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Geschichten aus Fallujah
10.02.2005


Dahr Jamail






Dies sind die Geschichten, die aus den Trümmern von Fallujah noch für Jahre auftauchen werden. Nein, für Generationen...

Unter der Bedingung anonym zu bleiben sprechend sitzt der Arzt mit mir in einem Hotelzimmer in Amman, wo er jetzt ein Flüchtling ist. Er hat in Großbritannien darüber gesprochen, was er in Fallujah gesehen hat und wird nun vom US-Militär bedroht, wenn er in den Irak zurückkehrt.

"Ich habe begonnen, darüber zu sprechen was in Fallujah während beider Belagerungen passiert ist, um Aufmerksamkeit zu wecken und die Amerikaner haben drei Mal mein Haus durchsucht", sagt er und spricht so schnell, daß ich kaum mitkomme. Er will mitteilen, was er gesehen hat und als ein in Fallujah arbeitender Arzt hat er Videos und photographische Beweise für alles, das er mir sagt.

"Ich kam Ende Dezember mit einem medizinischen und humanitären Konvoi der Briten nach Fallujah und blieb bis Ende Januar", erklärt er, "Aber ich war schon zuvor in Fallujah gewesen um mit Menschen zu arbeiten und zu sehen, was sie brauchten, also war ich dort seit Anfang Dezember."

Als ich ihn bitte zu beschreiben, was er sa als er Fallujah das erste Mal im Dezember betrat, sagt er, es war, als hätte ein Tsunami die Stadt getroffen.

"Fallujah ist von Flüchtlingslagern umgeben, wo die Menschen in Zelten und alten Autos leben", erklärt er, "es erinnerte mich an palästinensische Flüchtlinge. Ich sah Kinder, die aufgrund der Kälte husteten und es gibt dort keine Medikamente. Fast alle verließen ihre Häuser mit nichts und keinem Geld, also wie können sie nur auf humanitäre Hilfe angewiesen leben?"

Der Arzt sagt, daß in einem Flüchtlingslager im Norden Fallujahs 1.200 Studenten in sieben Zelten lebten.

"Die von dieser Belagerung ausgelöste Katastrophe ist so viel schlimmer als die erste, die ich selbst mitansah", berichtet er und sagt, er würde eine Geschichte als Beispiel benutzen.

"Eine Geschichte ist von einem jungen Mädchen, das 16 Jahre alt ist", berichtet er von einer Zeugenaussage, die er kürzlich auf Video aufgezeichnet hat. "Sie blieb drei Tage lang bei den Leichen ihrer Familie, die in ihrem Haus getötet worden waren. Als die Soldaten hereinkamen war sie mit ihrem Vater, ihrer Mutter, ihrem 12-jährigen Bruder und zwei Schwestern in ihrem Haus. Sie sah, wie die Soldaten hereinkamen und ihre Mutter und ihren Vater direkt erschossen ohne ein Wort zu sagen."

Das Mädchen konnte sich mit ihrem Bruder hinter dem Kühlschrank verstecken und beobachtete die Kriegsverbrechen mit eigenen Augen.

"Sie schlugen ihre beiden Schwestern, dann schossen sie ihnen in den Kopf", sagte er. Danach wurde ihr Bruder wütend und lief auf die Soldaten zu, während er sie anschrie, also erschossen sie ihn.

"Sie versteckte sich weiter nachdem die Soldaten gegangen waren und blieb bei ihren Schwestern, weil sie bluteten, aber noch lebten. Sie hatte zu große Angst, um Hilfe zu rufen, weil sie befürchtete, daß die Soldaten zurückkommen und auch sie töten würden. Sie blieb dort drei Tage lang, ohne Wasser und ohne Nahrung. Schließlich sah sie einer der amerikanischen Scharfschützen und brachte sie ins Krankenhaus", fügte er hinzu, bevor er mich erneut erinnerte, daß er ihre ganze Zeugenaussage gefilmt hatte.

Er erzählte mir kurz von einer anderen von ihm dokumentierten Geschichte von einer Mutter, die während der Belagerung in ihrem Haus war. "Am fünften Tag der Belagerung wurde ihr Haus bombardiert und das Dach fiel auf ihren Sohn und trennte seine Beine ab", sagt er, während er mit seinen Händen Schneidbewegungen an seinen Beinen macht. "Sie konnte stundenlang nicht herausgehen weil sie angekündigt hatten, daß jeder auf den Straßen erschossen würde. Also konnte sie nur seine Beine verbinden und zusehen, wie er vor ihren Augen starb."

Er hält für einige tiefe Atemzüge inne, fährt dann fort, "Ich kann nur sagen, daß Fallujah ist, als wäre es von einem Tsunami getroffen worden. Es gab dort nach der Belagerung nicht mehr viele Familien, aber sie hatten absolut nichts mehr. Das Leiden war jenseits der Vorstellungskraft. Als die Amerikaner uns schließlich hineinließen kämpften Leute schon um eine Decke."

"Einer meiner Kollegen, Dr. Saleh Alsawi, er war so wütend auf sie. Er war im Krankenhaus, als sie es zu Beginn der Belagerung stürmten. Sie kamen in den Operationssaal, als sie an einem Patienten arbeiteten... er war dort, weil er ein Anästhesist ist. Sie kamen mit ihren Stiefeln herein, schlugen die Ärzte, brachten sie heraus und ließen den Patienten auf dem Tisch zum Sterben zurück."

Über diese Geschichte wurde bereits in den arabischen Medien berichtet.

Der Arzt erzählt mir von der Bombardierung der Klinik Hay Nazal während der ersten Woche der Belagerung.

"Sie enthielt all die ausländischen Hilfen und medizinischen Instrumente, die wir hatten. Alle Kommandeure des US-Militärs wußten das, da wir es ihnen gesagt hatten, damit sie sie nicht bombardierten. Aber dies war eine der bombardierten Kliniken und in der ersten Woche der Belagerung bombardierten sie sie zwei Mal."

Er fügt dann hinzu: "Natürlich griffen sie alle unsere Krankenwagen und Ärzte an. Jeder weiß das."

Der Arzt erzählt mir, daß er und einige andere Ärzte versuchen, das US-Militär wegen des folgenden Vorfalls zu verklagen, für den er Zeugenaussagen auf Video besitzt.

Es ist eine Geschichte, die mir auch in Baghdad von mehreren Flüchtlingen erzählt worden ist... am Ende des vergangenen Novembers, als die Belagerung noch im Gange war.

"Während der zweiten Woche der Belagerung kamen sie herein und verkündeten, daß alle Familien ihre Häuser verlassen und sich an einer Straßenkreuzung treffen und dabei eine weiße Fahne tragen müßten. Sie gaben ihnen 72 Stunden um zu gehen und danach würden sie als Feinde betrachtet werden", sagt er.

"Wir dokumentierten diese Geschichte auf Video - eine 12-köpfige Familie, einschließlich eines Verwandten und seines ältesten Kindes, das 7 Jahre alt war. Sie hörten den Befehl, also gingen sie mit allen Lebensmitteln und Geld, die sie tragen konnten und weißen Fahnen. Als sie die Kreuzung erreichten, wo sich die Familien ansammelten, hörten sie, wie jemand 'Jetzt' auf englisch rief und das Schießen begann aus allen Richtungen."

Die Familie trug weiße Fahnen wie angeordnet, berichtete der junge Mann, der die Zeugenaussage gemacht hatte. Trotzdem sah er, wie seine Mutter und Sein Vater von Scharfschützen getroffen wurden - seine Mutter im Kopf und sein Vater ins Herz. Seine zwei Tanten wurden erschossen, dann wurde seinem Bruder in den Nacken geschossen. Der Mann erklärte, daß ihm, als er aufstand, um um Hilfe zu rufen, in die Seite geschossen wurde.

"Nach einigen Stunden hob er den Arm hilfesuchend und sie schossen in seinen Arm", fährt der Arzt fort. "Also hob er nach einiger Zeit die Hand und sie schossen ihm in die Hand."

Ein sechs Jahre alter Junge der Familie stand über den Leichen seiner Eltern und weinte und dann wurde auch er erschossen.

"Jeder der aufstand wurde erschossen", sagt der Arzt und fügt dann erneut hinzu, daß er Photographien der Toten als auch Photos der Schußwunden der Überlebenden hat.

"Als es dunkel wurde schafften es einige von ihnen, darunter der Mann, mit dem ich gesprochen habe, sein Kind, seine Schwägerin und seine Schwester, wegzukriechen. Sie krochen zu einem Gebäude und blieben dort acht Tage lang. Sie hatten eine Tasse Wasser und gaben sie dem Kind. Sie benutzten Speiseöl für ihre Wunden, die natürlich entzündet waren und fanden einige Wurzeln und Datteln zum essen."

Er hält inne. Seine Augen sehen sich im Zimmer um, als Autos draußen auf der nassen Straße vorbeifahren... Wasser spritzt unter ihren Reifen.

Er verließ Fallujah Ende Januar, also frage ich ihn, wie es war, als er es kürzlich verließ.

"Jetzt sind vielleicht 25 Prozent der Menschen zurückgekehrt, aber es gibt immer noch keine Ärzte. Der Haß der Fallujahner auf jeden Amerikaner ist jetzt unglaublich und man kann es ihnen nicht vorwerfen. Die Erniedrigung an den Kontrollpunkten macht die Leute nur noch wütender", erzählt er mir.

"Ich bin dort gewesen und ich sah, daß jeder der nur seinen Kopf dreht sowohl von den Amerikanern als auch den irakischen Soldaten bedroht und geschlagen wird... ein Mann tat das und als der irakische Soldat versuchte, ihn zu erniedrigen, nahm der Mann die Waffe eines in der Nähe stehenden Soldaten und tötete zwei Mitglieder der irakischen Nationalgarde, woraufhin er natürlich erschossen wurde."

Der Arzt erzählt mir, daß sie Menschen mehrere Stunden in der Schlange stehen lassen, ganz abgesehen vom US-Militär, das Propaganda-Filme von der Situation macht.

"Und ich habe gesehen, wie sie die Medien benutzen - und am 2. Januar am nördlichen Kontrollpunkt im nördlichen Teil Fallujahs gaben sie Leuten 200 US-Dollar pro Familie, damit sie nach Fallujah zurückkehrten und sie sie so in der Schlange filmen konnten... während damals tatsächlich niemand nach Fallujah zurückkehrte", sagt er. Das erinnert mich an die Geschichte, die mir mein Kollege von dem erzählte, was er im Januar gesehen hat. Zu der Zeit wurde ein CNN-Team vom Militär eskortiert, um Straßenfeger, die als Statisten dorthingebracht worden waren und Soldaten, die Süßigkeiten an Kinder verteilten, zu filmen.

"Man muß den verursachten Haß verstehen... es ist für Iraker, mich eingeschlossen, schwieriger geworden, zwischen der amerikanischen Regierung und dem amerikanischen Volk zu unterscheiden", sagt er mir.

Seine Geschichte ist wie zahllose andere.

"Mein Cousin war ein armer Mann in Fallujah", erklärt er. "Er ging von seinem Haus zur Arbeit und zurück, während er mit seiner Frau und fünf Töchtern lebte. Im Juli 2003 kamen amerikanische Soldaten in sein Haus und weckten alle auf. Sie zerrten sie ins Wohnzimmer und exekutierten meinen Cousin vor seiner Familie. Dann gingen sie einfach."

Er zögert, hält dann seine Hände hoch und fragt: "Nun, was werden diese Menschen gegenüber Amerikanern empfinden?"





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