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Iran: Ein zu großes Wagnis?
03.02.2005


Mark Gaffney






Im vergangenen Juli nannten sie es Operation Summer Pulse: eine gleichzeitige Versammlung von Streitkräften der US-Marine, weltweit, die es so noch nie gegeben hatte. Der Marine zufolge war es die erste Übung des neuen Flottenreaktionsplans (FRP), der dazu dienen soll, es der Marine zu ermöglichen, schnell auf eine internationale Krise zu reagieren. Die Marine wollte ihre gesteigerte Bereitschaft demonstrieren, also ihre Fähigkeit, Kampfkraft schnell an jeden Krisenherd auf der Welt zu bringen. Nie zuvor in der Geschichte der US-Marine waren so viele Flugzeugträgerverbände an einer einzelnen Operation beteiligt. Selbst die im Golf und im Mittelmeer während der Operation Desert Storm im Jahr 1991 und bei dem letzten Angriff auf den Irak im Golf und im Mittelmeer zusammengezogenen US-Flotte überstieg nie sechs Kampfverbände. Aber im vergangenen Juli und August waren sieben von ihnen in Bewegung, jeder Kampfverband bestand aus einem Flugzeugträger der Nimitz-Klasse, sieben bis acht Begleitschiffen und 70 oder mehr Flugzeugen. Der größte Teil der Aktivitäten erfolgte zahlreichen Berichten zufolge im Pazifik, wo die Flotte an gemeinsamen Übungen mit der Marine Taiwans teilnahm.

Aber warum war so viel Marine zur gleichen Zeit unterwegs? Welche mögliche Krise in der Welt könnte mehr Kampfverbände erfordern als während des Angriffs auf den Irak eingesetzt wurden? In den vergangenen Jahren, wenn die USA "Flagge zeigen" wollte oder ihre Marine-Muskeln spielen ließ, reichten ein oder zwei Trägerverbände aus. Warum diese weltweite Machtdemonstration?

Die Schlagzeilen über die gemeinsamen Manöver im südchinesischen Meer lauteten "Säbelrasseln entnervt China" und "Große Machtdemonstration beunruhigt Chinesen." Aber die Realität war eine andere und hat, wie wir sehen werden, schwerwiegende Auswirkungen auf die Anwesenheit des US-Militärs im Persischen Golf, da die Operation Summer Pulse eine hochrangige Entscheidung des Pentagons widerspiegelte, daß eine noch nie dagewesene Machtdemonstration nötig war, um sich etwas, das als eine wachsende Bedrohung angesehen wird, entgegenzustellen - in dem speziellen Fall Chinas aufgrund der von Peking kürzlich von Rußland gekauften Zerstörer der Sovremenny-Klasse.

"Blödsinn!", denken Sie nun wahrscheinlich. "Das ist unmöglich. Wie können ein paar nichtige Zerstörer die US-Pazifikflotte gefährden?"

Hier wird die Geschichte dichter: Summer Pulse lief auf ein stillschweigendes Anerkenntnis, offensichtlich für jeden, der darauf achtete, hinaus, daß die Vereinigten Staaten auf einem wichtigen Bereich der Militärtechnologie überholt worden sind und daß dieser qualitative Vorteil nun von anderen, einschließlich der Chinesen, genutzt wird, daß diese ansonsten völlig gewöhnlichen Zerstörer tatsächlich Abschußplattformen für russische 3M-82 Moskit Anti-Schiffs-Marschflugkörper (NATO-Bezeichnung SS-N-22 Sunburn) sind, eine Waffe, gegen die die US-Marine derzeit keine Verteidigung besitzt. Ich will hier nicht andeuten, daß der Status der USA als letzte Supermacht der Welt beendet wurde. Ich sage einfach, daß ein neues globales Kräftegleichgewicht auftaucht, in dem andere Staaten gelegentlich einen "asymmetrischen Vorteil" gegenüber den USA erlangen. Und das erklärt meiner Ansicht nach das enorme Ausmaß von Summer Pulse. Die US-Show letzten Sommer von überwältigender Stärke sollte ein Botschaft senden.

Die Sunburn-Rakete

Ich war schockiert, als ich die Fakten über diese russischen Marschflugkörper erfuhr. Das Problem ist, daß viele von uns an zwei falschen Auffassungen leiden. Die erste folgt aus der Annahme, das Rußland als Folge des Auseinanderbrechens des alten sowjetischen Systems militärisch schwach sei. Tatsächlich stimmt das, es gibt aber nicht die Vielschichtigkeiten wider. Obwohl die russische Marine weiterhin in den Häfen verrostet und die russische Armee in Unordnung ist, ist die russische Technologie der unseren in bestimmten Bereichen tatsächlich überlegen. Und nirgends ist das wahrer als in dem wichtigen Bereich von Anti-Schiffs-Marschflugkörpern, wo die Russen einen Vorsprung von mindestens 10 Jahren vor den USA haben. Die zweite falsche Auffassung hat mit unserer allgemeinen Selbstgefälligkeit hinsichtlich Raketen-als-Waffen zu tun - die vermutlich durch die erbärmlichen Leistungen von Saddam Husseins Scuds während des ersten Golfkriegs genährt wurde: eine gefährliche Illusion, die ich nun versuchen werde zu korrigieren.

Vor vielen Jahren gaben es die sowjetischen Planer auf, mit der US-Marine Schiff für Schiff, Kanone für Kanone und Dollar für Dollar gleichzuziehen. Die Sowjets konnten einfach nicht mit den hohen US-Ausgaben mithalten, die notwendig sind, um eine große Seeflotte aufzubauen und zu unterhalten. Sie ergriffen geschickterweise einen anderen, auf strategischer Verteidigung basierenden Ansatz. Sie suchten nach Schwächen und suchten nach relativ preiswerten Wegen, diese Schwächen auszunutzen. Die Sowjets hatten Erfolg: sie entwickelten mehrere überschallschnelle Anti-Schiffs-Raketen, von denen eine, die SS-N-22 Sunburn, als die "tödlichste Rakete heute in der Welt" bezeichnet wurde.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjet-Union brachen harte Zeiten für die alte Militärindustrie an. Aber in den späten 90ern bemerkte Moskau das bisher zu wenig genutzte Potential seiner Raketentechnologie zur Erlangung dringend benötigter Devisen. Eine Entscheidung zur Wiederbelebung ausgewählter Programme wurde getroffen und sehr schnell wurde russische Raketentechnologie zu einem Exportschlager. Heute sind russische Raketen ein wachsender Industriezweig, der dringend benötigtes Geld für Rußland bringt, mit vielen Milliarden aus Verkäufen nach Indien, China, Vietnam, Kuba und auch Iran. In der nahen Zukunft wird diese Verbreitung fortschrittlicher Technologie vermutlich zu ernsten Herausforderungen für die USA führen. Einige wurden gewarnt, daß die größten Schiffe der US-Marine, die riesigen Flugzeugträger, jetzt zu schwimmenden Todesfallen geworden sind und aus diesem Grund eingemottet werden sollten.

Die Sunburn-Rakete ist meines Wissens nach noch nie im Kampf eingesetzt worden, was vermutlich erklärt, warum ihre furchterregenden Fähigkeiten nicht in größerem Rahmen erkannt werden. Andere Marschflugkörper sind natürlich bei mehreren Gelegenheiten eingesetzt worden, mit vernichtenden Ergebnissen. Während des Falkland-Kriegs versenkten von argentinischen Kampfflugzeugen abgefeuerte in Frankreich hergestellte Exocet-Raketen die HMS Sheffield und ein weiteres Schiff. Und in 1987, während des Iran-Irak-Kriegs, wurde die USS Stark während einer Patrouille im Persischen Golf von zwei Exocet-Raketen fast in zwei Teile getrennt. Bei dem Ereignis hatte das US-Aegis-Radar das sich nähernde irakische Kampfflugzeug (eine in Frankreich hergestellte Mirage) geortet und seine Annäherung bis auf 80 Kilometer verfolgt. Das Radar "sah" auch wie das irakische Flugzeug abdrehte und zu seiner Basis zurückkehrte. Aber das Radar bemerkte nie, daß der irakische Pilot seine Waffen abgefeuert hatte. Die knapp über dem Wasser fliegenden Exocets kamen unterhalb herangedonnert und wurden nur Augenblicke, bevor sie in die Stark rammten, das Schiff schwer beschädigten und 37 US-Seeleute töteten, von menschlichen Augen gesichtet.

Der Überraschungsangriff auf die Stark von 1987 beispielhaft für die Gefahren, die von Anti-Schiffs-Marschflugkörpern ausgehen. Und die Gefahren sind im Fall der Sunburn, deren Eigenschaften die unterschallschnelle Exocet bei weitem übertreffen, noch weitaus ernster. Nicht nur, daß die Sunburn wesentlich größer und schneller ist, sie hat auch eine wesentlich größere Reichweite und ein überlegenes Steuerungssystem. Diejenigen, die ihre Erprobungsflüge gesehen haben, sind unweigerlich erstaunt. Einem Bericht zufolge bat der iranische Verteidigungsminister Ali Shamkhani bei einem Besuch im Oktober 2001 in Moskau um einen Versuchsabschuß der Sunburn, was die Russen nur zu gern arrangierten. Ali Shamkhani war so beeindruckt, daß er eine Bestellung für eine nicht genannte Zahl der Raketen aufgab.

Die Sunburn kann einen nuklearen 200-Kilotonnen oder einen konventionellen 340-Kilogramm-Sprengkopf mit einer Reichweite von 160 Kilometern, mehr als dem doppelten der Exocet, transportieren. Die Sunburn kombiniert eine Geschwindigkeit von Mach 2,1 (die doppelte Schallgeschwindigkeit) mit Flugbewegungen knapp über der Oberfläche, die "heftige Endmanöver" einschließen, um der Verteidigung des Feindes zu entgehen. Die Rakete wurde insbesondere entwickelt, um das US-Aegis-Radarverteidigungssystem zu besiegen. Sollte eine Phalanx-Verteidigungseinheit der US-Marine es wie auch immer schaffen, eine sich nähernde Sunburn-Rakete zu registrieren, so hätte das System nur Sekunden, um eine Feuerlösung zu errechnen - nicht genug, um die sich nähernde Rakete zu zerstören. Die US-Phalanx-Verteidigung setzt eine sechsläufige Kanone ein, die 3.000 Projektile aus abgereichertem Uran pro Minute abfeuert, aber die Waffe muß präzise Koordinaten haben, um einen Eindringling "rechtzeitig" zu zerstören.

Die kombinierte Überschallgeschwindigkeit und Größe des Sprengkopfs der Sunburn führen bei ihrem Einschlag zu einer gewaltigen kinetischen Energie, mit verheerenden Folgen für das Schiff und seine Besatzung. Eine einzige dieser Raketen kann ein großes Kriegsschiff versenken, kostet aber deutlich weniger als ein Kampfflugzeug. Obwohl die Marine die älteren Phalanx-Systeme stufenweise außer Dienst stellt ist ihr Nachfolger, das "Adaptive Raketensystem" noch nie gegen die Waffe getestet worden, der es sich anscheinend eines Tages im Kampf gegenübersehen wird.

Folgen für die US-Streitkräfte im Golf

Die einzige glaubwürdige Verteidigungsmöglichkeit der US-Marine gegen eine widerstandfähige Waffe wie die Sunburn-Rakete ist, die Annäherung des Feindes, seien es Zerstörer, U-Boote oder Kampfbomber, rechtzeitig festzustellen, und sie zu besiegen bevor sie in Reichweite kommen und ihre tödliche Fracht abfeuern. Zu diesem Zweck werden US-AWACs-Radarflugzeuge, die jedem Kampfverband zugeteilt sind, abwechselnd in der Luft. Die Flugzeuge "sehen" alles im Umkreis von 320 Kilometern um die Flotte und werden durch Informationen von Satelliten im Orbit unterstützt.

Aber die Kommandeure der US-Marine, die im Persischen Golf operieren, stehen ernsten Herausforderungen gegenüber, die aufgrund der Küstenzone einzigartig sind. Ein Blick auf eine Karte zeigt, warum: Der Golf ist nichts als ein großer See mit einem schmalen Ausgang und der größte Teil seines nördlichen Ufers, also der Iran, besteht aus bergigem Gelände, das einen beherrschenden taktischen Vorteil über Schiffe, die in den Gewässern des Golfs operieren, bietet. Das zerklüftete nördliche Ufer macht das Verbergen von Küstenverteidigungsanlagen wie mobilen Raketenabschußrampen leicht und ihre Entdeckung problematisch. Obwohl hierüber nur wenig berichtet wurde, haben die USA die Schlacht der Scuds im ersten Golfkrieg - als "die große Scud-Jagd" bezeichnet - tatsächlich verloren und das aus ähnlichen Gründen. Saddam Husseins mobile Scud-Abschußrampen erwiesen sich als so schwierig zu entdecken und zu zerstören - wieder und wieder narrten die Iraker die alliierte Aufklärung mit Ködern - daß die USA während Desert Storm nicht eine einzige Vernichtung bestätigen konnten. Dies erwies sich im Nachhinein für das Pentagon als so große Peinlichkeit, daß die unangenehmen Statistiken in offiziellen Berichten begraben wurden. Aber die unverblümte Wahrheit ist, daß es den USA nicht gelang, die Scud-Angriffe zu beenden. Die Abschüsse gingen bis zu den letzten paar Tagen des Konflikts weiter. Glücklicherweise machte die Ungenauigkeit der Scud sie zu einer fast nutzlosen Waffe. Einmal witzelte General Norman Schwarzkopf herablassend gegenüber der Presse, daß seine Soldaten eher in Georgia von einem Blitz getroffen würden, als in Kuwait von einer Scud.

Aber das war damals und es wäre ein schwerwiegender Fehler, es zuzulassen, daß die Wirkungslosigkeit der Scud die Fakten hinsichtlich dieser anderen Rakete trübt. Die erstaunliche Genauigkeit der Sunburn wurde vor nicht allzu langer Zeit bei einem Test im Meer von den Chinesen demonstriert - und von US-Spionageflugzeugen beobachtet. Nicht nur, daß die Sunburn das Schiffsziel zerstörte, sie traf auch genau ins Schwarze, indem sie das Zentrum eines großen, an der Brücke des Schiffes angebrachten "X" traf. Das einzige Wort um dem gerecht zu werden, phantastisch, ist zu einem Klischee geworden, abgedroschen durch übertriebene Anwendung.

Die US-Marine hat sich im Kampf noch nie etwas derart furchterregendem wie der Sunburn-Rakete gegenübergesehen. Aber das wird sich mit Sicherheit ändern, wenn die USA und Israel sich entscheiden, einen sogenannten Präventivkrieg gegen den Iran zu führen, um seine atomare Infrastruktur zu zerstören. Gewitterwolken ziehen über dem Golf seit Monaten auf. In den vergangenen Jahren hat Israel seine Luftwaffe mit einer neuen Flotte von F-15 Langstreckenkampfbombern aufgerüstet und erst kürzlich eine Lieferung von 5.000 bunkerbrechenden Bomben von den USA erhalten --Waffen, von denen viele Beobachter glauben, daß sie für den Einsatz gegen den Iran gedacht sind.

Die Aufrüstung für den Krieg ist von Drohungen begleitet worden. Israelische Stellen haben wiederholt erklärt, daß sie es den Mullahs nicht gestatten werden, Atomkraft zu entwickeln, nicht einmal Reaktoren zur Erzeugung von Strom für friedliche Zwecke. Ihre Drohungen sind besonders beunruhigend, da Israel eine lange Geschichte präventiver Kriege besitzt. (Siehe auch mein Buch aus dem Jahr 1989 "Dimona: The Third Temple?" und meinen Artikel aus dem Jahr 2003 "Wird der Iran der nächste sein?")

Es macht nichts, daß diese Entscheidung nicht von Israel zu treffen ist, sondern der internationalen Gemeinschaft obliegt, wie dies im Atomwaffensperrvertrag vereinbart worden ist. Hinsichtlich des Irans ist der letzte Bericht der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) einen genauen Blick wert, da er Behauptungen der USA und Israels, daß der Iran Bomben baut, zurückweist. Während der Bericht Teheran wegen seiner Zweideutigkeit und seiner zögerlichen Herausgabe von Dokumenten scharf kritisiert, bestätigt er doch, daß die Inspektoren der IAEA ohne Ausnahme Zugang zu jeder Nuklearanlage in dem Land erhalten haben, die sie besuchen wollten. In 2003 unterzeichnete der Iran das verschärfte Inspektionsprotokoll der IAEA, das bis dahin freiwillig war. Und die IAEA hat bis heute keine eindeutigen Beweise gefunden, daß Bomben existieren oder der Iran die Entscheidung getroffen hat, sie zu bauen.

Bei einem Gespräch am 3. Oktober 2003 machte der Direktor der IAEA, General Mohamed El Baradei, die bisher eindeutigste Aussage: "Iran hat kein Atomwaffenprogramm", sagte er und wiederholte sich dann, um dies zu betonen: "Iran hat kein Atomwaffenprogramm, aber ich persönlich überstürze keine Schlußfolgerungen, solange nicht alle Fragen geklärt sind. Bisher sehe ich nichts, das als unmittelbare Gefahr bezeichnet werden könnte. Ich habe kein Atomwaffenprogramm im Iran gesehen. Was ich gesehen habe, ist, daß der Iran versucht, Zugang zur Technologie für die nukleare Anreicherung zu erlangen und bisher besteht keine Gefahr vom Iran. Daher sollten wir politische und diplomatische Mittel einsetzen, bevor wir daran denken, Alternativen zu ergreifen."

Niemand bestreitet, daß Iran einen gefährlichen Weg eingeschlagen hat, aber angesichts von 200 oder mehr israelischen Atomwaffen, die auf sie gerichtet sind, ist das Beharren der Iraner, sich ihre Möglichkeiten offenzuhalten, verständlich. Offensichtlich hängt das Atomwaffensperrsystem am seidenen Faden. Die Welt ist an einem schicksalhaften Scheideweg angelangt.

Eine fürchterliche Symmetrie?

Wenn sich in den kommenden Monaten eine Machtprobe um den Iran entwickeln sollte, würde der Mann, der den Ausgang in seinen Händen halten könnte, auf die Weltbühne gestoßen werden. Dieser Mann, man mag ihn lieben oder hassen, ist der russische Präsident Vladimir Putin. Es ist in den vergangenen Monaten schwer gegeißelt worden, weil er sich selbst zu viel politische Macht gegeben hat. Aber dem früheren sowjetischen Präsidenten Mikhail Gorbachov zufolge, der vor kurzem im US-Fernsehen von David Brokaw interviewt wurde, hat Putin keine Tyrannei in Rußland errichtet - bisher. Gorbachov denkt, daß das letzte Wort über Putin noch nicht gesprochen ist.

Vielleicht sollten wir uns hiermit im Hinterkopf fragen, ob Vladimir Putin ein ernsthafter Student der Geschichte ist. Wenn er es ist, erkennt er sicherlich, daß die sich verschärfende Krise im Persischen Golf nicht nur zahllose Gefahren, sondern auch Gelegenheiten bietet. Man kann sicher sein, daß der russische Führer nicht die erniedrigende Niederlage vergessen hat, die Ronald Reagan dem alten sowjetischen Staat zugefügt hat. (Haben wir Amerikaner vergessen?) In der Mitte der 80er Jahre waren die Sowjets in Kabul und hatten die Mujaheddin so gut wie besiegt. Die Sowjet-Union schien in ihrer militärischen Besatzung Afghanistans sicher. Aber dann, in 1986, erreichten die ersten Stinger-Raketen die Hände des afghanischen Widerstands und, ziemlich plötzlich, begannen sowjetische Kampfhubschrauber und MiGs vom Himmel zu fallen wie brennende Steine. Das Blatt wendete sich schnell und bis 1989 war es bis auf das Händeringen und dem Zähneknirschen im Kremlin vorüber. Besiegt schlichen die Sowjets zurück über die Grenze. Die ganze Welt bejubelte die amerikanischen Stinger, die den Erfolg gebracht hatten.

Genau in dieser Nacht, während er an seinem Cognac nippt, was denkt Vladimir Putin? Denkt er vielleicht über die perversen Symmetrien der Geschichte nach? Wenn, dann könnte er sich auch fragen (und mit seinen engsten Beratern darüber sprechen), wie eine wahrhaft große Nation wie die Vereinigten Staaten so blind und dumm sein konnten, einem anderen Land, das heißt, Israel, zu gestatten, seine Außenpolitik zu kontrollieren, insbesondere in einer Region, die so wichtig (und unberechenbar) ist wie der Mittlere Osten. Man kann fast die lebhafte Diskussion der Russen hören:

"Die Amerikaner! Was ist los mit ihnen?"
"Sie können sich einfach nicht helfen."
"Was für Idioten!"
"Eine so dämliche Nation verdient es, daß man ihr eine Lehre erteilt..."
"Ja, zu ihrem eigenen Wohl."
"Es muß eine schmerzhafte Lehre sein, eine, die sie nie vergessen..."
"Sind wir uns also einigen, Kameraden?"
"Laßt uns unseren amerikanischen Freunden eine Lehre über die Grenzen der militärischen Macht erteilen!"

Glaubt wirklich jemand, daß Vladimir Putin zögern wird, eine so seltene Gelegenheit zu ergreifen, den Lauf der Geschichte zu verändern und, als Dreingabe, seine süße Rache zu nehmen? Sicherlich sind Putin die schrecklichen Ausmaße der Falle bwußt, in die die USA hineingetappt sind, dank der Israelis und ihrer NeoCon-Unterstützer in Washington, die sich so lautstark für die Invasion des Iraks eingesetzt hatten, gegen allen Rat von Freunden und Experten, und die selbst jetzt die Kriegstrommel gegen den Iran rühren. Wäre Putin im Unrecht, wenn er schlußfolgern würde, daß die USA die Region niemals verlassen werden, wenn sie nicht zuvor militärisch geschlagen werden? Sollten wir ihm vorwerfen, daß er entschieden hat, daß der Iran "ein zu großes Wagnis" ist?

Wenn sich die USA und Israel übernehmen und die Iraner das Netz mit russischen Schiffabwehrraketen zuziehen, wird es tatsächlich eine schreckliche Symmetrie sein...

Das Zuschnappen der Falle

Bei der Schlacht von Cannae im Jahr 216 v.Chr. lockte der große karthagische General Hannibal die viel größere römische Armee in einen schicksalhaften Vormarsch und schloß sie dann mit einer kleineren Streitmacht ein und vernichtete sie. Von der römischen Armee von 70.000 Männern entkamen nicht mehr als ein paar tausend. Es wird erzählt, daß die Soldaten Hannibals nach vielen Stunden der Tötung der Römer so müde geworden waren, daß sie nicht mehr Kämpfen mochten. In ihrer Müdigkeit schenkten sie den letzten gebrochenen und ramponierten Römern ihre Leben...

Wir wollen beten, daß die US-Matrosen, die soviel Pech haben, im Persischen Golf im Einsatz zu sein wenn das Schießen beginnt, dem Schicksal der römischen Armee in Canae entkommen können. Die Chancen werden für sie allerdings sehr schlecht stehen, weil sie sich der gleichen Gefahr gegenübersehen werden, gleichbedeutend mit dem Einschluß. Die US-Schiffe im Golf werden bereits in die Reichweite der Sunburn-Raketen und der noch fortschrittlicheren SS-NX-26 Yakhont-Raketen, ebenfalls von Rußland hergestellt (Geschwindigkeit: Mach 2,9; Reichweite: 290 Kilometer), von den Iranern entlang des Nordufers des Golfs aufgestellt, gekommen sein. Jedes US-Schiff wird ungeschützt und verletzlich sein. Wenn die Iraner die Falle zuschnappen lassen wird der ganze See zu einer Todeszone werden.

Anti-Schiffs-Marschflugkörper sind nicht neu, wie schon gesagt. Ebenso haben sie bisher noch nie den Ausgang eines Konflikts bestimmt. Aber dies vermutlich nur, weil diese schrecklichen Waffen noch nie in ausreichender Zahl eingesetzt wurden. Zur Zeit des Falkland-Kriegs besaß die argentinische Luftwaffe nur fünf Exocets und schaffte es doch, zwei Schiffe zu versenken. Mit genug von ihnen hätten die Argentinier vielleicht die ganze britische Flotte versenkt und den Krieg gewonnen. Obwohl noch nie ein konzentrierter Angriff mit Marschflugkörpern stattgefunden hat, könnte dies genau das sein, dem sich die US-Marine beim nächsten Krieg im Golf gegenübersieht. Man versuche sich es vorzustellen: Salve auf Salve von Raketen der Exocet-Klasse, von denen die Iraner bekanntermaßen hunderte besitzen, als auch die unaufhaltbaren Sunburn- und Yakhont-Raketen. Die Fragen, die sich unsere kurzsichtigen Politiker heute stellen sollten, wenn es ihnen wichtig ist, was die Historiker später über sie schreiben werden, sind zwei: wieviele Schiffabwehrraketen hat Putin bereits an den Iran geliefert? Und: wieviele weitere sind derzeit in Vorbereitung? Im Jahr 2001 berichtete Jane's Defense Weekly, daß der Iran versuchte, Schiffabwehrraketen von Rußland zu kaufen. Verhängnisvollerweise erwähnte der gleiche Bericht auch, daß die fortgeschrittenere Yakhont-Rakete "für Angriffe auf Trägergruppen optimiert" worden war. Offenbar ist ihr Lenksystem "in der Lage, einen Flugzeugträger von seinen Begleitschiffen zu unterscheiden." Die Anzahl wurde nicht enthüllt...

Die US-Marine wird unter Beschuß geraten, selbst wenn die USA sich nicht an den ersten sogenannten chirurgischen Schlägen gegen die Atomanlagen des Irans beteiligen, wenn Israel sie also allein durchführt. Israels nagelneue Flotte von 25 F-15s (vom amerikanischen Steuerzahler bezahlt) hat ausreichende Reichweite, um den Iran zu erreichen, aber Israel kann keinen Angriff durchführen, ohne den Luftraum des US-besetzten Iraks zu durchqueren. Es wird ziemlich egal sein, ob Washington grünes Licht gibt oder von einem widerspenstigen Israel in den Konflikt hineingezogen wird. In jedem Fall wird das Ergebnis das gleiche sein. Die Iraner werden die US-Einwilligung als Mittäterschaft werten und in jedem Fall verstehen, daß der wirkliche Kampf gegen die Amerikaner geht. Die Iraner werden vollkommen im Recht sein, in Selbstverteidigung einen Gegenangriff durchzuführen. Der größte Teil der Welt wird es so sehen und sie unterstützen, nicht Amerika. Die USA und Israel werden als die Aggressoren angesehen werden, selbst da die glücklosen US-Matrosen zu Kanonenfutter werden. In den flachen und engen Gewässern des Golfs werden Ausweichmanöver bestenfalls schwierig und Flucht unmöglich sein. Selbst wenn US-Flugzeuge den Himmel über dem Schlachtfeld kontrollieren, wird es den unten im Netz gefangenen Seeleuten schwer fallen zu überleben. Der Golf wird rot von amerikanischem Blut werden...

Ab hier wird es nur noch schlimmer. Mit ihren von Rußland gelieferten Marschflugkörpern werden die Iraner den einzigen Ausgang des Sees, die strategische Straße von Hormuz, abriegeln und die gefangenen und sterbenden Amerikaner von Hilfe und Rettung abschneiden. Die im Indischen Ozean konzentrierte US-Flotte wird hilflos dabeistehen, unfähig, den Golf zu betreten, um den Überlebenden zu helfen oder logistische Unterstützung für die US-Streitkräfte im Irak zu bringen. Kombiniert man dies mit einer neuen großangelegten Bodenoffensive der irakischen Rebellen, dann könnte sich, ziemlich plötzlich, der Spieß gegen die Amerikaner in Baghdad umdrehen. Während die Vorräte und die Munition beginnen knapp zu werden, wird der Status der US-Streitkräfte in der Region heikel werden. Die Besatzer werden zu Belagerten werden...

Mit genügend Schiffabwehrraketen können die Iraner den Tankerverkehr durch Hormuz für Wochen, sogar Monate anhalten. Mit dem beschnittenen Fluß des Öls aus dem Golf, wird der Preis für ein Barrel Öl auf dem Weltmarkt in die Höhe schnellen. Innerhalb von Tagen wird die Weltwirtschaft beginnen, zum Erliegen zu kommen. Die Stimmung bei einer anhaltenden Notfallsitzung des UN-Sicherheitsrats wird aufbrausen und wahrscheinlich in Brüllen und gegenseitige Beschuldigungen explodieren, wenn französische, deutsche, chinesische und selbst britische Botschafter die USA wütend beschuldigen, es Israel zu gestatten, die Weltordnung zu bedrohen. Aber, wie immer, wird die Versammlung aufgrund des US-Vetos unfähig sein zu handeln.

Amerika wird allein dastehen, vollständig isoliert. Aber, trotz der zunehmend feindseligen internationalen Stimmung, werden Teile der US-Medien die Krise hier verdrehen, auf eine Israel zugeneigte Art. Mitglieder des Kongresses werden sich im Repräsentantenhaus und im Senat erheben und zu Israels Verteidigung aufrufen während sie das Opfer des Angriffs, Iran, beschuldigen. Fundamentalistische christliche Talkshowmoderatoren werden die historische Erfüllung einer biblischen Prophezeiung in unserer Zeit erklären und die Juden Israels aufrufen, Jesus in ihren Herzen zu akzeptieren und währenddessen den Präsidenten drängen, das böse Imperium des Islam mit Atomwaffen anzugreifen. Überall in Amerika werden Rufe nach neuen Verstärkungen zu hören sein, selbst nach einer Wehrpflicht. Patrioten werden den Sieg um jeden Preis fordern. Experten werden nach einer Eskalation des Konflikts schreien.

Ein Krieg, der vorgeblich begann als ein Versuch, die Verbreitung von Atomwaffen zu verhindern wird auf ihren Einsatz zuschlittern...

Schlußfolgerung

Freunde, wir müssen zusammenarbeiten, um eine solche Katastrophe zu verhindern. Wir müssen den nächsten Krieg im Mittleren Osten stoppen, bevor er beginnt. Die US-Regierung muß den Vereinten Nationen die Hauptverantwortung für die Lösung der sich verschärfenden Krise im Irak übertragen und direkt im Anschluß die US-Streitkräfte aus dem Land abziehen. Wir müssen außerdem die Israelis dazu bringen, den Atomwaffensperrvertrag zu unterzeichnen und alle ihre nuklearen Anlagen für Inspektoren der IAEA zu öffnen. Nur dann können ernsthafte Gespräche mit dem Iran und anderen Staaten beginnen, um eine atomwaffenfreie Zone im Mittleren Osten zu schaffen - die entscheidend für den langfristigen Frieden und die Sicherheit der Region ist.





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