www.Freace.de
Impressum und Datenschutz


Nachrichten, die man nicht überall findet.




Wer beneidet Abu Mazen?
17.01.2005


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs






Nun ist es offiziell: "Die erste Demokratie in der arabischen Welt" oder "die zweite Demokratie im Mittleren Osten" wurde geboren.

Die palästinensischen Wahlen haben die Welt beeindruckt. Wenn bis jetzt - falls überhaupt - in einem arabischen Land Wahlen durchgeführt worden sind, gab es nur einen Kandidaten und der erhielt 99,62 Prozent der Stimmen. Hier jedoch gab es 7 Kandidaten, es gab eine aufregende Wahlkampagne und der Sieger erhielt nur 62 Prozent.

Die Wahrheit ist natürlich, daß die palästinensische Demokratie bereits existierte. 1996 hielten die Palästinenser unter Kontrolle internationaler Beobachter eine Wahl für die Präsidentschaft und das Parlament ab. Yasser Arafat, der Führer des palästinensischen Befreiungskampfes, war nicht der einzige aufgestellte Kandidat; eine weitere Kandidatin war Samiha Khalil, eine hochgeachtete Frau, die fast 10 Prozent der Stimmen einsammelte. Aber wegen der dominierenden Persönlichkeit Arafats, der ungenügenden Trennung zwischen einzelnen Teilen der Regierung und der unnachgiebigen Diffamierung Arafats durch Israel erkannten viele Menschen rund um die Welt die palästinensische Demokratie nicht.

Nun hat sich die Situation verändert. Keiner kann das Beinahe-Wunder, das geschehen ist, leugnen: der glatte Übergang von der Arafat-Ära zur Ära seiner Nachfolger und die fairen Wahlen, die unter strenger internationaler Beobachtung stattfanden. Und am wichtigsten: die Demokratie wurde nicht von außen, nach Lust und Laune eines ausländischen Präsidenten, verhängt - sondern war von unten gewachsen. Und nicht unter normalen Umständen, sondern unter einer brutalen Besatzung.

Die ganze Welt erkennt die palästinensische Demokratie an. Allein dies schafft eine neue politische Situation.

Viel hängt nun von der Persönlichkeit Abu Mazens ab. Er beginnt seinen Weg im Schatten seines großen Vorgängers. Diejenigen, die einem Gründungsvater folgen, haben anfangs immer ein Problem wie die Erben Bismarcks oder Ben Gurions.

Denken wir nur an den Mann, der Gamal Abd-al-Nasser, dem Gründer des modernen Ägypten und dem Idol der ganzen arabischen Welt, folgte. Nachdem Nasser gestorben war, fragte ich meinen Freund Henry Curiel, was für ein Mensch dieser fast unbekannte Nachfolger sei.

Curiel, der die erste - vor allem jüdische - Ägyptische Kommunistische Partei gründete, hatte einen messerscharfen Verstand. Er hatte in Paris eine Art internationales Zentrum zur Hilfe für Befreiungsorganisationen in aller Welt geschaffen, während er enge Kontakte zu seiner Heimat aufrechterhielt. Seine Antwort war kurz und scharf: "Sadat ist ein Einfaltspinsel."

Er war mit dieser Ansicht nicht allein. Die Ägypter erzählten gerne einen Witz über den dunklen Fleck auf Sadats Stirne: "Bei jedem Treffen des Komitees der Freien Offiziere (die damals das Land regierten), pflegte Nasser seine Kollegen zu bitten, ihre Meinung zu äußern. Einer nach dem anderen stand auf und sprach. Am Ende stand auch Sadat auf und sprach. Nasser legte seinen Finger auf seine Stirne und drückte ihn sanft wieder auf seinen Stuhl und sagte: Ach, Anwar, setz dich!"

Doch nachdem er die Präsidentschaft angenommen hatte, versetzte Sadat die Welt in Staunen. Er sandte seine Armee über den Suez-Kanal und erlangte den ersten bedeutenden Sieg über die israelische Armee überhaupt. Sein Besuch in Jerusalem war eine in der Geschichte beispiellose Tat. Niemals zuvor hatte das Oberhaupt eines Staates die Hauptstadt seines Feindes besucht, während sie sich noch im Kriegszustand befanden.

Abu Mazen hat sein Leben lang im Schatten Arafats gestanden. Er war kein militärischer Führer wie der verehrte Abu Jihad, der von Israel ermordet worden war. Er hatte nicht das Kommando über die Sicherheitskräfte wie Abu Iyad, der von Abu Nidal ermordet worden war. Seit 1974 war er eng mit Arafats historischen Bemühungen verbunden, mit Israel eine politische Einigung zu erreichen und war verantwortlich für die Kontakte mit israelischen Friedenskräften. 1983 traf ich ihn selbst in Tunis das erste Mal.

Ich werde nicht überrascht sein, wenn Abu Mazen als Präsident des werdenden palästinensischen Staates Talente und Eigenschaften zeigen wird, die während der Arafat-Ära nie zum Ausdruck kamen. Er könnte der palästinensische Sadat werden.

Natürlich ist Abu Mazen völlig anders als Sadat. Der ägyptische Führer hatte eine Begabung für Dramatik (wie Menachem Begin), er liebte große Gesten (wie Arafat). Abu Mazens Stil ist das genaue Gegenteil.

Und noch ein großer Unterschied. Sadat hatte die absolute Kontrolle über ein großes Land. Er konnte es sich leisten, andere Ansichten zu ignorieren. Abu Mazen kann sich eines solchen Luxus nicht erfreuen.

Er bringt eine wertvolle Mitgift in sein Amt mit: seine Beziehungen zum Präsidenten der Vereinigten Staaten.

George Bush ist ein einfacher Bursche. Einige Leute liebt er, andere haßt er - und dies entscheidet über die Politik der größten Macht der Welt. Er liebt Ariel Sharon und ist ihm fast hörig. Da er niemals in einer Schlacht gewesen ist, bewundert er den kampferfahrenen israelischen General. Sharon personifiziert für ihn den amerikanischen Mythos - die Ausrottung der Indianer und die Eroberung des Landes. Arafat andererseits erinnerte ihn an einen Indianerhäuptling, dessen Sprache unverständlich und dessen Tricks teuflisch sind.

Als Bush Abu Mazen, eine respektable Person im Anzug eines Geschäftsmannes, ohne Bart und Keffiye, in Aqaba sah, mochte er ihn auf Anhieb. Deshalb gratulierte er ihm in dieser Woche und lud ihn ins Weiße Haus ein. Die Frage ist nun, ob Abu Mazen seine Haltung schnell in politische Erfolge ummünzen kann.

Für Sharon stellt sich die Situation als schwieriges Dilemma dar. Seine natürliche Neigung wäre die, Abu Mazen gegenüber dasselbe zu tun, was er Arafat gegenüber mit Erfolg tat: ihn zu dämonisieren und seine Verbindungen nach Amerika zu kappen. Schon murmelt er über Abu Mazens Unwillen, die "Terrororganisationen" zu zerstören.

Aber Sharon weiß, daß er sich äußerst vorsichtig verhalten muß, um Bush ja nicht zu verärgern. Solange Bush Abu Mazen gut findet, darf Sharon nicht als derjenige gesehen werden, der ihn untergräbt. Dies gibt Abu Mazen auch eine Chance.

Was kann er also tun?

Seine erste Aufgabe ist es, mit den Organisationen, die Abkommen mit Israel ablehnen, einig zu werden. Kein Führer kann nationale Politik treiben, solange bewaffnete Fraktionen in entgegengesetzter Richtung feuern.

Ben Gurion war vor der Gründung Israels in ähnlicher Situation, als er sich der Irgun und der Sterngruppe gegenüber sah, die unabhängig handelten. Einmal versuchte er, sie in eine vereinigte "Hebräische Aufstandsbewegung" einzubinden, ein anderes Mal übergab er ihre Kämpfer der britischen Polizei. Es ist aber äußerst wichtig, sich daran zu erinnern, daß Ben Gurion die entscheidende Auseinandersetzung - durch die Bombardierung des irgunsischen Schiffes Altalena - erst nach der Gründung des Staates Israel. Die beiden Organisationen wurden dann in die neue israelische Armee integriert.

Jeder, der sagt, daß Abu Mazen bereit oder in der Lage sei, einen Bürgerkrieg gegen die Hamas zu beginnen, weiß nicht, wovon er spricht. Die palästinensische Öffentlichkeit würde es nicht dulden. Die meisten Palästinenser sind davon überzeugt, Sharon würdee ohne den palästinensischen bewaffneten Kampf nicht vom Rückzug aus dem Gazastreifen sprechen. Sie sind zu einer Waffenruhe bereit, um Abu Mazen eine Chance zu geben. Aber sie wollen nicht die Auflösung der kämpfenden Organisationen, weil es notwendig sein könnte, den bewaffneten Kampf wieder aufzunehmen, wenn Abu Mazen die Amerikaner und die Israelis nicht davon überzeugen kann, die Palästinenser in die Lage zu versetzen, ihre nationalen Ziele zu verwirklichen.

Bei seinen Auseinandersetzungen mit Hamas wird Abu Mazen - genau wie Arafat - eine Kombination aus Verhandlungen, politischem Druck und der Mobilisierung der öffentlichen Meinung bevorzugen. Er wird die bewaffneten Fraktionen davon überzeugen müssen, die nationale Strategie zu akzeptieren, die von der Führung angenommen wird. Dafür wird er die Hamas in das politische System, die PLO und das Parlament einbinden müssen.

Der Angriff auf der Karni-Übergang in dieser Woche war eine Demonstration der Stärke durch die bewaffneten Fraktionen. Es war eine klassische Guerilla-Aktion, so wie vor kurzem die Zerstörung des Armeepostens an der "Philadelphi-Achse". Die Organisationen wollen beweisen, daß sie nicht besiegt worden sind, sondern mit der israelischen Armee vielmehr ein Unentschieden erreicht haben. Wenn es zu einer Waffenruhe kommt, dann wird es kein Zeichen der Schwäche ihrer Seite sein. Auf die gleiche Art ging der Yom-Kippur-Angriff dem ägyptisch-israelischen Frieden und der Guerillakrieg der Hisbollah dem Rückzug aus dem Libanon voran.

Falls Abu Mazen eine solche Waffenruhe erreicht, wird er sich seiner Hauptaufgabe widmen können: Israel und die öffentliche Meinung für sich zu gewinnen und die Politik der Vereinigten Staaten zu ändern.

Sadat gelang beides. Aber Sadat hatte es mit Menachem Begin zu tun, der bereit war, das ägyptische Territorium aufzugeben, um den Kampf gegen die Palästinenser fortzuführen und die Schaffung eines palästinensischen Staates zu verhindern. Auch Sharon ist gegen die Schaffung eines palästinensischen Staates auf der ganzen West Bank und im Gazastreifen mit seiner Hauptstadt in Ost-Jerusalem. Aber Abu Mazen kann und wird - wie Arafat - nicht mit weniger als diesem jetzt geheiligten Ziel zufrieden sein.

Das ist ein weiterer großer Unterschied zwischen Sadat und Abu Mazen: Sadat kam nach Jerusalem erst, nachdem ihm im Geheimen zugesichert worden war, daß Begin bereit war, den ganzen Sinai zurückzugeben. Sharon dagegen verspricht Abu Mazen gar nichts.

Abu Mazen wurde heute in sein Amt vereidigt. Viele hoffen, daß er Erfolg haben wird, nur wenige beneiden ihn.





Zurück zur Startseite





Impressum und Datenschutz

contact: EMail