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King George
23.01.2005


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs






Als König Georg V. starb, bekamen wir als Zeichen der Trauer schulfrei. Palästina war damals ein Teil des britischen Empire, das das Land als Mandat des Völkerbundes regierte. Bis zum heutigen Tag trägt im Zentrum Tel Avivs eine Straße, nicht weit von meiner Wohnung, den Namen von King George.

Der Nachfolger George V. war (nach einer kurzen Zwischenzeit) George VI., der bis vor kurzem der letzte George in unserem Leben war. Nun haben wir einen neuen King George, keinen britischen, sondern einen amerikanischen.

Die Beziehung zwischen den Vereinigten Staaten und Israel ist schwer zu erklären. Die USA haben kein offizielles Mandat über unser Land. Es ist kein normales Bündnis zwischen zwei Nationen. Ebensowenig ist es eine Beziehung zwischen einem Trabanten und seinem ihn beherrschenden Land.

Einige Leute sagen, nur halb im Scherz, daß die USA eine Kolonie Israels sei. Und tatsächlich sieht es in vieler Hinsicht so aus. Präsident Bush tanzt nach Ariel Sharons Pfeife. Beide Häuser des Kongresses sind gegenüber dem israelischen rechten Flügel total unterwürfig - viel mehr als die Knesset. Man hat gesagt, daß wenn die proisraelische Lobby auf dem Kapitolhügel eine Resolution unterstützen würde, die dazu aufriefe, die 10 Gebote abzuschaffen, dann würden beide Häuser des Kongresses dies mit überwältigender Mehrheit annehmen. Der Kongreß bestätigt jedes Jahr die Zahlung eines enormen Tributs an Israel.

Andere aber behaupten das Gegenteil: daß Israel eine amerikanische Kolonie sei. Und tatsächlich ist auch dies in vieler Hinsicht wahr. Es ist für die israelische Regierung undenkbar, eine klar umrissene Forderung des Präsidenten der USA zurückzuweisen. Amerika verbietet Israel, ein teures Aufklärungsflugzeug an China zu verkaufen? Israel streicht den Verkauf. Amerika verbietet eine umfangreiche Militäraktion, wie letzte Woche im Gazastreifen? Keine Aktion. Amerika wünscht, die israelische Wirtschaft solle nach amerikanischen Grundsätzen neu geleitet werden? Kein Problem: ein Amerikaner (ganz sicher ein Beschnittener) ist jetzt von der Zentralbank Israels als Direktor ernannt worden.

In der Tat sind beide Versionen richtig: die USA sind eine israelische Kolonie, und Israel ist eine amerikanische Kolonie. Die Beziehungen zwischen beiden Ländern sind eine Symbiose, ein Terminus, der im Oxford Dictionary als "eine Verbindung von zwei Organismen, die eng mit einander verbunden sind oder der eine im anderen lebt" definiert wird (abgeleitet aus den zwei griechischen Wörtern für "leben" und "zusammen").

Vieles ist schon über die Ursprünge dieser Symbiose gesagt worden. Der amerikanische christliche Zionismus ging der Gründung der jüdisch zionistischen Organisation voraus. Der amerikanische Mythos ist mit dem zionistisch israelischen Mythos fast identisch, dem Inhalt als auch dem Symbolgehalt nach. (Die Siedler flohen wegen Verfolgung aus ihren Heimatländern, ein leeres Land, Pioniere erobern die Wildnis, die wilden Eingeborenen, und so weiter.) Beide sind Einwanderungsländer, was Gutes und Schlechtes mit einschließt. Beide Regierungen glauben, daß ihre Interessen übereinstimmen. Am Unabhängigkeitstag Israels sieht man viele amerikanische Flaggen neben der israelischen - ein Phänomen, für das es keine Parallele auf der Welt gibt.

Deshalb hatte die Amtseinführung von George Bush in der letzten Woche eine besondere Bedeutung für Israel. Der vom Staat kontrollierte Fernsehkanal übertrug sie live. In vieler Hinsicht ist der Präsident der USA auch der König Israels.

George Bush ist eine sehr einfache, sehr gewalttätige Person mit sehr extremen Ansichten, obendrein ein großer Ignorant. Das ist eine sehr gefährliche Kombination. Solche Leute haben in der Geschichte der Menschheit schon viele Katastrophen ausgelöst. Maximilian Robespierre, der französische Revolutionär, der die Terrorherrschaft erfand, ist "der große Vereinfacher" genannt worden, wegen der schrecklichen Einfalt seiner Ansichten, die er mit der Guillotine durchzusetzen versuchte.

Die Ideologen, die Bushs Gedanken und Taten lenken, werden "Neo-Konservative" genannt, aber dies ist eine irreführende Bezeichnung. Tatsächlich sind sie eine revolutionäre Gruppe. Ihr Ziel ist es, nicht etwas zu erhalten, sondern umzustürzen. Sie sind - meistens jüdisch - Schüler von Leo Strauss, einem deutsch-jüdischen Professor mit einer trotzkistischen Vergangenheit, der damit endete, semi-faschistische Ideen zu entwickeln und sie an der Universität von Chicago verbreitete. Er illustrierte seine Haltung gegenüber der Demokratie, indem er die Geschichte von Gulliver zitierte: als in der Zwergenstadt ein Feuer ausbrach, löschte er das Feuer, indem er auf sie urinierte. Auf diese Weise muß die kleine Elitegruppe der Führer das dumme und naive Volk behandeln, das nicht weiß, was gut für sie ist.

In seiner Krönungsrede versprach Bush, in jede Ecke der Welt Freiheit und Demokratie zu bringen. Nicht mehr und nicht weniger. Er nannte die beiden Länder, in denen er dieses Ziel schon erreicht habe: Irak und Afghanistan. Beide sind von amerikanischen Flugzeugen, die die Botschaft aus ihren Bombenschächten fallen ließen, verwüstet worden. Kürzlich radierten amerikanische Soldaten eine große Stadt von der Erdoberfläche aus, um die Gegner von "amerikanischen Werten" zu überzeugen. Nun sieht Fallujah aus, als wäre es von einem Tsunami getroffen worden.

Es ist kein Geheimnis, daß die Neo-Cons beabsichtigen, auch dem Iran und Syrien die "Demokratie zu bringen", und so zwei weitere alte Feinde der USA und Israels zu eliminieren. Dick Cheney, der stellvertretende Präsident (ganz sicher kein Vertreter von Tugenden), hat bereits prophezeit, daß Israel den Iran angreifen könnte, als würde er drohen, einen Rottweiler loszulassen.

Man hätte hoffen können, daß nach dem totalen Debakel im Irak und dem weniger offensichtlichen, aber gleich schweren Mißlingen in Afghanistan, Bush vor weiteren solchen Aktionen zurückschrecken würde. Aber wie es fast immer bei Herrschern dieses Typs geschieht, kann er sich nicht geschlagen geben und aufhören. Im Gegenteil, ein Fehlschlag treibt ihn dahin, noch extremer zu werden und schwört eher wie der Kapitän der Titanic, "auf Kurs zu bleiben".

Es gibt keine Möglichkeit sich vorzustellen, was Bush anrichten wird, nun, wo er von seinem Volk wiedergewählt wurde. Sein Ego ist zu gigantischen Ausmaßen aufgeblasen worden und bestätigt damit, was Aesop vor 27 Jahrhunderten sagte: "Je kleiner der Geist, um so größer die Einbildung".

Er hat den unglückseligen, schwachen Colin Powell hinausgeworfen (wie David Ben Gurion Moshe Sharett entfernte, um 1956 seinen Angriff auf Ägypten vorzubereiten) und seine persönliche Dienerin Condoleezza Rice ernannt, (wie Ben Gurion Sharett durch Golda Meir ersetzte).

Nun heißt der Befehl: "Macht das Deck frei für Taten!" Auf diesem Deck ist Bush eine losgemachte Kanone, eine Gefahr für jeden in seiner Nähe. Die Folge dieser Wahlen könnten von der Geschichte als weltweite Katastrophe angesehen werden.

Innenpolitisch kann er ähnliche Katastrophen verursachen. Im Namen der "amerikanischen Werte" ist er dabei, einen der tiefsten amerikanischen Werte zu zerstören: die Trennung von Kirche und Staat. Seine Religion ist die eines "wiedergeborenen" Konvertiten, eine primitive Religion ohne Moral und Mitgefühl. Die Verhängung dieser Religion über alle Lebensbereiche - vom Verbot der Abtreibung und der gleichgeschlechtlichen Ehe bis zur Überarbeitung von Schulbüchern - könnte die Gesellschaft um Jahrhunderte zurückwerfen und die Verfassung entwerten. Nach vier weiteren solchen Jahren könnte Amerika ein anderes Land sein als das, das wir in unserer Jugend liebten und bewunderten.

Einer meiner Freunde behauptet, daß in der amerikanischen Nation zwei Seelen wohnen, eine gute und eine böse. Das mag für jede Nation gelten, einschließlich sogar Israel und Palästinas, aber in Amerika ist es wesentlich extremer. Da ist das Amerika von Thomas Jefferson (auch wenn er die Sklaven erst auf seinem Sterbelager befreite), Abraham Lincoln, Woodrow Wilson, Franklin Delano Roosevelt und Dwight Eisenhower, das Amerika der Ideale, des Marshallplans, von Wissenschaft und Künsten. Und da gibt es das Amerika des Völkermords, der gegenüber den einheimischen Amerikanern verübt wurde, das Land der Sklavenhändler und des Wildwestmythos, das Amerika von Hiroshima, von Joe McCarthy, der Rassentrennung und von Vietnam, das gewalttätige und unterdrückende Amerika.

Während Bushs zweiter Amtszeit könnte dieses zweite Amerika neue Dimensionen der Häßlichkeit und Brutalität erreichen. Es könnte der ganzen Welt ein Modell der Unterdrückung darbieten. Ich würde nicht wollen, daß mein Land, Israel, mit solch einem Amerika identifiziert würde. Jeder Vorteil, den wir von ihm gewinnen können, könnte sich als nur kurzfristig erweisen, der Schaden dagegen lange anhalten und vielleicht nicht mehr rückgängig zu machen sein.

Einer der Vorzüge der US-Verfassung ist, daß Bush nicht ein drittes Mal gewählt werden kann. Ein volkstümliches israelisches Lied sagt: "Wir haben den Pharao überlebt, wir werden auch dies überleben." Vielleicht wird dies zu einer Hymne für die ganze Welt.





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