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Dies war der Tag

Hoffnungsschimmer für Israel und Palästina

21.08.2005  


Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs




Der 18.August 2005 - ein Meilenstein in der Geschichte des Staates Israels.

Dies war der Tag, an dem das Siedlungsunternehmen dieses Landes zum ersten Mal den Rückwärtsgang einlegte.

Es stimmt, die Siedlungsaktivität in der West Bank geht mit voller Geschwindigkeit weiter. Ariel Sharon beabsichtigt, die kleinen Siedlungen im Gaza-Streifen aufzugeben, um die großen Siedlungsblöcke in der West Bank zu sichern.

Doch dies verringert nicht die Bedeutung dessen, was geschehen ist: es ist bewiesen worden, daß Siedlungen abgebaut werden können und abgebaut werden müssen. Und tatsächlich sind bedeutende Siedlungen abgebaut worden.

Das Siedlungsunternehmen, das immer vorwärts ging, nur vorwärts ging, auf hunderte offene und verdeckte Arten, wurde umgekehrt. Zum ersten Mal. (Yamit und seine Siedlungen befanden sich nicht in Erez Israel und deshalb stellte ihre Evakuierung 1982 keinen ideologischen Bruch dar. Aber dieses Mal geschah es im "Lande unserer Väter".)

Ein historisches Ereignis. Eine Botschaft für die Zukunft.

Dies war der Tag, an dem die Botschaft der israelischen Friedensbewegung schließlich ankam. Ein großer Sieg vor aller Augen.

Es stimmt, nicht wir waren es, die es taten. Es wurde von einem Mann getan, der von uns weit entfernt ist. Aber, wie ein hebräisches Sprichwort besagt: "Das Werk der Gerechten wird von anderen getan." Anderen: bedeutet jene, die nicht rechtschaffen, ja, vielleicht sogar böse sind.

Zu Beginn der Siedlungsaktivitäten sagte ich bei einem meiner Zusammenstöße mit Golda Meir in der Knesset: "Jede Siedlung ist eine Landmine auf der Straße zum Frieden. Zu gegebener Zeit werden Sie diese Minen räumen müssen. Und lassen Sie es mich, als früheren Soldaten, sagen, gnädige Frau, daß das Räumen von Minen wirklich eine sehr unangenehme Aufgabe ist."

Wenn ich heute wütend, zutiefst traurig und frustriert bin, dann ist es aufgrund des Preises, den wir wegen dieses monströsen "Unternehmens" haben zahlen müssen. Die Tausenden, die deshalb getötet wurden, Israelis und Palästinenser. Die Hunderten von Milliarden Shekel, die zum Fenster hinausgeworfen wurden. Der moralische Abstieg unseres Staates, die schleichende Brutalisierung, der Aufschub des Friedens für Jahrzehnte. Wut auf die Demagogen aller Richtungen, die diesen Marsch der Torheit begannen und fortfuhren - aus Dummheit, Blindheit, Gier und Machtrausch oder reinem Zynismus. Wut über das Leiden und die Zerstörung, die über die Palästinenser gebracht wurden, deren Land und Wasser gestohlen wurde, deren Häuser zerstört und deren Bäume ausgerissen wurden - alles für die "Sicherheit" dieser Siedlungen.

Ich habe auch Mitgefühl für die Not der Bewohner von Gush Kativ, die von der Führung der Siedler und aufeinanderfolgenden israelischen Regierungen verführt wurden, ihr Leben dort aufzubauen - verführt entweder durch messianische Demagogie ("Es ist Gottes Wille") oder durch wirtschaftliche Versuchung ("Eine Luxusvilla von Rasen umgeben, wo sonst kann man von so etwas träumen?") Viele Leute aus den entlegenen Ortschaften im Negev, die mit Armut und Arbeitslosigkeit geschlagen waren, sind diesen Versuchungen erlegen. Und nun ist Schluß damit, der süße Traum hat sich in nichts aufgelöst und sie müssen ihr Leben neu beginnen - allerdings mit großzügigen Entschädigungen.

Das Fernsehen hat uns einen großen Dienst erwiesen, als es zwischen den Szenen der Evakuierung alte Reportagen von der Gründung der Siedlungen wiederholte. Wir hörten noch einmal die Reden von Ariel Sharon, Joseph Burg, Yitzhak Rabin (ja, auch er), Hanan Porat und anderen - die ganze Litanei von Unsinn, Täuschung und Lügen.

Während der letzten paar Jahre ist das Friedenslager von einer Manier der Verzweiflung, Mutlosigkeit und Depression erfaßt worden. Ich wiederhole: es gibt keinen Grund dafür. Auf die Dauer wird unser Ansatz gewinnen Es muß jetzt betont werden: die israelische Öffentlichkeit hätte diese Operation nicht unterstützt und Sharon wäre nicht in der Lage gewesen, sie auszuführen, wenn wir nicht seit Jahren die öffentliche Meinung vorbereitet hätten, indem wir Ideen aussprachen, die weitab des nationalen Konsens lagen und sie im Laufe der Jahre unzählige Male wiederholten.

Dies war der Tag, an dem die Ideologie der Siedler in sich zusammenbrach.

Wenn es einen Gott im Himmel gibt, so kam er nicht, um sie zu retten. Der Messias blieb zu Hause. Es geschah kein Wunder, um sie zu retten.

Viele der Siedler waren sich so sicher, im letzten Augenblick würde ein Wunder geschehen, daß sie sich nicht die Mühe machten, ihre Sachen zu packen. Im Fernsehen konnte man Wohnungen sehen, wo das Essen noch auf dem Tisch stand und die Familienphotos noch an der Wand hingen. Anblicke, an die ich mich noch gut aus dem Krieg von 1948 erinnere.

All die Prahlerei und das Wutgeheul der beiden Anführer der Siedler, Wallerstein und Liebermann (die mich immer an Rosencrantz und Guildenstern, die beiden Bösewichte in Hamlet, erinnern) gingen in Rauch auf. Die Massen strömten nicht im ganzen Land auf die Straßen, um diese mit ihren Körpern für das Militär zu blockieren, das die Siedlungen räumen sollte. Die Hunderttausenden, einschließlich der Gegner des Abzugs, blieben zu Hause und klebten vor ihren Fernsehern. Die Massenverweigerung der Soldaten, den Befehlen nicht zu gehorchen, von den Rabbis versprochen und angestiftet, geschah nicht.

Im entscheidenden Augenblick wurde die Realität, die wir schon immer kannten, für alle sichtbar: die messianisch-nationalistische Sekte, die Führung der Siedler, ist isoliert. In ihrem Benehmen und Lebensstil sind sie dem israelischen Geist fremd. Die hunderten Siedler, die man vor kurzem auf den Bildschirmen sehen konnte, alle Männer Jarmulkes tragend, alle Frauen mit langen Röcken, ihren endlosen Tänzen und ihren endlos wiederholten 10 Parolen, sehen aus wie die Mitglieder einer geschlossenen Sekte von einem andern Stern.

"Es sieht so aus, als wären wir nicht ein, sondern zwei Völker: ein Volk der Siedler und ein Volk, das die Siedler haßt", stöhnte einer der Rabbis, als seine Siedlung geräumt wurde. Genau so ist es. Bei der Konfrontation zwischen den Reihen der Soldaten, die aus allen Schichten der Gesellschaft eingezogen wurden, und den Reihen der Siedler, sind es die Soldaten, die bei dieser einzigartigen Situation das israelische Volk vertreten, während die Siedler die negativen Seiten des jüdischen Ghettos verkörpern. Die nicht enden wollenden, kollektiven Weinanfälle, die peinlich genau inszenierten Szenen, die Erinnerungen an Bilder von Pogromen oder Todesmärschen wachrufen sollten, die monströse Nachahmung des verängstigten Jungen mit den erhobenen Armen auf dem berühmten Holocaustphoto - all dies erinnerte an eine Welt, von der wir dachten, wir hätten sie bei der Gründung des Staates Israel abgeschüttelt.

In der Stunde der Wahrheit fanden die Yesha-Führer, daß kein Teil der israelischen Gesellschaft sich für sie erhoben hat - außer den Banden von jungen Schülern und Schülerinnen aus den religiösen Seminaren, die sie nach Gush Kativ gesandt hatten. Das Tollhaus, das sie auf dem Dach der Synagoge von Kfar Darom errichtet hatten, als sie die Soldaten bösartig angriffen, setzte ihren Hoffnungen, die allgemeine Unterstützung zu gewinnen, ein Ende. Doch schon vorher hatten die Siedler die wichtige Schlacht um die öffentliche Meinung verloren, als ihr wirkliches Ziel aufgedeckt wurde: mit Gewalt ein auf dem Glauben gegründetes, messianisches, rassistisches, gewalttätiges, fremdenfeindliches Regime zu errichten, von der Allgemeinheit abgewandt.

Was aber am wichtigsten ist: dies war der Tag, in dem eine neue Chance liegt, Frieden für dieses gequälte Land zu erreichen.

Eine großartige Gelegenheit. Weil die israelische Demokratie einen überragenden Sieg davongetragen hat. Weil bewiesen worden ist, daß Siedlungen aufgelöst werden können, ohne daß der Himmel herabstürzt. Weil die Palästinenser eine Führung haben, die Frieden wünscht. Weil bewiesen worden ist, daß sogar die radikalen palästinensischen Organisationen das Feuer einstellen, wenn die palästinensische Öffentlichkeit es verlangt.

Aber es muß klar festgestellt werden: der Rückzug birgt eine große Gefahr in sich: wenn wir mitten im Sprung über dem Abgrund stoppen, werden wir hineinfallen.

Wenn wir von hier aus nicht schnell dazu voranschreiten, eine Übereinkunft mit dem palästinensischen Volk zu treffen, dann wird sich der Gaza-Streifen tatsächlich in eine Plattform für Raketen wandeln - wie Binyamin Netanyahu es prophezeit (was sehr wohl eine sich selbst erfüllende Prophezeiung sein kann). In den Augen der Palästinenser und der ganzen Welt ist der Rückzug aus Gaza - vor allem - eine Folge des bewaffneten palästinensischen Widerstandes. Wenn wir in den nächsten Wochen keine Fortschritte hin zu einem verhandelten Abkommen machen, wird sicher eine dritte Intifada ausbrechen, und das ganze Land wird in Flammen aufgehen.

Wir müssen sofort mit ernsthaften Verhandlungen beginnen und im voraus erklären, innerhalb einer bestimmten Zeitspanne werde die Besatzung mit der Errichtung des Staates Palästina beendet sein. Alle wichtigen Elemente dieser Abmachung sind längst bekannt: eine Lösung für Jerusalem entsprechend dem Vorschlag Clintons ("Was arabisch ist, wird zu Palästina gehören, was jüdisch ist, wird zu Israel gehören"), Rückzug zur Grünen Linie mit einem ausgehandelten Austausch von Land, eine Lösung des Flüchtlingsproblems in Absprache mit Israel.

Dies war der Tag, der in die Geschichte eingehen wird, als der Tag, der große Hoffnung mit sich brachte.

Es ist nicht der Anfang des Endes im Kampf um Frieden, aber sicher das Ende des Anfangs.

Ein kleiner Schritt in Richtung Frieden, ein Riesenschritt für den Staat Israel.





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