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Das Patt
31.01.2005


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs






Vielleicht ist die zweite Intifada zu Ende. Vielleicht entwickelt sich die Waffenruhe im Gazastreifen zu einem allgemeinen, beidseitigen Waffenstillstand.

Für mich hat das Wort "Waffenruhe" einen besonderen Klang. Als ich im Krieg von 1948 Soldat war, machte ich zweimal die Erfahrung, was es heißt, auf eine Waffenruhe zu warten. Jedes Mal waren wir nach schweren Kämpfen, in denen viele unserer Kameraden getötet oder verwundet wurden, total erschöpft. Wir hofften aus tiefstem Herzen, daß es tatsächlich zu einer Waffenruhe kommen würde, erlaubten uns aber nicht, daran zu glauben. In beiden Fällen brach nur wenige Minuten vor dem angegebenen Zeitpunkt entlang der ganzen Frontlinie eine wahnsinnige Kakophonie des Schießens aus, jeder schoß mit allem, was er hatte. Anscheinend, wie sich später herausstellte, um im letzten Augenblick noch ein paar Vorteile zu erhaschen.

Und dann hörte das Schießen plötzlich auf. Eine unheimliche Stille breitete sich aus. Wir schauten einander an und sprachen nicht aus, was wir alle fühlten: Wir sind gerettet. Wir sind am Leben geblieben!

Ich verstehe deshalb die Gefühle der Kämpfer auf beiden Seiten, die nun hoffen, daß die beidseitige Waffenruhe in Kraft treten und halten wird. Nach vier und ein Viertel Jahren Kampf ist jeder erschöpft.

Die erste Frage nach dem Ende des Kämpfens ist: Wer hat gewonnen?

Natürlich wird jede Seite den Sieg für sich beanspruchen. Die palästinensischen Organisationen werden erklären, daß nur die Qassam-Raketen und die Mörsergranaten Israel zu einer Waffenruhe gezwungen hätten. Die Israelis werden behaupten, daß die israelische Armee den Terrorismus vernichtet und die Palästinenser gezwungen habe, aufzugeben.

Wer hat also gewonnen? Tatsächlich, niemand. Der Kampf endete mit einem Unentschieden.

Die israelische Armee hat nicht gewonnen, da es ihr nicht gelungen ist, den Angriffen ein Ende zu setzen, geschweige denn "die Infrastruktur des Terrors zu zerstören". Am Vorabend der Waffenruhe haben die Qassam-Raketen und die Mörsergranaten das Leben in der Stadt Sderot in eine Hölle verwandelt. Die Einwohner verstecken nicht, daß sie sich dem Zusammenbruch nähern.

Außerdem hatten die Organisationen eine neue Stufe erreicht, indem sie kompliziertere Angriffe, wirkliche Guerillaaktionen, ausführten. Die Zerstörung eines Armeepostens an der "Philadelphi-Achse", schloß die Sprengung eines darunterliegenden Tunnels und die Erstürmung des Postens selbst ein. Ähnlich war der Angriff auf den Karni-Checkpoint mit einer kombinierten Sprengung der Mauer und einem Angriff durch Kämpfer. Diese Angriffe erinnern an Aktionen der Irgun und Sterngruppe in den letzten Jahren der britischen Mandatszeit.

Unsere Armee hatte keine Antwort auf die Qassams und die Guerilla-Aktionen. Haben sie nicht alles versucht? Brutale Einfälle. Beschuß durch Panzer, die Tötung von Kämpfern und zufällig in der Nähe Stehender. Zerstörung von tausenden von Häusern. Gezielte Ermordungen.

Nichts half. Da blieb nur noch die vom Kabinettsminister Israel Katz im Fernsehen vorgeschlagene Methode: die Städte des Gaza-Streifens zu bombardieren, die Grenze nach Ägypten in einer Richtung zu öffnen und hunderttausende von Einwohnern in die Wüste Sinai zu treiben. (Das war es, was Moshe Dayan gegenüber den Städten am Suezkanal während des Zermürbungskrieges in den späten 60ern tat.) Es ist berichtet worden, daß Ariel Sharon nach dem Karni-Vorfall persönlich vorschlug, die Städte und Dörfer im Gazastreifen zu bombardieren. Aber heutzutage ist das nicht möglich: weder die israelische noch die internationale Öffentlichkeit würde dies tolerieren.

Die Wahrheit ist einfach, daß die Generäle bankrott sind. Aber sie haben keinen Grund, sich zu schämen: keine andere Armee hat in den letzten 100 Jahren jemals einen solchen Kampf gewonnen. Die Franzosen waren in Algerien an demselben Punkt gekommen, trotz der Folterungen von tausenden von Männern und Frauen. Das gleiche geschah den Amerikanern in Vietnam, obwohl sie dutzende Dörfer niederbrannten und deren Bewohner massakrierten. Selbst den Nazis gelang es nicht, den französischen Widerstand zu brechen, gleichgültig, wieviele Geiseln sie exekutierten.

Unsere Generäle machten, wie all die Generäle vor ihnen, den verständlichen Fehler, in Begriffen des Krieges zu denken. Aber dies war kein konventioneller Krieg. Ein Krieg ist eine Konfrontation zwischen Armeen, und es wird mit Methoden gekämpft, die sich im Laufe von Jahrhunderten entwickelt haben. Die Konfrontation zwischen einer Besatzungsarmee und Widerstandskräften ist ziemlich anders. Die Faktoren, die diese bestimmen, werden in keiner Offiziersschule gelehrt.

Es stimmt, daß die israelische Armee zu improvisieren versuchte und einige Erfolge erzielte. Aber sie konnte nicht gewinnen. Weil Sieg bedeutet, daß der Wille des Gegners zum Widerstand gebrochen wird. Und das geschah nicht.

Wenn dem so ist, haben dann die kämpfenden palästinensischen Organisationen gewonnen?

Interessanterweise wird diese Frage nicht offen gestellt, nicht einmal von den Palästinensern selbst. Zunächst einmal, weil der Gedanke weltweit akzeptiert wurde, daß der palästinensische Widerstand "Terrorismus" ist, und wer würde es wagen zu behaupten, daß der Terrorismus gewonnen habe. Um so mehr, als die Palästinenser - wie die Israelis - furchtbare Greueltaten begangen haben.

Auch im Propagandakrieg wetteifern Israelis mit Palästinensern um eine Art Weltmeisterschaft der Opferrolle. Jede Seite stellt sich als das ultimative Opfer dar. Jede Seite veröffentlicht Bilder von getöteten Kindern, weinenden Müttern, zerstörten Häusern.

Deshalb rühmen sich die palästinensischen Sprecher auch nicht des Kampfes ihrer Landsleute. Sie vermeiden es, auf die tausende ihrer Kämpfer, die ihr Leben opferten, hinzuweisen, die Kinder, die sich den Panzern entgegenstellten, die hunderte von Anführern, die "liquidiert" wurden und für die jedes Mal ein Ersatz gefunden wurde, für die wiederum ein Ersatz gefunden wurde und so weiter. Darüber werden in zukünftigen Generationen Bücher geschrieben, Lieder gesungen, Geschichten erzählt werden.

Eine weitere Tatsache: die palästinensische Gesellschaft ist nicht gebrochen worden. Israelische Panzer rollen durch ihre Straßen, hunderte von Straßensperren behindern die freie Bewegung von Dorf zu Dorf, die Wirtschaft ist zusammengebrochen, die meisten Männer sind arbeitslos, hunderttausende Kinder leiden an Unterernährung. Und trotz alledem funktioniert die palästinensische Gesellschaft wundersamerweise irgendwie, das Leben geht weiter, Müdigkeit und Erschöpfung haben sie nicht zur Aufgabe gezwungen.

Bedeutet dies, daß die palästinensische Seite gewonnen hat? Die Organisationen können behaupten, daß Sharon nicht über den Rückzug aus dem Gaza-Streifen und die Evakuierung von Siedlungen dort geredet hätte, wenn die Angriffe nicht stattgefunden hätten. Das ist sicherlich wahr. Aber Sharon hat noch nicht damit begonnen, das Verlassen der West Bank in Betracht zu ziehen. Im Gegenteil, die Bautätigkeit in den Siedlungen erreicht dort neue Höhepunkte, und der Landraub ist im Schatten des "Trennungszaunes" in vollem Gange. Das kann man nicht einen palästinensischen Sieg nennen.

All dies weist auf einen toten Punkt hin. Die israelische Armee weiß, daß sie die Palästinenser nicht mit militärischen Mitteln besiegen kann. Die Palästinenser wissen, daß sie die Besatzung nicht mit militärischen Mitteln bezwingen können.

Für die Palästinenser ist ein Unentschieden ein großer Erfolg. Die Ungleichheit zwischen beiden Seiten ist immens. Wenn man allein die Stärke der Waffen und die Größe der militärischen Kräfte berücksichtigt, ohne die moralischen Faktoren in Betracht zu ziehen, dann ist der israelische Vorteil astronomisch. In solch einer Situation ist ein Unentschieden ein Sieg für die Schwachen.

Wir sollten dies ohne Zögern zugeben. Es ist nicht klug, die palästinensische Seite als geschlagen und gebrochen darzustellen. Nicht nur, weil es nicht wahr ist, sondern auch, weil es gefährlich ist. Die Prahlereien der Propagandisten der Armee, als habe Abu Mazen unter dem israelischen Druck nachgegeben, sind bestenfalls dumm, im schlimmsten Fall sind sie dafür bestimmt, die Palästinenser zu erniedrigen und zu neuer Gewalt (oder zu Wahnsinnsakten) zu provozieren. Der ägyptische Sieg zu Beginn des Krieges von 1973 machte es für Anwar al-Sadat leichter, mit Israel Frieden zu schließen. Der palästinensische Stolz auf ihre Standhaftigkeit kann es für sie annehmbarer machen, die Waffenruhe einzuhalten.

Beide Seiten sind jetzt erschöpft. Das palästinensische Leiden ist offenkundig. Das israelische Leiden ist weniger sichtbar, aber nichtsdestoweniger real. Die Kosten der Besatzung betragen Milliarden, hunderttausende Israelis gerieten unter die Armutsgrenze, die sozialen Dienste brechen zusammen, die ausländischen Investitionen haben sich nicht erholt, der Stand des Tourismus ist erbärmlich. Und noch bedeutsamer: während der Intifada haben 4.010 Palästinenser und 1.050 Israelis ihr Leben verloren.

Das ist der Hintergrund der jüngsten Ereignisse. Beide Seiten brauchen die Waffenruhe.

Aber eine Waffenruhe ist nur eine Pause, kein Frieden an sich. Wenn sich in Israel (da es die stärkere Seite ist) die Weisheit durchsetzen würde, würden sofort Verhandlungen über ein endgültiges Abkommen beginnen mit einem im voraus übereingekommenen Ziel: ein palästinensischer Staat im gesamten Gebiet der West Bank, des Gaza-Streifens und Ost-Jerusalems.

Wenn sich die Weisheit nicht durchsetzt (und in der Politik wäre der Sieg der Weisheit etwas Neues) wird die Waffenruhe enden wie viele zuvor: als Zwischenspiel zwischen zwei Kampfrunden.

Vor uns steht ein Verkehrsschild, das in zwei entgegengesetzte Richtungen weist: eine Seite zeigt in Richtung Frieden, die andere in Richtung einer neuen gewalttätigen Konfrontation.





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