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Fallujah: Eine unnatürliche Katastrophe

Eindrücke aus einer zerstörten Stadt

31.05.2005  


Joe Carr




Heute habe ich etwas getan, das nur wenige Ausländer gewagt haben, ich fuhr nach Fallujah.

Fallujah ist vollständig von US-Streitkräften eingeschlossen, die einzige Möglichkeit, hinein oder heraus sind vier sehr restriktive Kontrollpunkte. Die Menschen müssen normalerweise Stunden warten, aber da wir unsere magischen US-Ausweise hatten, schafften wir es innerhalb von etwa 45 Minuten, durchzukommen. Wir haben nicht gesehen, daß sie tatsächlich Autos durchsucht hätten, die Soldaten hielten nur den Verkehr auf und kontrollierten langsam die Ausweise. Wie in Palästina scheinen diese Kontrollpunkte wenig mit Sicherheit und viel mit Schikane und Einschüchterung zu tun zu haben.

Durch Fallujah zu fahren ist erschütternd. Es gibt dort mehr Zerstörung und Trümmer, als ich je in meinem Leben gesehen habe, sogar mehr als in Rafah im Gaza-Streifen. Die USA haben ganze Viertel eingeebnet und etwa jedes dritte Haus ist von der US-Artillerie zerstört oder beschädigt worden. Überall sind Trümmer und Einschußlöcher, die Stadt ist unbeschreiblich verwüstet. Sie sieht aus, als wäre sie von einer Reihe von Wirbelstürmen getroffen worden; es fällt schwer sich vorzustellen, daß Menschen dies tatsächlich tun können. Ich habe ein neues Verständnis der Zerstörungskraft moderner Kriegführung.

Bilder der Zerstörung

US-Soldaten, irakisches Militär und irakische Polizisten haben in der Stadt eine überwältigende Präsenz. 16.000 Polizisten Fallujahs verloren nach den US-Angriffen ihre Arbeit und wurden durch Shiiten aus dem Süden ersetzt. Die USA schicken absichtlich Shiiten auf Patrouille in sunnitische Hochburgen, um Unmut und Übergriffe hervorzurufen und es funktioniert. Ich habe noch nie so grimmige Blicke auf vorbeiziehende Soldaten gesehen, ich schätze, üblicherweise gewöhnen sich die Menschen irgendwie an die Besatzer, aber in Fallujah ist der Haß noch sehr lebendig. Soldaten schießen auf jeden, der zu nahe an ihre Konvois heranfährt, was das Fahren in dieser kleinen Stadt unglaublich gefährlich macht. Es passiert sehr leicht, daß man um eine Ecke biegt und sich inmitten eines Konvois wiederfindet. Das Krankenhaus sagt, daß pro Woche etwa 1 bis 2 Menschen durch das wahllose Feuer der shiitischen und US-Besatzungsstreitkräfte getötet werden.

Es gibt überall Horrorgeschichten. Wir besuchten das Haus einer Familie in einer Gegend, in der jedes Gebäude beschädigt oder zerstört ist. Ihr Haus war voller Löcher und von innen völlig schwarz durch ein Feuer. Sie sagten, sie hätten während der Kämpfe ihr intaktes Haus verlassen und fanden ihren ganzen Besitz bei ihrer Rückkehr verbrannt vor. Drei Familien leben nun in diesem 3-Zimmer-Haus, weil ihre Häuser vollständig zerstört wurden. Über 25 Menschen bewohnen diese ausgebrannte Hülle eines Hauses, darunter vier Kleinkinder. Ihnen wurde allen eine Entschädigung durch das US-Militär verweigert.

Es gibt den hoffnungsvollen Anblick von Wiederaufbau. Einige Familien, deren Besitz beschädigt wurde, haben eine kleine Entschädigung vom US-Militär erhalten, allerdings deckt sie zumeist weniger als die Hälfte der Kosten für die Baumaterialien für ein neues Haus ab. Insbesondere, da die Höhe der Entschädigung auf den Preisen von Baumaterialien vor den Angriffen beruht und die Materialien jetzt aufgrund der restriktiven Kontrollpunkte fast das doppelte kosten.

Auch die Preise für Nahrungsmittel sind aufgrund der Kontrollpunkten dramatisch angestiegen. Wir sprachen mit einem Ladenbesitzer, der sagte, daß Bauern aus dem Umland Fallujahs ihre Erzeugnisse nicht mehr anliefern können, wenn sie nicht einen von den USA herausgegebenen Fallujah-Ausweis haben. Die Ladenbesitzer müssen nun jeden Tag selbst herausfahren und die Erzeugnisse abholen. Er sagte, dies würde ihn aufgrund der Verzögerungen an den Kontrollpunkten jeden Tag etwa vier Stunden kosten. "Sie behandeln uns schlecht", sagte er, "sie richten ihre Waffen auf uns und beleidigen uns, selbst die Frauen." Sowohl die US- als auch die irakischen Soldaten durchsuchen das Gemüse seiner Aussage nach rücksichtslos, werfen es sogar zu Boden und zerschmettern es manchmal. Sobald er an einem Kontrollpunkt fertig ist und das Durcheinander geordnet hat, wird ein weiterer erneut über seine Ladung herfallen. Das kann bis zu vier Mal so gehen, sagte er. Manchmal verfault ein Großteil der Ware, weil sie in der heißen Sonne liegt. Aus all diesen Gründen sind die Preise gestiegen und mehr Menschen in Fallujah bleiben hungrig.

Fallujah hat nur ein Krankenhaus mit stationärer Versorgung. Andere Kliniken und Behandlungszentren wurden von den US-Soldaten bombardiert und Soldaten hinderten viele Menschen während der Angriffe daran, das Krankenhaus zu erreichen. Selbst nach den Kämpfen hielten die USA die Brücken geschlossen, was dazu führte, daß mehrere Menschen an Herzinfarkten starben, weil sie das Krankenhaus nicht schnell genug erreichen konnten. Ein Krankenhausmitarbeiter sagte, daß viele Menschen sterben, wenn sie versuchen, sie in Krankenhäuser außerhalb Fallujahs zu verlegen. "Es ist besser, sie in einem Zivilfahrzeug zu transportieren als in einem Krankenwagen", sagte er, "weil die Soldaten Krankenwagen mehr aufhalten und durchsuchen." Während des ersten Angriffs wurde das Krankenhaus zu einer Hauptinformationsquelle für die Welt. Als die USA das zweite Mal angriffen übernahmen sie also als erstes das Gebiet um das Krankenhaus und kontrollierten, welche Informationen nach draußen gelangten.

Das Treffen mit einem sunnitischen Geistlichen war der Höhepunkt der Reise. Er war ein junger, leidenschaftlicher Mann und ein ziemlich wortgewandter Redner. Er erzählte uns von einigen Greueln, die er beobachtet hatte. Während der ersten Invasion suchten mehrere Familien in der Nähe seiner Moschee Schutz in einem Haus. US-Soldaten benutzten Megaphone, um ihnen zu befehlen, mit einer weißen Fahne auf die Straße zu kommen. Sie gehorchten, aber als alle herauskamen eröffneten die Soldaten das Feuer und töteten fünf. Er sagte, ein Junge sei zu seiner erschossenen Mutter gelaufen und Amerikaner schossen dem Kind in den Kopf. Er sagte, er habe einen US-Kommandeur weinen gesehen, als dies passierte, "Aber wozu waren seine Tränen gut?", fragte er, "er tat nichts, um es zu beenden."

Während wir uns mit dem Geistlichen trafen, erzählte uns ein Mann einige seiner Greuelgeschichten. "Die Amerikaner erschossen meine 15 Jahre alte Tochter", sagte er, "war sie ein Terrorist?" Er sagte, daß US-Militär habe bestritten, sie getötet zu haben und weigerte sich, ihm auch nur die geringste Entschädigung zu zahlen. Die USA gaben ihm nur die halbe Entschädigung für sein zerstörtes Haus. "Mit allem Respekt für Sie", sagte er, "Ich hasse Amerikaner, sie töteten meine Familie. Meine Kinder können nicht auf der Straße spielen, sie erschossen meine Schwägerin, während sie Wäsche wusch und die Hände und Füße meines Bruders wurden von einer Explosion abgerissen." Er entschuldigte sich für die Unterbrechung, sagte aber, er habe es uns erzählen müssen, weil er so viel Schmerz fühle.

Ich fühlte mich in Fallujah unglaublich sicher, die Menschen, mit denen ich hier sprach waren freundlich und sanftmütig. Sie sind berechtigterweise wütend und ungehalten wegen dem, was die USA ihnen angetan haben, aber sie schienen zu verstehen, daß es nicht ich oder alle Amerikaner waren, die es getan haben. Der Geistliche sagte: "Wir sind dankbar, daß Sie hierhergekommen sind und Anteil an unserem Leid und unserem Schmerz nehmen, es zeigt, daß es gute und menschliche Amerikaner gibt."

Fallujah ist das Gesicht der US-Besatzung. Es zeigt, wie rücksichtslos die USA gegen jeden sein werden, der es wagt, ihren Plänen Widerstand zu leisten. Aber Fallujah hat nicht aufgehört, Widerstand zu leisten. Man sagt, daß "man keinen Widerstand aus dem Dasein bomben kann, aber man kann einen hineinbomben." Die unnatürliche Katastrophe, die die USA im Mittleren Osten entfesselt haben, ist grauenerregend und wir müssen ihr alle Widerstand leisten.



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