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Nachrichten, die man nicht überall findet.




Die nächsten Kreuzzüge
07.03.2005


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs






Vor vielen Jahren las ich das Buch "Der stille Amerikaner" von Graham Greene. Seine Hauptfigur ist ein edelgesinnter, naiver, junger amerikanischer Geheimdienstler in Vietnam. Er hat von der Komplexität dieses Landes keine Ahnung, will aber seine Mißstände beseitigen und Ordnung schaffen. Die Folgen sind verheerend.

Ich habe das Gefühl, daß dies jetzt im Libanon geschieht. Die Amerikaner sind nicht so edelgesinnt und nicht so naiv. Weit davon entfernt. Aber sie sind sehr bereit, in ein fremdes Land zu gehen, seine Komplexität zu ignorieren, und in ihm mit Gewalt Ordnung, Demokratie und Freiheit einzuführen.


Bürgerkrieg: Libanon. Der Libanon ist ein Land mit einer besonderen Topographie: es ist ein kleines Land mit hohen Bergketten und isolierten Tälern. Deshalb zog es in der Vergangenheit Gemeinschaften verfolgter Minderheiten an, die hier Zuflucht fanden. Heute leben dort neben- und gegeneinander vier ethno-religiöse Gemeinschaften: Christen, Sunniten, Schiiten und Drusen. Innerhalb der christlichen Gemeinschaft gibt es noch verschiedene Untergemeinschaften, wie die Maroniten und andere alte Sekten, die einander größtenteils feindlich gesinnt sind. Die Geschichte des Libanon ist voll von gegenseitigen Massakern.

Solch eine Situation lädt zur Einmischung durch Nachbarn und ausländische Mächte ein, jeder wünscht, zum eigenen Vorteil in diesem Topf herumzurühren. Syrien, Israel, die Vereinigten Staaten und Frankreich, der frühere Kolonialherr, alle sind daran beteiligt.

Genau vor 50 Jahren gab es zwischen den Führern Israels eine geheime, hitzige Debatte. David Ben-Gurion (damals Verteidigungsminister) und Moshe Dayan (der Stabschef der Armee) hatten eine brillante Idee: den Libanon zu überfallen, einen "christlichen Führer" als Diktator einzusetzen und das Land in ein israelisches Protektorat zu verwandeln. Moshe Sharett, der damalige Ministerpräsident, griff diese Idee leidenschaftlich an. In einem langen, ausführlich darlegendem Brief, der für die Geschichte bewahrt wurde, zog er die totale Unkenntnis der Befürworter dieser Idee angesichts der unglaublich zerbrechlichen Komplexität der libanesischen gesellschaftlichen Struktur ins Lächerliche. Jedes Abenteuer würde in einer Katastrophe enden, warnte er.

Zu jener Zeit siegte Sharett. Aber 27 Jahre später taten Menachem Begin und Ariel Sharon genau das, was Ben-Gurion und Dayan vorgeschlagen hatten. Das Ergebnis war genau so, wie Sharett es vorausgesehen hatte.

Jeder, der jetzt den amerikanischen und israelischen (es gibt keinen Unterschied) Medien folgt, gewinnt den Eindruck, daß die gegenwärtige Situation im Libanon einfach sei: es gibt zwei Lager, "die Unterstützer Syriens" auf der einen Seite und die "Opposition" auf der anderen. Da gibt es einen "Beiruter Frühling". Die Opposition ist eine Zwillingsschwester der gestrigen ukrainischen Opposition, und loyal imitiert sie ihre Methoden: Demonstrationen gegenüber vom Regierungsgebäude, ein Meer von geschwungenen Fahnen, farbige Schals und am wichtigsten: hübsche Mädchen in der ersten Reihe.

Aber zwischen der Ukraine und dem Libanon gibt es nicht die geringste Ähnlichkeit. Die Ukraine ist ein "einfaches" Land: der Osten tendiert zu Rußland, der Westen zu Europa. Mit amerikanischer Hilfe gewann der Westen.

Im Libanon sind alle verschiedenen Gemeinschaften in Aktion. Jede für ihre eigenen Interessen, jede verschwört sich gegen die andere um sie auszutricksen, vielleicht sie bei einer günstigen Gelegenheit anzugreifen. Einige der Führer sind mit Syrien verbunden, einige mit Israel, alle versuchen, die Amerikaner für ihre Zwecke auszunützen. Die hübschen Bilder der jungen Demonstranten, die in den Medien so hervorstehen, haben keine Bedeutung, wenn man nicht weiß, welche Gruppierung hinter ihnen steht.

Es ist erst 30 Jahre her, daß all diese Gruppierungen einen schrecklichen Bürgerkrieg begonnen hatten, und sie sich alle gegenseitig umbrachten. Die christlichen Maroniten wollten das Land mit Hilfe Israels übernehmen, wurden aber von einer Koalition der Sunniten und Drusen besiegt (Die Schiiten spielten damals keine bedeutende Rolle). Die von der PLO geführten palästinensischen Flüchtlinge, die eine Art fünfte "Gemeinschaft" bildeten, schlossen sich dem Kampf an. Als die Christen in Gefahr waren, überrannt zu werden, riefen sie die Syrer zu Hilfe. Sechs Jahre später fielen die Israelis mit dem Ziel ein, die Syrer und die Palästinenser gemeinsam zu vertreiben und einen christlichen starken Mann (Basheer Jumal) einzusetzen.

Wir brauchten 18 Jahre, um aus dem Morast wieder herauszukommen. Unsere einzige Errungenschaft war, die Schiiten in eine beherrschende Macht zu verwandeln. Als wir in den Libanon einmarschierten, empfingen uns die Schiiten mit Reis und Süßigkeiten, da sie hofften, wir würden die sie beherrschenden Palästinenser vertreiben. Ein paar Monate später, als ihnen klar wurde, daß wir nicht die Absicht hatten, sie zu gehen, begannen sie, auf uns zu schießen. Sharon ist der Geburtshelfer der schiitischen Hizb Allah.

Es ist schwer vorauszusehen, was geschehen wird, wenn die Syrer in das amerikanische Ultimatum einwilligen und den Libanon verlassen. Es gibt keine Anzeichen, daß die Amerikaner sich mit der Schaffung neuer Lebensstrukturen für die libanesischen Gemeinschaften befassen. Sie sind damit zufrieden, über "Freiheit" und "Demokratie" zu faseln, als ob ein Mehrheitsvotum ein für alle akzeptables Regime schaffen könnte. Sie verstehen nicht, daß "Libanon" ein abstrakter Begriff ist, da für die meisten Libanesen die Zugehörigkeit zu ihrer Gemeinschaft bei weitem wichtiger ist als Loyalität zum Staat. In solch einer Situation bedeutet auch eine internationale Militärtruppe keine Hilfe.

Das Wiederaufflammen des blutigen Bürgerkrieges ist leicht möglich.


Bürgerkrieg: Irak. Wenn im Libanon ein Bürgerkrieg ausbricht, wird er nicht der einzige der Region sein. Im Irak ist solch ein Krieg - wenn auch fast im Geheimen - bereits in vollem Gange.

Die einzige effektive Militärtruppe im Irak, abgesehen von der Besatzungsarmee, sind die kurdischen "Peshmarga", ("Jene, die dem Tode gegenüberstehen"). Die Amerikaner benutzen sie immer dann, wenn sie gegen die Sunniten kämpfen. Sie spielten in der Schlacht von Fallujah, eine große Stadt, die fast vollständig zerstört, ihre Bewohner getötet oder vertrieben wurden, eine bedeutende Rolle.

Die kurdischen Streitkräfte führen jetzt einen Krieg gegen die Sunniten und Turkmenen im Norden des Landes, um die ölreichen Gebiete und die Stadt Kirkuk unter ihre Kontrolle zu bringen, und um die sunnitischen Siedler, die dort von Saddam Hussein eingeschleust worden waren, zu vertreiben.

Wie kann ein solcher Krieg von den Medien praktisch ignoriert werden? Ganz einfach: alles wird unter den Teppich des "Krieges gegen den Terrorismus" gekehrt.

Aber dieser kleine Krieg ist nichts, verglichen mit dem, was im Irak geschehen könnte, wenn die Zeit kommt, um die Zukunft des Landes zu entscheiden. Die Kurden fordern völlige Autonomie, anders gesagt "Unabhängigkeit". Die Sunniten denken nicht im Traume daran, die Herrschaft der von ihnen verachtenden schiitischen Mehrheit zu akzeptieren, auch dann nicht, wenn es im Namen der "Demokratie" geschähe. Der Ausbruch eines vollwertigen Bürgerkrieges mag nur eine Frage der Zeit sein.


Bürgerkrieg: Syrien. Wenn es den Amerikanern (mit unserer diskreten Hilfe) gelingt, die regierende syrische Diktatur zu stürzen, gibt es überhaupt keine Sicherheit, daß sie durch "Freiheit" und "Demokratie" ersetzt wird.

Syrien ist fast so zersplittert wie der Libanon. Es gibt eine starke drusische Gemeinschaft im Süden, eine rebellische kurdische Gemeinschaft im Norden, eine alawitische Gemeinschaft (zu der die Assadfamilie gehört) im Westen. Die sunnitische Mehrheit ist traditionell zwischen Damaskus im Süden und Aleppo im Norden geteilt. Das Volk hat sich aus Furcht vor dem, was nach einem Regimekollaps geschehen könnte, mit der Assad-Diktatur abgefunden.

Es ist unwahrscheinlich, daß hier ein vollständiger Bürgerkrieg ausbrechen wird. Aber eine längere Phase von totalem Chaos ist ziemlich wahrscheinlich. Sharon würde darüber glücklich sein, obgleich ich mir nicht sicher bin, ob dies für Israel gut sein würde.


Religiöser Eifer: Iran. Das Hauptziel der Amerikaner ist natürlich, die Ayatollahs im Iran zu stürzen. (Es ist schon etwas ironisch, daß zur selben Zeit die Amerikaner im benachbarten Irak den Schiiten zur Macht verhelfen, wobei diese darauf bestehen, das islamische Recht einzuführen).

Der Iran ist eine viel schwerer zu knackende Nuß. Im Gegensatz zum Irak, Syrien und dem Libanon ist dies eine homogene Gesellschaft.

Israel droht jetzt offen mit der Bombardierung der iranischen Atomeinrichtungen. Alle paar Tage sieht man auf unseren Fernsehschirmen die digital unkenntlich gemachten Gesichter der Piloten, die sich mit ihrer Bereitschaft rühmen, dies jederzeit zu tun.

Der religiöse Eifer der Ayatollahs hat in letzter Zeit nachgelassen, wie dies bei jeder siegreichen Revolution nach einiger Zeit geschieht. Aber ein militärischer Angriff durch den "Großen Satan" (die USA) oder den "kleinen Satan" (uns) kann den ganzen schiitischen Halbmond, Iran, Südirak und Südlibanon, in Brand stecken.


Und auch hier. Sogar Israel wurde kürzlich Zeuge eines winzigen Bürgerkrieges.

Im galiläischen Dorf Marrar, wo eine drusische und eine arabisch-christliche Gemeinschaft seit Generationen nebeneinander lebt, brach plötzlich eine blutige Auseinandersetzung aus. Es war ein richtiges Pogrom: die Drusen fielen über die Christen her, griffen sie an, setzten einiges in Brand und zerstörten. Wie durch ein Wunder wurde niemand getötet. Die Christen sagen, daß die israelische Polizei (viel von ihnen sind Drusen) daneben stand. Der unmittelbare Grund für den Ausbruch: einige gefälschte Nacktfotos im Internet.

Es ist leicht, einen Bürgerkrieg entweder aus Fanatismus oder unerträglicher Naivität, zu entfachen. George Bush, der (nicht-so-) stille Amerikaner, rennt in der Welt herum, um mit seinen Patentrezepten "Freiheit" und "Demokratie" hausieren zu gehen, in totaler Ignoranz hunderter Jahre von Geschichte. Es ist kaum zu glauben, aber er zieht seine Inspiration aus einem Buch unseres Nathan Sharansky, einem - gelinde gesagt - sehr kleinen Geist.

Jedes menschliche Wesen und jedes Volk hat ein Recht auf Freiheit. Viele von uns haben für dieses Ziel ihr Blut vergossen. Demokratie ist ein Ideal, das jedes Volk für sich selbst realisieren muß. Aber wenn die Banner der "Freiheit" und "Demokratie" über dem Kreuzzug einer habgierigen und unverantwortlichen Supermacht flattern, können die Folgen katastrophal sein.





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