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Bestechung der Siedler

Meinungsumschwung in Israel?

30.05.2005  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs




Es mag Länder geben, in denen die in Staus geratenen Autofahrer sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Sie wissen, sie können nichts tun und warten darum geduldig. Sie gehen ihren eigenen Gedanken nach, lauschen der Musik im Radio oder lesen, bis sich der Stau auflöst.

Wir Israelis sind nicht so. Wir sind ein nervöser Haufen. Wir haben keine Geduld. Wenn wir in einem Stau stecken, verfluchen wir die Welt und die Regierung, verlangen eine Lösung, vielleicht eine unbefestigte Straße, über die wir vielleicht entkommen könnten.

Deshalb kann ich die Taktik der Siedler so schwer verstehen, die den Verkehrsstau als ihre Hauptwaffe benützen. Wenn sie glauben, daß sie mit dem Blockieren der Hauptverkehrsadern, mit dem Verbrennen von Autoreifen und dem Schaffen von Verkehrsstaus überall im Lande die Sympathie der Öffentlichkeit gewinnen - dann sind sie sogar noch weiter von der Realität entfernt, als es sowieso schon schien.

Tatsächlich ist das Blockieren der Straßen eine Kriegserklärung an die israelische Öffentlichkeit. Eine klare Frontlinie wird so gezogen: die Siedler und ihre Anhänger auf der einen Seite und die Mehrheit der Bevölkerung auf der anderen Seite.

Das ist in der Tat die wirkliche Frontlinie. Ihre dumme Taktik bestätigt dies nur. Sie spüren, daß die große Mehrheit gegen sie ist, und sagen im Wesentlichen: wenn ihr uns nicht liebt, dann fürchtet uns wenigstens. Wenn ihr euch uns nicht unterordnet, dann machen wir euch euer Leben zur Hölle.

Selbst Ausländer, die die Ereignisse auf dem Fernsehschirm verfolgen, können zwischen den Verursachern dieses Chaos und den normalen Israelis unterscheiden. Fast alle Randalierer sind gestrickte-Kippas-tragende, religiöse Jugendliche, die Früchte der religiös-messianisch-nationalistisch-fanatisch erzieherischen Treibhäuser.

Dies ist eine Minderheit, etwa zwischen 15-25 Prozent der Bevölkerung. Aber eine gut organisierte Minderheit. Ihr harter Kern ist in den Siedlungen und den Yeshivot (religiöse Seminare) konzentriert und ist leicht zu mobilisieren. Sie haben Führer mit absoluter Autorität, die gewissermaßen über dem Gesetz stehen. Ihre totalitäre Disziplin findet in Wahlzeiten ihren besonderen Ausdruck, wenn 99 Prozent der abgegebenen Stimmen in religiösen Stadtteilen an den Kandidaten gehen, den ihre Rabbiner ausgewählt haben.

Solche Eigenschaften verleihen dieser Minderheit eine Macht, die weit über ihre Anzahl hinausgeht. Besonders dann, wenn sie einer charakterschwachen, diffusen, apathischen, unorganisierten Mehrheit ohne zusammenhängende Ideologie gegenübersteht. Das ist eine klassische Situation, die schon in vielen Ländern zu der Errichtung einer faschistischen Diktatur auf den Ruinen einer Demokratie geführt hat, für die niemand einzutreten bereit war.

In dem ausgezeichneten deutschen Film "Der Untergang", der auch Israel erreicht hat, sieht man, daß Adolf Hitler selbst in den letzten Stunden seines Lebens nichts als Verachtung für die "degenerierten Demokratien" zum Ausdruck brachte. Aber die historische Wahrheit ist, daß sich ihm die "degenerierten Demokratien" entgegenstellten. Stimmt, Großbritannien und die USA hätten vor 60 Jahren Hitler nicht ohne die totalitäre Sowjet-Union an ihrer Seite besiegt, aber sie bewiesen, daß man sich in der Stunde der Wahrheit auf das demokratische Regime verlassen kann, es sich selbst mobilisieren kann und sogar härter kämpft als die totalitären Staaten. Der Dritte Weltkrieg (der sogenannte "Kalte Krieg") hat dies wieder bewiesen.

Ist die israelische Demokratie dafür bereit?

Ein alter israelischer Witz erzählt von einem von Kannibalen gefangenen Israeli. Sie stecken ihn in einen Topf und beginnen damit, das Feuer darunter zu entfachen. "Wartet! Wartet!" schreit er, "Zuerst einmal schlagt mich! Verprügelt mich!" Als sie das machen, springt er aus dem Topf, ergreift seine Waffe und erschießt sie alle.

"Aber wenn du eine Waffe hattest, warum hast du sie nicht vorher benützt?" wird er gefragt.

"Ich kann nur schießen, wenn ich wütend bin," antwortet er.

Vielleicht stimmt das für alle gewöhnlichen Israelis. Um gegen die Siedler anzutreten, müssen sie erst wütend sein. Und die Siedler tun in ihrer für Fanatiker typischen Blindheit alles nur Mögliche, um sie wütend zu machen. Ihre Erfahrungen aus den vergangenen 37 Jahren haben sie glauben lassen, daß es für die Feigheit, die Gleichgültigkeit und die Geduld der Mehrheit keine Grenzen gibt.

Sie haben eine Menge Beweise für diesen Glauben, da sich alle Medien in willige Propagandaorgane für diese diktatorische Minderheit verwandelt haben, die der Regierung, der Knesset und dem ganzen demokratischen System den Krieg erklärt hat.

Wir haben dies erstaunliche Phänomen schon einmal erläutert: in jedem Nachrichtenprogramm, in allen Fernsehkanälen füllen die Siedler wenigstens 50 Prozent der Zeit mit einer unendlichen Reihe von Tricks und Knüllern. In der absoluten Mehrheit der Fälle wird keine gegenteilige Stimme gehört, nicht einmal um der "Balance" willen. Der so geschaffene Eindruck ist, es handle sich um einen privaten Krieg zwischen den Siedlern und dem Ministerpräsidenten ("Der Nachfolger von Hitler", wie es auf einigen Graffitis heißt) und nicht die Allgemeinheit beträfe.

Die Spitze der Absurdität wird im Staatsfernsehen, das jeder Bürger nach dem Gesetz finanziell unterstützen muß, erreicht: das ganze Volk zahlt für etwas, das praktisch ein Anti-Staats-Propagandaorgan ist.

Während der letzten Jahre der deutschen Weimarer Republik war einer der bemerkenswerten Züge die tolerante Haltung der Gerichtshöfe gegenüber den Nazi-Schlägern, die Krawalle begannen, Passanten verprügelten, wenn sie "jüdisch aussahen", sich Straßenschlachten mit Kommunisten lieferten, verwundeten und töteten. Sie kamen immer mit nur leichten Strafen davon. Die Richter behandelten sie wie fehlgeleitete, gute Jungs, wirkliche Patrioten, die ein bißchen übertrieben. Anti-Nazis dagegen, wenn sie wegen der gleichen Taten angeklagt wurden, erhielten harte Strafen. Passiert hier etwas ähnliches?

Wie die Richter, so die Polizisten. Auch das erinnert einen an die Situation hier. Wenn die Polizei mit Randalierern vom rechten Flügel konfrontiert wird, verwendet sie nie Tränengas, gummi-ummantelte Kugeln, Salzkugeln oder Wasserkanonen - die routinemäßig gegen jüdische Friedensdemonstranten eingesetzt werden, ganz zu schweigen gegen Araber, gegen die sogar scharf geschossen wird.

All dies ist für den normalen Israeli - wenigstens bis jetzt - nicht zu viel. Es ist aber sehr gut möglich, daß Geldangelegenheiten es sein werden.

Die Siedler spielen ein sehr raffiniertes doppeltes Spiel. Ihre Führer drohen mit einem Bürgerkrieg. Auf den Mauern erscheinen Graffiti, die ankündigen: "Wir haben Rabin getötet, wir werden auch Sharon töten!" (Rabins Mörder kam tatsächlich aus diesem Lager; aber seit Jahren wurden wir ermahnt, dies nicht zu erwähnen, weil dies die "Nation spalten" würde.) Jeden Tag benützen Sprecher die Medien, um entsetzliche Szenarien zu malen: Massen von Sympathisanten werden nach Gush Kativ marschieren, im ganzen Land wird der Verkehr zum Erliegen kommen, die Dinge werden "außer Kontrolle geraten", Blut wird fließen.

Zur selben Zeit verhandeln die Vertreter der Siedler über die Entschädigung, die für ihre "Entwurzelung" gezahlt werden soll. Es beginnt bei 400.000 US-Dollar und kann bis zu mehreren Millionen pro Familie reichen. Sie werden zur vorübergehenden Unterbringung auch eine luxuriöses Wohnmobil erhalten, das eine halbe Million Schekel [90.000 Euro] wert ist und in ihrem Besitz bleiben wird, auch nachdem die Regierung ihnen ein dauerhaftes Heim gebaut haben wird. Es gibt auch Pläne, den Siedlern nördlich von Ashkalon einen ganzen Gebietsstreifen zu geben, wo sie sich einer Art lokaler Autonomie erfreuen dürfen. Es wird vorgeschlagen, ihnen zwei Dunum Land für einen zu geben, Land das von Kibbuzim und Moschavim genommen werden wird. Eine Siedlerin rühmte sich vor dem Fernsehen ihrer 35 Gewächshäuser, von denen jedes 200.000 US-Dollar wert sei und für die sie volle Entschädigung erwarte.

Die Fanatiker erklären, sie würden das Geld nicht nehmen, daß sie bis zum letzten Blutstropfen kämpfen werden. In Wirklichkeit läßt jede Drohung nur den Preis steigen. Je extremer die Sprache der Siedler ist, um so mehr wird die Regierung dazu geängstigt, mehr Geld anzubieten. Hunderttausende wollen nach Gush Kativ marschieren? 50.000 US-Dollar mehr pro Familie. Tausende Soldaten wollen die Befehle verweigern? Noch mal 100.000 US-Dollar. Blut wird fließen? 200.000 mehr. Der Himmel ist die Grenze.

Aber diese Oper haben wir schon einmal gesehen. Wir erinnern uns an die Evakuierung der Yamit-Region im Norden des Sinai, in 1982. Siedler drohten mit Selbstmord in einem Bunker, Tzahi Hanegbi (jetzt ein Minister) und seine Kameraden kletterten auf einen hohen Turm, Fanatiker versprachen gewalttätigen Widerstand. Es endete mit einer Farce von weißem Schaum auf den Dächern. Und was war mit dem Geld? Am Ende weigerte sich nicht ein einziger Siedler - nicht einer! - die angebotene fette Entschädigung anzunehmen. Einige von ihnen siedelten sich in Gush Kativ an und werden nun zum zweiten Mal eine Entschädigung erhalten. Wenn sie gewitzt genug sind und in eine West Bank-Siedlung umziehen, könnten sie tatsächlich als sehr reiche Leute enden.

All dies geschieht, während tausende von Lehrern aus Geldmangel entlassen, lebensnotwendige Wohlfahrtsinstitutionen geschlossen werden, Krebspatienten und andere zum Tode verurteilt sind, weil ihre Medikamente aus dem "Gesundheitspaket" herausfallen, das vom Staat subventioniert wird.

Und das könnte am Ende selbst die apathische Mehrheit aufbringen. Der Augenblick wird kommen, daß sie aufsteht und sagen wird: Genug! Wenn man genau hinsieht, kann man schon jetzt Anzeichen wachsenden Unmutes erkennen, des "Ich bin kein Trottel!"-Syndroms.

Das könnte der positivste Ausgang der derzeitigen Vorgänge um den "Abzugsplan" sein: Die Kluft zwischen den Siedlern und der allgemeinen Bevölkerung wird immer breiter. In ihrer grenzenlosen Habgier und in ihrem Rowdytum helfen die Siedler selbst dabei. Nichts symbolisiert dies besser, als das Blockieren der Straßen.

Am Dienstag beginnt Israels populärster Fernsehsender (2. Programm) eine fünfteilige Serie mit Israels beliebtestem Moderator Haim Yavin, einem wahrhaften "Mister Konsens", der die Siedler den Worten eines prominenten Kritikers zufolge als "fanatische, verrückte, rassistische, widerliche, gewalttätige und gefährliche Sekte" beschreibt.

Sollte der Konsens beginnen, sich zu verändern?



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