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Ariks Horrorshow

Israelische "Siedler" isolieren sich

04.07.2005  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs




Die ganze Welt sah den Horror im Fernsehen: ein palästinensischer Junge liegt am Boden, bewußtlos. Ein israelischer Soldat beugt sich gerade über ihn und weiß nicht, was er tun soll. Ein Siedler kommt von hinten und wirft einen Stein an den Kopf des verwundeten Palästinensers. Ein anderer Siedler läßt einen großen Stein auf ihn fallen - aus nächster Nähe. Ein bärtiger Sanitäter, auch ein Siedler, nähert sich dem verwundeten Jungen, zögert und geht weg, ohne ihn zu behandeln, verfolgt von den Rufen einer Gruppe von Siedlerjungen und -mädchen: "Laß ihn sterben! Laß ihn sterben!"

Zuvor besetzten Siedler ein palästinensisches Haus am Strand des Gaza-Streifens und errichteten dort einen "Außenposten". Es war ein hübsches, neues, dreistöckiges Gebäude, dessen Besitzer noch nicht eingezogen war. An der Außenwand stand in großen Buchstaben: "Mohammed ist ein Schwein!", womit der Prophet gemeint war.

Eine Steineschlacht zwischen den Besetzern dieses Hauses und Palästinensern in den benachbarten Häusern folgte. Einige Soldaten, die sich zwischen den Fronten befanden, feuerten über die Köpfe der Palästinenser in die Luft und taten nichts gegen die Randalierer.

Zwei Tage vorher waren Armeebulldozer geschickt worden, um leerstehende, verfallene Bauten, die vor Ewigkeiten von den Ägyptern gebaut worden waren, einzureißen. Eine Gruppe extrem-rechter Jungen und Mädchen kletterten auf die Bulldozer, brachen Teile davon ab, traten gegen die Köpfe der Soldaten, die versuchten, sie zu entfernen, und verfluchten und verspotteten die Soldaten, die hilflos dastanden. (Vor zwei Jahren wurde die 23-jährige amerikanische Friedensaktivistin Rachel Corrie von solch einem Bulldozer zu Tode gedrückt, als sie versuchte, ihn am Zerstören eines palästinensischen Hauses zu hindern.)

Die Randale erreichten ihren Höhepunkt am letzten Mittwoch, als die Siedler noch einmal Israels Hauptverkehrsadern blockierten. Am Vorabend erschien im Fernsehen einer der Oberaufrührer, ein gewisser Shabtai Shiran, der sich selbst als "Generalstabschef Nord" der Hooligans vorstellte. Er wurde als geachteter Gast ausführlich live interviewt, während er Befehle gab, um das Land lahm zu legen, als ob er ein Regierungssprecher wäre. Er wurde nicht wegen Terrorismus, Anstiftung und Verschwörung zur Begehung eines Verbrechens am Ausgang des Studios festgenommen, im Gegenteil: er wurde am nächsten Abend wieder eingeladen, um sich seines "Sieges" zu rühmen.

Am Morgen des Straßenblockadetags entdeckte die Polizei auf der Straße Nr. 1 (die Hauptverbindung zwischen Tel Aviv und Jerusalem) Öllachen und Metallnägel, die Reifen durchstechen sollten. Auf dieser Straße ist eine Geschwindigkeit von 110 Kilometern pro Stunde erlaubt und viele fahren noch schneller. Durch ein Wunder wurde eine Katastrophe verhindert. Aber das ganze Land gab dem Terrorismus nach. Die meisten Fahrer schoben ihre Fahrten auf, der Verkehr war mäßig - so wie am Shabbat.

Während des Tages blockierten Siedler an vielen Orten die Straßen. Die Polizei entfernte sie mit bloßen Händen. Nur an einer Stelle wurde ein Wasserwerfer benutzt, aber der klägliche Strahl war zu schwach, um auch nur einzigen Randalierer wegschwemmen. Aber im Fernsehen sah es gut aus.

Bei keiner einzigen dieser Ausschreitungen verwendete die Polizei Mittel, die routinemäßig gegen gewaltlose Protestierer des linken Flügels angewendet werden, wie Schlagstöcke, Tränengas, gummiummantelte Kugeln und seit kurzem auch Salzkugeln. Ich kann aus eigener Erfahrung bei Demonstrationen bezeugen, daß keiner dort bleibt, wo er steht, wenn Tränengasgranaten gegen sie abgeschossen werden.

Nur zur Erinnerung: vor fünf Jahren versuchten Gruppen arabischer Bürger, einige Straßen im Norden Israels zu blockieren, eine spontane Reaktion auf die Tötung von Palästinensern auf dem Tempelberg . Um den "freien Verkehr auf den Straßen zu schützen", eröffnete die Polizei mit scharfer Munition das Feuer und tötete dabei 13 Bürger. Aber sie waren - natürlich - Araber.

Man hätte in dieser Woche den Ausschreitungen sehr leicht ein Ende setzen können. Bei den wenigen Fällen, wo die Behörden entschieden, die Randalierer zu entfernen, geschah dies problemlos.

Zum Beispiel am Tag nach dem versuchten Lynchen des palästinensischen Jungens (der sich wieder gesund wird) entfernte die Polizei die Schläger aus einem nahegelegenen Hotel. Die Aufrührer hatten geschworen, bis zum Tode zu kämpfen. Sie wurden innerhalb von 30 Minuten entfernt, ohne daß auch nur eine einzige Person verletzt wurde. Ihre großmäuligen Führer waren verschwunden, bevor es überhaupt begonnen hatte.

Warum werden die Ausschreitungen nicht überall abgestellt? Man kann der einfachen Schlußfolgerung nicht entkommen: Ariel Sharon wollte es nicht. Im Gegenteil: es ist in seinem Interesse, daß die Fernsehschirme in Israel und weltweit die Szenen der schrecklichen Ausschreitungen zeigen. So sät er in die Köpfe der Zuschauer die natürliche Frage, die mir ein Taxifahrer stellte und die von allen Journalisten, die mich während der letzten Woche interviewten, wiederholt wurde: "Wenn die Evakuierung von ein paar kleinen Siedlungen schon solch einen Aufstand verursacht - wie kann man nur davon träumen, die großen Siedlungen in der West Bank zu räumen?"

Dieselbe Frage wird auch im Hinblick auf den wirtschaftlichen Preis des "Abzugs" gestellt. Der Finanzminister redet jetzt von "acht bis zehn Milliarden Shekel". Das heißt fünf Millionen Shekel oder etwa 900.000 Euro pro Familie. Fast jeden Tag wird die durch die zu Evakuierenden erpreßte Zahlung größer. Ein Stück Land. Eine neue Villa. Bis dahin eine "mobile Villa", die in ihrem Besitz bleiben wird. Entschädigungen für verlorenen Lebensunterhalt. Beteiligung an den Kosten des Umzugs. Für die Landwirte mehr Land, zwei- bis dreimal größer als das Stück Land, das sie verlassen.

Wenn die Siedler nur das zurückbekämen, was sie tatsächlich investiert hatten, selbst das Zehnfache, wäre dies nur ein Bruchteil dieser Summen.

All dies wird zu Evakuierenden versprochen, die in Israel siedeln werden, in einer Entfernung von etwa 30 Kilometern von ihrem gegenwärtigen Wohnort In dieser Woche wurde ihnen ein gesonderter Regionalrat versprochen. Dieser würde nicht nur der einzige Regionalrat sein, der entsprechend ideologischen Linien aufgebaut wird; er wäre auch ein einträglicher Ruheposten für Dutzende von Siedlern, die Angestellte dieses Rates würden. In der West Bank leben viele Hunderte von Siedlern, einschließlich der meisten ihrer Führer auf unsere Kosten, indem sie fiktive Jobs in den Regionalräten innehaben.

Auch hier wird der arglose Bürger fragen: Wenn die Evakuierung von 1.700 Siedlerfamilien uns schon 8 Milliarden Shekel kostet, wie viel wird uns die Evakuierung von 40.000 Familien aus den Siedlungen der West Bank kosten?

Die Vorstellungen dieser Woche sind nur eine Generalprobe der großen Horrorshow, die in sieben Wochen geplant ist, wenn die Evakuierung stattfinden wird.

Es ist schon angekündigt worden, daß enorme Kräfte an dieser Aktion teilnehmen werden. Dreitausend Medienleute aus aller Welt werden für das internationale Echo sorgen. Das Ereignis wird als riesige Operation präsentiert werden, Ariel Sharon wird als einer der großen Helden der Geschichte erscheinen, Herkules und Samson in einer Person. Wer wird nach solchen immensen Anstrengungen verlangen, daß er die unmögliche Aufgabe der Evakuierung der Siedlungen der West Bank auf sich nimmt?

Sharon selbst verbirgt seine Absichten nicht. Im Gegenteil, er erklärt sie mit lauter Stimme. In zwei zentralen Reden dieser Woche definierte er sie mit den gleichen Worten. Aber die oberflächlichen Medien waren so fasziniert von seiner Verurteilung der Hooligans, daß sie den wichtigsten Satz überhörten.

Sharon sagte, daß der Rückzug aus dem Gaza-Streifen notwendig sei, damit wir uns auf die Bemühungen konzentrieren könnten, Israels Dominanz "in Galiläa und dem Negev, Groß-Jerusalem, den Siedlungsblöcken und den Sicherheitszonen" abzusichern.

Man muß die vier Ortsbezeichnungen mit der Landkarte vergleichen, um ein klares Bild zu bekommen.

"Galiläa und der Negev" wurden nur zur Dekoration mit eingeschlossen. Sie sind seit der Gründung des Staates ein Teil Israels, und eine Kampagne zu ihrer "Judaisierung" läuft seit Jahrzehnten. Etwa die Hälfte von Galiläas Bürgern sind Araber, und im Negev ist die Situation ähnlich.

Die Bezeichnung "Groß-Jerusalem" wird benutzt, um nicht nur die arabischen Stadtteile im Osten der Stadt, sondern auch die Siedlung Ma'aleh-Adumim und das Land, das zwischen ihr und dem eigentlichen Jerusalem liegt und E-1 genannt wird, einzuschließen.

Die "Siedlungsblöcke" schließen nicht nur die erweiterten Gush Etzion-, Ariel-, Ober-Modi'in-, Betar- und Ma'aleh-Adumim-Blöcke ein, sondern auch jedes Gebiet, das in Zukunft als solches definiert wird, wie Kiryat Arba und das Gebiet südlich von Hebron.

Aber das wichtigste Wort ist "Sicherheitszonen". In Sharons Lexikon schließen sie nicht nur das ganze Jordantal und die "Rückseite des Berges" (die östlichen Hänge der zentralen palästinensischen Bergkette) ein, sondern auch die Ost-West- und die Nord-Südachse, auf die er selbst während der Jahre Siedlungen hinsetzte.

Der Satz bestätigt wieder einmal das, was Sharon in der Vergangenheit oft genug gesagt hat, daß er 58 Prozent der West Bank annektieren wolle, so daß der palästinensische Staat, dem er zustimmen oder nicht zustimmen mag, nur etwa 10 Prozent des Palästinas von vor 1948 ausmacht.

Die augenblickliche Horrorshow Ariks ist dafür bestimmt, diese Vision zu fördern, die er als sein Lebenswerk betrachtet. Die Siedler, die ihn verfluchen und sein Leben bedrohen, spielen nur die Rolle, die er ihnen gibt. Seit Beginn seiner Karriere ist er davon überzeugt gewesen, daß Gott (oder das Schicksal) ihn für diese historische Aufgabe vorgesehen hat.

Die Aufgabe des israelischen Friedenslagers ist es, diese Vision zu kippen, indem es die Dynamik der Krise ausnützt, um den Weg für eine Lösung des Konflikts freizumachen. Die Siedlungen sind das Haupthindernis, um einen Kompromiß zwischen den beiden Völkern zu erreichen. Ohne daß Sharon es beabsichtigt, bringt die Horrorshow die israelische Bevölkerung gegen die Siedler auf, was die Isolierung der ganzen Siedlergemeinschaft zur Folge hat. Wir müssen sicher gehen, daß diese Welle der Entrüstung nach dem ausgeführten Rückzug aus dem Gaza-Streifen nicht verebbt, sondern im Gegenteil an Größe und Stärke zunimmt und so die Besatzung in der West Bank und in Jerusalem hinwegschwemmt.

Falls dies geschehen sollte, wird sogar die große Horrorshow am Ende noch positive Ergebnisse haben und keineswegs jene, die Sharon erwartet.



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