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Nachrichten, die man nicht überall findet.




Broder brodelt
23.01.2005








Am Samstag veröffentlichte der Spiegel einen Artikel unter den Namen von Henryk Broder und Claus Christian Malzahn mit dem Titel "Verrückt nach Bush". Treffender hätten sich die beiden Autoren kaum charakterisieren können, auch wenn dies sicherlich nicht in ihrer Absicht lag. Sie erwecken hier den Eindruck, als wäre Kritik an George W. Bush gleichbedeutend mit Gotteslästerung, zumindest aber Majestätsbeleidigung.

Auslöser für dieses schriftliche Aufheulen waren offenbar Berichte, in denen der aus George W. Bushs Amtsantrittsrede stammende Satz "Die größte Hoffnung auf Frieden in unserer Welt ist die Ausbreitung der Freiheit überall in der Welt" vielmehr als Drohung aufgefaßt wurde. Die Behauptung, daß dieser Satz vollkommen anders aufgefaßt worden wäre, wäre er von Nelson Mandela, Bischof Huber oder den Präsidenten des ADAC ausgesprochen worden, ist sicherlich zutreffend, vernachlässigt dabei allerdings die Tatsache, daß all diese Personen nicht bereits zwei Angriffskriege gegen andere Staaten geführt haben.

Selbst die zitierte Aussage des Vorsitzenden der Grünen, Reinhard Bütikofer, "Amerika ist für Demokratie in den Irak gezogen. Am Ende ist auch nicht ansatzweise was Ähnliches dabei herausgekommen" belegt vor allem erstaunliche Erinnerungslücken Bütikofers, ging es den USA doch vorgeblich bei dem Angriff auf den Irak um die angebliche Gefährdung der USA durch die ebenso angeblichen Massenvernichtungswaffen des Landes.

Selbst diese durch Bütikofer klaglos vom Weißen Haus übernommene Geschichtsanpassung geht den beiden Spiegel-Autoren aber offensichtlich nicht weit genug und so schrieben sie, daß die Kurden im Irak "nach dem Sturz Husseins zum ersten Mal seit langer Zeit wieder über ihr Schicksal entscheiden dürfen, ohne daß ihnen ein Diktator Chemiebomben aufs Haupt wirft". Dies wiederum ignoriert die Tatsache, daß bereits nach dem ersten Krieg der USA gegen den Irak im Jahr 1991 von diesen eine Flugverbotszone nördlich des 36. Breitengrades eingerichtet wurde, unter deren Schutz diese kurdische Region praktisch unabhängig von Baghdad wurde. Ebenso leugnen die Autoren hiermit, daß der Irak offenbar tatsächlich den UN-Forderungen nach vollständiger Vernichtung aller Massenvernichtungswaffen nachgekommen war - erst kürzlich haben die USA ihre Suche nach diesem "Kriegsgrund" endgültig eingestellt.

Der an Bütikofer gerichtete Vorwurf, er habe "seine These nicht vor Ort überprüft", ist zwar sachlich nicht zu beanstanden, andererseits kommt dieser Bumerang mit großer Geschwindigkeit auf Broder zu, da er einer Spiegel-Reihe zufolge zwar im vergangenen Jahr ausgiebig die USA bereist hat, den Irak allerdings auch lieber gemieden hat. Die Freude der beiden Autoren über die Exil-Iraker, die sich derzeit für die Wahlen im Irak registrieren lassen, offenbart zumindest ein ungewöhnliches Demokratiebild. Die Beteiligung von Nachkommen von vor Jahrzehnten ausgewanderten ehemaligen Bürgern eines Landes, die schon seit langem eine andere Staatsbürgerschaft besitzen, an einer Wahl in diesem Herkunftsland hat mit der üblichen Vorstellung von demokratischen Vorgängen nur wenig zu tun.

Angesichts des von den USA auf Indien und Pakistan ausgeübten Drucks, eine friedliche Lösung für ihren Konflikt zu finden, von "Washingtons Kriegstreiber als Pazifisten der Tat" zu sprechen, muß ebenso verwundern. Nicht nur, daß ein zwischen Indien und Pakistan geführter Atomkrieg alles andere als im Interesse Washingtons läge, ein "Pazifist", der zwei Angriffskriege geführt hat, scheint doch ein leichter Widerspruch zu sein.

Die in dem Satz "ein demokratisierter Irak wäre weder für seine Bevölkerung noch für seine Nachbarn bedrohlich" gemachte Behauptung, begründet mit der Aussage "noch nie haben zwei demokratische Staaten gegeneinander Krieg geführt", ist geradezu absurd. So führte beispielsweise die erste deutsche Demokratie geradewegs zur Wahl Adolf Hitlers. Und auch die USA haben sich durch ihre Demokratie bisher nicht daran hindern lassen, offen und verdeckt Krieg gegen zahllose Länder zu führen.

Die Annahme hinsichtlich der Forderung, die USA sollten den Irak umgehend verlassen, daß "George W. Bush dieser Forderung am liebsten so schnell wie möglich nachkommen würde", wird durch die Einrichtung zahlreicher US-Basen im Irak auf Jahrzehnte schon lange widerlegt.

Broder und Malzahn sind sich auch nicht zu schade, die schon häufig als falsch bewiesene Behauptung, "90 Prozent der Selbstmordattentäter" im Irak kämen aus dem arabischen Ausland, zu wiederholen - hier rächt sich offenbar nicht nur der ausgelassene Irak-Besuch, sondern auch die Ignoranz unangenehmer Fakten. Und auch die offenbar systematischen Folterungen irakischer Gefangener auf höchsten Befehl hin werden in dem Artikel als "Sündenfall in Abu Ghurayb" beschönt.

Wenn sie abschließend schreiben, "was wir derzeit erleben ist nur der Anfang vom Ende eines Alptraums", so verkennen sie die Realität anscheinend vollends. Angesichts von innerhalb von knapp zwei Jahren der Besatzung durch die USA über 100.000 getöteten Irakern, vernichteten Städten, zerstörten Geschichtsstätten, täglichen und stundenlangen Stromausfällen, Benzinknappheit in einem der ölreichsten Länder, mindestens 70 Prozent Arbeitslosigkeit und der flächendeckenden Verseuchung des Landes durch Uranmunition scheint der Alptraum für das irakische kaum jemals schlimmer gewesen zu sein.





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