www.Freace.de
Impressum und Datenschutz


Nachrichten, die man nicht überall findet.




"Das ist kein Leben."
11.01.2005


Dahr Jamail






Bisher sind heute mindestens 18 Iraker gestorben, da die Gewalt weiter zunimmt während die sogenannten Wahlen näherkommen.

Selbstmordautobomber greifen jetzt fast täglich Wachen der irakischen Polizei (IP) an.

Das heutige Ziel war in Tikrit, wo nach Aussage von US-Militärsprecher Major Neal O'Brien sechs getötet wurden, als das Polizeipräsidium mit einer Bombe angegriffen wurde.

Er sagte außerdem: "Da die irakische Polizei stärker wird und weiterhin eine Bedrohung für die Rebellen und Terroristen darstellt, werden sie angegriffen."

Die meisten Iraker, mit denen ich gesprochen habe, sind anderer Ansicht als Herr O'Brien.

"Die irakische Polizisten sind die Marionetten der Amerikaner", sagt Abdulla Khassim, ein Iraker, der in Baghdad Gemüse verkauft, "wer kann sie respektieren wenn sie so beschämt sind, daß viele von ihnen Masken tragen um ihre Gesichter zu verstecken?"

Natürlich tun die IPs, die Masken auf ihren Gesichtern tragen, dies zu ihrer eigen Sicherheit und der ihrer Familien. So wie jeder, der als Kollaborateur mit den Besatzern angesehen wird, Ziel von Angriffen des Widerstands wird, gilt dies auch für ihre Familien. Viele der irakischen Nationalgarde, die jetzt in der irakischen Armee aufgegangen ist, tragen aus dem gleichen Grund schwarze Masken.

"Niemand respektiert sie, da sie offensichtlich keine Sicherheit bieten können", sagt Abu Talat mir, als wir heute an einem Transporter mit zwei IPs vor einer geschlossenen Tankstelle vorbeifahren.

Während meiner letzten Reise habe ich Interviews mit zahlreichen IPs durchgeführt, die sich über einen Mangel an Waffen, Funkgeräten und Fahrzeugen von den Besatzungskräften beschwerten. Ihre Beschwerden drehten sich hauptsächlich um die Tatsache, daß der Widerstand bessere Waffen als die Polizei hatte.

Später in meinem Zimmer sahen wir im Fernsehen eine Pressekonferenz mit dem sogenannten Übergangspremierminister Iyad Allawi. Ein Journalist fragte ihn, ob es wahr sei, daß der Mobiltelephondienst am 15. dieses Monats wegen der bevorstehenden "Wahlen" eingestellt würde.

Er wich der Frage aus... verwies sie an das Verteidigungsministerium. Das Verteidigungsministerium, das gestern erklärt hatte, daß die irakische Armee eine Stärke von 50.000 Soldaten hatte und hoffte, daß sie auf 70.000 erhöht werden würde. Nur daß Allawi heute erklärte, daß sie aus 100.000 Soldaten bestand.

Natürlich verschlimmert sich die Benzinkrise weiter. Die meisten der Tankstellen in Baghdad sind geschlossen. Statt Autos, die ihre Tanks auffüllen befinden sich in vielen von ihnen nur Stränge von Stacheldraht und leere Tanklastzüge.

Ekelhafte Erinnerungen an den Mangel an Wiederaufbau gibt es überall in Baghdad, wie dieses Gebäude, das während der Invasion zerstört wurde.

Die Iraker werden täglich an die Arbeitslosenquote von 70 Prozent erinnert, während der Benzinmangel die Preise von allem durch die Decke schießen läßt. Selbst Benzin kostet jetzt 1.000 irakische Dinar pro Liter auf dem Schwarzmarkt, was, wenn man nicht bereit ist, 12 bis 24 Stunden in einer Schlange zu warten, die einzige Möglichkeit ist, zu einer Tankfüllung zu kommen.

Als ich vor einem Monat im Irak war, lag der Preis bei 300 irakischen Dinar pro Liter. Man stelle sich vor, was man selbst im eigenen Land tun würde, wenn es eine Arbeitslosenquote von 70 Prozent gäbe, man die Arbeit verloren hätte und der Preis für Benzin in einem Monat auf 333 Prozent gestiegen wäre und so die Kosten von allem, von Lebensmitteln bis Heizöl, hochgetrieben hätte.

Um von dem Benzinmangel zu sprechen, diesen Morgen wurde eine Pipeline zwischen Kirkuk und der Raffinerie in Beji explodiert und mehrere Verbindungen südwestlich Kirkuks wurden ebenfalls zerstört.

Im Zentrum Samarras explodierte heute eine Autobombe als ein US-Konvoi vorbeifuhr, aber kein Wort der Militärs über Opfer, was bedeutet, das es vermutlich welche gab. Eine zweite Bombe explodierte kurz darauf, wobei mindestens ein irakischer Soldat und ein Zivilist getötet wurden.

Außerdem verfehlte eine Bombe in der Nähe von Yusufiyah einen US-Konvoi und traf einen Kleinbus, wobei 8 Iraker getötet und 3 weitere verwundet wurden. Aus unbekannten Gründen wurde der Kleinbus dann von bewaffneten Männern angegriffen und drei Iraker entführt.

Man erinnere sich, daß Yusufiyah, südlich Baghdads und im "Dreieck des Todes" gelegen, es kürzlich Schauplatz großangelegter US-britischer Militäroperationen war, um die Gegend von Widerstandskämpfern zu säubern. Es scheint, daß diese Operationen ebenso erfolgreich waren wie in Fallujah, wo die Kämpfe ebenfalls fast täglich weitergehen.

Während wir heute auf dem Weg zu einem Interview durch Baghdad fahren verbringen wir wieder einmal die meiste Zeit im Stau. An den meisten Kreuzungen gehen Frauen und Kinder zwischen den Autos mit ausgestreckten Händen durch und... betteln.

Abu Talat kramt in seiner Tasche nach einigen Dinars während ein alter Mann, der Gott um Hilfe für ihn anfleht, am Autofenster steht.

Einen Stock haltend segnet er Abu Talat mehrfach für seine Güte als er etwas Geld bekommt.

"Sieh Dir an, was aus Baghdad geworden ist, Dahr", sagt er zu mir, als der Verkehr schließlich beginnt, sich wieder zu bewegen, "Wir alle leiden jetzt. Das ist kein Leben."





Zurück zur Startseite





Impressum und Datenschutz

contact: EMail