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Der Bogyman

Die andere Macht in Israel

08.06.2005  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs




Als der neue Generalstabschef, der Luftwaffengeneral Dan Halutz, seinen neuen Job übernommen hat, stand ich mit einer Gruppe Demonstranten am Tor des Generalstabsgebäudes, um gegen seine Berufung zu demonstrieren.

Unser Slogan war: "Sie haben Blut an ihren Flügeln!" - eine Erinnerung an seine Bemerkung, nachdem die Luftwaffe eine Ein-Tonnen-Bombe in ein Wohngebiet in Gaza fallen ließ, um den Hamasführer Salah Shehadeh zu töten. Wie man sich erinnert, tötete die Bombe auch 14 unbeteiligte Menschen, einschließlich neun Kinder.

Als Haluz damals gefragt wurde, was er nach dem Abwurf einer Bombe empfinde, antwortete er: "Ein leichter Schlag am Flügel." Er fügte noch hinzu, daß er danach gut schlafe. Ich denke nicht, daß eine Person, die sich so äußert, der oberste Kommandeur unserer Armee sein sollte.

Das heißt nicht, daß sein Vorgänger viel besser war. Es gibt eine Regel: "Jeder schlechte Amtsinhaber kann durch einen noch schlechteren ersetzt werden." (Das erinnert einen an den jüdischen Witz über einen bösartigen reichen Mann im Ghetto. Nachdem er gestorben war, war keiner bereit, etwas Gutes über ihn zu sagen, wie es Sitte war. Schließlich meldete sich einer freiwillig und sagte: "Wir wissen alle, daß er ein böser alter Mann war, ein Dieb und ein Geizhals, aber verglichen mit seinem Sohn war er ein Engel.")

Noch bevor der abgesetzte Generalstabschef Moshe ("Bogy") Ya'alon seine Uniform auszog, gab er eine Salve von Erklärungen ab, die sowohl seinen Charakter und als auch seine Ansichten offenbaren. In einem Interview mit dem Haaretz-Journalisten Ari Shavit vom rechten Flügel sagte er:

  1. "Wenn wir den Palästinensern nicht immer mehr und mehr und mehr geben, wird es eine gewaltige Explosion geben. Es gibt eine große Wahrscheinlichkeit für einen zweiten Terroristenkrieg geben ... Kfar Sava (auf der israelischen Seite der Grünen Linie) wird wie Sderot behandelt werden. Tel Aviv und Jerusalem ebenso." Sderot war ein regelmäßiges Ziel von Qassam-Raketen.
  2. "Was wird nach dem Abzug geschehen? ... Terroristische Angriffe aller Art, Schüsse, Explosionen, Selbstmordattentäter, Mörser, Qassam-Raketen...Ihr verließt Gaza? Stille. Ihr werdet Judäa und Samaria verlassen? Es wird still sein. Ihr werdet Tel Aviv verlassen? Es wird wirklich sehr still sein ... (Die palästinensische Seite) spricht über Safed und Haifa und Tel Aviv."
  3. "Das Paradigma der Zwei Staaten wird keine Stabilität bringen. Nein! ... (Die Zwei-Staaten-Lösung) ist nicht relevant. Nicht relevant ... (Der palästinensische Staat) wird den Staat Israel unterminieren. Von da ab wird die Konfrontation weitergehen."
  4. "Der Staat Israel ist bereit, den Palästinensern einen unabhängigen palästinensischen Staat zu geben, aber die Palästinenser sind nicht bereit, uns einen unabhängigen jüdischen Staat zu geben. ... Jede getroffene Vereinbarung wird der Beginn der nächsten Irredenta sein. Der nächste Konflikt, der nächste Krieg."
  5. "Die Errichtung eines palästinensischen Staates wird in irgendwann zum Krieg führen. Solch ein Krieg kann für den Staat Israel gefährlich sein. Die Idee, daß es möglich sei, bis 2008 einen palästinensischen Staat zu errichten und Stabilität zu erreichen, hat nichts mit der Realität zu tun und ist gefährlich ... Bushs Vision hat nichts mit der Realität zu tun."
  6. "(Was also ist die Lösung?) ein viel längerer Prozeß, der zuerst eine Revolution der Werte auf palästinensischer Seite nötig macht ... Ich sehe in meiner Generation kein Ende des israelisch-palästinensischen Konfliktes."
  7. "Abu Mazen hat das Rückkehrrecht nicht aufgegeben ... das Zurückkommen in die Häuser, in die Dörfer ... Das heißt, daß es keinen jüdischen Staat geben wird... Selbst Abu Mazen ist nicht bereit, hier einen jüdischen Staat zu akzeptieren."
  8. "(Über palästinensische Demokratie) Das ist eine Demokratie? Das ist eine Verbrecherbande!"
  9. "Es besteht die Möglichkeit, daß die israelische Armee (nach dem Abzug) gezwungen sein wird, in den Gaza-Streifen zurückzukehren."
Der allgemeine Ausblick: "Wir sind eine Gesellschaft im Krieg. Unser Schwert muß aus der Scheide gezogen bleiben. Jeden Tag muß es aus der Scheide gezogen bleiben. ... Eine Gesellschaft im Krieg. Ohne Illusionen. Ohne die falsche Überzeugung, daß wir dies auf die eine oder andere Art lösen werden. Nein, es wird nicht gelöst werden."

Woran erinnert dies? Es ist eine fast exakte Kopie der berühmten Rede von Moshe Dayan, die er 1955 am Grab von Roi Rotenberg hielt. Moshe Ya'alon war damals noch ein kleines Kind. Wie die Monarchie der Bourbonen in Frankreich hat er nichts vergessen und nichts dazugelernt.

Man kann diese Rede mit Zynismus betrachten. Ya'alon ist voller Ärger auf Ariel Sharon und Shaul Mofaz, die beiden, die ihn nach nur drei Jahren aus dem Amt drängten, statt ihn die üblichen vier Jahre darin zu belassen.

Da der Rückzug aus Gaza Sharons und Mofaz' Baby ist, versucht Ya'alon diesen zu torpedieren.

Aber warum hier aufhören? Man könnte zynisch behaupten, daß Ya'alon die Ansichten des Oberkommandos der Armee wiedergibt und die Armee kein Interesse an Frieden hat. Keine menschliche Organisation strebt nach einer Situation, die sie überflüssig macht. Im Gegenteil, sie sehnt sich nach einer Situation, in der sie noch nötiger gebraucht wird. Deshalb ist das Korps der höheren Offiziere nicht wirklich an einer friedlichen Lösung interessiert.

Das wird durch die Tatsache bestätigt, daß Ya'alon nach der Veröffentlichung dieser Bemerkungen an dem Tag, an dem er das Büro verließ, von seinen Kollegen mit Zustimmung und Zuneigung überschüttet wurde. Keiner widersprach ihm, nicht einmal anonym.

Allerdings führt der zynische Ansatz nicht zu tiefergehendem Verstehen. Das Phänomen liegt jenseits bewußter persönlicher Interessen.

Die Armee bildet für den Krieg aus und denkt nur in Begriffen des Krieges. Ein wirklicher General kann sich sich selbst in einem Zustand des Friedens nicht einmal vorstellen. Seit vielen Jahren hat kein bedeutender israelischer General (mit den ehrenwerten Ausnahmen von Amram Mitzna und Ami Ayalon) eine Erklärung abgegeben, aus der man ableiten könnte, daß er tatsächlich an Frieden glaubt.

Das ist aus zwei Gründen ernst:

Zunächst, weil Ya'alon eine Elitegruppe vertritt, die einen großen Einfluß auf die israelische Gesellschaft ausübt. Mittels der hunderten von im Ruhestand befindlichen Generäle kontrolliert die "Partei der Generäle" fast alle politischen und wirtschaftlichen Schlüsselpositionen im Land, von der Regierung, dem Kabinett, den Parteien bis zu den großen öffentlichen und privaten Unternehmen.

Zweitens, weil der Generalsstabschef, der Chef des Mossad und der Chef des Sicherheitsdienstes an den Kabinettssitzungen teilnehmen und ihre politischen Beurteilungen praktisch die Schritte der Regierung diktieren. Die Ansichten des Generalstabschefs sind keine private Angelegenheit - sie haben einen großen Einfluß auf das Verhalten des ganzen Staates.

Ya'alon war drei Jahre lang der Chef der israelischen Armee. Während dieser Periode ist die West Bank mit mehr als hundert Siedlungs-"Außenposten" überzogen worden. Einer der Gründer dieser Außenposten bestätigt in Haim Yavons neuer TV-Serie, daß alle diese Außenposten gemäß Anordnungen der Armee errichtet wurden, gemäß einem militärischen Plan, geschaffen, um die West Bank in schmale Streifen zu schneiden und so die Errichtung eines palästinensischen Staates zu verhindern. Ya'alons Erklärungen entlarven den ideologischen Hintergrund hierfür.

Wenn der Generalstabschef glaubt, daß Frieden jetzt und in Zukunft unmöglich ist, sind natürlich alle seine Ratschläge im Kabinett - Ratschläge mit der Macht von Anordnungen - von diesem Glauben beeinflußt.

Ya'alons Behauptungen führen zu dem Schluß, daß es keinen palästinensischen Partner gibt und geben kann. In dieser Hinsicht besteht totale Übereinstimmung zwischen General Ya'alon, General Ehud Barak und General Sharon. Abu Mazen, der insgeheim plant, vier Millionen palästinensische Flüchtlinge in ihre früheren Häuser und Dörfer zurückzuführen, ist gewiß kein Partner. Die Schlußfolgerung: der Abzug muß einseitig sein, wie von Sharon entschieden. Eine andere Schlußfolgerung: Es gibt keinen Raum für einen politischen Prozeß nach dem Abzug, da die Palästinenser nur "immer mehr und mehr und mehr" wollen.

Frieden? Bringt Bogy nicht zum Lachen. Oder Ehud. Oder auch Arik.

Seit mehreren Wochen ist Ya'alon nun mit einer Abschiedsreise beschäftigt, die er selbst organisiert hat. Er fuhr von Befehlsposten zu Befehlsposten, von Militärlager zu Militärlager, und überall ließ er sich aus jedem Winkel photographieren, immer mit dem Helm auf dem Kopf, den Stiefeln an den Füßen und dem Gewehr an der Schulter. Ziemlich pathetisch.

Seine Untergebenen und Kollegen umschmeichelten ihn mit Lob, das einem der großen Oberbefehlshaber der Geschichte, dem Mann, der den "Terrorismus besiegt hat", gebührte.

Die Wahrheit ist natürlich, daß Ya'alon ein sehr kleiner Oberbefehlshaber war. Im besten Fall beendete die israelische Armee den Krieg mit einem Unentschieden. Sie fand keine Antwort auf die Mörsergranaten und die Qassam-Raketen. Sie war gezwungen, eine inoffizielle Waffenruhe, die sie nicht wollte, zu akzeptieren. Bei einer Konfrontation zwischen einer mächtigen Armee und kleinen Untergrundorganisationen ist ein Unentschieden ein großer Fehlschlag für den Generalstabschef. Letzten Endes versagte er wie seine Vorgänger, wie auch seine Nachfolger versagen werden. So wie alle Generäle überall in der Welt in ähnlichen Situationen versagt haben.

Wie seine letzten Bemerkungen gezeigt haben, ist Ya'alon eine eher beschränkte Person mit einem durchschnittlichen Intellekt und recht primitiven Ansichten. Man kann in seinen Erklärungen alle Stereotypen und alle Mythen von 120 Jahren Zionismus finden. Es gibt nicht die geringste Spur von unabhängigem Denken.

Und das ist wohl der bedrückendste Teil der Angelegenheit.

Solange sie im Amt sind, werden die Führer unserer Armee vor allen kritischen Beurteilungen abgeschirmt. Sie werden von einem Schutzschild speichelleckender "Militär-Korrespondenten" und Sprechern umgeben, deren Pflicht es ist zu lügen. Sie erscheinen immer allwissend und mit einem hervorragenden analytischen Geist, mit Herz und Verstand der Sicherheit und der Zukunft des Staates ergeben und mit keinem anderen Interesse.

Wenn sie ihre Uniformen ausziehen und die militärische Aura verlieren, erscheinen sie als völlig andere Personen. Wenn die früheren Chefs der Armee, des Mossad und des Sicherheitsdienstes Zivilisten werden, entdeckt man, daß sie ganz gewöhnliche Leute sind, die meisten unbedeutend, einige eher noch weniger. Gelegentlich gab es einen von ernst zu nehmendem Kaliber, aber nicht wenige waren einfach dumm, wenn nicht gar psychisch gestört. Es ist ziemlich erschreckend, wenn man bedenkt, daß solche Leute den Staat führen und für Angelegenheiten von Leben und den Tod verantwortlich waren.

Noch erschreckender ist, daß Ya'alon verglichen mit seinem Nachfolger tatsächlich fast wie ein Engel erscheint.



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