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Der Krieg der Farben

Zwei Fronten in Israel

11.07.2005  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs




Ein Besucher Israels könnte zum gegenwärtigen Zeitpunkt den Eindruck bekommen, daß sich das Land mitten im Wettkampf zweier Fußballteams befindet - orange und blau.

An Tausenden von Autos wehen Bänder mit diesen Farben, meistens an den Antennen. Das ist auf den Straßen sehr auffallend: diejenigen mit verschiedenen Farben behandeln einander feindlich, was sich auch in ihrem Fahrstil bemerkbar macht, während diejenigen mit derselben Farbe sich mit einer auf israelischen Straßen ziemlich fremd anmutenden Höflichkeit begegnen.

Die Verwendung von Farben um die beiden Seiten symbolisieren, erinnert an den Rosenkrieg vor 450 Jahren.

Damals war die rote Rose das Emblem des Hauses Lancaster bei seinem Kampf um den Thron, während die weiße Rose dessen Feind kennzeichnete, das Haus York. Der Krieg dauerte 32 Jahre lang und endete mit dem Sieg der roten Blume.

In unserer Zeit gehören die Kriege der Farben ins Sportstadium, wo nur selten Blut vergossen wird.

Aber der israelische Krieg zwischen orange und blau ist eine sehr ernste Angelegenheit.

Oberflächlich betrachtet ist es der Kampf um den Rückzug aus dem Gaza-Streifen und die Evakuierung von ein paar Siedlungen dort. In Wirklichkeit hat dieser Kampf eine viel tiefere Bedeutung. Er betrifft das Wesen und die Zukunft Israels.

Diejenigen, die das orangefarbige Band flattern lassen, wissen das sehr genau. Sie schwören, das "ganze Land orange einzufärben" und wollen die Lebensweise von Grund auf ändern. Nach ihner Ansicht sind die von der Knesset geschaffenen Gesetze ungültig, wenn sie im Gegensatz zum religiösen Gesetz (der Halakha) - stehen, wie es von den "nationalistisch-zionistischen" Rabbis, einer nationalistisch-messianischen Fraktion mit einem faschistischen Rand, ausgelegt wird. Regierungsentscheidungen seien null und nichtig, wenn sie gegen Gottes Willen seien. Und Gott spricht, wie allseits bekannt, aus dem Mund der Siedlerführer. (Man kann nur sagen: Gott hilf Gott, wenn Er solche Sprecher benötigt!)

Diejenigen, die die blauen Bänder flattern lassen, wissen - einige eindeutig, andere etwas verschwommen - daß sie für eine andere Vision Israels ringen. Einige haben eine klare Vorstellung von einem demokratischen, liberalen und säkularen Israel, das in Frieden mit der arabischen Welt lebt. Andere haben eine allgemeinere Vision eines vernünftigen und anständigen Israels, in dem die Mehrheit durch die Knesset entscheidet. So oder so, der Unterschied zwischen blau und orange ist hervorstechend und unverkennbar.

Heute, 37 Tage vor der geplanten Evakuierung, sind zwei Phänomene offenkundig: erstens, die große Mehrheit der Autos auf den Straßen hat gar kein farbiges Band. Zweitens, unter denen, die ein farbiges Band flattern lassen, überwiegen die orangefarbigen gegenüber den blauen 2 zu 1.

Die öffentlichen Meinungsumfragen zeigen, daß das wirkliche Verhältnis umgekehrt ist: zwei Drittel unterstützen den Gaza-Rückzug. Dieser Prozentsatz stieg letzte Woche, nachdem der Lynchversuch an einem verwundeten arabischen Jungen durch Gush Kativ-Siedler im Fernsehen gezeigt wurde. Aber schon davor gab es eine klare Mehrheit für den Rückzug.

Warum gibt es dann im Augenblick nicht eine solide Mehrheit von blauen Bändern auf den Straßen?

Der erste Grund ist nicht überraschend: eine fanatische Minderheit mit hoher emotionaler Motivation hat einen Vorteil über die "stille Mehrheit", die immer dahin tendiert, passiv und willensschwach zu sein.

Die Siedler und ihre Verbündeten haben auch einen klaren logistischen Vorteil. Sie leben in ihren eigenen Gemeinden und es ist für sie deshalb einfach, Tausende von Kindern und Jugendlichen zu mobilisieren, die sich über das ganze Land verteilen und an den Autos ihre Bänder befestigen. Die religiösen Juden, die fast alle die Siedler unterstützen, leben zusammen in ihren Yeshivot (Seminaren) und in besonderen Stadtteilen, wo sie auch leicht zu einer Aktion aufgerufen werden können.

Aber diese Vorteile wären nicht so offenkundig, wenn die Gegner nicht so schwach wären.

Die meisten Bürger sind einfach ängstlich. Sie fürchten, wenn sie ein blaues Band flattern lassen, dann würden ihre kostbaren Autos von rechten Hooligans beschädigt. Hier und da sind tatsächlich einige Autos mit blauem Band beschädigt worden. Furcht ist ein typisches Symptom einer Gesellschaft, die von einer faschistischen Minderheit bedroht wird: Sturmtruppen wenden bewußt Gewalt an, um die dem Gesetz folgende Mehrheit zu lähmen, die sich zurückzieht und nicht entsprechend reagieren kann. Einige ausführlich veröffentlichten Beispiele genügen, um Angst zu säen.

Ein anderer Grund hängt mit dem Wesen der demokratischen Öffentlichkeit zusammen. Die meisten Leute wollen nur in Ruhe gelassen werden, sie wollen nicht auffallen und ihre Überzeugungen nicht öffentlich demonstrieren. Sie leben nicht in besonderen Stadtteilen, die ihnen ein Gefühl der Sicherheit und Macht vermitteln würden. Viele glauben deshalb, daß sie mit ihren Gedanken und Gefühlen alleine dastehen. Und nicht wenige sind zögerlich auch nur die geringste Anstrengung zu unternehmen, um ein blaues Band zu erwerben.

Ein anderes Phänomen: während fast alle "Orangefarbigen" ihr Band stolz an die Spitze der Antenne oben am Auto flattern lassen, befestigen viele der "Blauen" das Band weiter unten, am Seitenspiegel oder am Türgriff, wo sie weniger auffallen.

Aber der Kampf der Bänder ist kein Spiel. Im Augenblick ist dieser äußerst wichtig, und die Siedler wissen dies genau.

Es ist deshalb wichtig, weil die Zahl der orangefarbigen Bänder den Eindruck hinterläßt, daß die Siedler die Straßen beherrschen, daß sie die tatsächliche Mehrheit in Israel sind, selbst wenn die Umfragen das Gegenteil sagen. Das erhöht ihre Moral im Kampf gegen die israelische Demokratie und läßt die der demokratischen Öffentlichkeit fallen.

Dies beeinflußt - bewußt oder unbewußt - die Politiker und die Medienleute, die ihrerseits wieder die öffentliche Meinung bilden. Die israelischen Medien sind fast ohne Ausnahme schon zum Sprachrohr der Siedler geworden. Sogar eine liberale Zeitung wie Haaretz, die (irrtümlicherweise) als "links" betrachtet wird, bringt Nachrichtenseiten (im Unterschied zu den redaktionellen Seiten) die oft so aussehen, als wären sie aus einer der Siedlerzeitschriften übernommen worden.

Wenn das blaue Band das orangefarbige besiegte, hätte dies großen Einfluß auf das ganze politische System. Es würde den Parteien, die den Rückzug befürworten, neuen Mut verleihen, ebenso den Sicherheitskräften, die ihn durchsetzen müssen. Die gegenteilige Situation könnte für den Staat gefährlich werden.

Das blaue (oder blau-weiße) Band ist ein einigendes Symbol. Kräfte verschiedener Schattierungen arbeiten in dieser Kampagne zusammen, von jenen, die Ariel Sharon und den Rückzug einzig aus dem Gaza-Streifen unterstützen ("Gaza - erster und einziger") bis zu jenen, die diesen Rückzug in ein Instrument zur Erreichung eines allgemeinen Friedens verwandeln wollen ("Gaza - erster, aber nicht letzter"). Zu diesem Lager zu gehören ist anerkennenswert; denn es ist das Lager mit einer liberalen und friedensliebenden Kultur, ein Lager, das an die Gleichberechtigung der Bürger beiderlei Geschlechts und aller ethnischen und nationalen Hintergründe glaubt. Kurz gesagt: das Gegenteil von dem, was die Siedler glauben.

Der Sieg des blauen Bandes würde vielen Leuten ein Gefühl der Macht wiedergeben. Jenen, die verzweifelt sind, die glauben, daß sie zu wenige und zu schwach wären und daß "alles verloren ist", denen würde das blaue Band ein Gefühl geben, daß sie zu einer großen und einflußreichen Gemeinschaft gehören.

Der Kampf hat noch eine andere interessante Wirkung. In den vergangenen Jahren ist es dem rechten Flügel gelungen, sich fast Monopol über das Zeigen der israelischen Flagge zu sichern. Ein Teil der Linken hat sich von der blau-weißen Flagge distanziert, weil sie für ihn die Besatzung und die Siedlungen symbolisiert. Bei Demonstrationen gegen die Besatzung ist die israelische Flagge nur auf dem Gush-Shalom-Emblem, das die Flagge Israels mit der palästinensischen kombiniert, zu sehen. (Auch Palästinenser tragen dieses Zeichen bereitwillig.)

Seitdem die Siedler die Farbe orange (vom ukrainischen Aufstand geklaut) übernommen haben, übernahmen die Opponenten ganz natürlich die blaue Farbe, die von der Fahne Israels stammt.

Die Bedeutung hiervon ist mehr als symbolisch. Immer mehr Leute sind davon überzeugt, daß der augenblickliche Kampf tatsächlich ein Kampf zwischen dem Staat Israel und dem "Staat der Siedler" ist - einem demokratischen Staat auf der einen und einem nationalistisch-messianischen Staat auf der anderen Seite. Das ist eine bedeutende Idee, die weitreichende Konsequenzen für die Zukunft haben könnte. Es ist der Beginn der wahren Trennung - die Trennung zwischen dem Staat Israel und den Siedlern.

Auch dafür wäre es wichtig, daß die blaue Farbe jetzt den Krieg der Farben gewinnt.





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