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Machtverhältnisse

Newsweek entschuldigt sich - aber für was?

16.05.2005  






In der Ausgabe vom 23. Mai "entschuldigt" sich der Herausgeber des US-Magazins Newsweek wegen der Folgen eines am 9. Mai erschienenen Berichts, dem zufolge im US-Gefangenenlager Guantánamo Bay auf Kuba mehrfach Exemplare des Korans entweiht worden sind.

In mindestens einem Fall, so der damalige Bericht, sei ein Koran von einem Wärter vor den Augen eines Gefangenen in einer Toilette heruntergespült worden. Dieser Bericht hatte letztlich in der gesamten muslimischen Welt große Wut ausgelöst, die beispielsweise im US-besetzten Afghanistan zu teilweise tödlichen Gewaltausbrüchen führte.

Während die Medien über Whitakers Artikel überwiegend als "Entschuldigung" für "falsche Berichterstattung" berichteten, ist er in seinem Artikel als auch ein weiterer Newsweek-Artikel in Wahrheit weitaus zurückhaltender. Bei genauerer Betrachtung scheint diese "Entschuldigung" vielmehr einen wie auch immer "erzwungenen Kompromiß" darzustellen.

"Wir bedauern, daß wir uns in irgendeinem Teil unseres Berichts geirrt haben und drücken den Opfern der Gewalt und den inmitten davon gefangenen US-Soldaten unsere Anteilnahme aus", so Whitaker.

Einem Bericht der New York Times zufolge wurde er in einem Interview noch weitaus deutlicher. "Wir ziehen gar nichts zurück. Wir wissen nicht, was letztendlich die Wahrheit ist", so Whitaker.

Aufgrund scharfer Kritik durch das Pentagon an dem Bericht hatte das Magazin erneut Kontakt zu seiner Quelle, einem namentlich nicht genannten "hochrangigen Regierungsbeamten" aufgenommen. Dieser sagte nun, er sei sich nicht mehr sicher, ob er die Berichte über Koran-Entweihungen tatsächlich in dem von ihm ursprünglich behaupteten "SouthCom"-Bericht oder in einem anderen Bericht gelesen habe. Allerdings bestritt er auch nicht ausdrücklich, daß eben jener SouthCom-Bericht mehrere Fälle von Koran-Entweihungen genannt hatte. In jedem Fall zeigte er sich aber weiterhin absolut überzeugt, über derartige Fälle in einem Regierungsbericht gelesen zu haben.

Obwohl sich also an der Beweislage offenbar nichts grundlegendes geändert hat, war Whitaker offenbar gezwungen, eine "Quasi-Entschuldigung" zu veröffentlichen, vermied es aber andererseits, ausdrücklich, von einem falschen Bericht zu sprechen.

Ein anderer Pentagon-Beamter hatte in der vergangenen Woche Newsweek gegenüber gesagt, der SouthCom-Bericht nicht zur Überprüfung von Vorwürfen von Koran-Entweihungen dienen sollte. Außerdem seien in der Vergangenheit bereits mehrfach derartige Vorwürfe untersucht worden, diese aber als "nicht glaubwürdig" eingestuft worden. Angesichts des Standpunkts des US-Militärs, daß alle von Gefangenen vorgebrachten Anschuldigungen als Lügen anzusehen sind - so sagte Oberst Brad Blackner, ein Sprecher des US-Militärs: "Wenn man das Al-Qaida-Ausbildungshandbuch liest, sie werden darauf ausgebildet, Anschuldigungen gegen die Ungläubigen zu erheben" - kann dieses "Ergebnis" sicherlich kaum verwundern.

Tatsächlich war dies auch lange Zeit die Reaktion des US-Militärs auf Vorwürfe, Gefangene würden durch US-Soldaten gefoltert werden. Dies änderte sich erst grundlegend durch die Veröffentlichung von Photos solcher Folterungen im US-Gefängnis Abu Ghurayb im Irak. Ebenso werfen Gefaangene wie auch bereits Freigelassene dem US-Militär schon seit längerem vor, daß es immer wieder zu Koran-Entweihungen kommt. Angesichts der Tatsache, daß Gefangene in zahllosen Fällen auch körperlich gefoltert wurden und US-Soldaten bisher kaum größeres Verständnis für arabische Sitten oder den islamischen Glauben gezeigt haben, scheinen diese zumindest mit größter Wahrscheinlichkeit glaubwürdig.

Der Pentagon-Sprecher Lawrence DiRita, der mehrfach mit der Newsweek-Redaktion Kontakt aufnahm, um sie davon zu überzeugen, daß der Bericht jeglicher Grundlage entbehre, verlor schließlich endgültig die Fassung, als er hörte, daß die Quelle grundsätzlich bei ihren Vorwürfen blieb.

"Leute sind tot wegen dem, was dieser Hurensohn gesagt hat. Wie kann er jetzt glaubwürdig sein?", so DiRita. Sollte er grundsätzlich die Glaubwürdigkeit von Personen, die direkt oder indirekt den Tod anderer Menschen verursachen, in Zweifel ziehen, so dürfte er bei genauerem Nachdenken größte Probleme mit seinem "obersten Befehlshaber" bekommen.

Ergänzung: Später veröffentlichte Newsweek in Whitakers Artikel einen Nachtrag, in dem der Bericht zurückgezogen wurde.





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