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Einige Worte eines "befreiten" Irakers
08.03.2005


Ghazwan Al-Mukhtar






Sehr geehrter Herr Bush, es war bedauerlich, daß es Ihnen während Ihres Überraschungsbesuchs Baghdads zum Erntedankfest im vergangenen Jahr nicht gestattet wurde, gewöhnliche irakische Bürger zu sehen und mit ihnen zu sprechen. Jene Iraker, die Sie während Ihres Besuchs trafen, waren Teil des von Amerika eingerichteten Satellitenstaates, der auf den Rücken amerikanischer Panzer kam. Natürlich erzählten sie Ihnen, was Sie hören wollten. Mehr noch, Herr Präsident, lebten sie, wie Ihre anderen Berater im Irak, in ihren isolierten Blasen in der abgesicherten "Grünen Zone" mit äußerst geringem Kontakt zu einfachen Irakern.

Ich bin sicher, daß, hätten sie mit einfachen Irakern gesprochen, Sie andere Meinungen erhalten hätten als jene, die an Sie von Ihren amerikanischen oder irakischen Beratern weitergereicht werden. Als einfacher irakischer Bürger möchte ich meine Gedanken zu dem irakischen Dilemma, in dem sich Amerika befindet, mit Ihnen teilen.

Vor über einem Jahr versprachen Sie dem irakischen Volk, daß "die Folterkammern und die Geheimpolizei für immer verschwunden sind." Herr Präsident, ich wollte Ihnen damals wirklich glauben. Ich fand später heraus, daß Ihre amerikanischen Soldaten seit Mai 2003 das irakische Volk folterten. Ich entdeckte außerdem, daß Ihre Generäle davon wußten und Berichte an ihre Vorgesetzten über solche Menschenrechtsverletzungen schrieben. Ich werde im Zweifel für den Angeklagten entscheiden und annehmen, daß Ihnen, Herr Präsident, Ihre Berater diese Fakten nicht mitteilten.

Nachdem Sie die Fakten kannten entschuldigten Sie sich nicht bei den Opfern amerikanischer Folter sondern fuhren fort, indem Sie die Schuld nur den "sieben schlechten Äpfeln" gaben. Dies beendete nicht die Folter oder die Menschenrechtsverletzungen durch Ihre Soldaten im Irak. Noch heute gibt es neue Berichte, die bestätigen, daß Iraker in den amerikanischen Gefangenenlagern gefoltert werden. Ich bin sicher, daß Ihnen Ihre Berater mitteilen werden, daß dies zum Schutz der Sicherheit Amerikas, etliche tausend Kilometer vom Irak entfernt, notwendig ist.

Ihre Partner in der "Koalition der Willigen" sind keinen Deut besser! Die britischen und dänischen Armeen foltern beide irakische Gefangene. Jetzt finden wir durch Menschenrechtsberichte heraus, daß die "neue irakische Armee", geschaffen und ausgebildet durch Ihre Regierung, ebenfalls Iraker foltert. Für mich ist es eindeutig, Herr Präsident, daß, während wir vor der "Befreiung" von einer Macht des Bösen gefoltert wurden, wir nun nach der "Befreiung" von mindestens vier bösen Mächten gefoltert werden. Mir scheint, Herr Präsident, daß, entgegen Ihrer Erklärung, die "Folterkammern" hier auf ewig bestehen könnten.

Erlauben Sie mir, Herr Präsident, zu sagen, daß Ihre Anschuldigung der "nur sieben Äpfel" den rechtlichen Präzedenzfall für jeden Diktator in der Welt geschaffen hat, um der Verantwortung für Folter und Menschenrechtsverletzungen zu entkommen. Wie Sie wird jeder Diktator die Schuld und die Verantwortlichkeit an den sieben, zehn oder zwanzig schlechten Äpfeln in seinen Streitkräften festmachen. Ich bin sicher, daß Ihnen anständige amerikanische Rechtsgelehrte sagen würden, daß diese Entschuldigung sehr gefährlich ist und in einem korrekten und unparteiischen Gerichtshof keinen Bestand hätte.

Handlungen werden an ihrem Ergebnis und nicht an Rhetorik beurteilt. Einfache Iraker sehen sich, wie Ihre amerikanischen Soldaten, Bedrohungen ihres Lebens gegenüber. Die allgemeine, weiterhin existierende Gesetzlosigkeit, eine Folge Ihrer Besetzung des Iraks, macht das Leben einfacher Iraker jämmerlich. Wir Iraker haben Angst hinauszugehen, weil wir befürchten, von kriminellen Banden entführt zu werden, die sich im Land aufgrund einer ineffektiven Polizei frei bewegen. Wir haben ebenfalls Angst, hinauszugehen, weil wir befürchten, von einer auf Ihre Soldaten gerichteten Bombe getötet oder von Ihren schießwütigen und nervösen amerikanischen Soldaten erschossen zu werden.

Die unschuldige irakische Bevölkerung benutzt keine gepanzerten Truppentransporter und keine gepanzerten Fahrzeuge um sich zu schützen. Mehr unschuldige Iraker werden durch auf sie schießende Soldaten getötet als durch kriminelle Banden. Sie wissen wahrscheinlich, Herr Präsident, daß Ihre schießwütigen und nervösen Soldaten sich Straffreiheit für diese unrechtmäßigen Tötungen erfreuen. Angesichts dessen, was ich mitangesehen habe, entschuldigen sich diese Mörder nicht einmal für ihre Taten.

Erlauben Sie mir Sie, Herr Präsident, respektvoll daran zu erinnern, daß jetzt mehr als 60 Prozent der Arbeitskräfte in Ihrem "befreiten" Irak arbeitslos sind, verglichen mit 30 Prozent vor Ihrer Befreiung. Es scheint, daß Ihre Handlungen die Zahl jener Iraker, die von einem anständigen Gehalt und einer anständigen Arbeit "befreit" sind, verdoppelt haben.

Der US-Kongreß gab Ende Juni 2004 einer Bericht über den Irak heraus. In diesem Bericht sagen sie, daß im Mai 2003 (direkt nach der Invasion) 7 der 18 Gouvernements mehr als 16 Stunden Strom pro Tag hatten. Er besagt auch, daß diese Zahl im Mai 2004, ein Jahr nach der Invasion, auf ein Gouvernement reduziert war. Jetzt haben wir schon Glück, wenn wir in Baghdad, einer Stadt mit 5 Millionen Einwohnern, pro Tag sechs Stunden Strom bekommen.

Die Gesundheitsversorgung hat sich in den vergangenen 22 Monaten der Besatzung beständig verschlechtert. Krankenhäusern mangelt es an den einfachsten Dingen. Medikamente sind nicht verfügbar. Weniger Patienten begeben aufgrund der Sicherheitslage und der gesperrten Straßen sich in Behandlung oder zu Untersuchungen. Ärzte sind in Krankenhäusern nicht sicher, weil sie von Angehörigen von Patienten, die die armen hilflosen Ärzte beschuldigten oder ihre Frustration an ihnen ausließen, körperlich angegriffen wurden.

Aufgrund des Mangels an Sicherheit und der schwachen Polizei haben kriminelle Banden einige hundert Ärzte entführt um Lösegelder zu erpressen. Einige wurden bedroht. Als Folge sind hunderte hochqualifizierte Ärzte aus dem Land geflohen, was zu einem weiteren Zerfall der Gesundheitsversorgung geführt hat. Diese hochqualifizierten Ärzte sind nicht vor der Tyrannei des Diktators davongerannt, Herr Präsident, sondern wegen des Chaos und der Gesetzlosigkeit in Ihrem "befreiten Irak".

Akten belegen, Herr Präsident, daß die irakische Regierung bis zu einhunderttausend Barrel Dieselöl pro Tag durch die Türkei außer Landes geschmuggelt hat, mit dem Wissen Ihrer Regierung. Diese Zahlen belegen, daß die irakischen Raffinerien Überschußkapazitäten hatten, um raffinierte Ölprodukte zu exportieren.

Während der "Befreiung" wurden die irakischen Raffinerien nicht wie in 1991 angegriffen, also ist anzunehmen, daß die Schäden minimal waren. Ich frage mich, warum die Raffinerien nach 22 Monaten der "Befreiung" immer noch nicht repariert sind. Ich kann immer noch nicht verstehen, warum der Irak weiterhin raffinierte Ölprodukte aus der Türkei, Kuwait und Saudi-Arabien und zu meinem Erstaunen aus Israel importiert. Wir Iraker müssen erfahren, warum unser Geld unklug dafür ausgegeben wird, Benzin zu importieren, da wir eine Exportnation waren. Ich mag einsehen, daß Halliburton und KBR einige Monate lang Benzin importieren mußten, aber nicht 22 Monate nach der "Befreiung".

In 1991 wurden unsere Raffinierien durch das Bombardement schwer beschädigt. Wir, das irakische Volk, waren in der Lage, trotz der Sanktionen und ohne die Hilfe der Halliburtons, die Raffinerien in nur wenigen Monaten zu reparieren. Wir hielten sie 13 Jahre lang in Gang und wir exportierten Produkte. Ebenso waren die Iraker in der Lage, die Stromversorgung in wenigen Monaten wiederherzustellen. Das irakische Volk baute jedes in dem Krieg von 1991 beschädigte Gebäude in weniger als einem Jahr wieder auf. Das Fehlen jeglicher Wiederaufbaubemühungen 22 Monate nach der "Befreiung" zu sehen macht mich traurig.

Herr Präsident, in 1991 versprach Amerika, daß der Irak in das "vorindustrielle" Zeitalter zurückgeworfen würde und schaffte dies fast, indem alles bombardiert und zerstört wurde. Das irakische Volk erstaunte die Welt, indem es das Zerbombte wieder aufbaute. Darüberhinaus wurden neue Projekte trotz der Sanktionen durchgeführt. Als Iraker macht mich dies äußerst stolz auf unsere Errungenschaften in 1991. Wir, die Iraker, legten die Standards für Wiederaufbau fest. Nach 22 Monaten der "Befreiung" und dem Fehlen ehrlicher und sichtbarer Wiederaufbauarbeiten habe ich das Gefühl, daß Amerika erbärmlich darin versagt hat, diesen Standard zu erreichen.

13 Jahre lang lebten Iraker von Lebensmittelzuwendungen der Regierung. Man sagte uns, daß die Regierung uns ausraubte und uns nur 2.200 Kilokalorien pro Tag zur Verfügung stellte. Die "befreite" Regierung des Iraks stellt uns immer noch etwa 2.200 Kilokalorien an Lebensmittelzuwendungen zur Verfügung.

Die Regierung des Iraks gab etwa 150 Millionen US-Dollar pro Monat für den Import und die Verteilung der Lebensmittelzuwendungen aus. Laut dem Generalinspekteur Ihrer CPA gingen in einem Jahr 8,8 Milliarden US-Dollar verloren. Herr Präsident, diese 8,8 Milliarden US-Dollar reichen aus, um alle Menschen im Irak fast 60 Monate lang zu ernähren. Diese steuerliche Verantwortungslosigkeit und der Mangel an Transparenz bei dem Ausgeben unseres Geldes läßt mich an den Zielen der "Befreiung" des Iraks zweifeln. Ich bedaure zu sagen, daß das irakische Volk ausgeplündert wird. Wir werden auch von unserem Vermögen "befreit".

Ich bin sicher, Herr Präsident, daß unsere traumatisierten Kinder niemals vergessen werden, was ihrer Zukunft durch Ihre "Befreiung" angetan wurde. Ich bin sicher, daß es Ihre Kinder in Zukunft mit unseren traumatisierten Kindern zu tun bekommen. Ich bin auch sicher, daß Ihre Kinder für all die Schäden und das gestohlene Geld werden aufkommen müssen. Ich kann sehen, daß der Preis sehr hoch sein wird.

Ich will nicht wie der Rest Ihrer Berater sein und Ihnen ein rosiges Bild malen. Sie haben Ihnen erzählt von Massenvernichtungswaffen, der Verbindung zu Al-Qaida, der Verbindung zum 11. September, den Irakern, die Ihre Soldaten als "Befreier" begrüßen und es ist erwiesen, daß sie Ihnen nicht die Wahrheit sagten. Es ist an der Zeit, daß Sie anderen Leuten zuhören.

Wir hassen Amerika nicht wegen seiner "Freiheit oder Demokratie". Wir hassen Amerika nicht. Wir hassen die Verbrechen, die Zerstörungen und die Verwüstung, die von Amerika gegen das unschuldige Volk in unserem Land begangen wurden.

Hochachtungsvoll,

Ghazwan Al-Mukhtar

Baghdad, im besetzten Irak





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