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Ein vorausgesagtes Massaker

Fragen und unbequeme Antworten zu Israel

08.08.2005  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs




Es war beides erwartet worden: sowohl das Massaker als auch die Fragen, die es aufwarf. Aber hinter den simplen Fragen, die sich praktisch von alleine stellten, stecken schwierigere und nicht gestellte Fragen.

Der Geheimdienst (Shabak, auch Shin Bet genannt) hat lange davor gewarnt, daß der Abzug aus dem Gaza-Streifen zu einem Ausbruch von jüdischem Terrorismus führen könnte, der die Evakuierung der Siedlungen verhindern möchte. Er beschrieb auch drei mögliche Szenarien hin: die Ermordung des Ministerpräsidenten, ein Attentat auf die den Muslimen heiligen Moscheen auf dem Tempelberg und ein Massaker an Arabern.

Unter diesen drei Möglichkeiten ist das Massaker an Arabern die einfachste und wirksamste. Sie zielt darauf ab, Unruhen zu verursachen und die Polizei zu zwingen, Einheiten aus der Arena des Abzugs zu entfernen und sie so daran zu hindern, die Siedlungen zu räumen.

Der mörderische Tat von Eden Nathan-Zadeh paßt tatsächlich zu diesem Modell. Er stieg in einen Bus, der in eine arabische Stadt (Shefaram) fuhr, tötete vier israelisch-arabische Bürger und wurde von der aufgebrachten Menge zu Tode geprügelt. Die Polizei war gezwungen, mehr als eintausend Polizisten aus dem Abzugsgebiet im Süden nach Galiläa im Norden zu verlegen, was es rechten Aktivisten leichter macht, nach Gush Kativ einzudringen.

Die einfachen Fragen wurden sofort gestellt. Wenn der Shin Bet genug gewußt hat, um vor der Gefahr zu warnen, warum hat er dann nicht die Überwachung der extrem Rechten verstärkt, deren Identität und deren Zufluchtsorte ihnen bekannt sind. Schließlich hatte sich der Mörder in der Tapuakh-Siedlung, der Schlangengrube der Kach-Kämpfer, deren mörderisches Wesen bekannt ist, aufgehalten. Der Mörder selbst war in der Vergangenheit schon mehrfach im Laufe von extrem-rechten Aktivitäten festgenommen worden. Und warum handelte die Armee nicht, obwohl der Kommandeur des Mörders wußte, daß er aus Protest gegen den Abzug desertiert war und seine Waffe mitgenommen hatte? Seine Mutter, die voraussah, was kommen würde, bombardierte die Armee mit Bitten, ihn zu suchen und ihm die Waffe abzunehmen.

Das sind die einfachen Fragen.

Doch gibt es auch Fragen, deren Antworten komplexer sind.

Warum wird den Kach-Leuten erlaubt, herumzustolzieren wie Könige in ihrem Reich? Die Kach-Gruppe wurde vor etwa 12 Jahren offiziell zur terroristischen Organisation erklärt und verboten. Das heißt, jeder, der zu ihr gehört, sie mit Geld oder auf andere Weise unterstützt, rechtlich als Terrorist betrachtet wird. (Nach genau diesem Gesetz kam Sheik Raed Salah, der Bürgermeister der israelisch-arabischen Stadt Umm-El-Fahm, für zwei Jahre ins Gefängnis.)

Kach ("So" auf Hebräisch) ist nach jedem Maßstab eine religiös-faschistische Gruppe. Sie befürwortet den Mord an Arabern, Rachemorde, die Vertreibung aller Araber aus Israel und Palästina und ein extrem antidemokratisches Regime. Sie pflegt einen Führerkult ihres Gründers, Meir Kahane, der von einem Araber in den USA erschossen wurde und verehrt Baruch Goldstein, den Mann, der den Massenmord in der Moschee von Hebron begangen hat.

Aber seit Jahren ziehen Kach-Leute ungehindert durchs Land und begehen zahllose Verbrechen gegen israelisch-arabische Bürger und Bewohner der besetzten palästinensischen Gebiete. Von Zeit zu Zeit wird einer ihrer Rowdys verhaftet, nur um nach wenigen Tagen wieder entlassen zu werden. Wenn einer von ihnen dann doch einmal vor Gericht gestellt wird, dann ist die Gerichtsverhandlung eine Farce. Bei diesem Katz-und-Maus-Spiel ist es nicht ganz klar, wer dabei die Katze und wer die Maus ist.

Es kommt aber noch schlimmer: während all dieser Jahre wurden die Kach-Leute wie Fernsehstars behandelt. Prahlerisch äußern sie in den Medien ihre Hetzbotschaften und werden häufig interviewt, immer mit Untertiteln wie "Kach-Aktivist", "Kahane-lebt-Aktivist", "Mitglied des früheren Kach". Sie erscheinen bei den Beerdigungen von Opfern palästinensischer Angriffe und bei Gerichtsverhandlungen arabischer Angeklagter und schreien: "Tod den Arabern!" Sie benützen das Fernsehen offen als Instrument zum Anwerben neuer Mitglieder und vergiften so die Gehirne zukünftiger Rekruten.

Es ist unmöglich, durch Israel zu fahren, ohne dem Gesicht Meir Kahanes auf Postern oder Graffitis zu begegnen. Slogans wie "Kahane hatte Recht" und "Tod den Arabern" mit dem Emblem der drohenden Faust erscheinen an vielen Mauern im ganzen Land, besonders aber in Jerusalem, Hebron und Kiryat Arba. Keiner macht sich die Mühe, sie zu entfernen.

Wie ist das möglich? Sehr einfach: wie in andern Ländern, zum Beispiel im Deutschland der 20er und 30er Jahre (der glücklosen "Weimarer Republik") behandelten Richter und Polizisten die Faschisten als "fehlgeleitete Patrioten", als "gute Kerle, die etwas zu weit gegangen sind" - es wurde damit eher Sorge als Ärger ausgedrückt.

Die einfache Wahrheit ist, daß die halb-geheimen Regierungsorgane, die seit Jahrzehnten die illegalen Siedlungsaktivitäten betrieben haben, die Kach-Leute für ihre eigenen Zwecke ausnutzen. Nur so kann man die Existenz von offenen Kahane-Siedlungen erklären, von denen eine der verfaulte Apfel (Tapuakh bedeutet Apfel) ist.

Etwas schwieriger ist die Frage zu beantworten, in der es um die "bußfertigen Juden" geht: Warum kommen so viele jüdische Terroristen aus dieser Gruppe?

Es ist eine Sekte innerhalb einer Sekte, aus der einige der gefährlichsten jüdischen Terroristen kommen.

Das religiöse Lager in Israel besteht aus zwei Teilen: Die Haredim ("Die vor Gott Zitternden"), die die Tradition des orthodoxen Judentums der Diaspora fortsetzen und der religiöse Zionismus, der sich in diesem Land entwickelt hat. Die große Mehrheit der "religiösen Zionisten", bildet praktisch eine Sekte. Sie ähneln kaum dem traditionellen Judentum. Man könnte sagen, sie sind eine Mutation des Judentums, "Made in Israel".

Die Haredim haben eine höchst zwiespältige Haltung gegenüber dem Staat Israel.. Als der Zionismus in Europa entstand, verfluchten fast alle bedeutenden Rabbiner seinen Gründer Theodor Herzl und warfen ihm vor, er würde versuchen, die jüdische Religion durch jüdischen Nationalismus zu ersetzen. Das zentrale Thema des Zionismus, das "Einsammeln der Exilanten", war in den Augen der Orthodoxen Ketzerei. Heute sind die Haredim durchaus bereit, den Staat für ihre Zwecke zu melken, aber sie verbieten ihren Schülern, den israelischen Unabhängigkeitstag zu feiern oder die Flagge zu ehren. Und während viele ihrer Anhänger nun vom nationalen Bazillus angesteckt wurden, sind sie den letzten großen Demonstrationen gegen den Abzug auffallend ferngeblieben. Ihre Rabbiner hatten ihnen verboten, daran teilzunehmen.

"Religiöser Zionismus" hat sich im Gegensatz dazu über die Jahre zu einer messianischen Sekte entwickelt, sehr ähnlich den Zeloten zur Zeit der Zerstörung des 2. Tempels vor etwa 1935 Jahren. Sie haben einen direkten Draht zu Gott, der ihnen sagt, was sie tun sollen. Sie "bringen die Erlösung" um den Messias zu zwingen, bald zu kommen. Die Siedlungen sind ihre Vorkämpfer.

Die "bußfertigen Juden" sind eine noch extremere Sekte. Traditionelles Judentum behandelt Bekehrte mit Argwohn ("Bekehrte sind für Israel so schädlich wie Krätze", sagt der Talmud) und ihre Haltung gegenüber säkularen Juden, die plötzlich fromm werden, ist nicht viel anders. Die meisten "bußfertigen Rabbiner" predigen einen nationalistischen, abgehobenen, mystischen, extremen und zügellosen Glauben, der das demokratische System vollkommen verwirft und einen "Glaubensstaat" fordert.

Dies ist die Brutstätte für die meisten jüdischen Terroristen der letzten Jahre gewesen, die Mitglieder verschiedener "jüdischer Untergrundgruppen" und auch des Shefaram-Mörders.

Und die Frage ist: Warum wurde diesen Rabbinern, einige von ihnen Regierungsangestellte, erlaubt, ihre vergiftenden Botschaften zu verbreiten, die Gehirne der jungen Leute zu vergiften, gegen gewählte Beamte zu hetzen und das demokratische System zu untergraben?

Eine andere wichtige Frage betrifft die Verbindung zwischen dem Mord und den Gegnern des Abzugs und besonderes dem sogenannten Yesha-Rat. (Yesha ist im Hebräischen ein Kurzwort für "Judäa, Samaria und Gaza". Der Yesha-Rat ist die selbsternannte Führung der Siedler und leitet den gegenwärtigen Kampf gegen den Rückzug aus dem Gaza-Streifen.)

Als einer der Yesha-Führer dazu bei einem Fernseh-Interview gefragt wurde, explodierte er vor Zorn. Allein diese Frage sei eine schreckliche Beleidigung, erwiderte er, und verletze ihre Ehre und kriminalisiere sie. Wirklich?

Wahr ist, daß die Yesha-Führer sehr gerissen sind. Sie wissen, wenn ihre Anhänger Soldaten oder Polizisten verletzen, dann würden sie jede öffentliche Unterstützung verlieren. Sie predigen Gewaltlosigkeit in den Medien und bei jeder Gelegenheit. Ihr Hauptslogan ist "Wir lieben Euch". Während ihrer letzten beiden großen Demonstrationen gelang es ihnen tatsächlich, ihre Herde im Zaun zu halten. Aber jeder, der ihre Demonstrationen im Fernsehen beobachtete, sah, wie die Kach-Leute ihre Kahane-Banner fliegen ließen. Die Anwesenheit von bußfertigen Juden, die man leicht an ihrer Kleidung und ihrem Verhalten erkennen kann, war äußerst bemerkenswert. Die Yesha-Führer schienen nichts gegen ihre Gegenwart zu haben.

Auch haben sich die Yesha-Führer niemals von den Hetzsendungen der extremen Rabbiner distanziert, die den Ministerpräsidenten, die Regierung und die Knesset in einer Sprache verfluchen, die die Saat des Unheils in den Köpfen ihrer Anhänger sät. Sie können nicht behaupten, daß ihnen die möglichen Konsequenzen nicht bewußt sseien: die Ermordung Yitzhak Rabins ist eine Warnung, die niemand ignorieren kann.

Als die Yesha-Führer unmittelbar nach dem Massaker in Shefaram im Fernsehen erschienen, gaben sie die übliche Verurteilung von sich, aber schon mitten im Satz wandten sie sich dem Abzugsstreit zu und gaben Ariel Sharon die Schuld für alle Verbrechen.

Die Leute von Tapuakh behaupten, daß der Mörder in letzter Zeit nicht bei ihnen gewesen, sondern nach Gush Kativ umgezogen sei. In dem Brief, den der Mörder seinem Kommandanten vor der Fahnenflucht schrieb, erklärte er, daß er nicht bereit sei, an der Evakuierung der Siedler teilzunehmen. Und was besonders wichtig ist: der Zeitpunkt der Greueltat läßt keinen Zweifel, daß sie gegen den Abzug gerichtet war.

Keine verbale Wäsche kann den Yesha-Rat von der Verantwortung für diese Tat und die sicher noch folgenden Taten reinwaschen. Je mehr die Kampagne des "zivilen Ungehorsams" der extremen Rechten sich als Fehlschlag herausstellt, um so mehr wird sich die noch extremere Rechte zu mörderischer Gewalt hinreißen lassen.

Ist es Zufall, daß Yesha sich auf Pesha, das hebräische Wort für Verbrechen, reimt?



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