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Die Zerstörung Babylons
17.01.2005


Dahr Jamail






Die Attacke auf Mosul hat begonnen, Besatzungsstreitkräfte führen Angriffe in der drittgrößten Stadt des Iraks durch. Während es dort Massenkündigungen von Polizisten und Wahlhelfern gibt, hat erneut ein neuer Polizeichef die Kontrolle über die 1.000 Mann starke Polizei - die noch vor zwei Monaten über 5.000 Mann stark war - erhalten.

In Ramadi dauern schwere Kämpfe zwischen den Bringern von "Demokratie" und jenen, die der Besatzung Widerstand leisten, an. Es wird berichtet, daß eine US-Basis nahe der Stadt von fünf großen Explosionen erschüttert wurde.

Samarra war nicht ohne ihren Anteil an der "Demokratie" als US-Soldaten das Feuer auf ein Auto mit Zivilisten eröffneten. Der Sprecher des Militärs sagte, es seien Warnschüsse abgefeuert worden, bevor auf das Auto geschossen worden sei, wobei zwei Menschen verletzt worden seien. Die irakische Polizei, zusammen mit mehreren Augenzeugen, allerdings berichtete, daß das Auto von einem Panzer beschossen worden war und dabei vier Menschen gestorben seien. Gerade gestern ist ein US-Soldat zusammen mit vier irakischen Soldaten in Samarra getötet worden.

Natürlich dauern die Kämpfe im "stabilisierten" Fallujah an. Erinnert sich noch jemand, daß der Grund dafür, daß Fallujah bis auf die Grundmauern zerbombt wurde, Stabilität und Sicherheit für die "Wahlen" zu bringen war? Erinnert sich noch jemand, wie der Irak angegriffen wurde, weil das frühere Regime Massenvernichtungswaffen hatte?

Näher an Zuhause wurde eine Patrouille der irakischen Armee südlich der Hauptstadt angegriffen, wobei zwei von ihnen verletzt wurden. So schrecklich das ist, so erging es ihnen doch besser als ihren 15 Kameraden, die kürzlich in der Nähe von Hit aus einem Bus entführt wurden.

Da die Benzinkrise anhält und täglich schlimmer wird haben 300 Anhänger des shiitischen Geistlichen Muqtada al-Sadr heute vor dem Ölministerium mit einem Sitzstreik begonnen - ihre Hauptbeschwerde ist die Frage: "Warum hat das US-Militär Unmengen Benzin für seine Fahrzeuge und Iraker nicht?"

Gute Frage.

Als ich mich heute Morgen für den Tag vorbereite, wird die "Green Zone" mit Mörsern angegriffen, während ich mir Kaffee mache. Genau wie gestern. Und den Tag davor. Und... nun, es wird wohl deutlich.

Natürlich sind das nur die Glanzlichter der Gewalt. Geschichten über die neue "Freiheit", wie sie von den Irakern genossen wird, gibt es im täglichen Leben zum Überfluß.

Abu Talats Frau arbeitet in einer Bank und sie hat ihm gesagt, daß viele der Banken in Baghdad ihre Angestellten im Voraus für die nächsten beiden Wochen bezahlen, weil sie Angst vor Raubüberfällen während der "Wahlen" haben.

Wir fahren an der Rashid Bank im Baghdader Stadtteil Karrada vorbei, als er die Geschichte erzählt. Soldaten der irakischen Armee haben die Straße vor der Bank abgeriegelt, die meisten stehen herum mit ihren schwarzen Gesichtsmasken, rauchen Zigaretten und halten lässig ihre Kalaschnikows.

"Meine Frau hat mir erzählt, daß vier Milliarden irakische Dinars (2,6 Millionen US-Dollar) aus einem Fahrzeug gestohlen wurden, daß zwischen Kut und Baghdad unterwegs war", sagt er, "drei der Wächter wurden getötet, als sie das Geld zur Zentralbank in Baghdad bringen wollten."

Für den Fall, daß die "Wahlen" von einer Reihe von Banküberfällen begleitet werden, gehen wir, um etwas Geld abzuheben, daß ich zu einer örtlichen Bank transferiert hatte.

Die meiste Zeit des Tages finden unsere Mobiltelephone kein Netz. Kürzlich hat die irakische "Regierung" angekündigt, daß zur Erhöhung der Sicherheit während der Abstimmungen am 30. Januar Mobil- und Satellitentelephone deaktiviert und die Benutzung von Autos wird am Tag vor, der und nach den "Wahlen" "begrenzt" sein.

Ich sage "Wahlen", weil die Wahlkommission erklärt hat, daß sie die Namen der Kandidaten vor den "Wahlen" nicht bekanntgeben wird. Angesichts von vier der 18 Provinzen des Iraks, die nicht an den Wahlen teilnehmen können, einem geschätzten Anteil von 90 Prozent der sunnitischen Bevölkerung, der nicht wählt, einem beträchtlichen Teil der shiitischen Bevölkerung, der die "Wahlen" boykottiert und einem sehr großen Prozentsatz der Iraker, der aufgrund der entsetzlichen Sicherheitslage nicht bereit ist zu wählen scheint es etwas übertrieben, sie als Wahlen zu bezeichnen.

Apaches donnern tief über uns hinweg als wir die Bank verlassen und uns auf den Weg nach al-Dora machen, um einige Freunde zu besuchen. Wir schlängeln uns durch einige Betonbarrieren auf der Auffahrt zur Autobahn.

An unserem Ziel trinken wir mit einigen Freunden Kaffee. Ich frage eine von ihnen, eine College-Studentin, wie es ihr geht.

"Die Probleme sind endlos", sagt sie. "Kein Strom, keine Arbeit, und es gibt nie genug Geld."

Ihre Schwester erzählt uns, daß es jeden Tag Kämpfe in Dora gegeben hat und daß der Strom üblicherweise abgeschaltet wird, wenn das passiert.

Wir unterhalten uns noch etwas, bevor wir uns auf den Weg machen, da es dunkel wird. Ich erinnere mich, daß ein Freund aus Baquba mir heute, als mein Mobiltelephon tatsächlich Empfang hatte, erzählt hat, daß es dort täglich zu Kämpfen und vielen Hausdurchsuchungen kommt. Er ist sogar für fünf Stunden vom Militär gefangengenommen worden. "Ich weiß nicht, warum sie mich gefangengenommen haben", sagte er mir. "Das ist die Freiheit - es steht ihnen frei, jeden ohne Grund gefangenzunehmen."

Wir fahren langsam aus Dora heraus und kommen dabei an einer schwarzen Fahne (Todesmeldung) nach der anderen vorbei. Auf einigen von ihnen steht die Todesursache zusammen mit dem Namen des Menschen.

"Der Mann wurde durch eine Explosion getötet", liest mir Abu Talat vor. "Und der durch Schüsse."

Die schwarzen Fahnen sind in Baghdad überall. Gebäude, Zäune und Wände werden von ihnen an jeder Ecke verdunkelt. Sie sind während der ganzen Besatzung zu sehen gewesen, aber jetzt sind sie, wie die Bettler, überall.

Der Guardian hat kürzlich berichtet, daß "Soldaten der US-geführten Streitkräfte weitreichende Schäden und Verschmutzungen an den Überbleibseln der antiken Stadt Babylon verursacht haben."

Die antike Stadt, südlich Baghdads, wird von polnischen und US-Soldaten als Militärlager benutzt, trotz Bedenken von Archäologen.

Eine von Archäologie-Experten durchgeführte Studie fand Risse und Löcher, wo Leute versucht haben, verzierte Mauersteine aus den berühmten Drachen des Ishtar-Tores herauszubrechen, "2.600 Jahre altes Pflaster von Militärfahrzeugen zermalmt, archäologische Fragmente über die Fundstelle verstreut und Gräben, die in antike Lagerstätten getrieben wurden."

Die Geschichte des Guardian geht weiter:

"Schandtat ist kein ausreichendes Wort, das ist einfach furchtbar", sagte Lord Redesdale, ein Archäologe und Leiter der parteiübergreifenden parlamentarischen Archäologiegruppe. "Dies sind Orte von Weltrang. Die amerikanischen Streitkräfte beschädigen nicht nur die Archäologie des Iraks, sie beschädigen vielmehr das kulturelle Erbe der ganzen Welt."

Tim Schadla Hall, Lektor für allgemeine Archäologie am Institut für Archäologie der Universität London, sagte: "In diesem Fall sehen wir einen Konflikt, bei dem die USA darin versagt haben, die Forderungen der Haager Konventionen umzusetzen... wichtige archäologische Stätten zu schützen - noch eine Konvention, die sie anscheinend gern ignorieren."

Babylon wird also zerstört. Zusammen mit dem irakischen Volk.





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