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Nachrichten, die man nicht überall findet.




Mit schlechten Vorsätzen gepflastert
28.03.2005


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs






In der vergangenen Woche führten die etablierten israelischen Friedensorganisationen eine Demonstration durch, um Ariel Sharons Abzugsplan zu unterstützen. Ich quälte mich tagelang, ob ich mitmachen sollte oder nicht. Die Frage beschäftigt mich weiterhin und die Diskussionen über dieses Problem gehen weiter - wegen einer wichtigen Abstimmung in der Knesset, die in der nächsten Woche abgehalten wird.
Um eine Antwort darauf zu finden, ist es vielleicht am besten, wenn die Pros und Kontras gegeneinander abgewogen werden.

Beginnen wir mit den Kontras.
Ich vertraue Sharon nicht. David Ben-Gurion, der ihn sehr mochte, betrachtete ihn als zwanghaften Lügner. "Wenn Sharon seine Fehler ablegen würde, wie zum Beispiel nicht die Wahrheit zu sagen ...wäre er ein vorbildlicher Militärführer," schrieb Ben-Gurion am 29. Januar 1960 in sein Tagebuch.
Seit einem Jahr hat er nun über den Abzug gesprochen, für den Abzug gearbeitet, Himmel und Hölle für den Abzug in Bewegung gesetzt. Aber bis zum heutigen Tag hat er außer ein paar Verwaltungsmaßnahmen überhaupt nichts getan, um den Plan durchzuführen. Im Gegenteil: in diesen Tagen werden Millionen in die Verteidigung der Häuser in Gush Katif investiert, deren Bewohner in wenigen Wochen evakuiert werden sollen. Warum sollte man ihm Glauben schenken und ihn unterstützen, bevor die Ausführung des Abzugsplans überhaupt begonnen hat?

Heißt das, daß er den Plan gar nicht durchführen will?
Ich glaube, daß er jetzt keinen Rückzieher mehr machen kann. Sein großes Ego wird nun mit dieser Operation identifiziert. Er hat inzwischen seine Partei gespalten, ist ein Feind der Siedler geworden und stellt das ganze politische System auf den Kopf. Wenn er sich jetzt von seinem Plan zurückzöge, würde dies seine Selbstachtung und sein öffentliches Image zerstören. Den Rückzug zurückzuziehen, könnte auch den Zorn von Präsident Bush nach sich ziehen. Sharon hat für Goyim [Nicht-Juden] nur Verachtung übrig und denkt, sie zu betrügen, sei eine nationale Pflicht, aber er weiß auch, wo Israel ohne die unbegrenzte Unterstützung der Vereinigten Staaten wäre.
Nur ein welt-erschütterndes Ereignis, wie eine amerikanische Invasion in Syrien oder dem Iran oder der Zusammenbruch seiner Regierung, könnte ihm erlauben, aus dem Schlamassel herauszukommen.

Wenn es also wahrscheinlich ist, daß Sharon den Abzug durchführen wird, warum sollte man ihn nicht unterstützen?
Weil ich an den Tag danach denke.
Ich mache mir keine Illusionen über Sharons Absichten, soweit es die West Bank betrifft. Er beabsichtigt 58 Prozent davon zu annektieren und den Palästinensern ein paar Enklaven zu lassen, voneinander durch Siedlungen und Militäreinrichtungen angeschnitten. Höchstens werden diese Enklaven, um Bushs Forderung nach "Zusammenhang" zu erfüllen, mit Hilfe von Brücken und Tunnel untereinander verbunden werden.
Abgesehen von seinem Sohn Omri ist der Anwalt Dov Weissglas die ihm nächste Person. Als dieser Mann erklärte, Sharon werde nach dem Abzug den Friedensplan "in Formaldehyd" legen, hat er - ausnahmsweise - die Wahrheit gesagt.
Sharon unterstützen, bedeutet derzeit, auch diesen Plan zu unterstützen.

Aber das betrifft die Zukunft. Im Augenblick zählt die Operation des Abzugs. Warum Sharon jetzt nicht unterstützen und den Kampf um die Zukunft einen Tag danach beginnen?
Weil es keineswegs nur eine Sache der Zukunft ist!
Während dies hier geschrieben wird, fährt Sharon fort, die Trennungsmauer zu bauen, die bisher 7 Prozent der West Bank annektiert hat. Die Gebiete zwischen der Mauer und der Grünen Linie werden mit neuen Siedlungen gefüllt. In der letzten Woche wurde erklärt, daß er in Ma'aleh Adumim 3.500 Wohneinheiten bauen lassen wird. Dies ist die gefährlichste Siedlung in der West Bank, die sie letztlich in zwei Teile schneidet. Die Erweiterungen der Siedlungen und die Errichtung von Außenposten gehen jetzt überall in der West Bank mit großer Geschwindigkeit weiter.

Letzte Woche veröffentlichte die Anwältin Talia Sasson ihren Bericht über die Methoden, mit denen in der West Bank die Außenposten errichtet werden. Die Aufgabe war ihr von Sharon selbst zugewiesen worden. Man wird sich daran erinnern, daß Sharon Bush versprochen hatte, alle Siedlungen und Außenposten, die seit seinem Amtsantritt in 2001 errichtet worden waren, zu entfernen.
Sassons Bericht stellt fest, daß alle diese Außenposten (ebenso wie die früheren) illegal errichtet worden sind und daß alle Regierungsministerien und Abteilungen der zionistischen Organisation zusammengearbeitet und auf einen Wink hin, das Gesetz gebrochen haben. Und was geschah? Nichts. Niemand wurde angeklagt, alles geht weiter wie bisher. Der Bericht wurde noch am Tag, an dem er erschien, begraben.

Dies sind die Gründe, um Sharon nicht zu unterstützen. Sehen wir uns die Gründe an, um ihn zu unterstützen. Man sagt, der Weg zur Hölle sei mit guten Vorsätzen gepflastert. Aber auch das Gegenteil stimmt: Der Weg zum Himmel ist mit bösen Vorsätzen gepflastert.
Es ist möglich, daß Sharons böse Absichten positive Ergebnisse hervorbringen, von denen er nicht träumte, als er den Plan verkündigte. Er wurde fast zufällig ersonnen, um einige Probleme des Augenblicks zu lösen, ohne über die nächsten Schritte nachzudenken.
Sharon hätte sich nicht vorstellen können, daß ihn sein Plan in eine direkte Konfrontation mit den Siedlern bringen würde.

Er ist ein General und seine Logik ist militärisch. Der Abzugsplan bringt es mit sich, daß ein zweitrangiges Ziel aufgegeben wird, um das Hauptziel voranzutreiben. Das heißt, ein paar kleine, unwichtige Siedlungen in einer abgelegenen Gegend des Landes aufzugeben, um wichtigere Siedlungen in der West Bank zu konsolidieren und zu stärken. Ein Stückchen Wüste, das 6 Prozent der besetzten Gebiete ausmacht und das von 1,25 Millionen Palästinensern bewohnt wird, aufzugeben, um 58 Prozent der West Bank zu annektieren. Diese Regionen, wie das Jordantal und die Wüste Juda - sind von palästinensischer Bevölkerung nur dünn besiedelt.
Er war erstaunt, daß die Siedler diese Logik nicht verstanden. Sie haben eine andere Einstellung. Sie glauben, daß der Abbau von nur einer einzigen Siedlung, so klein und entlegen sie sein mag, ein gefährlicher Präzedenzfall wäre und einen Prozeß einleiten würde, den sie nicht mehr aufhalten könnten. Sie sind sich akut der Tatsache bewußt, daß die große Mehrheit der israelischen Öffentlichkeit gegen sie ist und daß viele sie als Plage betrachten.

Die Siedler sind Sharons Schützlinge. Er hat die Siedlungen nicht nur selbst geplant und eine zentrale Rolle bei ihrer Errichtung gespielt, ihre Führer sind auch seine persönlichen Freunde und regelmäßigen Besucher seines Hauses. Deshalb betrachten sie ihn als einen Verräter, während er sich von ihnen verraten fühlt.
All dies hat Einfluß auf meine Entscheidung, da die entschlossene Opposition der Siedler und ihrer Verbündeten dem Abzug eine Bedeutung gibt, die sie nicht von Anfang an hatte.
Wir sind am Anfang eines Bürgerkrieges. Wir wissen nicht, ob dabei Blut vergossen wird oder nicht. Aber selbst wenn es keine Toten und Verwundeten geben wird, wird dieser Krieg über die Zukunft Israels bestimmen.

Dies wird ein Kampf zwischen der Mehrheit sein, die zum größten Teil säkular, liberal und demokratisch ist, und einer fanatisierten Minderheit, die zum größten Teil nationalistisch, von messianischer Religiosität getrieben und, grundsätzlich, antidemokratisch ist und die die Vorschriften ihrer Rabbiner mehr respektiert als die Gesetze der Knesset. Die Ergebnisse werden nicht nur darüber entscheiden, ob wir uns den Palästinensern und der arabischen Welt in einem Frieden nähern, sondern auch über das Wesen des Staates Israel selbst.

Wünscht Sharon einen säkularen, demokratischen Staat?
Der Gedanke ist natürlich absurd. Seine grundsätzliche Einstellung ist verwirrt und verschwommen. Er ähnelt vielen Israelis: ganz säkular in ihrem Alltag, aber davon überzeugt, daß Religion nötig sei. Er ist gewiß kein großer Demokrat, glaubt aber daran, daß der Staat demokratisch sein müsse. Er ist ein extremer Nationalist, der für einen homogenen jüdischen Staat im ganzen Land vom Meer bis zum Jordan kämpft, aber jetzt wird er von Umständen gezwungen, gegen seinen Glauben zu handeln. Deutsche Philosophen nennen dies die "List der Vernunft". Die wichtige Frage hier ist nicht, was und woran Sharon glaubt, sondern, welche Ergebnisse seine Aktionen haben werden. So wie es im Augenblick aussieht, scheint es, daß er gegen seinen Willen und ohne seine Absicht auf eine schicksalsschwere Entscheidung zusteuert.
Es ist natürlich möglich, daß all dies nicht geschehen wird, daß Sharon und die Siedler im letzten Augenblick einen Kompromiß finden werden, wie es in der Politik gewöhnlich geschieht. Nichts ist im voraus bestimmt. Aber man muß auf Grund dessen, was als vernünftig erwartet werden kann, zu einer Entscheidung kommen.
Am Ende entschloß ich mich, mich der Demonstration anzuschließen. Nicht Sharon zuliebe, sondern um den Kampf gegen die Siedler zu unterstützen.





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