Auch wenn Annan sich hier mit Berichten und Bildern begnügen müßte, so zeigen sich hier doch unvorstellbare Zerstörungen.

Auch ein Besuch der durch die anscheinend immer noch andauernde US-Großoffensive gegen die irakische Stadt Fallujah, die hierbei und durch das vorangegangene, wochenlange Bombardement offenbar größtenteils zerstört worden, könnte Annan sicherlich neue Blickwinkel geben, wie auch der Tod von 100.000 Zivilisten seit Beginn der US-Besetzung des Landes oder auch die flächendeckende Verseuchung des Iraks durch uranhaltige Munition.

Ebenso geeignet wären ohne Zweifel Bilder der von deutschen Bombern zerstörten spanischen Stadt Guernica oder von britischen Bombern zerstörten deutschen Stadt Dresden. Auch das Massaker auf dem Tian'anmen-Platz in China im Jahr 1989, bei dem Schätzungen zufolge 3.000 Demonstranten getötet wurden, sollte hier nicht unerwähnt bleiben.

All diese natürlichen und im Rahmen von Kriegen und anderweitig mutwillig herbeigeführten Katastrophen konnte Annan aber dank seiner Betroffenheitsklappen ausblenden.

Auch die Tatsache, daß Millionen Menschen jährlich verhungern konnte von ihm dadurch erfolgreich vergessen werden. Ihm ist es sogar gelungen, einen Kommentar des UN-Koordinators für Hilfsaktionen, Jan Egeland, zu übersehen.

Dieser mahnte am Freitag, daß allein im Osten des afrikanischen Landes Kongo in einem Jahr mindestens ebensoviele Todesopfer gäbe, wie durch den Tsunami in den betroffenen Ländern. Täglich sterben dort seinen Angaben zufolge etwa 1.000 Menschen, meistenteils direkt oder indirekt durch gravierende Unterversorgung verursacht.

Würde die Welt - und eben auch Annan - bei diesen anderen aktuellen Katastrophen ebenso betroffen reagieren wäre dies zweifellos mehr als wünschenswert. Dies ist allerdings nicht im geringsten der Fall. Offenbar ist nicht nur Annans Blickwinkel eingeschränkt.





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