www.Freace.de
Impressum


Nachrichten, die man nicht überall findet.




Bushs Guru
14.03.2005


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs






Ein amerikanischer und ein sowjetischer Soldat trafen sich 1945 in Berlin und stritten darüber, welches ihrer beiden Länder demokratischer sei.

"Nun", sagte der Amerikaner, "Ich kann in der Mitte des Times Square in New York stehen und ausrufen: 'Präsident Truman ist ein Schurke' und mir wird nichts geschehen!"

"Na und?", erwiderte der Russe, "Ich kann mich mitten auf den Roten Platz in Moskau stellen und ausrufen: 'Truman ist ein Schurke' und mir wird nichts geschehen!"

Vielleicht ist es diese Geschichte, die Natan Sharanskys Theorie anregte, daß der letzte Test für Demokratie der sei, wenn eine Person sich auf den zentralen Platz ihrer Stadt stellen und ihre eigene Regierung anprangern kann, ohne daß ihr etwas geschieht. Wahr, aber ziemlich vereinfacht, würde ich sagen. Vereinfacht genug, um die Phantasie jenes anderen großen Denkers, George W. Bush, anzuregen.

Als Israelis zum ersten Mal davon hörten, daß Bush Sharansky als sein Vorbild und Mentor bezeichnete, blieb ihnen fast die Luft weg. Sharansky? Unser Sharansky?

Um diese Reaktion zu erklären, muß man ein wenig ausholen. Das erste Mal hörten wir von Sharansky (eigentlich Anatoliy Shcharansky, aber der Name wurde vereinfacht und hebräisiert, als er hierher kam), als einem "Dissidenten" in der Sowjet-Union. Nachdem er in Moskau internationale Aufmerksamkeit erregt hatte, wurde er vom KGB verhaftet und wegen Verrats verurteilt, was wie ein besonders plumper Versuch aussah, ihn zum Schweigen zu bringen. Wie wir hörten, war er in der Hölle des Gulag nicht gebrochen worden, sondern blieb ein stolzer Kämpfer für seine Rechte und Ideen. Eine große internationale Kampagne verlangte seine Freilassung. Schließlich entschieden sich die Sowjets, ihn loszuwerden und tauschten ihn gegen einen wertvollen sowjetischen Spion, der in Amerika festgehalten wurde, aus. Das Bild dieser kleinen, aber aufrechten Gestalt, die die Brücke in Berlin überquerte, ist in unserem Gedächtnis geblieben.

Mit angehaltenem Atem warteten wir auf seine Ankunft in Israel. Da war er nun, ein großer, echter Held, der Mann, der allein den sowjetischen Riesen besiegt hatte, ein moderner David, der dem mächtigen Goliath trotzte.

Als wir ihn dann in natura vor uns sahen, waren wir mehr als enttäuscht. Als Held sah er wenig beeindruckend aus. Aber das Aussehen kann ja täuschen, oder?

Am Flughafen wurde Anatoliy, jetzt Nathan, mit seiner Frau, eine andere berühmte Dissidentin, wiedervereinigt. Da sie es in Israel schon zu einer gewissen Berühmtheit als fanatisch rechte und religiöse Extremistin gebracht hatte, schien ihre Verbindung mit dem Menschenrechtsaktivisten nicht recht zusammenzupassen.

Die wirkliche Desillusionierung, wenigstens für mich, begann mit der Husseini-Affäre. Irgendeine gute Seele arrangierte ein Treffen zwischen dem großen Dissidenten und Feisal Husseini, dem Führer der arabischen Gemeinde in Ost-Jerusalem, einem Kämpfer für die palästinensischen Menschenrechte und einem wahren Humanisten. Sharansky willigte ein, zog aber im letzten Augenblick zurück. Er behauptete, er habe nicht gewußt, daß Husseini zur PLO gehörte. (Das ist so, als wisse man nicht, daß Bush Amerikaner ist.)

In jener Zeit schrieb ich einen Artikel über ihn mit dem Titel "Shafansky". "Shafan" ist hebräisch für Kaninchen, dem Symbol für Feigheit.

Seitdem ist der große Menschenrechtler allmählich ein kompromißloser Aktivist gegen die Menschen- (und alle anderen) Rechte der Palästinenser in den besetzten Gebieten geworden.

Als erstes baute er eine Partei der Einwanderer aus der früheren Sowjet-Union auf, erreichte ein respektables Wahlergebnis und trat der Koalition der Arbeiterpartei bei. Aber nach einiger Zeit zerfiel seine Partei. Er versuchte sie zu retten, in dem er sich mit der Begründung aus der Regierung Ehud Baraks zurückzog, sie hätte gegenüber den Palästinensern zu viele Zugeständnisse Jerusalem betreffend gemacht. Schließlich schloß er sich - den politischen Bankrott eingestehend - dem Likud an. Er ist jetzt ein ziemlich unbedeutendes Mitglied der Regierung und nennt sich selbst vornehm "Minister für Jerusalem", dient aber tatsächlich als Minister ohne Geschäftsbereich, der pro forma mit den Angelegenheiten Jerusalems betraut ist.

In der Zwischenzeit hat er unter einigen Unannehmlichkeiten gelitten. Ein anderer berühmter russischer Immigrant veröffentlichte ein äußerst kritisches Buch über ihn und behauptete, daß er niemals ein prominenter Dissident gewesen sei, sondern seine Bedeutung absichtlich vom KGB aufgebauscht worden sei, um ihn gegen den wirklich bedeutenden Agenten im amerikanischen Gefängnis auszutauschen. Das Buch deutet auch an, daß seine Rolle hinter Gittern viel weniger heldenhaft war, als angepriesen worden war.

Sharansky klagte wegen Verleumdung und gewann, aber erst nach der Demütigung, daß einige andere frühere Dissidenten gegen ihn aussagten.

Während all der Jahre driftete Sharansky - zusammen mit vielen "russischen" Einwanderern - zur extremen Rechten. Schon als Wohnungsbauminister hatte er systematisch die Siedlungen auf enteignetem arabischem Land in der West Bank vergrößert und hat so die Menschen- und nationalen Rechte der Palästinenser mit Füßen getreten. Nun gehört er zu den Likud-"Rebellen", der Gruppe der extremen Rechten, die versucht, Ariel Sharons "Abzugs"plan zu unterwandern und die Auflösung der Siedlungen zu verhindern.

Seit Jahren geht er nun mit der Idee hausieren, daß ein Frieden mit den Arabern unmöglich wäre, solange sie nicht demokratisch würden. In Israel wurde dies nur als weiterer Propagandatrick abgetan, der der Ablehnung der israelischen Regierung jegliches Friedens, der das Ende der Besatzung bedeuten würde, diente. Da Sharansky absolut unwissend über arabische Angelegenheiten ist und wahrscheinlich auch nie ein ernsthaftes Gespräch mit einem Araber geführt hat, ist es für Israelis schwierig, ihn ernst zu nehmen. So weit ich weiß, tut das auch keiner, nicht einmal Anhänger des rechten Flügels.

Seine wenig originelle Behauptung, daß "Demokratien nicht gegen andere Demokratien Kriege führen" ist ein perfektes Alibi für die Vereinigten Staaten, um den Irak, Syrien und den Iran anzugreifen, die schließlich keine Demokratien sind (während Diktaturen wie Pakistan und Turkmenistan gute Freunde bleiben).

Der Gedanke, daß die Lehren dieses politischen Philosophen ein Leitstern des mächtigsten Führers der Welt und des Befehlshabers der größten Militärmaschinerie in der Geschichte sind, ist ziemlich beängstigend.





Zurück zur Startseite





Impressum

contact: EMail