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Vorsicht, bissiger Hund!
23.02.2005


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs






Es ist nicht sehr schmeichelhaft, wie ein Rottweiler an der Leine zur Schau gestellt zu werden, dessen Herr droht, ihn auf seine Feinde loszulassen. Aber genau in dieser Situation befinden wir uns jetzt.

Vizepräsident Dick Cheney drohte vor ein paar Wochen damit, wenn der Iran seine nuklearen Fähigkeiten weiter entwickelte, dann würde Israel angreifen.

In dieser Woche wiederholte George Bush diese Drohung. Wenn er der Ministerpräsident von Israel wäre, erklärte er, dann würde er sich vom Iran bedroht fühlen. Er erinnerte jene, die etwas langsam begreifen, daran, die USA habe sich verpflichtet, Israel zu verteidigen, wenn es eine Bedrohung seiner Sicherheit gäbe.

Dies läuft auf eine klare Warnung hinaus: falls der Iran sich nicht den Befehlen der USA unterwirft (und vielleicht sogar, wenn er dies tut), wird Israel ihn mit Hilfe der USA angreifen, genau wie Israel den irakischen Reaktor vor 24 Jahren angegriffen hat.

In derselben Woche geschah etwas Unerwartetes: Ariel Sharon sandte seinen Generalstabschef, Moshe Ya'alon, in Pension. Sein Nachfolger wird höchstwahrscheinlich General Dan Halutz sein.

Halutz ist natürlich ein Pilot, und einer, der eine Rolle beim Angriff auf den irakischen Reaktor 1981 gespielt hat. Wenn er Ya'alon folgt, wird es das erste Mal in den Annalen der israelischen Armee sein, daß ein General der Luftwaffe zum Generalstabschef ernannt wird.

Das ist ziemlich seltsam. Im kommenden Jahr wird die Armee eine äußerst schwierige Operation auf dem Boden, die Evakuierung der Siedlungen im Gaza-Streifen, durchzuführen haben. Die Ernennung eines Luftwaffengenerals als Generalstabschef mag darauf hindeuten, daß die israelische Armee etwas noch Bedeutenderes in der Luft plant.

(Zwischenakt: Keiner wird eine Träne vergießen, wenn Ya'alon abgesetzt wird. Als Generalstabschef trägt er die Verantwortung für alle schrecklichen Dinge, die sich in der Armee während der letzten drei Jahre abgespielt haben, von der "bestätigten Tötung" eines 13-jährigen Mädchens bis zur "Nachbar-Praxis", bei der ein Palästinenser gezwungen wird, vor den Soldaten zu gehen, während sie auf dem Weg sind, um einen Kämpfer zu töten. Aber wenn Ya'alon durch Halutz ersetzt wird, so bestätigt dies nur das pessimistische Sprichwort, daß es für jedem abgesetzten schlechten Mann einen noch schlechteren gibt, um ihm zu folgen.

Für die, die es vergessen haben: Halutz ("Pionier" auf hebräisch) hat einen Sturm der Entrüstung ausgelöst, als die Luftwaffe eine 1-Tonnen-Bombe auf ein Haus eines Hamas-Führers fallen ließ und ihn zusammen mit 15 Zivilisten, einschließlich 9 Kindern, töteten. Als er gefragt wurde, was er beim Abwerfen so einer Bombe fühlt, sagte er "einen kleinen Stoß" und fügte hinzu, daß er danach gut schlafe. Bei derselben Gelegenheit beschimpfte er Gush Shalom für deren Aktionen gegen Kriegsverbrechen und verlangte, daß wir wegen Verrat vor Gericht gebracht werden sollten.)

Zurück zu Bush-Cheney und dem Rottweiler.

Als Bush das erste Mal an die Macht kam, legten ihm die Neo-Cons einen verständlichen Plan zur Ausdehnung des amerikanischen Imperiums im Mittleren Osten dar. Er enthielt drei Kapitel:

Eins, Den Irak zu erobern, um die Kontrolle für seine immensen Ölreserven zu erlangen und eine amerikanische Garnison am entscheidenden Schnittpunkt zwischen den Ölfeldern des Kaspischen Meeres und den saudischen Ressourcen zu plazieren.

Zwei, Das iranische Regime zu brechen und den Iran zum amerikanischen Block zurückzuführen.

Drei, Dasselbe mit Syrien und dem Libanon zu tun. Noch war nicht entschieden, ob zuerst der Iran und dann Syrien - oder umgekehrt - drankäme.

Eigentlich möchte man vermuten, daß nach den Erfahrungen des amerikanischen Abenteuers im Irak die nächsten Kapitel gestrichen würden. Die Iraker haben die Besatzungsarmee nicht mit Blumen empfangen. Der Vorwand für die Invasion - Saddams Massenvernichtungswaffen - war als eklatante Lüge entlarvt worden. Der bewaffnete Aufstand geht weiter. Die Zukunft des irakischen Staates hängt auch nach den Wahlen noch in der Luft. Das Land könnte in drei Teile zerfallen, und eine Schockwelle könnte sich durch den ganzen Mittleren Osten ausbreiten.

Naive Leute glauben, daß nach all diesem Bush keine weiteren Abenteuer dieser Art mehr riskieren würde. Aber das ist ein Irrtum.

Erstens, weil eine so primitive und eingebildete Person wie er niemals einen Fehlschlag zugeben wird. Wenn eines seiner Abenteuer mißlingt, so treibt ihn dies nur zu noch ehrgeizigeren Abenteuern.

Zweitens kostet der Fehlschlag zwar eine Menge Menschenleben und zerstört die Infrastruktur des Lebens im Irak, aber das ist den Planern der Operation völlig gleichgültig. Das Hauptziel - eine dauernde Garnison im Lande aufzubauen - ist erreicht worden. Außerhalb des Iraks verlangt niemand, daß die US-Soldaten das Land verlassen. Und auch wenn es jede Art von Sabotageakten gibt, ist das irakische Öl unter Kontrolle der USA. Die Ölbarone, die der Bush-Familie als Förderer dienen, können sehr zufrieden sein.

Die Europäer und die Russen versuchen, den Weg Bushs zu blockieren. Er ist gerade im Begriff, in die EU und die NATO zu besuchen und versucht, sie mit freundlichen Worten und Drohungen davon zu überzeugen, sich seinen Abenteuern anzuschließen.

Deshalb muß man Bushs und Cheneys Drohungen, den Rottweiler loszulassen, ernstnehmen. In dem Augenblick, in dem sie glauben, der Weg sei frei, werden sie Sharon das Zeichen geben. Sharon wird seine Pflicht tun, im Gegenzug für die amerikanische Zustimmung, wieder ein paar Stücke Land der palästinensischen Gebiete zu verschlingen.

Wird die militärische Aktion das Regime der Ayatollahs stürzen? Ich bezweifle es. Es ist tatsächlich ein widerwärtiges Regime, aber mit einem Angriff von außerhalb, besonders mit "Kreuzfahrern und Zionisten" konfrontiert, wird sich das iranische Volk vereinigt dahinter stellen. Ein stolzes Volk mit einer ruhmreichen Geschichte wie die Iraner wird nicht so leicht zu brechen sein.

Syrien ist ein anderes Ziel. Es hat nicht wie der Irak und der Iran Ölreserven. Aber ohne Syrien wird das amerikanische Imperium nicht zusammenhängend sein und es ist ein Hindernis für Israel.

Im Krieg von 1967 hatte Israel die Golan-Höhen erobert, die bis dahin in Israel "die syrischen Höhen" genannt wurden. Anstelle von Dutzenden syrischer Dörfer, die vom Erdboden entfernt wurden, stehen jetzt israelische Siedlungen. Die Syrer haben nie aufgegeben, zu versuchen, ihr Land zurückzubekommen. 1973 versuchten sie es mit einem Krieg, wurden aber trotz des anfänglichen bemerkenswerten Sieges geschlagen . Seitdem hat sich das militärische Ungleichgewicht noch mehr zu Gunsten Israels geneigt. Deshalb versucht Syrien nun eine andere Methode: Israel durch Vertreter zu schikanieren, durch die Unterstützung der Hizbollah und der radikalen palästinensischen Organisationen, deren Führer in Damaskus leben.

Um die dauernde Herrschaft über die Golan-Höhen zu erreichen, muß Israel Syrien brechen. Die Neo-Cons in Washington - welch eine Überraschung! - haben dasselbe Ziel. Der Vorwand: die Tatsache, daß Syrien im Libanon Soldaten stationiert hat.

Historisch betrachtet, ist der Libanon ein Teil Syriens. Damaskus hat sich nie mit der Errichtung eines getrennten Libanons in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch die französischen Kolonialherren abgefunden. Es akzeptiert den Libanon höchstens als syrisches Protektorat.

Die syrische Armee marschierte 1976 auf der Höhe des schrecklichen Bürgerkrieges in den Libanon ein. Die Muslime und die Drusen waren mit Hilfe der PLO im Begriff, die christlichen Gebiete zu erobern. Es waren die Christen (man denke daran!), die die Syrer um Hilfe gerufen haben, um sie zu retten. Seitdem sind die Syrer dort. Viele Libanesen glauben, daß ihr Abzug den Bürgerkrieg wieder zum Ausbruch bringen würde.

1982 versuchte Israel, sie zu verdrängen. Das war das Hauptziel des israelischen Generalstabs (im Unterschied zum damaligen Verteidigungsminister Ariel Sharon, dessen Hauptziel es war, die Palästinenser zu vertreiben). Aber die Invasion erreichte nicht ihr Ziel. Am Ende wurden die Israelis hinausgetrieben und die Syrer blieben.

In dieser Woche wurde der muslimische Führer Fariq al-Hariri, der sich vor kurzem der Opposition anschloß, in Beirut ermordet. Noch weiß man nicht, wer es tat. Die große amerikanische Propagandamaschine, die die israelischen Medien einschließt, zeigt auf die Syrer. Wenn sie tatsächlich schuldig sind, war dies ein Akt größter Dummheit, da es offensichtlich den Amerikanern helfen würde, eine libanesische Opposition aufzubauen und einen Sturm antisyrischer Gefühle zu wecken. Es geschah exakt im richtigen Augenblick für jemanden, der daran interessiert ist, eine Kampagne gegen Syrien zu beginnen und zwar unter dem Slogan: "Schluß mit der syrischen Besatzung!"

Diese Forderung hat etwas lächerliches; kommt sie doch von zwei Besatzungsmächten: den Amerikanern im Irak und den Israelis in Palästina. Aber Rottweiler sind nicht wegen ihres Humors bekannt, ebensowenig wie die, die sie an der Leine führen.





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