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Unterschiedliche Einmaligkeiten

Verschiedene Sichtweisen zur Wahl im Iran

25.06.2005  






Zwei Artikel vom Samstag bezüglich der Wahl des bisherigen Bürgermeisters der iranischen Hauptstadt Teheran zum neuen Präsidenten des Landes könnten kaum deutlicher die verschiedenen Sichtweisen der Autoren zeigen.

So veröffentlichte der Spiegel einen namentlich nicht gekennzeichneten Artikel, in dem die Wahl Mahmoud Ahmadinejads als "in zwei Sichtweisen für Iran historisch" bezeichnet wird. Einerseits würde "zum ersten Mal kein Geistlicher den wichtigsten Polit-Posten neben dem übermächtigen Wächterrat einnehmen", andererseits würde "erstmals seit acht Jahren vorsichtiger Reformpolitik des vorherigen Präsidenten Mohammed Khatami wieder ein Hardliner in Sachen Religion und Position Irans in der Welt in den Präsidentenpalast" einziehen.

Eine von Dr. Yavuz Özoguz unterzeichnete "gemeinsame Erklärung des Islamischen Weg e.V. und des Muslim-Markt" - wobei Özoguz sowohl einer der Betreiber der Website Muslim-Markt als auch der Vorsitzende des Vereins ist - bezeichnet die Wahl ebenfalls, allerdings aus gänzlich anderen Gründen, als "einmalig und erstaunlich".

"Es war das erste Mal in der Geschichte der Islamischen Republik Iran, daß es zu einer Stichwahl kam, da keiner der Kandidaten sich im ersten Wahlgang durchsetzen konnte. Es war das erste Mal, daß ein ehemaliger Präsident nach einer Pause wieder kandidiert hat. Es war das erste Mal (wahrscheinlich nicht nur im Iran, sondern in der Menschheitsgeschichte), daß Gruppen, die im ersten Wahlgang im Auftrag der westlichen Welt offen für einen Wahlboykott eingetreten sind, bei der darauffolgenden Stichwahl (wiederum im Auftrag westlicher Geldgeber) für eine Wahlteilnahme plädiert haben (aber offensichtlich mit nur geringem Erfolg). Es war das erste Mal seit langer Zeit in der Presse der westlichen Welt, daß offen die Hoffnung propagiert wurde, daß nicht der Kandidat des 'Fußvolkes' die Wahlen gewinnen möge, sondern der Kandidat der 'Intellektuellen', eine ganz besonders eigentümliche Art westlichen Demokratieverständnisses. Und es war das erste Mal, daß die westliche Welt ihre Hoffnungen auf einen Geistlichen setzte und selbst damit scheiterte", so die Erklärung.

Aber auch schon in den einleitenden Beschreibungen der Person Ahmadinejads sind grundsätzlich andere Sichtweisen nicht zu übersehen.

So beschreibt der Spiegel ihn als "ehemaligen Bürgermeister der iranischen Hauptstadt und ehemaligen Soldat der Revolutionären Garde" sowie als "Sohn eines Schmieds aus kleinen Verhältnissen", der mit seiner ersten Ansprache nach der Wahl "zumindest alle Erwartungen an ihn als geistig Gestrigen erfüllt" habe.

Özoguz hingegen beschreibt ihn als "Familienvater, Major der Reserve und promovierten Ingenieur". Er geht zwar nicht auf die Ansprache ein, bezeichnet Ahmadinejad aber als einen "Muqallid (religiösen Befolger) des Imam Khamene'i und echten und aufrichtigen Hizbollahi (Parteigänger Gottes)" - zweifellos genau die Eigenschaften, die dem Spiegel und auch den USA so viel Kopfschmerzen bereiten.

Während der Spiegel Ahmadinejad als "Hardliner", der "in der Tradition der iranischen Politiker, die noch immer von einem Iran gegen den Rest der Welt träumen" sieht und Karim Sadjadpour von der "International Crisis Group" mit den Worten zitiert, seine Wahl habe "die Tür für einen Durchbruch bei den Beziehungen zwischen Iran und USA so gut wie zugeschlagen", ist auch Özoguz hier völlig anderer Ansicht.

Durch seine Wahl seien "die Chancen für einen umfassenden Frieden in der Region und damit auch in der Welt gestärkt worden, denn mit einem gewachsenen Selbstbewußtsein können die Muslime sich nunmehr intensiver sowohl der auferlegten Unterdrückung als auch dem oft von den Unterdrückern initiierten Mißbrauch des Islams entgegenstellen. Für alle diejenigen, die ernsthaft einen gleichberechtigten und befreiten Frieden in dieser Welt auf Basis von Gerechtigkeit anstreben, sind mit dieser Wahl die Chancen erheblich gestiegen und die Gelegenheit zur Lösung so vieler Probleme ist so günstig wie nie zuvor", schreibt er. Da der Gerechtigkeitsgedanke und der Kampf gegen Unterdrückung bei shiitischen Muslimen eine zentrale Rolle spielen kann die hier geäußerte Hoffnung sicherlich kaum erstaunen.

Da Özoguz offen das geistliche Oberhaupt des Irans Ayatollah Ali Khamene'i befürwortet, den der Spiegel wiederum als "Ziehvater" Ahmadinejads bezeichnet, kann seine Haltung zum Ausgang der Wahl sicherlich nicht verwundern.

Ebenso offensichtlich - allerdings aus weitaus weniger offensichtlichen Gründen - gibt der Spiegel in seinem Artikel den offiziellen Standpunkt Washingtons zur Wahl im Iran wieder.





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