www.freace.de
Impressum

Nachrichten, die man nicht überall findet.





Eine Fiktion, mächtig wie Massenvernichtungswaffen

Nicht der Abzug bedroht den Irak mit Bürgerkrieg, sondern die Besatzung

09.07.2005  


Sami Ramadani




Die meisten Menschen in Großbritannien wollen, daß die Soldaten aus dem Irak abgezogen werden - ebenso wie die meisten Iraker, Umfragen zufolge. Gewerkschaften fordern einen baldigen Abzug, ebenso wie einige Parlamentsmitglieder der Arbeiterpartei und der Liberal-Demokraten. Aber viele Menschen mit guten Absichten wenden ein, daß die US-geführte Besatzung erst enden darf, wenn das Land stabil ist. Ein schneller Abzug, befürchten sie, würde das Land in einen Bürgerkrieg stürzen.

Auf eine Art ist dies die gleiche Position wie jene von Bush und Blair, die übereinstimmend sagen, die Soldaten würden nicht "einen Moment länger als notwendig" im Irak bleiben und würden abziehen, wenn sie dazu von einer demokratisch gewählten Regierung aufgefordert würden. In Wirklichkeit, mit über 200.000 ausländischen Soldaten und Hilfstruppen, die den Irak kontrollieren, wird selbst eine gewählte Regierung in ihrem Überleben von der Besatzung abhängen.

Es spiegelte den allgemeinen irakischen Haß auf die Besatzung wider, daß 82 der 275 Mitglieder der Nationalversammlung eine Petition unterzeichneten, die einen schnellen Abzug forderte, nachdem der Premierminister Ibrahim al-Jaafari offenbar seine Wahlversprechen, auf einem schnellen Abzug zu bestehen, brach. Jaafari fuhr fort, sein Wort auf erniedrigendste Art zu brechen, als er neben George Bush im Weißen Haus stand als der US-Präsident erklärte: "Ich habe dem Premierminister mitgeteilt, daß es keinen Zeitplan für einen Abzug geben wird."

Es wäre falsch, die Befürchtungen jener, die sich für "Abzug, aber nicht jetzt" aussprechen, abzutun, nur weil es auch die Position von Bush und Blair ist. Aber jene, die sich wirklich um den Abzug sorgen, sollten sich die dortigen Tatsachen ansehen, bevor sie die fortgesetzte Besatzung unterstützen.

Eine sich für den Krieg aussprechende Kommentatoren hatten früh gewarnt, daß das Land durch religiöse Gewalt zerstört würde: unterdrückte Shiiten würden sich an Sunniten rächen; Kurden würden Saddams Herrschaft durch das Töten von Arabern sühnen; und die christliche Gemeinschaft würde liquidiert werden.

Was wirklich geschah vereitelte solche Erwartungen. Innerhalb von zwei Wochen nach dem Fall Baghdads pilgerten Millionen nach Karbala und sangen "La Amreeka, la Saddam" ("Nein zu Amerika, nein zu Saddam"). Monatelang waren Baghdad, Basra und Najaf mit vereinigten Demonstrationen gegen die Besatzung überflutet, deren Hauptparole "La Sunna, la Shia; hatha al-watan menbi'a" ("Nicht Sunniten, nicht Shiiten, dieses Heimatland werden wir nicht verkaufen") war.

Solche Reaktionen waren angesichts der irakischen Geschichte der Ablehnung von Sektiererei vorhersehbar. Aber die Führer des Krieges reagierten, indem sie die Grundlagen des Staates zerstörten und der alten kolonialistischen Regel von teile und herrsche folgten und ein konfessionsgebundenes Modell für jede Einrichtung, die sie aufbauten, einführten, einschließlich von Maßnahmen für die Wahlen im Januar.

Als klar wurde, daß die ärmsten Gegenden Baghdads und der Süden der Besatzung noch feindlicher gegenüberstanden als die sogenannten sunnitischen Städte - dem Ruf zu den Waffen des shiitischen Geistlichen Muqtada al-Sadr folgend - versuchten Bush und Blair, den Widerstand stückweise zu besiegen, unter dem Vorwand, ausländische Terroristen zu bekämpfen. Abu Musab al-Zarqawi wurde befördert, um Saddam als obersten Schwarzen Mann zu ersetzen, religiöse Spannungen zu fördern und den Widerstand zu isolieren.

Diese Propaganda war im Ausland erfolgreicher als im Irak. Tatsächlich beschuldigen die Iraker gewohnheitsmäßig die Besatzung wegen aller Akte von Terrorismus und nicht, was liebevoll "al-muqawama al-sharifa" ("der ehrenvolle Widerstand") genannt wird. Aber in Großbritannien und den USA stehen viele Menschen dem etablierten und weitverbreiteten Widerstand zwiespältig oder feindselig gegenüber.

Der religiöse Diskurs der Besatzung hat einen ebenso mächtigen Halt gefunden wie die Fiktion der Massenvernichtungswaffen, die die Öffentlichkeit auf den Krieg vorbereitete. Iraker werden als ein Volk dargestellt, die es nicht abwarten können, sich gegenseitig umzubringen, sobald man sie sich selbst überläßt. Tatsächlich ist vorrangig die Besatzung der geistige Vater institutionalisierter religiöser und ethnischer Trennungen; ihre Entfernung würde für die Iraker als Katalysator dienen, um einige ihrer Differenzen politisch zu lösen. Vor nur wenigen Tagen trafen die Mitglieder der Nationalversammlung, die die Erklärung gegen die Besatzung unterzeichnet hatten, Repräsentanten des Gründungskongresses (eine Gruppe von 60 religiösen und weltlichen Organisationen) und die Bewegung al-Sadrs und gaben einen gemeinsamen Aufruf für einen schnellen Abzug der Besatzungsstreitkräfte im Rahmen eines international garantierten Zeitplans heraus.

Es gibt im Irak jetzt eine breite Übereinstimmung, einen nicht konfessionsgebundenen, demokratischen Irak aufzubauen, der die nationalen Rechte der Kurden garantiert. Die Besatzung erschwert die Erreichung dieser Ziele.

Jeden Tag erhöht die Besatzung die Spannung und verschlechtert das Leben der Menschen und fördert so die Gewalt. Die Schaffung einer abhängigen Regierung in Baghdad, gestützt durch permanente Basen, ist der Weg, den die US-Strategen in Vietnam verfolgten. Wie in Vietnam wird der allgemeine Widerstand im Irak und dem ganzen Mittleren Osten nicht verschwinden sondern stärker werden, bis er sich irgendwann vereint und einen US-britischen Abzug erzwingt.

Wieviele weitere Iraker, Amerikaner und Briten müssen noch sterben, bevor Bush und Blair zugeben, daß die Besatzung das Problem und nicht teil irgendeiner demokratischen Lösung im Irak ist?


Sami Ramadani, ein politischer Flüchtling vor Saddam Husseins Regime, ist leitender Dozent an der London Metropolitan University.



Werbung:


Zurück zur Startseite





Impressum

contact: EMail

PAGERANK SEO