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"Sharm-el Sheikh, wir sind wieder da...."
14.02.2005


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs






Keiner nannte sie die "Ophira-Konferenz". Nicht einmal die Zeitungen der extremen Rechten. Wer erinnert sich überhaupt noch an den Namen Ophira, der Sharm-al-Sheikh während der israelischen Besatzung - als erster Schritt zur Annektierung - gegeben worden war?

Wer will sich noch an den berühmten Ausspruch von Moshe Dayan erinnern, daß "Sharm-al-Sheikh wichtiger als Frieden ist"? Ein paar Jahre später nahm derselbe Dayan an den Friedensverhandlungen mit Ägypten teil und gab Sharm-al-Sheikh zurück. In der Zwischenzeit aber hatten etwa 2.500 junge israelische Soldaten und wer weiß wieviel tausende Ägypter für dieses Erklärung während des Yom Kippur-Krieges mit ihrem Leben bezahlt.

Während der Konferenz konnte ich mich eines Liedes nicht erwehren, das mich ständig verfolgte: "Sharm-al-Sheikh, wir sind wieder da ..." Es wurde mit Begeisterung in den Tagen der stupiden Euphorie nach dem Sechs-Tage-Krieg gesungen. Es erinnerte die Leute zu der Zeit, daß wir den Ort bereits während des Sinai-Krieges von 1956 erobert hatten, aber vom Eisenhower-Bulganin-Ultimatum gezwungen wurden, uns zurückzuziehen. Nun waren wir also wieder hier.

Ich war 1956 dort: ein schöner Golf ("Sharm-al-Sheikh" heißt "die Bucht des alten Mannes"), ein paar kleine Häuser und eine charakteristische Moschee. Bevor sich unsere Armee ein paar Monate später zurückzog, sprengte sie in einem Anfall von Wut die Moschee in die Luft.

Jetzt, 22 Jahre nachdem wir Ophira das letzte Mal verlassen hatten (niemand sang "Sharm-al-Sheikh, wir haben dich wieder verlassen..."), behandeln wir den Platz als ägyptischen Urlaubsort, so ägyptisch wie Kairo und Alexandria. Die Vergangenheit ist gelöscht worden. Die Besatzung ist aus unserem kollektiven Gedächtnis gestrichen worden.

Das ist die erste optimistische Lehre aus der Konferenz. Man kann sich zurückziehen. Man kann eine Besatzung beenden. Man kann sogar vergessen, daß sie je stattgefunden hat.

Der Geist zweier Leute, die nicht anwesend waren schwebte über dem, was sich dort abspielte.

Der eine war George W. Bush. Weder er noch irgendein anderer Amerikaner saß mit an dem großen runden Tisch. Aber alle vier, die dort saßen, wußten, daß sie vollständig von ihm abhängig sind. Husni Mubarak ist abhängig von den 2 Milliarden Dollar, die er jedes Jahr von den USA unter der Schirmherrschaft eines Kongresses erhält, der von der pro-israelischen Lobby dominiert wird. König Abdallah von Jordanien erhält viel weniger, aber auch seine Herrschaft hängt von der Unterstützung der USA ab.

Ariel Sharon ist der siamesische Zwilling von Bush und kann sich ohne ihn nicht bewegen. Es ist kaum vorstellbar, daß er irgendetwas, groß oder klein, tun würde, das Bush aufregen würde. Abu Mazen spielt va banque in der Hoffnung, daß Bush den Palästinensern helfen wird, die Besatzung loszuwerden, und ihren Staat zu errichten.

Warum also kamen die Amerikaner nicht nach Sharm? Weil sie nicht bereit waren, das Risiko einzugehen, an einem Prozeß beteiligt zu sein, der womöglich fehlschlagen könnte. Sie werden kommen, wenn der Erfolg sicher ist. Und das ist er im Augenblick nicht.

Der zweite Abwesende war Yasser Arafat.

Die Konferenz hätte ohne seinen mysteriösen Tod nicht stattgefunden. Er nahm Sharon den Vorwand, den Frieden in "Formalin" zu legen, wie es von Dov Weißglas, seinem engsten Mitarbeiter, beschrieben wurde, und der während der Konferenz neben ihm saß. Kein Arafat, kein Vorwand. Israelische Propaganda, die sich große Mühe gegeben hat, Arafat als Teufel darzustellen, wird sich noch größere Mühe geben müssen, um mit Abu Mazen dasselbe zu tun.

Abu Mazen gelang es, den Namen Arafats in seine Rede zu bringen, doch nur auf indirekte Weise. Aber er weiß - wie jeder Palästinenser - daß die 45 Jahre von Arafats Arbeit den Grundstein legten, auf dem Abu Mazen nun seine neue Strategie aufbaut. Ohne die erste Intifada hätte es kein Oslo gegeben, und ohne die zweite Intifada hätte es keine Sharm-al-Sheikh-Konferenz gegeben. Nur der gewalttätige palästinensische Widerstand, den die israelische Armee nicht beenden konnte, hatte Sharon an den runden Tisch gebracht.

Die israelische Armee weiß mittlerweile, daß sie den Aufstand nicht mit militärischen Mitteln besiegen kann. Die Palästinenser haben ihre Selbstachtung wieder gewonnen, so wie die Ägypter nach dem Yom Kippur-Krieg. Viele von ihnen glauben auch, daß Bush in seiner zweiten Amtsperiode Israel zu einem Rückzug zwingen wird.

Übrigens hat die Dämonisierung Arafats nach seinem Tode keineswegs aufgehört. Im Gegenteil, sie geht mit großem Eifer weiter. Der linke und rechte Flügel Israels erklären in fast jedem Artikel und jeder TV-Talkshow in herzerwärmender Einigkeit, daß Arafat das große Hindernis zum Frieden war. Nicht die Besatzung. Nicht die Siedlungen. Nicht die Politik von Netanyahu-Barak-Sharon. Nur Arafat. Der Beweis: Arafat starb - und hoppla - gibt es eine Konferenz.

Das von Condoleezza Rice gespielte Spiel war besonders amüsant. Sie besuchte die Mukata'ah, wo jeder Stein den Namen Arafats schreit. Sie legte keinen Kranz auf sein Grab - eine minimale Geste der Höflichkeit, mit der sie die Herzen der Palästinenser gewonnen hätte. Als diplomatischer Kompromiß war sie allerdings einverstanden, das Händeschütteln mit Abu Mazen unter dem Bild Arafats photographieren zu lassen.

Arafat hatte wie üblich sein schlaues Lächeln. Er hatte sicher verstanden.

Was wurde also bei der Konferenz erreicht?

Es ist leichter zu sagen, was nicht erreicht wurde.

Das Oslo-Abkommen war ein Fehlschlag, weil dort das Endziel nicht ausgesprochen wurde, das nach den umständlichen Zwischenschritten erreicht werden sollte. Arafat und Abu Mazen hatten ein klares Ziel: ein palästinensischer Staat in allen besetzten Gebieten mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt, Rückzug bis zur Grünen-Linie-Grenze (mit minimalen Anpassungen), Auflösung der Siedlungen und eine praktische Lösung für das Flüchtlingsproblem. Die Israelis hatten nicht den Mut, diese unvermeidliche Lösung des Konfliktes zu definieren, und viele träumten noch immer von Groß-Israel.

Dies war ein Rezept für einen Fehlschlag. Und schon am nächsten Tag begann der Streit um jeden einzelnen Paragraphen.

In Sharm-al-Sheikh wurde die Lösung des Konfliktes überhaupt nicht erwähnt. Abu Mazen gelang es, ein paar Worte darüber einfließen zu lassen, aber Sharon reagierte überhaupt nicht. Diese Unterlassung ist sehr bedeutsam. Es muß betont werden: Sharon äußerte in Sharm nicht ein einziges Wort, das nicht mit seinem Plan übereinstimmte 58 Prozent der West Bank zu annektieren und die Palästinenser in kleine Enklaven der restlichen Gebieten einzusperren.

Das gleiche gilt für den Zeitplan. In Oslo waren Termine festgelegt worden, aber die israelische Seite dachte gar nicht daran, sie einzuhalten. "Es gibt keine heiligen Daten", war Yitzhak Rabins berühmter Ausspruch, nachdem er den Zeitplan unterschrieben hatte.

Das war ein fataler Fehler. Buchstäblich - er tötete Rabin. Das Hinausschieben der Lösung ließ die Friedensgegner Zeit gewinnen, um wieder Stärke zu erlangen, sich neu zu gruppieren und den Gegenangriff zu organisieren, der in der Ermordung Rabins gipfelte. Vergeblich zitierten wir für Rabin den Spruch von Lloyd George: "Man kann einen Abgrund nicht mit zwei Sprüngen überschreiten."

Abu Mazen sagte in Sharm-al-Sheikh, daß dies der erste Schritt auf einem langen Weg sei. Ein langer Weg ist ein gefährlicher Weg. Überall lauern Saboteure des Friedens, israelische wie palästinensische.

Eine der Grundbedingungen für einen wirklichen Friedensprozess - und vielleicht der wichtigste - ist außerdem die wahrheitsgemäße Darstellung der Realität. Wenn man all den Reden in Sharm-al-Sheikh zugehört hat, konnte man den Eindruck gewinnen, das Hauptproblem sei der "palästinensische Terrorismus", und wenn dieser aufhöre, dann werde alles in Ordnung sein. In der folgenden Reihenfolge: a) die Palästinenser beenden ihre "Gewalt", b) Israel stoppt die militärischen Aktionen; c) Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen wird eingerichtet und d) Gott und/oder Allah wird für den Rest sorgen.

Pessimisten werden sagen: Die Konferenz hatte kein Ergebnis. Die Waffenruhe hängt an einem seidenen Faden. Bestenfalls wird Sharon sein Versprechen einhalten, sich aus dem Gaza-Streifen zurückzuziehen und ein paar Siedlungen aufzulösen. Dann wird er Ärger von neuem beginnen.

Optimisten werden sagen: das ist ein guter Anfang. Das Ende des "palästinensischen Terrorismus" wird eine neue Atmosphäre in Israel schaffen. Das Auflösen der ersten Siedlungen wird eine entscheidende Konfrontation mit sich bringen. Die Siedler und die nationalistisch-messianischen Rechten werden besiegt werden. Die Menschen werden erkennen, daß das Leben anders aussehen kann. Die Dynamik des Prozesses wird Sharon mitreißen und er wird nicht in der Lage sein, ihn zu stoppen, selbst wenn er es wollte.

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