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"Herz und Verstand"

"He, übersetz das nicht!"

15.05.2005  






Schon vor Beginn des Angriffs auf den Irak zeigte sich die US-Regierung überzeugt, daß es von entscheidender Wichtigkeit sein würde, "Herz und Verstand" der irakischen Bevölkerung zu gewinnen, war sich aber auch sicher, daß dies problemlos geschehen würde und die Besatzungssoldaten als "Befreier" mit "Blumen" empfangen werden würden.

Ein am Freitag erschienener Artikel des Boston Globe zeigt anhand eines Beispiels des Verhaltens von US-Soldaten vor Ort, warum dies seit nunmehr über zwei Jahren nicht nur nicht gelungen ist, sondern die Menschen vielmehr in immer größerem Maße gegen die Besatzer aufgebracht sind.

Hierbei handelt es sich nicht um einen Bericht über einen der unzähligen Vorfälle, bei dem einer der mittlerweile weit über 100.000 Iraker seit Beginn des Krieges getötet wurde, sondern um einen Fall der alltäglichen Erniedrigung von Mitgliedern eines stolzen Volkes.

Am Mittwoch hatte der US-Sender National Public Radio, einen Beitrag des Journalisten Philip Reeves, der US-Soldaten in der irakischen Stadt Mosul begleitet hatte, ausgestrahlt. Einmal entschieden sich die Soldaten bei einer Patrouille, das Haus einer Familie für zwei Stunden als Beobachtungsposten zu übernehmen. Daß dies kaum in Einklang mit den Genfer Konventionen zu bringen sein dürfte, da hierdurch die Familie in dem Haus gefährdet wurde, sei nur am Rande erwähnt.

Ein Leutnant sagte gegenüber der Familie: "Hört mir zu. Ich will das klarstellen. Wir müssen für zwei Stunden in eurem Haus sein. Jeder in diesem Haus wird hier bleiben." - hier muß allerdings angemerkt werden, daß die informelle Anrede ("eurem Haus") zu einem gewissen Grad nur als Interpretation bezeichnet werden kann, da das Englische nicht derart offensichtlich zwischen "Du" und "Sie" unterscheidet.

Nachdem die Familie daraufhin - was kaum verwundern kann - "erstaunt und unzufrieden" reagierte, sagte ein anderer Soldat [hier ausnahmsweise zuerst die englische Originalfassung]:

"Look, check this out. You tell them this. You're not [bleep] leaving. Nobody's [bleep] leaving this house. You're not using the phone. Anybody comes, they're going to [bleep] stay here. OK? You give me a [bleep] hard time, I'll turn you [bleep] guys into the commandos, and they'll [bleep] you up."

["Hey, paß auf. Sag ihnen das. Ihr haut [piep] nicht ab. Niemand hat [piep] aus diesem Haus ab. Ihr benutzt nicht das Telephon. Jeder der kommt, der bleibt [piep] hier. OK? Ihr macht mir [piep] das Leben schwer, ich übergebe euch [piep] Typen den Kommandoeinheiten und sie werden euch [piep] aufmischen."]

Im Hintergrund war daraufhin ein weiterer Soldat zu hören, der sagte "He, übersetz das nicht." Nachdem ein anderer sagte "Ja, sag das nicht", reagierte der "nichtsendefähige" Soldat mit den Worten "Das sage ich ihnen ständig."

In einem anderen Fall verteilten Soldaten eine Zeitung, die die von den Besatzern eingesetzte und kontrollierte Regierung in den höchsten Tönen lobte. Als sie sahen, wie zwei junge Iraker die Zeitung zerrissen, ging einer der Soldaten auf einen der beiden zu und herrschte ihn an: "Warum zerreißt du die Zeitung? Warum zerreißt du die Zeitung?"

Ein Stabsfeldwebel zeigte sich gegenüber dem Journalisten überzeugt, daß ein solches Verhalten nur durch Verbindungen zum Widerstand zu erklären sei.

"Wenn ein Typ eine Zeitung vor meinen Augen zerreißt, dann sieht es aus, als würde er alles verachten, was wir tun. Vielleicht kennt er jemanden. Oder vielleicht ist er jemand. Aber es ist einfach himmelschreiend, daß es sie vor meinen Augen zerreißt und dann darüber lügt. Es ist himmelschreiend. Er verachtete himmelschreiend alles, das wir zu erreichen versuchen", sagte er.

Schließlich schritt ein höherer Offizier ein und "spielte den wohlmeinenden Besatzer" - eine Einschätzung des Boston Globe - und sagte zu dem Iraker: "Wenn du die Zeitung zerrissen hast, ist das in Ordnung. Wenn du die Zeitung nicht zerrissen hast, ist das in Ordnung. Zerreiß die Zeitung zukünftig nicht, OK?"

Dieser höhergestellte Offizier offenbarte dem Journalisten gegenüber, wie er über seine Soldaten und ihre Aufgabe denkt, als er angesichts zahlloser Graffitis an den Wänden Mosuls sagte: "Wenn man sich die Wände hier anschaut, sieht man überall diese Graffitis. Wir benehmen uns hier auf den Straßen wie eine Bande, zum Beispiel in Los Angeles. Es ist ein riesiger Bandenkrieg und wir haben die größte Bande, also markieren wir jedes Mal, wenn wir ein Graffiti sehen, es mit 'US-Streitkräfte' und sagen 'Hey, das ist unser Block.'"

Es scheint unwahrscheinlich, daß ein solches Bandenverhalten, das Unterdrücken von Meinungsäußerungen oder das Beleidigen und Einschüchtern von Menschen zum "Gewinnen von Herz und Verstand der Iraker" beiträgt.



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