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Wagner und das Mahnmal

Ein Besuch in Berlin

23.05.2005  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs




Was soll man am "Herzl-Tag", dem Geburtstag des Gründers der zionistischen Bewegung - der in dieser Woche das erste Mal offiziell gefeiert wurde - machen? Wie soll man das Gedenken dieses seltsamen Mannes ehren, der noch immer solch enormen Einfluß auf unser Leben hat?

An diesem Tag befand ich mich in Berlin. Ich schaute mir an, was in der Stadt so los war und entdeckte die perfekte Lösung: am gleichen Tag wurde in der Deutschen Staatsoper Richard Wagners Oper "Tannhäuser" aufgeführt.

Welche Verbindung kann es zwischen Wagner, dem antisemitischen Komponisten, dessen Werke in Israel bis auf den heutigen Tag nicht aufgeführt werden, und dem Mann, der offiziell als der "Prophet des Staates" bezeichnet wird, geben?

In seiner Autobiographie erinnert sich Theodor Herzl, daß er "Der Judenstaat", das Buch, das die jüdische (und arabische) Geschichte veränderte, unter dem Einfluß dieser Oper schrieb. Wie er er erzählt, ging er, während er in Paris dieses Buch schrieb, Abend für Abend in diese Oper. Wenn es keine Aufführung gab, sei er am nächsten Tage nicht in der Lage gewesen, weiterzuschreiben. Die Oper wirkte anscheinend wie eine berauschende Droge auf ihn.

Vier Stunden lang saß ich inmitten des deutschen Publikums, einige Besucher in vornehmen Anzügen und in Abendkleidern, einige salopp gekleidet, und konzentrierte mich auf die Musik und die Worte (beide natürlich von Wagner geschrieben) und versuchte zu verstehen, was genau solch großen Einfluß auf Herzl hatte und wie sie die von ihm in Gang gebrachte Revolution beeinflußte.

Das Geschichte von Tannhäuser gründet sich auf mehrere mittelalterliche deutsche Legenden. Tannhäuser selbst war eine historische Persönlichkeit: ein Minnesänger, der das Heilige Land mit dem 5. Kreuzzug (1228) erreichte und nach seiner Rückkehr an einem Sängerwettstreit teilnahm, der der Mittelpunkt der Geschichte ist. In der Oper ist er ist hin- und hergerissen zwischen Venus und Jenus, zwischen weltlicher Liebe und seinem christlichen Glauben. Die Oper ist weit entfernt von den germanisch-heidnischen Motiven einiger anderer Werke Wagners und ist durchdrungen von frommen christlichen Gefühlen.

Also was hat Herzl so angezogen? Die von Pathos durchtränkte Musik? Die dramatischen Konfrontationen? Die germanische Mystik, die das ganze Werk durchdringt?

Herzl war ein großer Bewunderer des deutschen Kaiserreiches. Er war begeistert von deutscher Ordnung, der deutschen Armee, der deutschen Regierung. Man erinnere sich aber auch daran, daß dies das autoritäre, machtbesessene, kolonialistische Zweite Deutsche Reich war, das zu der Zeit in dem jetzt als Namibia bekannten Gebiet einen Völkermord beging. Seine herrschende Klasse war von Antisemitismus (einer in jener Zeit in Deutschland geprägten Bezeichnung) durchdrungen. Kaiser Wilhelm II. selbst erklärte, nachdem er Herzl vor den Toren Jerusalems traf: "Zionismus ist eine großartige Idee, kann aber nicht mit Juden verwirklicht werden."

Der Psychologe Gustave Le Bon bemerkte einmal, daß die Realisierung jeder Vision drei Generationen zu spät kommt. Der Schöpfer der Vision wird von seinen Lehrern beeinflußt, die zur vorhergehenden Generation gehören und die Menschen, die seine Vision realisieren, gehören zur nächsten Generation. In der Zwischenzeit haben sich die Umstände, die die Vision hervorgebracht haben, vollständig verändert. Wenn die Idee schließlich Wirklichkeit wird, ist sie bereits überholt.

War das bei Herzl auch so? Haben die Werte des deutschen Kaiserreichs und Wagners, der 13 Jahre, bevor Herzl "Der Judenstaat" schrieb, starb, das Wesen des Staates Israel infiziert, der 50 Jahre nachdem Herzl dieses Buch schrieb, gegründet worden war?

An jenem Morgen ging ich mir die neue Holocaust-Gedenkstätte (die deutsche Bezeichnung Mahnmal enthält den Gedanken einer Warnung an zukünftige Generationen) im Zentrum Berlins ansehen. Ich hatte schon vieles darüber gehört, einiges sehr gute, einiges sehr schlechte und nun wollte ich es mir selbst ansehen.

Allein die Tatsache, daß diese weiträumige Stätte mitten im Herzen der Hauptstadt in der Nähe der nationalen Symbole des deutschen Kaiserreichs, des Brandenburger Tores und des Reichstagsgebäudes, errichtet wurde, ist erstaunlich. Ein paar Tage nach seiner offiziellen Eröffnung war es schon zu einem Teil des Stadtlebens geworden. Massen von Menschen werden davon angezogen, gehen durch den labyrinthartigen Bau zwischen den tausenden von grauen, verschieden hohen Betonblöcken, durch die engen, unebenen Wege.

Ich sah viele Besucher, die sich der Bedeutung dieser Stätte bewußt waren, in Meditation versunken. Andere schienen nur aus Neugierde gekommen zu sein, machten Fotos von einander, hier und dort stand in einer ablegenen Ecke ein sich küssendes Paar. Auf einigen der Blöcke lagen weiße Blumen, auf anderen hatten junge Besucher ihre Rucksäcke abgelegt. Kinder sprangen von Block zu Block oder spielten Verstecken.

Einzelne Personen und ganze Familien standen eine Stunde Schlange und warteten geduldig, um ins Informationszentrum, das sich unter den Blöcken befindet, hineingelassen zu werden. Es ist eine maßvolle, zweckbetonte und überwältigende Örtlichkeit. Fünf große Räume. Im ersten der Aufstieg und die Verbrechen der Nazis in sparsamen, trockenen Worten, von Photos begleitet. Mit Erleichterung bemerkte ich, daß die Beschreibung nicht den von den Nazis begangenen Massenmord an Nicht-Juden, Roma und Sinti, den psychisch Kranken, den Homosexuellen, den slawischen "Untermenschen", den Kriegsgefangenen und den deutschen Regimegegnern ausgelassen hat.

In einem anderen Raum werden ohne Unterbrechung Filme über jüdische Gemeinden in Europa und ihr jeweiliges Schicksal im Holocaust gezeigt. In einem weiteren Raum werden die Namen einzelner Opfer ausgesprochen und mit ihrem Schicksal gezeigt, wobei die Tatsache betont wird, daß die Verlesung aller Namen Wochen und Monate dauern würde. In einem weiteren Raum konnte man mit Hilfe von Computern nach ermordeten Verwandten suchen (Ich fand meine Tante).

Aber der eindrucksvollste und bedrückendste Raum ist der, in dem Photos einzelner Familien gezeigt werden. Familien aus verschiedenen Ländern und Klassen - Familienphotos vom Beginn des letzten Jahrhunderts: Familienfeste, Hochzeiten, Kollegen, Kinder in festlichen Kleidern, Großvater und Großmutter in der Mitte, alle schauen feierlich in die Kamera - und danach die detaillierte Beschreibung des Schicksals der einzelnen Familienmitglieder, die auf den Photos gezeigt werden - wer ermordet worden war, wer spurlos verschwunden war, wem es gelungen war, nach Palästina oder Australien auszuwandern. So nah, so persönlich, so zum Vergleich einladend: dieser ist in meinem Alter, dieser im Alter meines Vaters oder meiner Mutter, dieser könnte mein Sohn, diese meine Tochter gewesen sein.

Wenn ich gefragt worden wäre, hätte ich in einem besonderen Raum Vergrößerungen der Gesichter der Deutschen - Soldaten, Polizisten, gewöhnliche Zivilisten - gezeigt, die auf den Photos der Vernichtung in allen Phasen klar erkennbar sind, schreiend, mißhandelnd, lachend, ihre Arbeit machend, die zufällig Mord war.

In den Räumen herrschte totale Stille. Selbst die Kinder waren still. Ich sah in die Gesichter der Deutschen, als sie aus diesem unterirdischen Ort herauskamen. Sie waren erschüttert, sprachen nur flüsternd. Einige schrieben ihre Gefühle ins Gästebuch: "schrecklich", "unfaßbar", "wie konnte so etwas geschehen?", "wir müssen sicherstellen, daß so etwas nicht noch einmal geschehen kann". Ich schrieb ein paar Worte der Anerkennung für die Initiatorin des Mahnmales, der TV-Journalistin Lea Rosh, die Himmel und Erde in Bewegung setzen mußte, um diesen Plan zu verwirklichen.

Mit diesen Bildern vor Augen betrat ich einige Stunden später das eindrucksvolle Gebäude der Staatsoper in der Straße "Unter den Linden". Inwieweit war Wagner schuldig? Inwieweit beeinflußte er nicht nur Herzl, sondern auch den krankhaften Geist Adolf Hitlers, eines Mit-Wieners, der in seinem Bunker Selbstmord beging - nur wenige Meter vom Mahnmal entfernt. (Der Film "Untergang" wird gerade auch in Israel gezeigt.)

Als ich nach Hause kam, hörte ich, daß es einen Kampf zwischen einer privaten Initiative, die junge Israelis nach Auschwitz fliegt, und dem Erziehungsministerium gibt. Das Ministerium will das Monopol für diese Flüge behalten, die dazu dienen, junge Leute mit einem haßerfüllten Nationalismus zu indoktrinieren - im Sinne von "Die ganze Welt ist gegen uns".

Um des Ausgleichs willen und um das Bild zu vervollständigen, würde ich diesen jungen Leuten auch das Mahnmal in Berlin zeigen.



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