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Nur die halbe Information
26.04.2005








Am Dienstag berichteten auch die deutschen Medien basierend auf einer CNN-Meldung ausführlich, daß eine Untersuchung der Umstände, die zum Tode des italienischen Geheimagenten Nicola Calipari geführt haben, die verantwortlichen US-Soldaten von jeder Schuld freigesprochen hat.

Nun ist dieses "Ergebnis" der "Untersuchung" durch das US-Militär sicherlich kaum als unerwartet zu bezeichnen. Selbst allein ein Eingeständnis, daß die Soldaten rücksichtslos auf das Fahrzeug feuerten, in dem sich die kurz zuvor freigelassene Journalistin Giuliana Sgrena befand, würde zweifellos die Frage aufwerfen, wie häufig dies im Irak jeden Tag geschieht und wieviele unschuldige Zivilisten dabei getötet werden. Ein "Untersuchungsergebnis", daß auch nur nicht vollständig ausschließt, daß es sich um einen absichtlichen Anschlag auf die Insassen des Fahrzeugs gehandelt hat, war von Beginn an sicherlich ausgeschlossen.

Was der überwiegende Teil der deutschen Meldungen - während sogar CNN dies erwähnt - allerdings verschweigt, ist, daß die beiden italienischen Beamten, die ursprünglich an der "Untersuchung" beteiligt waren, sich geweigert haben, den "Untersuchungsbericht" zu unterzeichnen, wie die italienische Il Messagero bereits am Montag berichtete. Dies wurde am Dienstag auch in einem Bericht der Corriere della Sera bestätigt.

Demnach werden die beiden Italiener, der Diplomat Ragaglini und der General Campregher, die Untersuchung nun in Italien fortsetzen. Das Fahrzeug, in dem Sgrena und die italienischen Agenten auf dem Weg zum Flughafen Baghdads waren, als sie von US-Soldaten angegriffen wurden, ein Toyota Corolla, soll möglicherweise schon heute in Rom eintreffen. Lange Zeit war ihnen seitens des US-Militärs der Zugang zu dem Fahrzeug vollständig verwehrt worden. Die von der Corriere della Sera veröffentlichten Photos, die das Fahrzeug zeigen sollen, machen allerdings skeptisch. Nicht nur, daß Sgrena später von einem "Kugelhagel" sprach, allein die Tatsache, daß 3 Fahrzeuginsassen teilweise schwer verletzt und Calipari getötet wurden erscheint angesichts des anscheinend kaum beschädigten Fahrzeugs zumindest merkwürdig.

Aber auch das "Ergebnis der Untersuchung" beziehungsweise die offizielle Darstellung der Soldaten, die die Schüsse abgaben, ist bei genauerer Betrachtung kaum glaubwürdig. Während die Fahrzeuginsassen darauf bestanden, daß sich das Auto mit "niedriger Geschwindigkeit" von "40 bis 50 Stundenkilometern" auf der Straße bewegt habe, behaupten die Soldaten, das Auto sei mit "hoher Geschwindigkeit" auf sie zugekommen. Daraufhin hätten die Soldaten ein Lichtsignal und Hand- und Armzeichen zum Anhalten gegeben als das Auto 100 Meter entfernt war. Da es hierauf nicht reagiert habe, seien bei einer Entfernung von 70 Metern Warnschüsse abgegeben worden. Auch diese seien nicht beachtet worden, worauf schließlich bei einer Entfernung von 50 Metern auf das Fahrzeug gefeuert worden sei. Damit seien die Verhaltensregeln des US-Militärs, die mehrere Warnungen erfordern, befolgt worden und die Soldaten somit unschuldig.

Wenn 50 Stundenkilometer als "niedrige Geschwindigkeit" angesehen werden, so dürften für eine "hohe Geschwindigkeit" mindestens 80, wenn nicht sogar eher 100 Stundenkilometer erforderlich sein. Selbst wenn die Soldaten wie behauptet - und von Sgrena immer wieder bestritten - sämtliche Signale zum Anhalten gegeben haben, so würde dies doch nur bedeuten, daß es nach ihrer Darstellung kein anderes Ergebnis hätte geben können. Bei einer Geschwindigkeit von 80 Stundenkilometern legt ein Fahrzeug in einer Sekunde 22,22 Meter zurück. Die Warnschüsse wären also nur etwas mehr als eine Sekunde nach den Lichtsignalen erfolgt, die gezielten Schüsse nicht einmal eine Sekunde später. Die normale Reaktionszeit eines Menschen liegt bei etwa 0,8 Sekunden. Hinzu kommen noch weitere 0,2 Sekunden, bis die Bremsen beginnen, ihre Wirkung zu entfalten.

Nach dem Lichtsignal wäre es also noch möglich gewesen, "rechtzeitig" vor den Warnschüssen die Bremsung einzuleiten. Allerdings benötigt auch der Soldat, der danach begann, zu feuern, diese Reaktionszeit, in der er feststellt, daß das Fahrzeug eben nicht anhält. Hinzu kommt noch, daß es bei dieser Entfernung, noch dazu im Dunkeln nicht einfach ist, sofort zu erkennen, daß ein Fahrzeug begonnen hat zu bremsen.

Wenn sich das Fahrzeug Sgrenas mit der vom US-Militär genannten Geschwindigkeit bewegte hatten die Soldaten offenbar schon unmittelbar nach Aufflammen des Lichtsignals die Entscheidung getroffen, auf das Auto zu feuern. Sollte es sich andererseits mit den genannten "40 bis 50 Stundenkilometern" bewegt haben, so dürfte es schwierig sein, weiterhin den Eindruck einer "möglichen Bedrohung" aufrechtzuerhalten, der die Schüsse rechtfertigen soll.

Auch wenn die insbesondere für US-Soldaten im Irak sicherlich nicht vorhandene "Sicherheitslage" kaum förderlich für besonnenes und zurückhaltendes Handeln ist, was eine derart "nervöse Reaktion" vielleicht sogar erklären - wenn auch sicher nicht rechtfertigen - könnte, so kommt hier doch ein weiterer Umstand zum Tragen. Zum Zeitpunkt der Schüsse befand sich das Fahrzeug nur noch etwa 700 Meter vom Flughafen entfernt und hatte schon mehrere Kontrollposten des US-Militärs durchquert. Selbst wenn man annähme, daß diese die Soldaten nicht über das sich nähernde Fahrzeug informiert hatten - was zumindest unwahrscheinlich scheint - so muß doch zumindest den Soldaten selbst eben dieser Umstand bewußt gewesen sein.

Es kann also kaum verwundern, daß die beiden italienischen Ermittler sich weigerten, den "Bericht" mitzutragen.





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