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Wie zum Teufel konnte dies geschehen?
10.01.2005


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs






Wie zum Teufel geriet ich in diesen verdammten Schlamassel? Ich wache am Morgen auf und kann es nicht glauben. Was, ich, Arik Sharon führe einen Krieg gegen die Siedler? Ich, der ich sie überhaupt erst dorthin gesetzt habe? Ich, der ich einen Plan mit Siedlungen entwarf, lang bevor die Siedler selbst nur davon träumten?

Wie, um Gottes willen, hat dies begonnen? Was wollte ich eigentlich?

Präsident Bush bat mich darum, irgendeine Art von Friedensplan zu entwerfen. Er brauchte so etwas für seine Wiederwahlkampagne. Sollte ich ihm also nicht einen Gefallen tun, nachdem er uns bei allem unterstützt hat, nur um ein gutes Wort von mir zu erhalten - dabei regelmäßig 180-Grad-Kehren machend, wie bei den Siedlungsblöcken?

Ich mußte auch etwas tun, um die Faseleien dieses Burschen Beilin zu beenden. Sein "Friedensplan" erhielt ein internationales Echo, Präsidenten und Premierminister tanzten um ihn. Das hätte gefährlich werden können. Zuallererst deshalb, weil es die allgemeinen Überzeugungen untergrub, daß "wir keinen Partner für Frieden haben". Stimmt, wir haben dies Ehud Barak zu verdanken, aber es ist noch immer die wirksamste Waffe in unserem Arsenal. Also mußte ich etwas erfinden, das diese Initiative vom Tisch fegt und mich wieder in den Mittelpunkt der israelischen und internationalen Aufmerksamkeit rückt. Es ging das Gerücht, daß ich alt, müde, schwach und ohne Initiative sei; daß ich die Dinge treiben ließe. Was, ich bin alt? Ich bin schwach? Also ergriff ich diesen Plan und zeigte, wie resolut und standhaft ich bin und welch starken Willen ich habe.

Und sieh, was geschah: schon ein ganzes Jahr hat mein "Abzugsplan" für Aufregung in Israel gesorgt und beschäftigt die ganze Welt. Jeder gibt zu, daß dies das einzige Thema in der Stadt ist.

Es stimmt, ich habe vorher nicht viel darüber nachgedacht. Und ich habe mir nie erträumt, daß es solche Ausmaße annehmen würde.

Was habe ich denn schon vorgeschlagen? Daß wir die Armee aus dem Gazastreifen abziehen und die Siedlungen dort räumen. Die Amerikaner baten noch darum, dem noch ein paar winzige Siedlungen im Norden Samarias hinzuzufügen, also tat ich es. Ein Riesengeschäft.

Wie immer hatte ich einen Plan für den besten und einen anderen Plan für den schlimmsten Fall. Bestenfalls rechnete ich damit, daß überhaupt nichts daraus würde. Entweder der Reiter oder das Pferd werden sterben (*). Und in der Zwischenzeit würde ich bewiesen haben, daß ich wirklich ein Mann des Friedens bin, ich würde eine weltweite Sensation geschaffen haben, ich stünde gut da. Und am Ende müßten wir keinen Quadratmeter aufgeben und keinen einzigen Siedler umsiedeln.

Im schlimmsten Fall, wenn dies also nicht gelänge, und ich wirklich den Plan erfüllen müßte, dann wäre dies auch nicht schlecht. Ich würde dies in meinen grandiosen Plan integrieren, den besten Teil von Judäa und Samaria zu annektieren und die Araber in einem halben dutzend Enklaven zu lassen. Möchte irgendjemand diese Araber im Staate Israel?

Ich war sicher, daß die Führer der Siedler diese Logik verstehen würden. Ich lud sie zu privaten Gesprächen auf meine Farm ein und sagte ihnen: Seht mal, Jungs (Was, sind sie nicht meine Jungs?), ich führe ein großartiges Manöver durch. Wir werden ein paar kleine Siedlungen opfern. Alle Siedlungen im Gazastreifen und einige in Samaria. In den nächsten Phasen werden wir auch ein paar der größeren Siedlungen im Herzen Samarias opfern. Tut mir leid, aber es gibt keine Möglichkeit, das zu vermeiden.

Stimmt, das schmerzt. Ich sagte euch im voraus, daß es "schmerzvolle Konzessionen" geben wird, nicht wahr? Aber ich betrachte es vom historischen Standpunkt aus: wir werden ein paar tausend Siedler evakuieren, aber wir werden die anderen 200.000 retten. Und nicht nur dies, außerdem werden wir hunderttausende weitere Siedler bringen, und sie auf all dem Land ansiedeln, das wir in Judäa und Samaria annektieren. Es ist, als ob wir einen Baum etwas beschneiden, damit sich seine Wurzeln und Krone besser entwickeln können.

Ich war sicher, daß sie sich auf dieses Angebot stürzen würden. Was, kennen sie mich denn nicht? Habe ich denn nicht hunderte Male mit ihnen gesprochen? Waren sie denn nicht Tage und Nächte auf meiner Farm? Verstehen sie die historischen Dimensionen dieses Planes nicht? Sehen sie denn nicht, daß dies ein riesiger Schritt vorwärts ist zur Realisierung des Zionismus?

Ich sagte ihnen: Zionismus bedeutet ein jüdischer Staat im ganzen Erez Israel, ohne Araber. Das ist ein historischer Prozeß. Der Zionismus wußte in jeder Phase, was in diesem Stadium verwirklicht werden konnte. Er verstand die Grenzen der Macht und nahm an jedem Punkt, was er nehmen konnte, ohne seine Entschlossenheit aufzugeben, zu gegebener Zeit den Rest zu erreichen.

In der gegenwärtigen Phase ist es unsere Aufgabe, den größten Teil von Judäa und Samaria zu annektieren und die Araber - vorläufig - in Gaza, Hebron, Ramallah, Nablus und Jenin und deren Umgebung zu lassen. Sollen sie dies Palästinensischer Staat nennen, was kümmert uns das? Aber dafür müssen wir einige Siedlungen aufgeben. Ein paar dutzend, ja, unter ihnen einige der kostbarsten. Tut das weh? Ja, das tut es. Aber man muß das Gesamtbild betrachten. Denkt ans Ende, an die Endphase, wenn ihr und ich nicht mehr sind. Dann werden die Araber auch aus diesen Gebieten vertrieben.

Und was geschah? Die Siedler begannen zu toben. Keine einzige Siedlung kann aufgegeben werden, schrien sie.

Ich sagte zu ihnen: Schaut, ich bin ein Soldat. Vor der Schlacht bei Abu Ageila (**) wußte ich, daß soundso viele Soldaten getötet werden würden. Es ist nicht so, als hätte ich nicht einen Augenblick an die Toten, an ihre trauernden Familien gedacht. Doch hielt mich das nicht zurück. Wenn das Ziel wichtig genug war, diese Soldaten zu opfern, dann mußten sie geopfert werden. Kein Zögern. Keine Zweifel. Wer nicht in der Lage ist, dies zu tun, kann kein Kommandeur sein. Betrachtet es also auf diese Art.

Ich dachte, sie würden verstehen. Es ist logisch. Aber es scheint, daß sie sich einen Dreck um Logik scheren. Sie waren in einem Trancezustand. Alle Arten von Verrückten, Rabbiner und wiedergeborene Juden standen hinter ihnen. Sie sagten, falls wir eine einzige Siedlung räumen, kann der Prozeß nicht mehr aufgehalten werden, daß wir am Ende alle räumen würden. Ich versuchte, sie zu beruhigen - aber sie liefen Amok.

Und für wen? Für die Siedler von Gush Kativ sollte man glauben, nicht zuletzt Leute der Arbeiterpartei. Wer hat sie dorthin gesetzt? Israel Galili und Moshe Dayan (***). Sie sollten also nicht über Gott und das biblische Gebot, Erez Israel zu kultivieren, reden. Aber der religiöse harte Kern der Siedler von Judäa und Samaria stacheln sie auf, und nun beginnt es auszusehen wie ein Krieg zwischen dem Volk von Israel und den Siedlern insgesamt.

Hätte jemand vor fünf Jahren geglaubt, daß ich, Arik, der Feind Nummer eins der Siedler werden würde? Daß sie mich verfluchen würden und planen, mich umzubringen? Daß ich die Armee für die Evakuierung der Siedler vorbereiten würde, ich, der ich sie selbst aufgezogen und verhätschelt habe? Das ist die Ironie der Geschichte.

Ich wäre in diesem Augenblick viel glücklicher, wenn ich mit diesen Burschen, den Siedlern, zusammen sein und mit ihnen einen Mordskrach gegen einen anderen Ministerpräsidenten schlagen könnte.

Jemand schrieb, dies sei ein Krieg zwischen dem Staat Israel und dem jüdischen Staat. Daß es die Grundidentität des Staates beträfe. Daß ich, ein in Israel im Dorf Malal Geborener, die religiösen Fanatiker der Siedlungen zerbrechen werde, die die israelische Demokratie zerstören wollen. Nichts könnte mir ferner liegen. Ich habe die religiösen Leute und ihre Rabbiner immer geachtet. Einmal bin ich sogar ins Fettnäpfchen getreten und sagte, es sei wichtiger den Talmud zu studieren, als in einer Kampfeinheit der Armee zu dienen.

Aber welche Alternative habe ich? Ich habe das Gefühl, im Meer zu schwimmen, und Strömungen, die viel stärker als ich sind, reißen mich mit. Ich kann keinen Rückzieher machen, weil ich gegenüber Bush eine Verpflichtung habe, und weil ich entschieden und hart entschlossen aussehen muß, sonst verspeisen mich Bibi [Netanyahu] und die anderen Hyänen der Partei zum Frühstück. Und ich muß die Armee schützen. Ohne die Armee, was wird von Israel übrigbleiben?

Das ist es also. Man muß für einen weiteren Arbeitstag aufstehen. Man muß mit all diesen Bedeutungslosen eine Koalition aufbauen, die Strategie gegen Abu Mazen planen, der morgen gewählt wird und der mich mit honigsüßen Worten auszutricksen versucht. Und, was noch wichtiger ist, mich mit den Siedlern beschäftigen, die noch Bürgerkrieg verursachen werden.

Wer hätte je geglaubt, daß es so weit kommen würde?



(*) Hier spielt Sharon auf den klassischen jüdischen Witz vom polnischen Edelmann, der seinen Juden mit dem Tod bedroht, wenn er nicht seinem Pferd das Lesen beibringt, an.

(**) Sharons berühmteste Schlacht während des Krieges von 1967.

(***) Galili und Dayan waren beide führende Falken der Arbeiterpartei.





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