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Der Weg in den Bürgerkrieg im Nordirak

Gepflastert mit Rachegefühlen und Machtdurst

15.06.2005  






Ein Artikel der Washington Times vom Mittwoch belegt, wie zielstrebig sich insbesondere - aber sicherlich nicht nur - der überwiegend kurdische Nordirak auf einen Bürgerkrieg zubewegt.

Darin berichtet die Zeitung unter Berufung auf ein vertrauliches Telegramm des US-Außenministeriums an das Weiße Haus, das Pentagon und die US-"Botschaft" in Baghdad, daß "außergerichtliche Inhaftierungen" Teil einer "organisierten und weitverbreiteten Initiative" kurdischer Parteien seien, "um in Kirkuk Macht auf eine zunehmend provokative Art auszuüben."

Diese "außergerichtlichen Inhaftierungen" richten sich offenbar ausschließlich gegen nichtkurdische Bewohner der Region. Nach Aussage des US-Militärs wurden bisher 180 Fälle festgestellt, in denen Araber und Turkmenen offenbar grundlos verhaftet und inhaftiert wurden. Arabische und turkmenische Politiker sprachen hingegen von über 600 Fällen und einer hohen Dunkelziffer, da sich viele Familien nicht trauten, sich zu melden.

Nach Aussage von freigelassenen Gefangenen und dem Polizeichef von Kirkuk, General Turhan Yusuf Abd al-Rahman, bleiben die Menschen häufig über hinweg verschwunden und werden zumindest teilweise in dieser Zeit gefoltert.

Ein ehemaliger Jagdflieger, Abu Abd Allah Jabbouri, berichtete, daß er während seiner Gefangenschaft vorrangig dahingehend verhört worden sei, ob er an dem Chemiewaffenangriff auf die Stadt Halabja im März 1988 beteiligt war. "Ich glaube, es geht um Rache", sagte er.

Nach ihrer Verhaftung werden die Gefangenen ohne richterliche Anordnung in Gefängnisse in anderen kurdischen Städten transportiert, was nach Aussage von Richtern in Kirkuk dem irakischen Gesetz widerspricht. Abd al-Rahman Mustafa, der Gouverneur der Provinz Kirkuk, gab zwar zu, daß zahlreiche Gefangene in entferntere Gefängnisse gebracht würden, dies geschehe aber nur, um die Überfüllung von Gefängnissen zu verringern. Außerdem geschehe dies in "vollständiger Zusammenarbeit" mit dem US-Militär, so Jalal Jawhar, der Vorsitzende der "Patriotischen Union von Kurdistan" in Kirkuk.

Der Bericht des in der vergangenen Woche freigelassenen Jabbouri weckt allerdings massive Zweifel an der Behauptung, es solle nur die Überfüllung von Gefängnissen vermieden werden. In seiner sechs mal drei Meter großen Zelle in einem Gefängnis der Stadt Irbil lebte er seiner Aussage nach mit etwa 50 Männern. Die Zelle sei derart überfüllt gewesen, daß sich die Gefangenen abwechseln mußten, auf dem nackten Betonboden zu schlafen.

Durchgeführt werden die Verhaftungen vom kurdischen Geheimdienst Asayesh und einer 500-köpfigen "Antiterroreinheit" der Polizei von Kirkuk, teilweise in Zusammenarbeit mit US-Soldaten, teilweise auf eigene Faust. Beide stehen offenbar unter starkem Einfluß der beiden kurdischen Parteien, der "Patriotischen Union von Kurdistan" (PUK) und der "Demokratischen Partei Kurdistan" (KDP). Dies bestätigte auch der Polizeichef von Kirkuk, al-Rahman. Seiner Aussage zufolge stehen etwa 40 Prozent der 6.120 "Polizisten" der Stadt den beiden Parteien loyal gegenüber und befolgten eher deren als seine Befehle. Diese Ansicht wird offenbar auch vom US-Militär geteilt. So wurden die beiden Parteien im vergangenen Monat von US-Offizieren aufgefordert, eine Reihe von verhafteten Arabern und Turkmenen freizulassen. Tatsächlich ließ die KDP daraufhin 42 Gefangene frei. Die PUK hingegen hat hierauf bisher nicht reagiert.

Angesichts hunderter so verschwundener Menschen reagieren deren Angehörige zunehmend mit Verzweiflung.

"Wenn wir zu den Amerikanern gehen schicken sie uns zur Polizei", so Osama Danouk, dessen Vater Danouk Latif Jassem am 2. März verhaftet wurde. "Wenn wir zur Polizei gehen schicken sie uns zu den Amerikanern und so weiter und so weiter." Nach seiner Verhaftung war sein Vater 12 Tage lang im Gefängnis der "Antiterroreinheit" festgehalten worden, bevor er nach Irbil verlegt wurde. Die Familie reiste an acht aufeinanderfolgenden Donnerstagen nach Irbil, um ihn zu besuchen, was ihnen allerdings verweigert wurde. Seine einzigen Lebenszeichen sind zwei Briefe, die sein Sohn über das Rote Kreuz erhalten hat.

In der Zwischenzeit hat seine Familie erfolglos arabische Stammesführer, Menschenrechtsorganisationen, die Regierung der Provinz, das US-Militär und auch die kurdischen Parteien um Hilfe gebeten. ""Vier Monate und niemand kann uns helfen", so Danouk.

Die in dem Telegramm geäußerte Befürchtung des US-Außenministeriums, daß dieses Vorgehen zunehmend "Anstrengungen der irakischen Regierung und der Koalition in der Region untergraben" könnten scheint mehr als zutreffend.

Ein Großteil der Familie von Aissa Ramadan wurde am 17. März in dem Dorf Shahid Faleh, etwa 35 Kilometer südlich Kirkuks, gefangengenommen, als ihr Gelände von US-Soldaten und "irakischen Einheiten" durchsucht wurde. Neben seinen drei Brüdern und zwei Söhnen wurde auch sein 87 Jahre alter Vater, Ramadan Taha, mitgenommen. "Ich war nicht dort", berichtete er. "Wenn ich dort gewesen wäre, hätten sie mich auch mitgenommen."

Nach drei Monaten sind die Spuren der "Durchsuchung" noch deutlich zu sehen. Fenster sind eingeschlagen, Schranktüren aus den Angeln gerissen, Hochzeitsphotos und ein Fernseher sind zerstört. Ramadans Aussage nach stahlen die "irakischen Einheiten" außerdem 5.000 US-Dollar seines Vaters und 450.000 irakische Dinar (300 US-Dollar) aus der Tasche seiner Mutter. Außerdem habe ein Soldat eine goldene Kette vom Handgelenk seiner Schwägerin gerissen.

Im vergangenen Monat waren seine beiden Söhne freigelassen worden, einer erzählte, er sei so schwer in die Nieren geschlagen worden, daß Blut in seinem Urin war. Einer von Ramadans Brüdern befindet sich noch in dem Gefängnis der "Antiterroreinheit". Ein "Polizist" sagte der Familie, er würde nach Zahlung von 5.000 US-Dollar freigelassen.

Ramadans Vater und seine anderen beiden Brüder wurden einem bei der "Polizei" arbeitenden Freund zufolge nach Sulaymaniyah gebracht. Seit ihrer Überführung am 23. März gibt es keinerlei Nachricht von ihnen.

"Wenn Sie unser Haus sehen könnten, wüßten Sie, daß wir Beerdigungen ohne Leichen haben", so Ramadan. "Kinder suchen nach ihren Vätern, Frauen kennen nicht das Schicksal ihrer Ehemänner und Mütter sterben 40 Mal am Tag."

Ramadan sagte, er fühle Wut in seinem Herzen.

"Morgen könnte ich den ganzen Stamm rekrutieren", sagte er. "Ich könnte die Straße in Kirkuk sperren und 40 Kurden entführen. Wenn man die Geduld verliert, kann man alles tun."

Auch einen weiteren Schritt auf dem Weg zum Bürgerkrieg gehen - wobei die US-Besatzer offenbar kein Interesse haben, ihn zu verhindern.



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