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Ein Wunder von seltener Kunstfertigkeit

Von den Absichten und Folgen des israelischen Abzugs

15.08.2005  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs




In meinem Gedächtnis hat sich ein Bild eingeprägt: Ariel Sharon in der Knesset. Rund um ihn wütet der Sturm. Die Parlamentarier rennen herum, Rufe von allen Seiten. Der Abgeordnete am Rednerpult gestikuliert aufgeregt mit den Armen, verurteilt und verflucht ihn. Sharon sitzt am Regierungstisch. Allein. Unbeweglich. Massiv und passiv. Kein Muskel in seinem Gesicht bewegt sich. Nicht einmal das nervöse Muskelzucken um die Nase, das einst sein besonderes Kennzeichen war (und das viele Leute als eine Art Lügendetektor betrachteten). Ein Fels im tobenden Meer.

Dies ist der Mann, der allein über den Rückzug aus Gaza und die Auflösung der Siedlungen entschied. Der Mann, der dies praktisch allein ausführt. Der Mann, der in der nächsten Woche allein in einem Orkan stehen wird, wie es ihn bisher in der Geschichte Israels noch nicht gegeben hat.

Ein an Gott Glaubender könnte sagen: Es ist ein Wunder des Himmels. Geheimnisvoll sind die Wege des Allmächtigen. Der Schutzherr der Siedlungen, der Mann, der die meisten von ihnen geplant und dorthin gesetzt hat, wo sie jetzt stehen, und ihnen half, Wurzeln zu schlagen und sich auszubreiten - er ist der Mann, der nun den schicksalhaften Präzedenzfall schafft, in diesem Lande Siedlungen aufzulösen.

Die Dimensionen dieses "Wunders" können nur begriffen werden, wenn man einige hypothetische Fragen stellt. Was würde geschehen, wenn die Arbeiterpartei an der Macht wäre, wenn Shimon Peres verantwortlich wäre, wenn Ariel Sharon die Opposition führen und die orangefarbenen Hemden befehligen würde? Allein der Gedanke ist schon ein Alptraum.

Wenn dies das einzige Wunder wäre, das uns widerfährt - das wäre reichlich. Doch wird es von einem anderen Wunder begleitet: die israelische Armee führt den Kampf gegen die Siedler aus. Das ist ein außerordentliches Wunder, daß es auch den weltlichsten Schweinefleischesser dazu bringen könnte, zu seinem Rabbi zu laufen.

Seit 37 Jahren ist die israelische Armee die Verteidigungsarmee der Siedler gewesen. Sie hat offen und im Geheimen die Standorte der Siedlungen geplant, einschließlich der "illegalen" Außenposten überall in der West Bank. Sie hat ihre meisten Kräfte und Ressourcen ihrer Verteidigung gewidmet. Das hat groteske Dimensionen angenommen: zum Beispiel die Nezarim-Siedlung, mitten im Gaza-Streifen, wurde von drei ganzen Bataillonen verteidigt. 17 Soldaten und Soldatinnen verloren ihr Leben bei der Verteidigung von Nezarim, über das Ariel Sharon vor ein paar Jahren sagte: "Das Schicksal von Nezarim ist wie das von Tel Aviv!" Die Geschichte von den Siedlerkindern, die zum Musikunterricht von gepanzerten Militärfahrzeugen begleitet werden, ist schon zu einem Teil israelischer Folklore geworden.

Zwischen der Armee und den Siedlern hatte sich eine wirkliche Symbiose entwickelt. Die Grenzlinie zwischen ihnen ist jetzt verschwommen: viele Siedler sind Armeeoffiziere, die Armee hat die Siedlungen unter dem Vorwand von "territorialer Verteidigung" schwer bewaffnet. Während der letzten Jahre bemühte sich das national-religiöse Lager auf Dauer, die unteren, mittleren und oberen Ränge des Offizierkorps zu infiltrieren und so die Lücken, die die Kibbuzniks hinterlassen hatten, die praktisch aus allen Rängen verschwunden sind, zu füllen. Die Schaffung der "Arrangement-Jeshivots", homogene Einheiten, die ihren national-religiösen Rabbinern gehorchen, war ein Verrat an den innersten Werten der Nationalarmee - sogar noch mehr, als die Entlassung von zehntausenden orthodoxer Studenten aus der allgemeinen Wehrpflicht.

Bei hunderten Demonstrationen von Friedensaktivisten gegen die Errichtung von Siedlungen standen sie Soldaten gegenüber, die sie mit Tränengasgranaten bewarfen, mit gummiummantelten Kugeln und manchmal auch mit scharfer Munition auf sie schossen. Wenn die Siedler palästinensische Dorfbewohner aus ihren Olivenhainen trieben, ihre Oliven stahlen und ihre Bäume ausrissen, verteidigten die Soldaten gewöhnlich die Räuber und vertrieben die Beraubten.

Und siehe da, dieselben Offiziere und Soldaten stehen nun davor, Siedlungen aufzulösen und Siedler zu vertreiben, um die israelische Demokratie zu verteidigen und gegen deren Feinde zu kämpfen. Nun, mit Samthandschuhen und Süßholzgeraspel, aber immerhin.

Wir dürfen nicht davor zurückschrecken, die Dinge beim richtigen Namen zu nennen: der gegenwärtige Kampf ist eine Art Bürgerkrieg, auch wenn - noch einmal wie ein Wunder - kein Blut dabei vergossen werden wird. Die Yesha-Leute sind eine revolutionäre Bewegung. Ihr wirkliches Ziel ist, das demokratische System umzuwerfen und die Herrschaft ihrer Rabbiner zu errichten. Jeder, der die Geschichte von Revolutionen studiert hat, weiß, daß die Rolle der Armee der entscheidende Faktor ist. Solange die Armee vereint hinter der Regierung steht, ist die Revolution zum Fehlschlag verurteilt. Erst wenn die Armee dabei ist, sich aufzuspalten oder sich den Rebellen anzuschließen, kann die Revolution gewinnen. Deshalb können die Siedler diese Schlacht nicht gewinnen.

Vor 32 Jahren blockierten die ranghohen Offiziere der Armee General Sharons Pfad zum Posten des Generalstabschefs. Jetzt stehen sie geschlossen hinter dem Ministerpräsidenten Sharon. Wenn das kein Wunder ist, was dann?

Natürlich sieht dies alles nur wie Wunder aus. Das alles hat seine natürlichen Ursachen.

Die ausländischen Journalisten, die im Augenblick Gaza belagern, fragen immer wieder: Warum tat er das? Was hat ihn dazu gebracht, den Abzugsplan zu konstruieren?

Auf diese Frage gibt es mehrere Antworten. Wie jedes historische Ereignis, gibt es mehr als nur einen Beweggrund für den Abzug.

Der Plan war nicht das Ergebnis von Beratungen. Es gab zuvor keine geordnete Stabsarbeit, weder im militärischen noch im zivilen Bereich. Sharon zog den Plan sozusagen aus dem Ärmel, als er ihn vor anderthalb Jahren in die Luft warf. Er reagierte auf mehrere unmittelbare Bedürfnisse.

Als er einer der prominenten Armeegeneräle war, war Sharon eher als ein "Taktiker" bekannt im Stile eines Erwin Rommel und George Patton, denn als "strategischer" General wie Dwight Eisenhower und Georgi Zhukov. Er erfaßte das Schlachtfeld intuitiv, war aber nicht in der Lage, mehrere Schritte im voraus zu denken. Die gleichen Eigenschaften brachte er ins politische Leben mit. Dies erklärt die Umstände der Entstehung des "Abzugsplans".

Wie man sich erinnern wird, forderten die Amerikaner von ihm, irgendeine Friedensinitiative zu präsentieren. Präsident Bush benötigte dies dringend, um der Welt zu zeigen, daß er Frieden und Demokratie im Mittleren Osten fördern will. Für Sharon ist die Verbindung zu den Amerikanern schon allgemein, die Verbindung zu Bush aber eine zentrale Stütze für Israels Sicherheit. Der einseitige Abzugsplan sieht irgendwie wie ein Friedensplan aus und so hat er Wort gehalten. Gestern wiederholte Sharon bei einem Presse-Interview: "Ich ziehe es vor, ein Abkommen mit den Amerikanern als ein Abkommen mit den Arabern zu erreichen."

Er wollte auch anderen herumgeisternden Friedensplänen zuvorkommen . Die "Genfer Initiative" war gerade dabei, überall in der Welt Anerkennung zu finden, ausländische Würdenträger unterstützten sie. Sharons Abzugsplan wischte sie vom Tisch. Später machte er dasselbe mit dem Friedensfahrplan, der von Sharon forderte, den Siedlungsbau einzufrieren und die "Außenposten" zu entfernen. Als der Abzug sich auf den Weg machte, wurde der Fahrplan eine Worthülse. Die Amerikaner unterstützten ihn bisher nur mit Lippenbekenntnissen. (Das mag sich nach dem Abzug ändern, wie Präsident Bush in dieser Woche in einem Spezialinterview im israelischen Fernsehen andeutete).

Natürlich hat Sharon nicht im entferntesten mit einen Kampf auf Leben und Tod mit den Siedlern, seinen Schützlingen und privaten Hausgästen, gerechnet. Er war sich sicher, daß er in der Lage sein würde, sie zu überzeugen, daß dies eine weise und voraussehende Maßnahme sei.

Dann kamen die Mörsergranaten und Qassam-Raketen, die eine bedeutende Rolle spielten. Die israelische Armee hatte keine bereitstehende Antwort auf diese Waffen, und der Preis, den Gaza-Streifen zu halten, wurde eine zu große Belastung für die Ressourcen der Armee.

Die Feinde des Abzugs schreien es (buchstäblich) von den Dächern, Sharons wirkliches Motiv sei, die Aufmerksamkeit von der Korruptionsaffäre, in die er und seine beiden Söhne verwickelt waren, abzulenken. Das ist sicherlich eine wilde Übertreibung. Wenn dies der einzige Grund gewesen wäre, hätte eine andere Initiative begonnen werden können, wie ein kleiner Krieg. Aber es mag ein zusätzlicher Grund gewesen sein.

Aber hinter all diesen Motiven steht etwas Wesentlicheres: die Persönlichkeit und Weltanschauung von Sharon selbst.

Mehr als einmal wurde über ihn gesagt, daß er größenwahnsinnig sei, ein Mann der rohen Gewalt, ein Mann, der alle anderen verachtet, ein Mann, der jeden Widerstand wie eine Dampfwalze überrollt. All das ist wahr, aber es ist nicht alles.

Schon vor Dutzenden von Jahren kam er zu dem Schluß, daß er die einzige Person sei, die den Staat führen kann. Daß Das Schicksal ihn dafür auserkoren habe, das Volk von Israel zu retten und die Weichen für die nächsten Generationen zu stellen. Daß alle anderen Leute um ihn, Politiker und Generäle, Zwerge seien, deren An-die-Macht-kommen nur unsägliches Unheil über Israel brächte. Die Schlußfolgerung: jeder, der seinen Weg blockiert, begeht ein Verbrechen gegen den Staat und das Volk. Das trifft natürlich auch auf jeden zut, der den Abzug verhindert, der - für ihn - der erste Schritt in seinem "Großen Plan" ist.

Sharons Weltsicht ist einfach, um nicht primitiv zu sagen. Die Vision von Vladimir Jabotinsky, dem ideologischen Poeten aus Odessa (und geistigem Vater des gegenwärtigen Likud) ist dem Jungen, der in dem Gemeinschaftsdorf Kfar Malal geboren wurde, ziemlich fremd. Menachem Begin mit seinen polnischen Ideen der Ehre, war ihm auch fremd, und in seinem Herzen verachtete er ihn. Sein wirklicher Mentor war David Ben-Gurion.

Seine ist eine klassisch zionistische Ideologie, konsequent und pragmatisch: die Grenzen des jüdischen Staates in einem andauernden Prozeß so weit wie möglich auszudehnen, ohne eine nicht-jüdische Bevölkerung einzuschließen. Überall, wo möglich, zu siedeln und dabei jeden möglichen Trick zu verwenden. Viel zu handeln und wenig darüber reden. Erklärungen abzugeben, daß man Frieden erreichen wolle, aber keinen Frieden zu machen, der die Ausdehnung und Siedlung behindern würde.

Moshe Dayan, ein anderer Schüler Ben Gurions, predigte in einer seiner enthüllenderen Reden vor der Jugend des Landes, daß dies ein fortdauerndes Vorhaben sei. "Ihr habt es nicht angefangen und ihr werdet es nicht beenden!", sagte er. In einer andere wichtigen Rede sagte Dayan, daß die Araber zuschauen, wie wir das Land ihrer Vorfahren in unser Land verwandeln und sie werden sich niemals damit abfinden. Der Konflikt wird eine permanente Situation sein.

Das ist auch Sharons Anschauung. Er will Israels Grenzen so weit wie möglich ausdehnen und die Anzahl der Araber innerhalb dieser Grenzen minimieren. Deshalb erscheint es ihm sinnvoll, den winzigen Gaza-Streifen mit den anderthalb Millionen dort lebenden Palästinensern und auch die Zentren der palästinensischen Bevölkerung in der West Bank aufzugeben. Er will die Siedlungsblöcke und die dünn besiedelten Gebiete annektieren, wo neue Siedlungsblöcke gebaut werden können. Das Problem der palästinensischen Enklaven will er zukünftigen Generationen überlassen.

Ben Gurion hat ein grundsätzliches Prinzip festgelegt: der Staat Israel hat keine Grenzen. Grenzen frieren die bestehende Situation ein und das kann Israel nicht anerkennen. Deshalb waren alle seine Nachfolger, einschließlich Yitzhak Rabin, bereit, Übergangs-Abkommen abzuschließen, aber niemals ein endgültiges Abkommen, das die Grenzen festlegen würde. Deshalb besteht Sharon darauf, daß alle seine Schritte einseitig sind und daß nach dem Abzug ein neues Übergangs-Abkommen erreicht werden könnte - aber unter keinen Umständen ein endgültiges Friedensabkommen.

Diese Vorgehensweise könnte das Auflösen von weiteren Siedlungen in der West Bank nötig machen - von kleinen, isolierten Siedlungen in Gebieten, in denen keine neuen Siedlungsblöcke wegen dichter palästinensischer Bevölkerung errichtet werden können. Dieser Gedanke macht es praktisch sicher, daß es weitere Zusammenstöße mit den Siedlern geben wird, deren harter Kern nicht nach den Lehren eines Ben Gurion aufgewachsen ist, sondern nach der Vision messianischer Rabbis, die über die Grenzen des Von Gott Verheißenen Landes reden. Sharons Pragmatismus beeindruckt sie nicht.

Um den Staat fest auf diese Schiene zu setzen, und um sicher zu gehen, daß er sich auch in den kommenden Jahrzehnten auf ihnen fortbewegt, benötigt Sharon eine weitere Amtsperiode. Binyamin Netanyahu, den Sharon für einen kleinen Politiker mit einem großen Mundwerk hält, gefährdet diesen Plan. Für ihn ist dies ein Verbrechen gegenüber Israel.

Viele sind wegen Sharons langfristiger Absichten gegen den Abzug.

Aber die Geschichte zeigt, daß Absichten nicht unbedingt wichtig sind. Jene, die historische Prozesse in Gang bringen, kontrollieren nicht die Ergebnisse. Was zählt, sind die Ergebnisse, nicht die Absichten. Die Väter der Französischen Revolution beabsichtigten nicht, einen Napoleon hervorzubringen; Karl Marx beabsichtigte sicher nicht, Stalins Gulag-Imperium zu errichten.

In dieser Woche wird ein großes Ereignis stattfinden: zum ersten Mal werden jüdische Siedlungen in Palästina aufgelöst werden. Das Siedlungsvorhaben, das immer nur vorangeschritten ist, bewegt sich zum ersten Mal zurück.

Und das ist wichtiger als die - guten oder bösen - Absichten Ariel Sharons.



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